Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Zum Charakter der Naturwissenschaften (Naturwissenschaftspapier)

I. Der Erkenntnischarakter der Naturwissenschaft

Die Naturwissenschaft fasst ihren Gegenstand in allgemeinen Bestimmungen und Gesetzen, in die sie dessen Identität legt. In ihren Resultaten lässt sie die Unmittelbarkeit des Gegenstands nicht bestehen, insistiert gegen diese auf der Wirklichkeit der allgemeinen Bestimmungen und Gesetze und zeigt sich so als eine auf Objektivität zielende Tätigkeit: Erkenntnis. Die Naturwissenschaft präsentiert sich als widerspruchsfrei, schlüssig und ohne Pluralismus; die allgemeinen Bestimmungen, die sie erarbeitet, sind mit der Sache identisch.

a.

Naturwissenschaft gilt gemeinhin als „empirische Wissenschaft“, doch liegt das Rationale dieses Ausdrucks nur in der Charakterisierung ihres Gegenstands. Wie alle Wissenschaft ist sie gerade nicht empirisch, da sie in ihren Resultaten über die Unmittelbarkeit des Gegenstands hinaus ist. Dies zeigen schon frühe Ergebnisse der Mechanik, wie das Fallgesetz oder das Trägheitsgesetz – K = m · b anstatt Kraft bezogen auf die Geschwindigkeit – die sich nicht in der Alltagserfahrung finden. Zudem zeigt die Naturwissenschaft in der Tatsache, dass sie ihren Kategorien die Anschaulichkeit nimmt oder dem gesunden Menschenverstand Paradoxa aufbürdet, dass sie die wissenschaftliche Einsicht auch gegen die unmittelbare Anschauung des Gegenstands geltend macht und keine Vermittlung beider zulässt, in der die Erkenntnis preisgegeben wäre.

Das Trägheitsprinzip K = m · b stellt dar, dass zur Erzeugung von Beschleunigungen (Geschwindigkeitsänderungen) Kräfte nötig sind. Demgegenüber sind in der Alltagspraxis zur Aufrechterhaltung von Geschwindigkeiten Kräfte nötig (Radsport etc.); diese kompensieren jedoch nur entgegengesetzte Kräfte, haben also keinen Bezug auf die Bewegung selbst. Umgekehrt tritt die Korrespondenz von Kraft und Beschleunigung zu Tage, wenn die Trambahn bremst oder das Auto gegen die Baum prallt: Die Beschleungigung von 70 auf 0 schlägt sich nieder als Kraft, die das Auto oder den Baum deformiert. – Das Fallgesetz (Stein und Feder fallen gleich schnell) kann nur im Vakuum anschaulich gemacht werden; die Erkenntnis dieses Gesetzes ging der annähernden Realisierung eines entsprechenden Versuchs historisch beträchtlich voraus.

Moderne Physik und „Paradoxa“: Quantenmechanik als wissenschaftliche Ausführung der Einsicht, dass es unsinnig wäre, zu fragen, wie es im Atom aussieht. Das führt zur Auflösung klassischer Vorstellungen wie der Elektronenbahn: Ein Elektron hat unter Umständen keinen bestimmten Ort etc. und wird gern dargestellt im Dualismus der Bilder (die eben nur Bilder sind!) von Korpuskel und Welle. – Die Relativitätstheorie löst z.B. den Substanzcharakter der Masse auf: diese ist mit der Geschwindigkeit variabel, es gibt die Umwandlung von Energie in Masse. (Ebenso Lorentz-Kontraktion und Zeitdilitation: bewegte Strecken in Richtung der Bewegung verkürzen sich relativ zum Ruhesystem, bewegte Uhren gehen langsamer etc.)

b.

Die Naturwissenschaft trägt sich systematisch vor. Z.B. deduziert die Physik ganze Bereiche aus wenigen ersten Gleichungen (Prinzipien der Mechanik, Maxwell’sche Gleichungen der Elektrodynamik) und behauptet, die vollständige Bestimmtheit ihrer Inhalte erarbeitet zu haben und in Lehrsätzen und Beweisen darlegen zu können. Die Naturwissenschaften lassen Widersprüche, die in ihrem Erkenntnisprozess auftreten, nicht unaufgelöst stehen und duldet keine konkurrierenden Theorien. Auch in Fällen, in denen eine Theorie „annähernd“ gelten soll, während die „strenge“ Lösung in einer anderen Theorie geliefert wird – so „widerspricht“ die moderne Physik der klassischen, ohne ihr alle Wahrheit zu nehmen – haben solche Theorien ein kommensurables Verhältnis zueinander, da die neue Theorie die alte zumindest umfasst. Dass solche Theorien nicht unverbunden stehengelassen werden, zeigt, dass es sich nicht um einen den Erkenntnischarakter negierenden „Pluralismus“ handelt.

