Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Sprache als Kommunikation

Mit den Befunden von 200 Jahren Sprachwissenschaft hat sich die moderne Linguistik nicht zufrieden geben wollen. Nicht, dass sie an den Erkenntnissen klassischer Sprachforschung irgendeinen Fehler entdeckt hätte; sie kreidet den „traditionellen Ansätzen zur Erfassung sprachlicher Phänomene“ vielmehr an, nicht ihre zeitgemäße Perspektive zu teilen, weil „man das Besondere und Kennzeichnende der Sprache (erst) dann besonders klar herausarbeiten (kann), wenn man sie auf dem Hintergrund der Kommunikation überhaupt sieht.“ (Lehrgang Sprache – Einführung in die moderne Linguistik, S.  3) Und diese linguistische Sichtweise lässt in der Tat Sprache in einem ganz neuen Licht erscheinen.

Denn, wussten Sie schon,

  • dass beim Sprechen „Information, d.h. etwas mitgeteilt wird“? (a.a.O., S.  4) Wo Sie doch sicher bislang dachten, wenn zwei miteinander sprechen, dann hätten sie sich nichts zu sagen;
  • dass „Informationsübermittlung (nur) zwischen Einheiten (geht), die in der Lage sind, Informationen abzugeben oder aufzunehmen“? (a.a.O., S.  4) Wie leicht man sich doch täuschen kann und glauben, dass auch diejenigen sich unterhalten können, die dazu gar nicht in der Lage sind;
  • dass es eine „materielle Verbindung“ zwischen Sprechenden geben muss, die „Signale vom Sender zum Empfänger übertragen kann“? (a.a.O., S.  5) Dass sie also von Glück reden können, dass die Luft nicht nur zum Atmen, sondern auch zur Übertragung von Schallwellen taugt. Das halten Sie für trivial? Sie sind wohl kein Linguist! Dann wüssten Sie, dass Sie es hier nicht mit Trivialitäten, sondern mit dem „einfachen Kommunikationsmodell” zu tun haben, das die „Strukturen und Bedingungen kommunikativer Prozesse verschiedener Art beschreiben kann.“ (a.a.O., S.  3)

Sender grüßt Empfänger …

Kommunikation ist Informationsübermittlung zwischen Einheiten, die in der Lage sind, Informationen abzugeben und/oder aufzunehmen. Die Richtung der Informationsvermittlung bestimmt, welche dieser Einheiten Sender SE oder Empfänger E ist.“ (a.a.O., S.  4)

Dasselbe mit Pfeil:

A            Kanal           B
SE ------- SIG ------- > E

Was ist das vom Linguisten entdeckte Gesetz jedweder Mitteilung (lat. communicatio)? Erstens, Kommunikation ist möglich, wenn alle Voraussetzungen existieren, damit es sie geben kann; einen „Sender“, einen „Empfänger“, eine „materielle Verbindung“, einen „Kanal“, eine „Richtung“ usw.; sind diese Voraussetzungen zweitens gegeben, dann klappt die Kommunikation. Was kann man dieser Mitteilung der linguistischen Wissenschaft entnehmen? Wenig über die Sprache, dafür aber viel über das theoretische Anliegen der Kommunikationswissenschaft: ihre Gedanken sorgen sich um das Gelingen von Kommunikation; und das ist etwas ganz anderes, als die formellen Seiten des Vorgangs zu beschreiben und zu erklären, wenn sich Menschen mittels der Sprache ihre Erfahrungen, Gedanken, Ansichten oder Ansprüche mitteilen:

