Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Sigmund Freud: Ein Verriss der Psychoanalyse

„Ich habe als junger Mensch keine andere Sehnsucht gekannt als die nach philosophischer Erkenntnis, und ich bin jetzt im Begriffe sie zu erfüllen, indem ich von der Medizin zur Psychoanalyse hinüberlenke. Therapeut bin ich wider Willen geworden.“ (VII, 39)

Das wäre das letzte, was sich heute ein Psychoanalytiker nachsagen ließe. Nicht widerwillig, sondern begeistert betreibt er sein Geschäft, dem nicht richtig tickenden Teil der Menschheit den Willen gegen das Funktionieren auszutreiben – schließlich hat er mit der therapeutischen „Technik“ Freuds den Neurotikern eine echte Hilfe anzubieten. Da die Menschenfreundlichkeit seiner Tätigkeit außer Frage steht, lässt er sich daher allenfalls zu einer Kritik der „philosophischen“ Abhandlungen Freuds herbei, mit denen er nichts zu schaffen haben will, weil sie als reaktionäre Schandflecken die Fortschrittlichkeit des Gesamtwerkes zwar nicht tangieren, aber doch verunzieren.

Gerade wer die segensreiche Hilfe der Freudschen Therapie hochschätzt, sollte dessen Sehnsucht nach philosophischer Erkenntnis Gerechtigkeit widerfahren lassen. Denn schließlich ließ sich Freud nicht etwa in seinen schwachen Stunden kulturpessimistisch gehen, sondern stellte seine menschenverachtende philosophische Neigung von Anfang an konsequent in den Dienst des Fortschritts. Als er bei seiner Praxiseröffnung in Wien hysterischen Damen lediglich mit Elektroschock und Hypnose dienen konnte, regte sich sein Widerwillen nicht etwa gegen die Brutalität solcher Behandlungsweisen, sondern gegen deren Ineffizienz:

„Verlässlich war das Verfahren nach keiner Richtung.“ (I, 432)

Mit diesem die herkömmliche Therapie lediglich im Resultat kritisierenden Urteil bezieht der Revolutionär in Sachen Psychologie positiv Stellung zu einer Behandlung der Seele, deren Brutalität sich als Elektrisieren, Einrenken oder Abhacken zur Wiederherstellung des kranken Körpers durchaus als zweckmäßig erwiesen hat. Er spricht nicht nur klipp und klar aus, dass er im Umgang mit Verrückten Gewalt für angebracht hält, sondern auch, wie er die Psychologie zu revolutionieren gedenkt, um mit den sich gegen solche Behandlung sträubenden Patienten erfolgreich fertig zu werden:

„Es fehlt die philosophische Hilfswissenschaft, welche für Ihre ärztlichen Absichten dienstbar gemacht werden könnte.“ (I, 46)

Anstatt wie bisher mit dem psychisch Erkrankten medizinisch zu verfahren und seinen Körper zu malträtieren, um die Seele zur Räson zu bringen, verzichtet Freud auf körperliche Gewaltanwendung und nimmt die Philosophie zur Hilfe, um die ganze Wucht seiner Therapie gegen die Seele zur richten.