Kommensurables Verhältnis von klassischer und moderner Physik:
Das folgende Beispiel soll kurz angeben, wie eine Aussage der klassischen Physik in der modernen Theorie enthalten ist. Eine physikalische Bewegung ist allgemein durch den Zusammenhang von Energie E und Impuls P bestimmt, durch die Funktion

FORMEL1

wobei E0 die Ruheenergie und c die Grenzgeschwindigkeit darstellen. Die Geschwindigkeit v dieses Transports ist

FORMEL2

Die Interpretation dieses allgemeinen Ausdrucks umfasst

  • Bewegungen, deren Geschwindigkeit v = c ist (Licht), so dass diese mit (2) durch den Zusammenhang

    FORMEL3charakterisiert sind.

  • Bewegungen, deren Geschwindigkeit v << c ist: Mit (2) folgt, dass cP << E und cP << E0, so dass sich (1) in die ReiheFORMEL4entwickeln lässt. Formt man diese Gleichung inFORMEL5um, so zeigt sich die Identität mit der klassischen Physik: ist E0 = m0 · c2 , so zeigt sich nämlich der zweite Summand in E(v) als der bekannte Ausdruck für die kinetische Energie, den bereits Newton kannte.

    FORMEL6

c.

Die Kritik der Naturwissenschaft als einer falschen oder mangelhaften Erkenntnis stützt sich oft auf das Anwendungsverhältnis von Wissenschaft und Produktion und analogisiert ein „instrumentelles“ Erkennen in dieser Wissenschaft, ohne zeigen zu können, ob sich der instrumentelle Umgang mit Gegenständen außerhalb der Wissenschaft tatsächlich in die Erkenntnis einbildet. Das aufgezeigte Verhältnis von Wissenschaft und unmittelbarer Anschauung weist demgegenüber gerade auf Erkenntnis hin, deren Spezifika an der Naturwissenschaft selbst abzuhandeln sind, bevor ihr Verhältnis zur Produktion oder auch ein Vergleich mit den Geisteswissenschaften auszuführen ist. Die übelste Variante dieses Vorwurfs findet sich wohl bei Vahrenkamp, der die Trennung von Subjekt und Objekt in der Wissenschaft und die Auflösung der „Einheit von Naturprozessen in einzelne Gesetze“ mit dem Argument als bürgerliche Ideologie denunziert, den Naturwissenschaftlern fehle der „direkte Bezug zur Produktionspraxis“. (R. Vahrenkamp, Technologie und Kapital, 212 f.)

d.

Verfehlt sind auch alle Versuche, den Erkenntnischarakter der Naturwissenschaften „historisch-materialistisch“ zu bestimmen durch Rekurs auf die Bildung ihrer Begriffe. Eine solche Untersuchung behauptet von vorneherein die Erkenntnis als etwas Subjektives, historisch Relatives und kann deshalb die Wissenschaft als kapitalistisch kritisieren, ohne sich überhaupt auf sie einzulassen: „Wenn es dem Marxismus nicht gelingt, der zeitlosen Wahrheitstheorie der herrschenden naturwissenschaftlichen Erkenntnislehren den Boden zu entziehen, dann ist die Abdankung des Marxismus als Denkstandpunkt (hoffentlich!) eine bloße Frage der Zeit.“ (A. Sohn-Rethel, Geistige und Körperliche Arbeit,14) Die Beispiele für ein solches Programm reichen von willkürlichen Analogien – „Der Impuls rückt in den Blick und er (!) ist historisch-gesellschaftlich verständlich von dem damals beginnenden Unternehmerimpuls her…“ (E. Bloch, Philosophie der Renaissance, 116) – bis zur „unverkennbaren Portraitähnlichkeit“ von Geld und Transzendentalsubjekt: „Aus der Begriffsspiegelung der Tauschabstraktion erwächst somit die Möglichkeit einer theoretischen Naturerkenntnis.“ (Sohn-Rethel, 81) Erstaunlich, dass die Objektivität der Erkenntnis doch noch hervorgezaubert werden kann: „All diese Theorien (z.B. Naturwissenschaft) müssen mit Notwendigkeit ein bestimmtes Maß von Wahrheit enthalten, eben weil sie Abbilder der Gesellschaft sind, denn die Gesellschaft ist ein Teil der Natur…“ (Thomson, die ersten Philosophen, 237; zit. Tomberg, Bürgerliche Wissenschaft, 103)

e.

Mit dem Festhalten der Theorie gegen die unmittelbar angeschauten Gegenstände und der Haltbarkeit des immanenten Fortgangs naturwissenschaftlicher Theorien ist diese Wissenschaft auch ohne den allgemeinen Fehler, der die bürgerliche Geisteswissenschaft auszeichnet. Daran ändern auch die dümmlichen Kommentare nichts, die Naturwissenschaftler bisweilen ihren Werken voranstellen oder ihren Kategorien beifügen: diese blamieren sich stets vor den Gleichungen, die als alleiniges wissenschaftliches Resultat stehen bleiben. Es ist also als Spezifikum der Tätigkeit dieser Forscher zu diskutieren, wenn in der Erkenntnis trotz falscher Vorstellungen fortgeschritten werden kann. Alle Reflexionen über „Warum macht die Wissenschaft keinen Fehler?“ sind entweder

