Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Vorwort


Das Studium – Wie Leute mit der Wissenschaft umgehen, für die sie ohne Zweifel von Nutzen ist.

Die kritische Frage, ob die Elaborate der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften nützliches, und ob sie überhaupt Wissen sind, findet kein Gehör bei der Zielgruppe, an die sie sich zu aller erst richtet: bei den bestallten und den werdenden Wissenschaftlern dieser Fächer. Die Studenten geben ihrem Fach einen riesigen Bonus, der durch nichts als die gesellschaftliche Anerkennung begründet ist, die es genießt: Das ist die hohe Wissenschaft! Man selbst hat genug Schwierigkeiten, mitzukommen und sieht sich zu einer beurteilenden Meinungsbildung weder im Stande noch befugt. Die Dozenten setzen auf das Prestige ihrer Branche, pochen auf Respekt und fordern Nachvollzug. Die hohe Meinung von der Wissenschaft, die kritische Prüfung überflüssig macht, ruht auf seinem sicheren Fundament: Was immer es mit den Sozialwissenschaften im Einzelnen auf sich haben mag, wozu immer sie gut sein mögen, oder nicht; eines steht fest: Nützlich ist diese Wissenschaft für die Stellung in der Erwerbsgesellschaft, für Einkommen und Sozialprestige dessen, der sie sich aneignet. ‚Nicht fürs Leben, fürs Examen lernen wir!‘, denn ein Examen eröffnet den Zugang zu den höheren Rängen unserer ziemlich ungleichen Gesellschaft. In der Prüfung wird vom Studenten eine gewisse Bekanntschaft mit den Theorien seines Fachs erwartet, die Fähigkeit, sie auf Abruf zu reproduzieren und irgendwie auf die Wirklichkeit anzuwenden. Also besteht „studieren“ für ihn darin, genau diese Leistung zu bringen. Lehrende und Lernende entsprechen ihrem gesellschaftlichen Auftrag und tun, was die Karriere verlangt, wenn sie sich höchst affirmativ und unwissenschaftlich auf Wissenschaft beziehen.

Studenten lernen wissenschaftliche Theorien wie vorher als Schüler Jahreszahlen, Vokabeln und die Elemente des Periodensystems – nämlich, so gut es geht, auswendig. Sie versuchen, sich die großen Namen und das Nacheinander der „Schulen“ ihrer Disziplin zu merken und bitten die Professoren um Hilfestellung bei ihrem Bemühen, sich in die Weltsicht des Faches hineinzufinden: Wie man sich das Gelehrte vorstellen solle, ob es nicht plausibler und vielleicht mit einem Beispiel zu haben wäre – das sind die kritischen Nachfragen, die den akademischen Dialog in Vorlesungen und Seminaren lebendig machen. Diese Fragen verraten einerseits, dass es für Neulinge gar nicht leicht ist, sich den gegenüber der mitgebrachten polit-moralischen Weltanschauung fremdartigen Sichtweisen der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer anzuschmiegen. Dieselben Fragen verraten aber auch, dass es den Studenten genau darum und um sonst nichts zu tun ist. Sie streben danach, so zu denken wie der Professor und wie er die Welt als Fall der jeweiligen Fachsicht zu deuten. Das nennen sie dann ein „Beherrschen der Wissenschaft“.

Studentische Kritik klagt die Schwierigkeiten an, die dem Nachwuchs bei diesem Geschäft gemacht werden. Wenn es an Büchern in den Bibliotheken, an leicht fasslichen Aufbereitungen des Stoffs und didaktischen Qualifikationen auf Seiten des Lehrpersonals fehlt; wenn Theorien Anschaulichkeit und Praxisnähe vermissen lassen, dann nimmt der Stundentenvertreter kein Blatt vor den Mund. Zu solchen Vorwürfen weiß er sich berechtigt. Eine Frage aber stellt weder er noch sonst jemand im Universitätsbetrieb: Ob das Zeug überhaupt stimmt, das man sich als „Stoff“ mit möglichst geringem Aufwand einverleiben möchte. Diese Frage trägt ja auch wirklich nichts zum Prüfungswissen bei. Wer sie stellt, fällt auf die Nerven, stört den Betrieb, und bekommt das auch gesagt. Im günstigsten Fall wird dem Störer höflich beschieden, dass er mit seiner vielleicht ja berechtigten Frage zum falschen Zeitpunkt kommt – das allerdings immer! Die Novizen, heißt es da, müssen das Fach erst einmal kennen und „verstehen“ lernen; sie können noch nicht prüfend darüber nachdenken – als ob das Kennenlernen von Gedanken etwas anderes wäre, als sie nach zu denken. Die höheren Semester aber „verstehen“ schon zu gut; sie haben sich in die Sichtweise des Fachs eingehaust, müssen sie nun „auf die Empirie anwenden“ und „im Stoff weiterkommen“; fundamentale Fragen nach der Wahrheit des ganzen „Ansatzes“ kommen jetzt zu spät. Bewertung und Kritik von Theorien, wie sie im Oberseminar berechtigt und erwünscht ist, hat vom Standpunkt des Faches auszugehen. Für eine prüfende Distanz zu diesem Standpunkt selbst gibt es im ganzen Studium keinen Platz.

