Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

William Golding: Lord of the Flies

William Goldings „Herr der Fliegen“ ist sowohl im Deutsch- als auch Englischunterricht ein echter Renner, bei Schülern wie bei Lehrern gleichermaßen beliebt. Golding hat für seinen Roman sogar den Literaturnobelpreis kassiert. Worin liegt das Geheimnis für den Erfolg dieses Romans?

In seiner Originalität jedenfalls nicht. Die Idee für seinen Roman hat er von seinem Landsmann Daniel Defoe geklaut und ein bisschen modernisiert. Statt des schiffbrüchigen Robinson Crusoe wird nach einem Flugzeugabsturz gleich eine ganze Gruppe englischer Schulbuben auf eine unbewohnte, aber tropisch-paradisische Südseeinsel verschlagen.

In seinen genialen Sprachschöpfungen sicherlich auch nicht. Stilblüten wie „ein großer Baum …, und eine hurtige Kletterpflanze prunkte mit roten und gelben Trieben bis in seine Krone hinauf“ wurden in der Verleihungsbegründung nicht erwähnt, und literarische Glanzstellen des Kalibers: „Ein Zauberschein lag in ihnen und der ganzen Landschaft, und sie spürten diese Verzauberung, und es machte sie glücklich.“ würde jeder Achtklässler unschwer als typisches Merkmal für einen Kitschroman identifizieren, stünden sie im Gloria-Heimatroman. Aber einer, der laut Buchklappentext des Fischerverlags ein „Gleichnis der menschlichen Gesellschaft“ in einen ziemlich langweiligen Abenteuerroman verpackt, kann sich dergleichen seitenweise leisten.

So wird auch fürderhin die Jugend an den gehobenen Bildungsanstalten mit dem „Gleichnis“ Goldings darüber aufgeklärt, was aus Menschen wird, wenn ihre unvollkommene Menschennatur nicht ständig durch eine anständige Ordnung niedergehalten wird, und was man sie deswegen auf keinen Fall machen lassen darf. Um das scheinbar logisch zwingend zu beweisen, hat sich Golding in seinem Roman vom „Herr der Fliegen“ schon einiges an unwahrscheinlichen Konstruktionen einfallen lassen müssen.

Er beginnt damit, dass er seine Romanfiguren in eine gemeinsame Notlage versetzt. Ein Flugzeug stürzt auf einer menschenleeren Insel ab, und nur eine Gruppe von sechs- bis zwölfjährigen Jungen überlebt. Was soll einem in solch einer Situation schon anderes übrig bleiben, als zu schauen, wie man sich mit Lebensmitteln versorgt und wie man von dem gottverlassenen Eiland wieder wegkommt? Die absoluten Lebensnotwendigkeiten bestimmen die anfallenden Aufgaben, und sie müssen halt arbeitsteilig erledigt werden, so gut es geht.

So einfach lässt Golding seine Helden allerdings nicht handeln. Für sie sind die von der Notlage aufgezwungenen Tätigkeiten nur durchführbar, wenn sie von einer übergeordneten Instanz organisiert werden, die den anderen befiehlt, was ihr Interesse zu sein hat und was sie zu tun haben. Kaum den rauchenden Trümmern des Flugzeugs entstiegen, haben deshalb der „blondhaarige Junge“ Ralph (sympathisch, gell?) und der dicke, asthmatische Brillenträger Piggy (unbeholfen, aber intelligent!) keine bessere Idee als eine „Versammlung“ einzuberufen. Dort macht Ralph den anderen Jungen den richtungsweisenden Vorschlag: „Ich glaub, wir brauchen einen Anführer, dann geht es besser!“, als würde man nach einem Flugzeugabsturz nichts nötiger „brauchen“. Weil er so „vernünftige“ Gedanken und noch dazu ein „anziehendes Äußeres“ hat, setzt sich Ralph in demokratischen Wahlen gegen Jack durch, der die Opposition ist und auch dementsprechend aussieht: „Er hatte ein verzerrtes, sommersprossiges, hässliches, aber durchaus nicht einfältiges Gesicht.“

Kaum gewählt, führen sich Ralph und sein intellektueller Berater Piggy auf, als würden die anderen Jungen nicht überleben und heimkehren wollen und als müssten sie zu ihrem Glück gezwungen werden: „Und Vorschriften müssen wir erlassen …, ne ganze Menge Vorschriften. Und wenn einer nicht pariert, dann -“. Nachdem auf diese Weise die „Ordnung“ auf der Insel eingekehrt ist und Ralph aus dem erleichterten Seufzer: „Endlich keine Erwachsenen!“ den Schluss gezogen hat, dass dann schleunigst Ersatz her muss, damit die Kinder wieder gehorchen können, regelt der Führer die Aufgaben. Tag und Nacht soll ein Signalfeuer geschürt werden, um Schiffe auf sich aufmerksam zu machen. Jack muss mit einer Gruppe Wildschweine jagen, und alle zusammen werden zum Hüttenbau verpflichtet.

Lehre Nr. 1: Das Grundbedürfnis aller Menschen ist eine „Ordnung“, die ihnen von demokratisch gewählten Führern vorgeschrieben werden muss, damit sie wissen, was sie wollen.