  • tautologisch: es wurde ja gerade herausgefunden, dass die Wissenschaft ihren Begriff realisiert: in dieser Realisierung ist also der Grund dafür bereits enthalten. Die Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft hat ihr Kriterium an dieser selbst. (Der Instrumentalismus der bürgerlichen Geisteswissenschaft als ihr Fehler ergibt sich aus deren Analyse als Wissenschaft.)
  • oder sie enthalten eine andere Fragestellung, nämlich die nach den objektiven Voraussetzungen der Naturwissenschaft. Die Existenz der entwickelten Naturwissenschaft verdankt sich nicht dem Fortgang des menschlichen Geistes, sondern der kapitalistischen Produktionsweise. (Vgl. Teil III)

II. Der erkannte Gegenstand

  1. Das Resultat der Naturerkenntnis besteht in Gesetzen. Die in der gesetzmäßigen Verbindung der Kategorien ausgesprochene Notwendigkeit ist die von quantitativen Verhältnissen. Das Gesetz zeigt somit, dass die Bestimmtheit des Natürlichen in die Quantität fällt. In der Erfassung der Notwendigkeit als quantitativer Beziehung ist zum Ausdruck gebracht, dass die Qualität der Natur Äußerlichkeit ist.

    a.

    Naturerkenntnis handelt von Kategorien in der Beziehung auf andere. Wenn Physiker Gleichungen hinschreiben, ohne vorher zu klären, was z.B. Raum und Zeit sind, so ist dies kein Versäumnis, sondern die Erklärung eines Gegenstands, dessen Bestimmtheit in der quantitativen Beziehung liegt. Die begriffliche Bestimmung von z.B. Raum und Zeit fällt in quantitative Relationen, weshalb diese Ausdrücke – z.B. s/t2 = const. für eine Fallstrecke oder s3/t2 = const. für die Halbachse von Planetenbahnen – nicht als „bloß mathematische“ zu denunzieren sind.

    b.

    Dieser Charakter des Naturgegenstands, den man aus unerfindlichen Gründen nicht wahrhaben will, wird der Naturerkenntnis als Mangel vorgeworfen, ohne diesen als Fehler in der Wissenschaft dingfest zu machen: „Wie an der Ware nur der Preis wichtig ist, so an der Natur nur die quantitative Berechenbarkeit…“ urteilt Bloch über die kapitalistische Naturerkenntnis und verlangt eine „breitere Physik“. „Vor allem ist die seit dreihundert Jahren aufgebaute Physik eine, welche nicht nur von Wertungen(!), sondern auch von Farben, Tönen, kurz von allen Qualitäten abstrahiert. Farbe ist Schwingung, l Kalorie Wärme ist gleich 427 Meterkilogramm Arbeit und sonst nichts.“ Unerfindlich bleibt nur, was gegen die Bürokratie des Gesetzes ins Feld zu führen ist, wenn die Gegenbeispiele aus geisteswissenschaftlichen Sphären stammen, wie z.B. die „…Landschaftsmalerei, worin Farben, Gewitterschwüle, Sonnenaufgang und andere naturwissenschaftlich heimatlose Gegenstände behandelt werden.“ (Zit: E. Bloch, Subjekt-Objekt, 207f; vgl. hierzu Enz.II, 184)

    c.

    Durchweg scheinen Naturwissenschaftler eine Ahnung davon zu haben, dass nicht alle Gegenstände ihre Bestimmtheit in anderem haben und in quantitativen Gesetzen zu fassen sind, worauf explizite Beschränkungen auf einzelne Themen und hellere Formulierungen über den Unterschied von Geistes- und Naturwissenschaften hinweisen: „Es handle sich hier nur um diese körperlichen Dinge, nicht aber um die Gegenständlichkeiten anderer Art: Lebewesen, Personen, Gebrauchsgegenstände, Werte, solche Wesenheiten wie Staat, Recht, Sprache und dgl.“ (H. Weyl, Raum-Zeit-Materie, 3)

    Der Hauptteil enthält eine Ableitung: Von der besonderen Gestalt der Notwendigkeit im Naturgesetz, nämlich als quantitatives Verhältnis zu sein, wird geschlossen auf Äußerlichkeit als allgemeinem Charakter des Gegenstands. Dieser Schluß unterstellt, dass Naturwissenschaft ihren Gegenstand erkennt. (Vgl. I) Charakteristisch für den Naturgegenstand ist damit, dass seine Verhältnisse nicht lediglich Ausdruck dessen sind, was er ist; vielmehr, dass seine Identität aufgeht in der Beziehung auf anderes: was er ist, ist sein Verhältnis. Dieser Widerspruch wird in II.2,3 und III aufgenommen und führt auf die besondere Vorgehensweise der Naturforschung ebenso wie den zweckmäßigen Umgang mit der Natur.

    Verfehlt sind an dieser Stelle Verweise auf abstrakt logische Zusammenhänge wie Qualität-Quantität, die in der Natur wie überall ihre Gültigkeit haben; hier geht es aber gerade um den besonderen Charakter der Natur, unterschieden von den Gegenständen der Geisteswissenschaft. Der Verweis auf Qualität als Voraussetzung der quantitativen Beziehung tritt deshalb stets auf als Rückfall hinter die im Gesetz erkannte Bestimmtheit: Einschlägige Beispiele meinen Vorwissenschaftliches: Farbe, Ton etc. als sinnlicher Inhalt. Auch Naturphilosophie verliert mit ihren aparten Inhalten die theoretische Berechtigung neben der entwickelten Naturwissenschaft.

