Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Die Vertragstheorie des Thomas Hobbes: Pack schlägt sich – Pack verträgt sich

„Nach der Fiktion des Naturzustandes wird er um der Übel willen, die er mit sich führt, verlassen, was nichts anderes heißt als: es wird vorausgesetzt, wohin man gelangen will …“ (Hegel)

I. Das „Erkenntnisinteresse“

Als wollte er gleich von vorneherein alle Sekundärliteraturschreiber Lügen strafen, die seine Theorie als „Ausdruck seiner Zeit“ verständnisvoll einordnen, hat Thomas Hobbes in aller Deutlichkeit aufgeschrieben, was für Schlussfolgerungen er aus „seiner Zeit“ gezogen hat. „Wenn der Krieg mit den Schwertern und der Krieg mit den Federn kein Ende nimmt … so (ist) dies ein deutliches Zeichen, dass die bisherigen Schriften der Moralphilosophen zur Erkenntnis der Wahrheit nichts beigetragen haben.“ „Wenn die Verhältnisse der menschlichen Handlungen mit Gewissheit erkannt worden wären …, so würden Ehrgeiz und Habgier gefahrlos werden, da ihre Macht sich nur auf die falschen Ansichten der Menge über Recht und Unrecht stützt …“ (de cive, Widmung) Es herrscht Bürgerkrieg, und Hobbes’ Diagnose ist so beschaffen, dass überhaupt nur seine Therapie dafür in Frage kommt: Der Krieg beweist ihm die Unzulänglichkeit der Staatstheorie. Deren Wahrheit hat ihr Kriterium im Frieden. Wenn Wahrheit Ehrgeiz, Habgier und falsche Ansichten tilgen soll, die angeblich am Krieg schuld sind – meint er umgekehrt mit ‚Falschheit‘ nichts Theoretisches: Sie besteht darin, den Frieden zu stören. Das tun besagte ‚Ansichten‘ schlicht dadurch, dass sie sich überhaupt ein privates Urteil über „Recht und Unrecht“ anmaßen: „… niemand (hat) über die Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit, über die Güte oder Schlechtigkeit möglicher Handlungen Untersuchungen anzustellen, als die, denen der Staat die Auslegung seiner Gesetze übertragen hat. Damit würde sicherlich nicht bloß die königliche Straße zum Frieden, sondern zugleich auch die dunkeln und düstern Seitenwege zum Aufruhr klargelegt werden …“ (ebd.) Damit ist einerseits klar, dass die Sicherheit, die Hobbes um des Friedens willen stiften möchte, keine theoretische ist. Das Bemühen um den Frieden fällt zusammen mit dem Bemühen, „die bürgerliche Gewalt zu fördern“ (Leviathan, S. 3). Andererseits leistet er sich den Widerspruch, eben dieses von ihm vorneweg als notwendig postulierte Resultat seiner Analyse – nur als absolute kann die Souveränität des Staats existieren – theoretisch ableiten zu wollen.