  • Während in der wirklichen Welt die praktizierte Absicht eines Menschen, einem anderen etwas mitzuteilen, ihn zum ,,Sender“ und den anderen zum „Empfänger“ macht, also die „Richtung“ der Kommunikation festlegt, stellt das Modell den Vorgang auf den Kopf: die „Richtung“ der Kommunikation, die doch wohl schon einen Mitteilenden und einen Adressaten der Mitteilung voraussetzt, sonst gäbe es sie gar nicht, soll hier erst festlegen, wer „Sender“ und „Empfänger“ ist. Eine logische Unmöglichkeit, der ein Kommunikationswissenschaftler einfach mit einem dahingemalten Pfeil im Modell zu Plausibilität verhelfen will.
  • Während in der wirklichen Welt der Ausgangspunkt jedweder Mitteilung ist, dass ein Mensch einem anderen entweder etwas mitteilen will, was der nicht weiß, oder ihn zu etwas bewegen will, was er (noch) nicht macht oder machen will; während also jeder Mitteilung eine Differenz zwischen dem Mitteilenden und dem Adressaten der Mitteilung zugrunde liegt; und während darüber hinaus mit dem Stattfinden der Mitteilung überhaupt erst die Frage gestellt ist, ob der übermittelte Inhalt dem „Empfänger“ entspricht, verwandelt die Kommunikationswissenschaft dieses Verhältnis in einen Akt wechselseitigen inhaltsleeren Entsprechens der an der Mitteilung Beteiligten: der Adressat heißt deswegen bei ihr „Empfänger“ und macht nichts anderes, als (wie ein Radio) zu empfangen, was der Mitteilende aussendet; und der Mitteilende heißt „Sender“ und ist durch nichts anderes definiert, als dass er (wie ein Sendeturm) aussendet, was der „Empfänger“ empfängt. Eine gelungene Tautologie, die auch nicht überzeugender wird, wenn der Kommunikationswissenschaftler ein Sender- und Empfängerkästchen mit einem Pfeil aufs funktionellste miteinander verbindet.
  • Während in der wirklichen Welt der Adressat, an den eine Mitteilung gerichtet wird, die Freiheit hat, diese zur Kenntnis zu nehmen oder auch nicht, die in ihr geäußerten Gedanken, Absichten oder Interessen zu akzeptieren oder zurückzuweisen, sieht das „Modell“ dies ganz anders; den Adressaten definiert es als passiven „Empfänger“ der Mitteilung, und mit geglücktem Sendeempfang sei eine „Kommunikationsgemeinschaft“ realisiert; auch und gerade dann, wenn Mitteilender und Adressat Verfechter sich ausschließender Interessen sein mögen, als „Sender“ und „Empfänger“ sieht der Linguist sie auf gleicher Wellenlänge.

Einerseits handelt es sich also beim „einfachen Kommunikationsmodell“ um ein sehr weltfremdes Ideal; weltfremd, weil der Linguist das bloße Faktum, dass man spricht, zum Beleg realisierter Verbundenheit der Beteiligten macht, einer Verbundenheit, die er sich ganz leer als schiere Entsprechung von „SE“ und „E“ denkt; andererseits um ein sehr totalitäres Ideal, das als innerstes Geheimnis und unumgängliches Gesetz jedweder Mitteilung entdeckt haben will, dass Leute, die sprechen, sich damit – ganz ungeachtet ihres Willens und dessen, was sie sich mitzuteilen haben – je schon in einer prinzipiellen „SE“-„E“-Gemeinschaft (lat. ebenfalls: communicatio) eingebunden finden, um die sie nicht herumkommen.

Einerseits ist mit dem „einfachen Kommunikationsmodell“ die linguistische Sichtweise fertig. Andere Gedanken als solche, die sich um das Gelingen der „Kommunikationsgemeinschaft“ sorgen, sind nicht zu erwarten. Andererseits geht jetzt die Konstruktion „erweiterter Modelle“ erst so richtig los. Denn wer das Ideal der Zusammenstimmung von „SE/E“ zum Glaubenssatz seiner theoretischen Aussagen erhebt, den überkommen naturgemäß Glaubenszweifel. Natürlich nicht hinsichtlich der intellektuellen Leistung seiner Gedanken, sehr wohl aber an der Tauglichkeit der Sprache, ob diese dem linguistischen Ideal von einem ,,Kommunikationsmittel“, das die fraglose Übereinstimmung von ,,SE/E“ auch zu garantieren vermag, nachkommt:

Unsere tägliche Erfahrung ist, … daß die Gesprächspartner mehr oder weniger ‚aneinander vorbeireden’. Denn wenn Sprecher wie Hörer mit einer Äußerung neben konventionell festgelegter auch individuelle Information verbinden, dann können sie nie ganz sicher (!) sein, ob sie sich vollständig (!) ‚verstanden’ haben, ob also der Hörer die Äußerung so interpretiert, wie der Sprecher sie gemeint hat.“ (a.a.O., S.  20)