    Die angegebene Charakterisierung des Naturgegenstands beansprucht, für sämtliche Bereiche der Natur zu gelten, deren Einteilung allerdings nicht Thema des Papiers ist. Bei seiner Abfassung hat zumeist die Physik als exemplarische Disziplin vorgeschwebt; es soll jedoch eine kurze Darstellung einzelner Wissenschaften erarbeitet werden, die es dem Leser erleichtert, die allgemeinen Aussagen des Papiers wiederzufinden, also z.B. die Frage zu beantworten: „Gibt es Gesetze in der Biologie?“ Vorerst soll folgende Überlegung genügen: Die Einteilung der Natur kann als ein System von Stufen vor-genommen werden, deren Unterscheidung nach dem Grad von Subjektivität geschieht, die in den jeweiligen Gegenständen enthalten ist. (Hierin liegt der rationelle Kern der Hegel’schen Naturphilosophie) Damit entsteht kein Widerspruch gegen die Aussagen des Papiers, vielmehr ist zu zeigen, wie sich die Äußerlichkeit in den verschiedenen Bereichen geltend macht, wie das quantitative Verhältnis in jeder Stufe auf andere Weise existiert. Wenn z.B. die biologischen Gebilde – Lebewesen, Organismen – sich von physikalischen Gegenständen durch einen Schein von Zweckmäßigkeit unterscheiden, so müsste an der modernen, eben als eigentlich naturwissenschaftlich anerkannten oder verschrieenen) Biologie – Biochemie, Genetik etc. – dargetan werden, wie sie in ihren Gesetzen diese Zweckmäßigkeit anerkennt, ja erst wissenschaftlich formuliert. Vgl. Marx über Darwin: „Trotz allem Mangelhaften ist hier zuerst der ‚Teleologie‘ in der Naturwissenschaft nicht nur der Todesstoß gegeben, sondern der rationelle Kern derselben empirisch auseinandergelegt.“ (Brief an Lassalle vom 18.1.1861)

  2. Die Naturerkenntnis führt damit auf einen Widerspruch: sie unterstellt ihren Gegenstand als für sich bestimmten, weist aber nach, dass seine Bestimmtheit in äußeren Verhältnissen besteht. Der Naturgegenstand ist also bloße Möglichkeit von Bestimmtheiten, ihre Realisierung liegt nicht in ihm selbst, sondern in äußeren Bedingungen.Die Naturerkenntnis weiß ihren Gegenstand als für sich bestimmten, d.h. dass ihm eigene Bestimmtheit zukommt, er sich so auch von anderem unterscheidet. Der Widerspruch besteht darin, dass die Wissenschaft zugleich zeigt, dass diese Bestimmtheit in äußeren Verhältnissen besteht.
  3. Liegt die Bestimmtheit des Gegenstands in äußeren Verhältnissen, so ist die Notwendigkeit des Gesetzes in den Gestaltungen der sich überlassenen Natur nur so weit realisiert, als es die zufälligen Konstellationen bedingen. Diesen in der Natur selbst enthaltenen Gegensatz muss die erkennende Subjektivität überwinden, will sie sich nicht auf die zufällig realisierten Gesetze beschränken.Die Naturerkenntnis benötigt somit ein Mittel, das ihren Gegenstand erst als bestimmten produziert, d.h. ihn real auf andere Gegenstände bezieht, so dass er in die Verhältnisse eintritt, die seine Beschaffenheit ausmachen. Dies geschieht im Experiment. Das Experiment muss also die Voraussetzungen der Erkenntnis schaffen, ist aber selbst kein Erkenntnisakt, da der einzelne beobachtbare Fall die Identität der Theorie mit dem Gegenstand der Erkenntnis nicht erbringen kann. (Vgl. Zum Fehler der bürgerlichen Geistes- und Gesellschaftswissenschaft, 3) Sein Charakter als Werkzeug wirklicher Erkenntnis ist jetzt deutlich: im Gegensatz zum bloß sinnlichen Bewusstsein, dem die Natur als das Unmittelbare erscheint, geht es dem systematisch experimentierenden Forscher um das Naturgesetz; in seinem Tun ist also unterstellt, dass die Natur, so wie sie vorgefunden wird, nicht notwendig die ihr immanenten Gesetzmäßigkeiten zeigt, deren Anschauung vielmehr vorzubereiten ist. Das Experiment ist die Darstellung von Verhältnissen, in die die Naturgegenstände eintreten müssen und in denen sie anschaubar werden. „Wollte man warten, bis das Material für das Gesetz rein ist, so hieße das, die denkende Forschung bis dahin zu suspendieren und das Gesetz käme schon deswegen nicht zustande.“ (MEW 20,507)Damit ist der Forscher verwiesen
    • auf die Vervielfältigung seiner Experimente, die Variation ihrer Umstände, um diese entweder als unwesentlich für das Gesetz zu zeigen (qualitativ) oder die Genauigkeit einer Messung zu vergrößern (d.h. die Wirkung von anderen Gesetzen zu eliminieren; quantitativ: Mittelwerte, Fehlerrechnung)
    • auf vorgängiges Wissen in der Behandlung des Materials, so dass es ihm zu recht als nur die eine Kategorie gilt. Hierher gehört auch die Verwendung von Messgeräten als technisches Resultat von bereits Erkanntem.
    • die Anleitung seines praktischen Tuns durch eine Fragestellung, die aus früheren Erkenntnissen resultiert. Das Experiment „überprüft“ also Hypothesen – weniger Phantasie- als Denkprodukte – in der vermittelten Weise, dass es neue Erfahrung für die Denktätigkeit bereitstellt.

    a.