Im weiteren Verlauf der Geschichte erweist sich, dass sich Golding die ganze Sache mit der ausweglosen Lage auf der menschenleeren Insel nur deswegen ausgedacht hat, um den Wunsch nach einer „Ordnung“ und die Notwendigkeit ihrer Durchsetzung plausibel erscheinen zu lassen. Daran gemessen sind die Vorschriften Ralphs logisch und setzen ihn moralisch ins Recht. Umgekehrt sind natürlich alle böse, die sich nicht dauernd für die Ordnung stark machen – gleichgültig, was und warum sie was machen. So ist Ralph als der Repräsentant der Ordnung der einzige, der sich an seine Beschlüsse hält, nachdem er der einzige war, dem sie eingefallen sind, weil er als einziger unheimlich nachgedacht hat: „Ich hab allein für mich nachgedacht, was eigentlich zu tun ist. Ich weiß, was wir brauchen.“ Die anderen können da machen, was sie wollen. Weil es nicht für die Ordnung ist, ist es schlecht. Alle ihre Taten sind Bilder für die Entwicklung des Menschen, wenn seine Triebe nicht niedergehalten werden. Und so kommt es, wie es der Dichter kommen lassen wollte. Keiner hilft Ralph beim Hüttenbau, weil es eh nie regnet. Ein vorbeikommendes Schiff fährt vorüber, weil der häßliche, machthungrige Oppositionsführer Jack mit seiner hungrigen Horde Wildschweine jagt, statt sich um das Gemeinwohl zu kümmern und vorschriftsmäßig das Feuer zu hüten. Und in der anschließenden Krisensitzung der „Versammlung“ geht alles drunter und drüber, weil die einen immer nur an das nächste denken, nämlich wie sie den Bauch vollkriegen, statt sich dem höheren Zweck zu widmen und einzusehen, dass nur Ralphs bedingungsloses Pochen auf demokratische Gefolgschaft das einzig Wahre ist: „Ihr habt mir gehorchen wollen. Aber ihr redet nur und könnt nicht einmal Hütten bauen – und dann haut ihr ab und laßt das Feuer ausgehen –!“

Lehre Nr. 2: Da die Menschen von Haus aus unvernünftig sind, sehen sie die Ordnung nicht ein, die nur zu ihrem besten ist. Sie müssen deshalb zur Einhaltung der Ordnung gezwungen werden, sonst gibt’s Chaos.

Weil ihm die Macht fehlt, die auch der demokratisch gewählte Führer braucht, um sich durchzusetzen, verliert Ralph seine „natürliche Autorität“. Die unvernünftige Mehrheit folgt jetzt dem erfolgreichen Wildschweinjäger Jack. Der erkennt die „Möglichkeiten willkürlicher Machtausübung“, wirft die menschenwürdige demokratische Ordnung endgültig über den Haufen und gründet einen Stamm von „Wilden“, der so richtig die Sau rauslässt, die in jedem Menschen steckt: „Die schützende Bemalung macht frei, hemmungslos frei.“ In blutigen Schlachtfesten, wilden Trancetänzen und brutalen Überfällen entlarvt sich die wahre Menschennnatur, die dem Teufel, dem Sinnbild des Bösen (den „Herrn der Fliegen“ hat Golding in Goethes „Faust“ gefunden) durch ihre rituellen Götzenopfer vollständig verfällt. Ralphs letzten Versuch, an die Vernunft zu appellieren, seine bescheuerte Alternative: „Was ist besser – wenn alles seine Ordnung hat oder wenn ihr jagt und Schweine schlachtet?“ entscheiden die unzivilisierten Wilden zugunsten des Schweinebraten und zerstören endgültig die Ordnung. Sie ermorden Piggy, die Vernunft in Person.

Lehre Nr. 3: Ohne Ordnung gewinnt das Böse im Menschen die Oberhand, vor allem dann, wenn er in die Hände der falschen Führung gerät.

Nichts scheint das Böse jetzt mehr aufhalten zu können. Die „Wilden“ brennen die ganze Insel ab, um Ralph aus seinem Versteck zu treiben. In letzter Sekunde wird er durch die zivilisierte Ordnung erlöst, die in Gestalt eines Marineoffiziers ihrer britischen Majestät samt „stolzem Kreuzer“ auftaucht: „Er taumelte hoch, auf weitere Schrecken gefasst, und sah über sich eine große Schirmmütze. Es war eine weiße Mütze, und über dem grünen Schild war eine Krone, ein Anker, Goldlaub. Er sah weißen Drillich, Schulterstücke, einen Revolver, eine Reihe goldener Knöpfe vorn an einem Uniformrock herunter.“ Der gescheiterte Ordnungsfanatiker Ralph muss beschämt das „Ende der Unschuld, die Finsternis in des Menschen Herz“ beweinen, als ihn der Vertreter der einzig wahren Ordnung väterlich zurechtweist: „…ich hätte doch gedacht, dass eine Bande englischer Jungs – ihr seid doch alle Engländer, oder? – in der Lage wären, was Besseres aufzuziehen, als das da…“

Lehre Nr. 4: Die Ordnung ist auf jedem Fleck der Erde durchzusetzen, damit das Böse „in des Menschen Herz“ endlich keine Chance mehr hat, und der Garant der Ordnung ist das Militär.