II. Das „Menschenbild“

Im Gegensatz zur religiösen Legitimation der feudalen Herrschaft als einer von „Gottes Gnaden“ konstruiert Hobbes ein Staatsmodell gemäß der Beschaffenheit von dessen „Elementen“, den Menschen. Ausgerechnet das hat ihm das Etikett „empirische Staatswissenschaft“ eingetragen, sehr zu „Unrecht“. Einfach die ‚Erfahrung’ des Kampfs zwischen Cromwell und Charles I. um die Staatsgewalt zum Ausgangspunkt genommen, hätten sich ja wohl andere Schlüsse ,ergeben’ als ausgerechnet der, der Mensch kämpfe mit sich und bräuchte deshalb dringend einen Staat. Hobbes konstruiert sich seinen Menschen entsprechend diesem Beweiszweck. Erstens soll er als wesentliche Bestimmung an sich haben, ein „bewegter Körper“ zu sein, und als bloßes Naturwesen keinen freien Willen haben – „Begehren oder Abneigung (wird) von den gewünschten und verabscheuten Dingen selbst hervorgebracht“ (de homine, 21). Der Wille wird zum Produkt der äußeren Natur erklärt, so geleugnet und zugleich unterstellt: Gemäß seiner (Bewegungs-)Natur strebt der Mensch nach allem, was ihm nutzt und vermeidet alles, was ihm schadet. Ausgerechnet daraus soll sich ein Gegensatz der Menschen ergeben, der sie dazu nötigt, einen „Krieg aller gegen alle“ zu führen. Hobbes führt dafür folgende Begründung an. „Sooft daher zwei ein und dasselbe wünschen, dessen sie aber beide nicht zugleich teilhaftig werden können, so wird einer des anderen Feind, und um das gesetzte Ziel, welches mit der Selbsterhaltung immer verbunden ist, zu erreichen, werden beide danach trachten, sich den anderen entweder unterwürfig zu machen oder ihn zu töten.“ (Leviathan, 154) Es mag ja sein, dass um die gewünschte Sache Streit entbrennt. Allerdings verweist das auf die Mittel der Bedürfnisbefriedigung und nicht auf einen grundsätzlichen Gegensatz der Bedürfnisse. Das Bedürfnis selber ist ja gar nicht so beschaffen, dass es zum Ziel hätte, dem anderen etwas streitig zu machen – es hat sein Maß sowohl qualitativ wie quantitativ in sich – sonst gäbe es gar keine Bedürfnisbefriedigung. Wenn es wie hier zum Streit kommt, dann liegt es daran, dass dieses umstrittene Gut nicht in genügender Anzahl produziert wurde; die Konsequenz, Mord und Totschlag, ist also auch alles andere als selbstverständlich. Aber gerade auf diesem grundsätzlichen Gegensatz der Leute will Hobbes augenscheinlich beharren und spinnt den Gedanken weiter: „Bei dieser großen Furcht, welche die Menschen allgemein gegeneinander hegen, können sie sich nicht besser sichern, als dadurch, dass einer dem anderen zuvorkommt und solange fortfährt, durch List und Gewalt sich alle anderen zu unterwerfen, als noch andere da sind, vor denen er sich zu fürchten hat.“ (ebd. 114) Schon geht es gar nicht mehr um bestimmte Engpässe der Bedürfnisbefriedigung, sondern jeder sieht sich mit dem mordenden Nachbarn konfrontiert und mordet prophylaktisch selber. Ziemlich absurd ist diese Konstruktion schon, vor allem da Hobbes sie aus dem Bedürfnis nach Selbsterhaltung abgeleitet haben will – von der bleibt jedenfalls nicht viel übrig. Um seiner Idee etwas mehr Plausibilität zu verleihen, verweist er wechselweise auf Kain und Abel, verfeindete amerikanische Familien und seine Zeitgenossen, die Türen und Schränke verschließen, wenn sie sich schlafen legen. Der Verweis auf das Faktum der Gewalt belegt nun in keinster Weise die Schlussfolgerung, die Hobbes damit nahelegen möchte, dieses begründe sich aus der Natur des Menschen. Dass es Gewalt gibt, ist gerade keinerlei Auskunft darüber, woran das liegt. So lässt Hobbes dann auch den Schein gänzlich fallen, seine Überzeugung, der Mensch sei von Natur aus schlecht, hinge an irgendwelchen Gründen, die er dafür gefunden hätte. „Wenn der Mensch aber Muße und Vermögen im Überfluss hat, ist er am unleidlichsten“ (ebd. 154), oder „Die Natur hat den Menschen zu ungesellig gemacht und sogar einen zu des anderen Mörder bestimmt.“ (ebd. 116) So qua Natur zum Bösen getrieben, treibt es ihn jetzt auch noch zur Vernunft. „Die Leidenschaften, die die Menschen zum Frieden unter sich geneigt machen können, sind die Furcht überhaupt und insbesondere die Furcht vor einem gewaltsamen Tod; ferner das Verlangen nach den zu einem glücklichen Leben erforderlichen Dingen und endlich die Hoffnung, sich diese durch Anstrengung wirklich zu verschaffen.“ (ebd. 118) Es stimmt ja, dass nach dem Hobbes’schen Mord und Totschlag niemand mehr am Leben bleibt und Güterproduktion schon gar nicht mehr stattfindet. Bloß wieso sollte das seinen Menschen irritieren, der doch gerade aus Gründen der Selbsterhaltung auf diese Mittel verfallen ist? Der Trick der Argumentation besteht darin, dem Menschen zunächst den Krieg als notwendiges Mittel seines Materialismus anzudichten, um dann aus der Konsequenz – dabei fällt der Materialismus unter den Tisch – das genau entgegengesetzte Bedürfnis nach Frieden hervorzuzaubern. Wenn allerdings der Krieg seinem Materialismus widerspricht, kann er nicht wegen ihm notwendig gewesen sein; umgekehrt, wenn die Leute schon von Natur aus das Bedürfnis zu töten haben sollen, wieso sollte es sie dann stören, dass dabei ihr Materialismus auf der Strecke bleibt. Den Willen zugleich als mordlüstern und vor der Konsequenz zurückschreckend zu behaupten, geht eben nicht.