    Im experimentellen Umgang mit dem Material kann der Forscher nur verfahren wie die Natur selbst, also nicht durch eine „Zutat“ den Erkenntnischarakter seiner Ergebnisse stören. Irrtümer, Täuschungen etc., wie sie beim Wahrnehmen und Schließen auftreten, erzeugen wie überall Fehler und sagen nichts charakteristisches über diese Erkenntnis aus.

    b.

    Ein Bewusstsein von der Notwendigkeit der Konstellation bereits erkannter Gegenstände, also der Begründung des Experiments, findet sich auch im sogenannten Gedankenexperiment, wo analog den Beweisen in der Geometrie ein bloß vorgestelltes Zusammentreten der Gegenstände die Basis von Schlüssen abgibt. Umgekehrt kann sich in einzelnen Fällen das Experiment auf bloße Beobachtung des Materials beschränken; ein Beispiel ist die hervorragende Bedeutung der Himmelsmechanik für die frühe Physik.

    c.

    Wissenschaftstheoretischen Ausführungen zum Experiment ist gemeinsam, dass sie seinen Charakter zugleich mit dem der Naturgesetze verkennen und sich endlos in das Thema „allgemeine Sätze“ (Wahrnehmungs- und Sprachprobleme) verstricken. Die Argumente gegen ein Beweisen mit Experimenten sind angegeben worden; als Beispiel sei noch erwähnt, dass Popper, schließlich auf die im Naturgesetz ausgesprochene Notwendigkeit aufmerksam geworden, in die eingestandene Tautologie flüchtet: Naturgesetze gelten in allen gleich strukturierten (!) Welten. (Vgl. K. Popper Logik der Forschung, 390)

    Das Experiment als Mittel der Erkenntnis realisiert bestimmte Bedingungen, damit Naturgegenstände in die Beziehungen eintreten, in denen ihre Bestimmtheit liegt; der Wissenschaft liefert sie damit das Material in einer Form, aus der sich das Gesetz erschließen lässt. Voraussetzung des Experiments ist wiederum die Kenntnis von Naturgesetzen, durch die gewährleistet ist, dass die Versuchsanordnung tatsächlich das angestrebte In-Beziehung-Setzen der bestimmten Kategorien gestattet und die Beobachtung durch das Mitwirken anderer Naturgesetze nicht gestört wird.

    Mit dem Mittelcharakter des Experiments ist ausgesprochen:

    • die Naturerkenntnis bedarf des Experiments, um den Gegenstand erkennbar zu machen: es ist Voraussetzung der Erkenntnis
    • das Experiment bleibt Voraussetzung: Die Vermittlung, die das Experiment enthält, ist keine Vermittlung von Subjekt und Objekt in der Erkenntnis, bildet sich nicht in sie ein. (Vgl. im Gegensatz hierzu die Vermittlung, die den Instrumentalismus der bürgerlichen Geisteswissenschaft ausmacht)

    Das Experiment ist andererseits selbst das Resultat einer Erkenntnis der Natur, es ist deren praktische Realisierung, nicht aber deren „Überprüfung“. Die Hypothese, die das Gesetz in der Form der Vermutung fasst, kann durch das Experiment also weder verifiziert noch falsifiziert werden; wer dies behauptet, fasst das Experiment als Erkenntnis auf. Nur eine Erkenntnis, ein Wissen kann also die Hypothese bestätigen oder widerlegen. Das Experiment enthält wohl Gedanken, ist aber selbst kein Gedanke; es ist auch kein instrumenteller Gedanke, sondern ein Mittel.

    Die Bedeutung von Wahrscheinlichkeitstheorie und Fehlerrechnung in der Naturwissenschaft stellt nicht die Notwendigkeit des Gesetzes in Frage, sondern folgt aus der Tatsache, dass andere Naturgesetze als das zu beobachtende zufällig eine Messung beeinflussen können und die Versuchsanordnung so in ihrer Aufgabe des Festhaltens bestimmter Größen versagen kann. (Messgeräte haben aus diesem Grund eine bestimmte Messgenauigkeit.) Von diesen, dem Messverfahren geschuldeten Fehlern sind Gesetze zu unterscheiden, die objektiv wahrscheinliche Beziehungen in einer von der klassischen Physik verschiedenen Weise abhandeln. (Quantenmechanik: Unschärfe, Grad der Verträglichkeit zweier Größen)