Dabei wäre das die einzig angemessene Haltung gegenüber der Wissenschaft. Immerhin sind die an den Universitäten gehandelten Lehrgebäude die Gedanken – und zwar die gültigen, verbindlichen –, die sich die heutige Menschheit über sich und ihr soziales Universum macht. Auf was sonst sollte es bei Gedanken ankommen, wenn nicht darauf, dass die Erfahrungen, die alle machen, in ihnen begriffen, dass facts & figures auf ihre wahren Gründe zurückgeführt, in ihrem Was und Warum gewusst werden? Genau genommen gibt es da gar nichts zu memorieren; alles muss der Interessierte selbst begreifen, d.h. sich selbst erklären. Vorliegende Theorien sind ein Hilfsmittel dafür, aber nur, wenn sie prüfend nach-gedacht werden. Ganz unbekannt ist das ja nicht. Als Ideal wird diese Stellung zur Theorie an einer Universität in Ehren gehalten, deren Praxis damit nichts, aber auch gar nichts zu tun hat: „Philosophie kann man nicht lernen, man muss sie schon selbst betreiben!“ – diesen schönen Spruch lernen Studenten auswendig wie tausend andere Spruchweisheiten, wenn sie denn zum Kanon des Fachs gehören, den man für die Prüfung kennen sollte. So viel Philosophie haben sie dann aber alle drauf, dass sie wissen, dass ihr archivarisches Pauken von – einander auch noch widersprechenden – Theorien in Ordnung geht. Denn zuverlässiges Wissen, das wissen auch ganz junge Studenten zuverlässig, darf von der Wissenschaft nicht erwartet werden. Alle Theorie ist Meinung und Interpretation, die mehr mit den Interessen und Vorurteilen des „Erkennenden“ als mit der Sache zu tun hat, die er erkennt. Ausgerüstet mit der apodiktischen Wahrheit, dass es Wahrheit nicht gibt, fragen sich Studenten noch nicht einmal, warum sie sich dann die unverbindlichen Einfälle, theoretischen Marotten und fragwürdigen Versuche anderer Leute antun müssen – bloß subjektive Meinungen haben sie ja selber schon! Sie trösten sich lieber damit, dass sie ja nicht unbedingt glauben müssen, was sie sich in ihren Kopf packen. Sie erklären ausgerechnet im Bewusstsein ihrer Geistesfreiheit die Prüfung der angebotenen Gedanken für überflüssig. Manipulieren und indoktrinieren lassen sie sich nämlich von niemandem – auch nicht vom Dozenten. Misstrauisch bis ablehnend werden sie allenfalls gegen Leute, die überzeugend sein und zwingend argumentieren wollen. Was ihnen dagegen als Angebot unter vielen, als bescheidene Sichtweise und ganz gewiss zu kurz greifender Ansatz angeboten wird, übernehmen sie bereitwillig. Der mentale Vorbehalt, dass man ja nur für die Prüfung lerne und sich eine eigene Meinung vorbehalte, stellt sich spätestens nach der Hälfte des Studiums als selbstgefällige Einbildung heraus: Dann nämlich denken alle Studierten der Nation ziemlich ähnlich, etwa so wie es ihre akademischen Lehrer vorgemacht haben. Etwas anderes als deren Lehren, die sie erklärtermaßen ungeprüft nachbeten, haben sie nie gelernt. Die angeblich nur examenshalber übernommenen Sichtweisen und Interpretationsmuster sind die einzigen, die sie haben – und die sitzen so fest, sind so absolut und verbindlich, wie es kein dogmatisches Lehrgebäude und keine Gehirnwäsche hingekriegt hätten.

Es ist schon eigenartig. Keine vorkapitalistische Gesellschaft hat umfassend Wissenschaft betrieben und einen größeren Teil der Jugend mit Wissen bekannt gemacht. Die unsere tut es – aber auf eine Weise, dass einer schon seine studentischen Berufspflichten hintansetzen muss, wenn er sich mit der Wissenschaft wissenschaftlich befassen will. Er muss sein demokratisches Recht auf eine freie Meinung ausschlagen, die selbstgefällige und selbstgenügsame Geistesfreiheit fade finden und sich dafür die wirkliche Freiheit nehmen, nur das als einen gültigen Gedanken zu akzeptieren, was Argument und Notwendigkeit für sich hat.

Die folgenden Abhandlungen sind ein Hilfsmittel für diese Prüfung. Sie stellen die Grundgedanken, Argumente und Strickmuster einiger wichtiger Fachwissenschaften vor, – Prinzipien, über die sich die pluralistischen und konkurrierenden Vertreter dieser Fächer unbeschadet ihrer Unterschiede einig sind. So uferlos wie die Regale mit ihren Schriften sind die Gedanken der Universitätswissenschaftler nämlich nicht. Wenn erst klar ist, wie es um die Argumente dieser Fächer und ihre Rationalität bestellt ist, erschließt sich die Art des Nutzens, den sie der Gesellschaft stiften, wie von selbst.