III. Der „Herrschaftsvertrag“

Warum sich Hobbes den Menschen so kon­struiert, ist allerdings auch kein Rätsel, möchte er doch aus ihm das Interesse an einer Staatsgewalt ableiten, die ihn maßregelt und zugleich in seinem Interesse begründet ist. Dieses Anliegen hat den Widerspruch an sich, dass Staatsgewalt ja gerade besagt, dass sie sich nicht vom Interesse und der Einsicht der Bürger abhängig macht, sonst wäre Gewalt überflüssig. Entsprechend widersprüchlich sieht auch das Bedürfnis der Hobbes’schen Menschen nach einer Staatsgewalt aus. Es entsteht das „Verlangen, sich selbst zu erhalten, … aus dem elenden Zustand des Krieges aller gegen alle gerettet zu werden.“ (ebd. 151) „Die Vernunft liefert uns einige zum Frieden führende Grundsätze …“ (ebd. 118) Was ihn zum Bösen treibt, treibt ihn dann auch wieder zum Guten! Dieser Widerspruch ist jetzt unbedingt fällig, denn ohne ‚Vernunft’ mit dem Inhalt ‚ein Staat muss her, um mich zu zähmen’ einigen sich die Hobbes’schen Menschen ja nie – schon gar nicht darauf, einen Staat „per Vertrag“ gründen zu wollen. Denn an seine höchst vernünftigen Grundsätze soll er selbst nicht in der Lage sein, sich zu halten; deswegen schafft er sich eine staatliche Instanz, die ihn dann per Gewalt genau dazu zwingt, woran ihn sein böses Ich immer hindert.

IV. Der „Leviathan“

Damit ist aber noch lange nicht Friede, Freude, Eierkuchen ausgebrochen: Wenn sie alle ‚vernünftig’ wären, ergäbe sich ja wieder die Notwendigkeit der absoluten Gewalt nicht! Hobbes konzediert also „ein bisschen Frieden“ und ‚Vernunft’, die gerade zum Vertragsschluss hinreicht, um sie dann sofort wieder zu dementieren. Die Vertragsschließer bleiben Wölfe, die sie sind: „Was Wunder also, wenn bei diesen (Menschen) für die beständige Dauer der Eintracht außer den Verträgen noch etwas mehr erforderlich ist, nämlich eine allgemeine Macht, die jeder einzelne fürchtet.“ (ebd. 154) „Verträge sind nur Worte und haben keinerlei Kraft, die Menschen zu verpflichten, … es sei denn, sie stützten sich auf das öffentliche Schwert.“ Freundlicherweise schreibt Hobbes den Zirkel seines Vertragsgedankens auch noch explizit auf: Dieser Vertrag ist nur möglich, wenn die Gewalt, die aus ihm entstehen soll, jeden dazu zwingt, sich an den Vertrag zu halten, also vorher schon existiert. Auf Widersprüche darf’s nicht ankommen, wo auf Teufel komm’ raus die Willensaufgabe der Bürger als ihr Willensakt legitimiert werden soll. Ein dem Staat entgegenstehender Wille wird mit dem Abschluss des Herrschaftsvertrags = Unterwerfungsvertrags von Hobbes zur logischen Unmöglichkeit erklärt: Er ist ihr politischer Wille „… und was dieser (der Bürger) gegen die höchste Gewalt unternimmt, unternimmt er gegen sich selbst.“ (Leviathan, 197) Es ist fast wie im modernen Rechtsstaat: Die Betätigung des Willens ist erlaubt, soweit es den Staat nicht tangiert. Auf die freiwillige Unterwerfung mochte Hobbes nicht vertrauen. Das sieht ihm die demokratische Rechtsphilosophenzunft gerne nach, bestreitet sie doch mit den Einsichten aus II. und III. mehr oder weniger ihre wichtigste Abteilung: Legitimation von Herrschaft.