III. Naturwissenschaft und Produktion

  1. Die Naturwissenschaft verweist mit ihren objektiven Resultaten auf das Verhältnis des Menschen zur Natur. Bereits im Fortschreiten des naturwissenschaftlichen Forschungsprozesses, der stets der Vermittlung des Experiments bedarf, hatte sich gezeigt, dass die Natur allgemeinen Gesetzen gehorcht, es aber dem Zufall überlässt, welche dieser Gesetze sich realisieren. Die Gesetzmäßigkeiten, durch die ein Naturgegenstand charakterisiert ist, offenbaren sich in Abhängigkeit von ihm äußerlichen Konstellationen, von Verhältnissen, in die er eintritt. Seine Beschaffenheit liegt gerade darin, in Verhältnisse eintreten zu können; sein Begriff, wie ihn die Naturwissenschaften ausführen, besteht in der Möglichkeit von Bewegungsformen, die er durchläuft. Diese Negativität der Natur gegen sich selbst macht die Realisierung ihrer besonderen Gestaltungen zu etwas von außen Bestimmbaren – innerhalb ihrer selbst herrscht der Zufall. Dem die Natur erkennenden Subjekt offenbart sich diese als ein Material, dem sich durch tätige Einwirkung, sofern sie nur von der Kenntnis ihrer Gesetze geleitet wird, besondere Formen aufzwingen lassen: Erkannte Natur charakterisiert sich als unter die Zwecke der ihr gegenüberstehenden Subjekte unterworfene.Die Existenz der Naturwissenschaften als Sphäre der gesellschaftlichen Arbeitsteilung deutet so auf das Verhältnis dieser Gesellschaft zur Natur: indem deren Erkenntnis institutionalisiert ist und sich ohne Einschränkung auf die gesamte Natur richtet, bringt sie zum Ausdruck, dass die gesellschaftliche Reproduktion auf der Beherrschung der Natur gründet. „Die Natur wird erst rein Gegenstand für den Menschen, rein Sache der Nützlichkeit; hört auf, als Macht für sich anerkannt zu werden; und die theoretische Erkenntnis ihrer selbständigen Gesetze erscheint selbst nur als List, um sie den menschlichen Bedürfnissen, sei es als Gegenstand des Konsums, sei es als Mittel der Produktion zu unterwerfen.“ (Grundrisse, 313) Die besondere Form allerdings, in der sich die Gesellschaft zur Natur und ihrer Erkenntnis verhält, muss in der Analyse der Gesellschaft gesucht werden.
  2. Die kapitalistische Produktionsweise hat ihr Spezifikum in der Unterwerfung der Arbeit unter das Kapital, welches selbst nur vergegenständlichte Arbeit darstellt. Die Vermehrung des Werts vollzieht sich durch dessen Verwandlung in die Elemente des Arbeitsprozesses, der als dem Kapital subsumierter Formbestimmungen erhält, die ihn dem Zweck der Kapitalverwertung adäquat machen. Die Vergrößerung der Mehrwertrate, von der die Vermehrung des Kapitalwerts abhängt, realisiert sich als die Veränderung des Verhältnisses von notwendiger und Mehrarbeit, als das die Mehrwertrate im Arbeitsprozess existiert. Diese Veränderung geht aufgrund der Beschränkungen, die einer Ausdehnung der Gesamtarbeitszeit gesetzt sind, auf die Qualität der Arbeit selbst über: Kooperation, Teilung der Arbeit und Maschinerie sind die Bestimmungen, die dem Arbeitsprozess als Produktion des relativen Mehrwerts zukommen. Dass diese Bestimmungen dem Verwertungszweck des Kapitals entspringen und nicht der Zielsetzung einer Steigerung der Produktivkräfte zur Ersparung von Arbeit, schlägt sich im Arbeitsprozess dergestalt nieder, dass sie als objektive Bedingungen der Tätigkeit des Arbeiters erscheinen: Kooperation und Teilung der Arbeit stellen sich als technische Notwendigkeiten dar, denen sich der Arbeitende ebenso anzupassen hat wie den Bewegungen der Maschine. Diese enthält in ihrem Mechanismus alle Bestimmungen der zweckmäßigen Formierung des Arbeitsgegenstands, mithin das Wissen um die Naturgesetze, denen der Gegenstand gehorcht. Sie lässt erkennen, dass die kapitalistische Produktionsweise universelle Naturwissenschaft unterstellt – als Voraussetzung für die vom Kapital geforderte permanente Revolutionierung der Produktion.Die allgemeinen Gesetze der Mehrwertproduktion lassen somit erschließen, dass Naturerkenntnis in einer außerhalb des unmittelbaren Produktionsprozesses existenten