Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Die VWL „erklärt“, wozu Geld alles gut ist

1. Als Rechenmittel: damit man weiß, wieviel man bezahlen muss

„Mit Hilfe des Geldes können wir Waren oder Dienstleistungen verschiedenster Art miteinander vergleichen, zum Beispiel einen Kleiderschrank mit einem Apfel.“

Man höre und staune: Das Geld bringt es fertig, an und für sich ganz unvergleichliche Dinge miteinander zu vergleichen. Nur: Wer fragt diesen Dienst eigentlich nach? Wenn man sich einmal wegdenkt, dass die Waren miteinander verglichen werden, dass sie Preise haben – wer käme dann auf die Idee, sie ausgerechnet vergleichen zu wollen? Das Obst hat nichts mit dem Möbelstück gemeinsam; den Schrank kann man nicht essen und in den Apfel keine Kleider hängen. Wenn es auf den jeweiligen Nutzen ankommt, den die Dinge stiften, hat man keinen Grund, Schrank und Apfel miteinander zu vergleichen. Vielleicht will man beides oder nur das eine und das andere nicht. Keiner aber würde behaupten, dass er tausendmal weniger gern Obst isst, als Ordnung im Haus zu haben. Natürlich: wenn man davon ausgeht, dass man für den Schrank viel mehr Geld hinlegen muss, dann wird „jeder sagen, dass der Schrank mehr wert ist als der Apfel“. Solche Vergleiche stellt man aber nur an, wenn alles etwas kostet und über die Preise verglichen wird. Hilfreich kommt einem das Geld nur vor, wenn man es für selbstverständlich hält, dass die Waren nicht einfach zum Verbrauchen da sind, sondern mit ihren Preisen gerechnet werden muss.

Wenn ohne Geld nichts geht, will und muss man selbstverständlich wissen, was mit wieviel Geld anzufangen ist. Aber spricht das jetzt dafür, dass das Geld den Leuten den Alltag erleichtert? Vielleicht bringt uns die nächste Geldfunktion weiter …

2. Als Tauschmittel: damit man damit bezahlen kann

„Sachlich betrachtet ist Geld lediglich ein Mittel, um eine Leistung gegen eine andere einzutauschen … Ohne Geld müssten wir im Tauschhandel Güter und Dienstleistungen gegen andere Güter oder Dienstleistungen eintauschen. Das wäre sehr umständlich und zeitraubend.“

Hier kommt dasselbe Argumentationsmuster zur Anwendung: Man soll sich vorstellen, wie kompliziert das Tauschen ohne ein allgemeines Zahlungsmittel wäre. Und schon ist man geneigt, das Geld und seine Dienste zu begrüßen. Dass auf jeden Fall getauscht werden muss, versteht sich offenbar von selbst. Aber denken wir doch einmal konsequent weiter: Ohne Geld müssten wir – gar nicht tauschen. Nur weil nicht jeder alles selbst herstellt, nur weil arbeitsteilig produzierte Güter auch verteilt werden müssen, muss noch lange nicht das Prinzip Leistung gegen Leistung herrschen. Die Zwangslage, dass der Schuster seine Schuhe selbst zum Bäcker tragen muss, wenn er Brötchen braucht und darauf angewiesen ist, dass dem gerade Schuhe fehlen, ließe sich ganz „einfach“ vermeiden: man stellt so viele Schuhe und Semmeln her, wie die Leute brauchen und verteilt sie dann entsprechend.

Umgekehrt liegen die Vorteile des Geldes in dieser Hinsicht keineswegs so klar auf der Hand: Zwar kommt kein Brötchen auf den Frühstückstisch und kriegt niemand einen Haarschnitt verpasst, ohne dass Geld die Hände wechselt. Das heißt aber noch lange nicht, dass dabei „lediglich“ die verschiedensten Genussmittel an die jeweiligen Genießer vermittelt würden. Denn bloß ein Mittel zum Tauschen ist das Geld nicht: Man kann es sich ja nicht einfach bei der Bank holen, wenn man „tauschen“ gehen will. Es will schon verdient sein, sonst findet kein Genuss statt. Und das macht das Tauschen nicht gerade einfacher.

„Umständlich und zeitraubend“ muss der Kaufwillige darauf sinnen, Geld für seine Arbeit oder sein Produkt zu interessieren. Und dafür reicht es nicht, Nützliches zu bieten. Leute, die nützliche Arbeit verrichten können und Fabriken, die stillstehen, kommen nicht zusammen, weil Geld fehlt. Ernten müssen immer wieder vernichtet werden, damit sie die Geldpreise nicht verderben. „Tauschmittel“ ist das Geld nämlich bloß, wenn beim Verkauf Geld verdient wird. Solche Transaktionen erleichtert echtes Geld ungemein; auf der anderen Seite unterbleibt mancher Austausch noch so nützlicher Sachen, wenn an ihnen nichts verdient ist.

Die schönste Geldfunktion ist die, es gar nicht zu benutzen …

3. Als Wertaufbewahrungsmittel: damit man es behalten kann

„Ein weiterer Vorteil des Handels Ware gegen Geld ist: Niemand muss dabei erworbenes Geld sofort wieder gegen andere Ware eintauschen. … Geld ist also auch ein Wertaufbewahrungsmittel.“

Schon wieder so ein Vorteil, den man bloß sucht, weil es ums Geld geht. Nur wenn für jeden Wunsch, den man sich erfüllen möchte, klingende Münze auf den Tisch muss, entsteht das Bedürfnis, den Stoff vorrätig zu halten, mit dem man gar nichts anderes anfangen kann, als ihn auszugeben.

Ein Vorteil des Geldes für die Leute, die tauschen, weil sie auf Güter und Dienstleistungen scharf sind, ist also gar nicht so ohne weiteres abzusehen. Sie müssen es benutzen, weil man in einer Geldwirtschaft gar nicht anders an die Sachen rankommt. Vorteilhaft wirkt Geld nur, wenn man sich die Sache entsprechend zurechtlegt: Man denke sich von der Geldwirtschaft das Geld weg und frage sich, ob Tauschen dann noch ginge, so wie man sich etwa ein Auto ohne Räder vorstellen kann (wenn man unbedingt will), das dann natürlich nicht fährt. Beweisen tut das gar nichts, vor allem gibt es keinerlei Auskunft, ob man Autos bzw. Geld nun gut oder schlecht finden soll. Für die Geldwirtschaft ist Geld gut, lautet der Beweis. Für die Benutzer braucht die VWL keinen Beweis – für sie läuft der ganze „Vorteil“ darauf hinaus, dass es Geld gibt. Wohl dem, der es hat!

Was ist wozu gut?

Darin, dass sie diese Frage an jeden Gegenstand heranträgt, kommt die moderne Wissenschaft sich ungemein praktisch vor. Nur lassen sich ihre Antworten in dem Satz zusammenfassen, dass „der Mensch“ vom Geld bis zum Gottesdienst alles braucht, was er hat. Diese Auskunft ist zwar auch zu etwas gut – nämlich dafür, sich auch theo­retisch einleuchten zu lassen, was man praktisch ohnehin tut –, aber trotzdem falsch. Was weiß die Wissenschaft denn über den nützlichen Charakter von Gott & der Welt, den sie dauernd beschwört?