Widersprüche wie der, dass der Kommunikationswissenschaftler seine Bezweiflung der Tauglichkeit der Sprache als Kommunikationsmittel in der sicheren Gewissheit hinschreibt, dass der Leser diese seine Mitteilung „vollständig versteht“, sind offenbar das passende Mittel für den Ausbau des Modells; nämlich die Konstruktion von zig scheinobjektiven Bedingungen, die ein Linguist erfindet, damit in seinen Augen das Gelingen von „Kommunikation“ zu einer objektiven, allem subjektiven Wollen vorausgesetzten Notwendigkeit wird. „Irgendwie (!) muß geregelt sein, daß ein Signal dem Empfänger die Information vermittelt, die der Sender auch senden wollte. Ohne eine solche (!) Regelung kann offenbar Kommunikation nicht stattfinden.“ (a.a.O., S.  2) Und dass die Leute jeden Tag millionenfach „kommunizieren“, beweist dem Linguisten, dass „offenbar“ eine „solche Regelung“ existiert, ebenso wie „ernsthafte Kommunikationsschwierigkeiten“ bei ihm Zweifel an deren Perfektion aufkommen und ihn darauf sinnen lassen, ob nicht zusätzliche „Regeln“ zu konstruieren wären  …

Ideologische Botschaft empfangen?

„Einfaches“, „erweitertes“ oder „allgemeines Kommunikationsmodell“ – der Ertrag des Modells ist allemal ein ideologischer. Der Linguist betrachtet die Sprache als möglichen Garanten von Übereinstimmung, die unabhängig von allen mitgeteilten An- und Absichten durch die Sprachform ihrer Mitteilung gegeben sein sollte. Sein inhaltsleeres, dafür umso umfassenderes Ideal von Einigung verrät sein Problem, das er mittels der Sprache gelöst sehen möchte. Es besteht in der Existenz von Differenzen und Gegensätzen in der Gesellschaft, die ein Linguist aber überhaupt nicht thematisiert. Er untersucht weder die Sprache, noch bestimmt er die gesellschaftlichen Gegensätze, deren Gegensatzhaftigkeit ihm ein Dorn im Auge ist, sondern konstruiert am Thema Sprache ein Ideal von Einigkeit und Einigung, das gesellschaftliche Gegensätze unterstellt und im Kommunikationsmodell zugleich für unnötig erklärt: Sprache kann man sich als Prozess der Herstellung von Übereinstimmung denken, verkündet er – ganz so als wären die – zweifellos auch mit sprachlichen – Mitteln ausgetragenen Gegensätze bloße Missverständnisse, die sich nicht gegensätzlichen Interessen und Mitteln, sondern bloßen Störungen beim Mitteilen verdanken.

Weder die Analyse der Sprache, noch der gesellschaftlichen Gegensätze, sondern der vorwissenschaftliche Standpunkt des Staatsbürgers und Patrioten lässt einen Linguisten angesichts der Kollissionen in der Welt auf das Ideal kommen, all die bemerkten Konfrontationen könnten „eigentlich“ doch auch schiedlich-friedlich verlaufen. Sein demokratisches Harmonieideal übersetzt er in eine Quasigesetzlichkeit funktionierenden Sprachgebrauchs. Der leitende Maßstab seiner kommunikationstheoretischen Konstruktionen ist die Vorstellung, gesellschaftliche Gegensätze verdankten sich möglicherweise einer mangelnden Leistungsfähigkeit der Sprache als Einigungsgarant, der sie doch sein sollte. Und die gewusste Haltlosigkeit seiner Gleichung von Sprechen und Sich-Entsprechen macht er für die Fortentwicklung seiner Theorie fruchtbar, indem er die Fahndung nach Bedingungen einleitet, unter denen – vielleicht – die Sprache die Einigkeitsgarantie sein könnte, die sie nicht ist. Über die Qualität der Sprache, die sie zur Übermittlung ideeller Inhalte tauglich macht, weiß er damit ebenso wenig wie über die gesellschaftlichen Gegensätze, die er immerzu im Hinterkopf hat. Aber er weiß alles besser: Bei letzteren kann es sich nur um „Kommunikationsschwierigkeiten“ handeln, die einerseits in der Sprache ihren unschuldigen Grund haben, andererseits also nicht sein müssten, wenn nur modellmäßig kommuniziert würde.

Auch eine Weise, diese unsere Welt zur besten aller möglichen zu verklären.