Sphäre betrieben wird und als Mittel für eine bestimmte Form der Naturaneignung Anwendung findet. Über die näheren Bestimmungen des Verhältnisses von Produktion und Wissenschaft können nur die Durchsetzungsformen der Mehrwertproduktion Auskunft geben: was in der Darstellung des Kapitals im Allgemeinen als empirische Voraussetzung unterstellt ist, leitet sich aus der Konkurrenzbewegung her und zeigt sich als Produkt des Kapitals.Die Mehrwertkapitel unterstellen universelle Naturerkenntnis als empirische Voraussetzung. In ähnlicher Weise, wie sich aus der Ware erschließen lässt, dass Subjekte als konkrete Personen unterstellt sind, handelt es sich auch hier um einen Rückschluss, nicht aber um ein solches logisches Verhältnis, das die Ableitung der kapitalistischen Ökonomie aus der Naturwissenschaft gestatten würde.Aus der Ökonomie wird also entfaltete Naturwissenschaft erschlossen, somit das, was die Naturerkenntnis ihrem Begriffe nach ist. Diese Kongruenz gibt auch die Grundlage ab für eine Betrachtung der Geschichte, in der die Entwicklung der Naturerkenntnis mit der Entfaltung der kapitalistischen Produktionsweise einherging.
  3. Was in der Entwicklung des Kapitalbegriffs zur Ableitung des Produktionsprozesses als industriellem führt – der Zwang zur Veränderung der Mehrwertrate – erscheint in der Konkurrenz, am Handeln des individuellen Kapitalisten, als die Einführung von Mitteln zur Produktivitätssteigerung in dem von ihm kommandierten Arbeitsprozess, sowie als „Exploration der Erde nach allen Seiten“, „sowohl um neue brauchbare Gegenstände zu entdecken, wie neue Gebrauchseigenschaften der alten“ (Grundrisse, 312): Der dem Kapital immanente Zwang zur Akkumulation äußert sich als Beschränkung, die der einzelne Kapitalist auf dem Markt erfährt. Beide Arten der Überwindung solcher Beschränkung – die Steigerung der Produktivität eines gegebenen Arbeitsprozesses und das Übergehen zu einem anderen Produkt – erfordern die systematische Erforschung der Natur.Was die Einzelkapitale für das Bestehen in der Konkurrenz brauchen, können sie aber nicht selbst schaffen: insofern es ihnen um die Erzielung eines Profits geht, gilt ihr Interesse der Naturwissenschaft nur in Bezug auf diesen Zweck, welcher auch nicht verwechselt werden darf mit der Steigerung der Produktivkräfte. In der Kalkulation des einzelnen Kapitalisten setzt sich durch, was Marx über die Bedeutung der gesteigerten Produktivkraft für das Kapital im Allgemeinen ausgeführt hat:„Für das Kapital wird diese Produktivkraft gesteigert, nicht wenn überhaupt an der lebendigen Arbeit, sondern nur, wenn an dem bezahlten Teil der lebendigen Arbeit mehr erspart wird, als an vergangner Arbeit zugesetzt wird.“ (K III, 272)So sehr jedem Kapitalisten an der Entwicklung der Naturerkenntnis gelegen sein muss, damit er durch ihre Anwendung in der Produktion seine Stellung in der Konkurrenz und damit seinen Profit sichern kann, so wenig kann er sich diese Entwicklung zu seiner Aufgabe machen: Naturerkenntnis und kapitalistischer Fortschritt fallen nicht zusammen, obgleich letzterer auf der Anwendung der Naturwissenschaft beruht. Die adäquate Form, die für die konkurrierenden Kapitale notwendige Naturerkenntnis bereitzustellen, ist ihre Institutionalisierung durch den Staat. Der Mittelcharakter der Wissenschaft für die Zwecke der kapitalistischen Konkurrenz verschwindet damit hinter den Schein der formellen Allgemeinheit, der allen Tätigkeiten des Staats anhaftet. In der ihm eigentümlichen Anschauung der ökonomischen Gesamtbewegung, die der bürgerlichen Nationalökonomie zugrunde liegt, erscheint der Fortschritt der Wissenschaft als ein Faktor zur Steigerung des nationalen Reichtums. Die erste Gesellschaftsform der Geschichte, deren Reproduktion auf Wissenschaft beruht, trennt die Wissenschaft von der materiellen Produktion und erhebt sie zu einer selbständigen Sphäre der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, welche vom Staat verwaltet und als Mittel den Zwecken der konkurrierenden Kapitale untergeordnet wird.

    a.

    In der Frühphase des Kapitalismus fand eine systematische Anwendung der Naturwissenschaften in der Produktion noch nicht statt. Solange die Arbeit nicht durch die Teilung analysiert war, die Operationen der Arbeiter noch nicht in mechanische verwandelt waren, „so dass auf einem gewissen Punkt der Mechanismus an ihre Stelle treten“ konnte, war dies gar nicht möglich. Und auch noch die „enge technische Basis“ der Manufaktur „schließt wirklich wissenschaftliche Analyse des Produktionsprozesses aus“. (KI, 358) Und als durch die Trennung der Arbeit und die Spezialisierung der Teilwerkzeuge die Voraussetzung für das „Prinzip“ der großen Industrie geschaffen war, „jeden Produktionsprozess, an und für sich und zunächst ohne alle Rücksicht auf die menschliche Hand, in seine konstituierenden Elemente aufzulösen“(KI, 510) fand die kapitalistische Produktionsweise keine fertige Naturwissenschaft, geschweige denn die „moderne Wissenschaft der Technologie“ vor. Sie war zunächst abhängig von dem mangelhaften Wissen vorkapitalistischer Naturerkenntnis und von zufälligen Erfindungen.

    b.

    Die von der entwickelten Industrie geforderte anwendbare Wissenschaft hat zur Voraussetzung, dass die Natur objektiv erkannt wird, der theoretische Umgang mit ihr also keinem außerwissenschaftlichen Interesse unterworfen ist. Die Auseinandersetzungen der frühbürgerlichen Naturwissenschaft mit der Kirche reflektieren die Überwindung aller Schranken, die einer erkennenden Stellung zur Natur durch überkommene Formen des geistigen Lebens auferlegt waren.

    c.

    Die „Freiheit der Wissenschaft“ ist nach dem Gesagten die gesellschaftliche Form, die das Kapital dem theoretischen Verhalten zur Natur aufzwingt: der im Verwertungsdrang des Kapitals enthaltene und über die Konkurrenz realisierte Imperativ zur schrankenlosen Aneignung der Natur findet seinen Ausdruck in der Emanzipation der Wissenschaft von allen Zwecken – um in ihrer Anwendung einzig dem Zweck der Kapitalverwertung unterworfen zu werden.

  4. Der Bezug der allgemeinen Einsichten in die Natur auf die Erfordernisse der Produktion besteht in der Realisierung bestimmter Konstellationen der verschiedensten Naturgegenstände entsprechend der beabsichtigten Formierung des Arbeitsgegenstandes: Die Wissenschaft der Technologie schließt Naturgesetze der verschiedensten Sphären miteinander zusammen und antizipiert in den hiermit einhergehenden Experimenten den industriellen Produktionsprozess. Sie hat die zweckmäßige Veränderung der Natur zum Gegenstand, bestimmt sich dabei aber ganz aus der Erkenntnis derselben.

    a.

    Das Experiment der Technologie pflegt häufig mit dem Experiment als Darstellung des zu erkennenden Gegenstands verwechselt und ebenfalls als Verifikation ausgegeben zu werden. „Die Empirie der Beobachtung kann nie die Notwendigkeit genügend beweisen. Post hoc aber nicht propter hoc. Dies ist so sehr richtig, dass aus dem steten Aufgehen der Sonne des Morgens nicht folgt, sie werde morgen wieder aufgehen, und in der Tat wissen wir jetzt, dass ein Moment kommen wird, wo die Sonne des Morgens nicht aufgeht. Aber der Beweis der Notwendigkeit liegt in der menschlichen Tätigkeit, im Experiment, in der Arbeit: wenn ich das post hoc machen kann, ist es identisch mit dem propter hoc“. (MEW 20, 497)

    b.

    Aus der Technologie erwächst auch innerhalb der Institutionen der Naturwissenschaft die Notwendigkeit der „interdisziplinären Forschung“. Die Realisierung einer bestimmten, den Naturgegenständen innewohnenden Gesetzmäßigkeit erweist sich als abhängig von den mannigfaltigen Verhältnissen, in denen sich das Gesetz am Empirischen bewähren soll. (z.B. chemische Eigenschaften des zu formierenden Stoffes bewirken eine dem angestrebten mechanischen Resultat zuwiderlaufende Veränderung)

    c.

    Ob eine im technologischen Experiment entwickelte Verfahrensweise tatsächlich Anwendung findet, unterliegt den kapitalistischen Kriterien der Rationalität und gehört in die ökonomische Argumentation, bezeichnet also keinen Mangel dieser Wissenschaft selbst. Hierher gehören auch die dem auf großer Stufenleiter produzierenden Kapital entspringenden Tendenzen, durch Verfügung über kostspielige Verfahren Konkurrenten von dessen Anwendung auszuschließen: Monopol, Antizipation der exklusiven Anwendung durch private Forschungsstätten.

    Die Technologie hat zu ihrer Voraussetzung die Kenntnis von Naturgesetzen; ihr Resultat ist ein produzierter Zusammenhang von Naturgesetzen, eine Konstellation von Natürlichem, durch die bestimmte Zwecke realisierbar sind. Sie ist selbst Wissenschaft, da sie über die vorausgesetzte Naturerkenntnis hinausgeht und die Erkenntnis der durch sie produzierten Zusammenhänge der Natur einschließt.

    Die Technologie bedarf wiederum des Experiments, da auch die Realisierung solcher Konstellationen von mannigfaltigen Umständen abhängt. Die Differenz zum Experiment in der Naturerkenntnis liegt folglich nicht in der reinen Tätigkeit des Experimentierens, da in beiden Fällen Naturgegenstände konstelliert werden. Sie liegt vielmehr in Ausgangspunkt und Resultat des Experiments: Während es im Experiment I um die Naturerkenntnis geht, vermittelt das Experiment II die Herstellung eines auf Erkenntnis beruhenden Mechanismus.

    Die „interdisziplinäre Forschung“ hat ihre eigentliche Stellung in der Technologie, da diese Gesetze der verschiedensten Sphären zusammenschließt. Hierbei ist klar, dass bereits das Experimentieren in der Naturwissenschaft der Kenntnis mehrerer Disziplinen bedarf. (z.B. Kenntnis physikalischer Gesetze um chemische Experimente durchführen zu können)