Von wegen Hilfe

Die ärztlichen Absichten nutzbar gemachte Philosophie betrachtet die Verrücktheit vom Standpunkt der Medizin und erklärt sie zur „Störung der seelischen Funktionen“ (I, 46), von der die Psyche ebenso befallen wird wie der Körper von einer Krankheit. Mit dieser Verwandlung der Verrücktheit in eine Funktionsstörung abstrahiert Freud von dem Umstand, dass das Verrücken der objektiven Gegebenheiten in eine Welt der subjektiven Wünsche und Ängste, Einbildungen und Vorstellungen, mit dem der Verrückte sich von sich selbst abhängig erklärt und in sich selbst einspinnt, dem Willen des Neurotikers entspringt, nicht mehr funktionieren zu wollen. Weil Freud auf den Willen wie auf einen kranken Körper einwirken möchte, gelingt seinem philosophisch angehauchten Geist das Kunststück, „die Psychologie zu einer Naturwissenschaft wie jede andere auszugestalten“ (VI, 19), womit er seinen Gegenstand bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Dort, wo die Freiheit des Willens herrscht – und davon legt auch der Entschluss Zeugnis ab, sich unter dem freien Willen feindlichen Bedingungen nicht länger von den Kriterien der Vernunft, unter der heutzutage gemeinhin die Anpassung an diese Bedingungen verstanden wird, bestimmen zu lassen, sondern die Welt in der subjektiven, allerwillkürlichsten Vorstellung aufgehen zu lassen und so an sich anzupassen – „stellt“ Freud „Gesetze fest“ (I, 19), denen die Psyche gehorcht: das Bestreben, den Willen zu negieren, treibt ihn bereits 1895, die Dinglichkeit der Seele als Apparat zu veranschaulichen, wobei er seinem Konstrukt, das er im menschlichen Organismus zu lokalisieren versteht (wenngleich die „moderne Hirnforschung Freuds Modell nicht bestätigen konnte“ (VII, 41) ), nicht nur zwei „fundamentale Elemente“ – Neuronen (Verwandte des späteren ebenso energiegeladenen Orgon) – und „ein Operationsprinzip“, die „Abfuhr von Quantität“, zur Verfügung stellt, sondern auch die Schwierigkeit, „das Bewusstsein irgendwo unterzubringen“, behebt, indem er „eine dritte Klasse von Neuronen postuliert“ (VII, 47), so dass sich die Verrücktheit einwandfrei als Störung der „Ökonomie“ des Seelenenergiehaushalts ergibt. So ist die „philosophische Hilfswissenschaft‘‘ von vornherein darauf aus, eine Neurose wie ein Magengeschwür zu bekämpfen, weshalb die Anhänger Freuds, die darin eine Hilfe für den Patienten erblicken, sich und anderen das geheuchelte Erschrecken vor dem an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassenden Ideal der naturwissenschaftlichen Beeinflussung des Willens ersparen sollten, da sie die Therapie, die diesem Ideal verpflichtet ist, nicht verachten:

„Die Zukunft mag uns lehren, mit besonderen chemischen Stoffen die Energiemengen und deren Verteilungen im seelischen Apparat direkt zu beeinflussen. Vielleicht ergeben sich noch ungeahnte andere Möglichkeiten der Therapie; vorläufig steht uns nichts Besseres zu Gebote als die psychoanalytische Technik, und darum sollte man sie trotz ihrer Beschränkungen nicht verachten.“ (VI, 40)

Indem Freud beim Hinüberlenken zur Psychologie den ärztlichen Standpunkt nicht verlässt, sondern die Psychoanalyse unter der Fragestellung betreibt: Wie stelle ich die Funktionstüchtigkeit des Neurotikers wieder her? – abstrahiert er nicht nur davon, dass dieser sich verrückt gemacht hat und die Rückkehr zur Vernunft nur die Leistung seines Willens sein kann, sondern stellt von vornherein klar, dass seine Patienten das Gegenteil von ärztlicher Hilfe von ihm zu erwarten haben. Während nämlich eine organische Erkrankung vom Arzt behoben werden kann, weil er aufgrund der Kenntnis der Gründe der Funktionsstörung über Mittel verfügt, auf die organische Natur des Menschen heilend einzuwirken, muss die Beseitigung der Verrücktheit stets das willentliche Werk desjenigen sein, der sie sich zugelegt hat. Durch die Unterschlagung dieses gewaltigen Unterschieds räumt Freud – der seinen Patienten hilfreich erspart, gegen sich mit Hilfe der Vernunft aktiv werden zu müssen, um ihnen die Gewalt seines Willens aufzuzwingen – sich die Macht ein, gegen den Willen des Neurotikers mit der psychoanalytischen Abhacktechnik loszugehen, die den Willen zum Verrücktsein für nicht existent erklärt und ihm so den Willen zum Funktionieren aufoktroyiert, Radikaler noch als die Justiz, die den Missbrauch der Freiheit mit deren Entzug bestraft, ohne dabei die „Würde des Menschen anzutasten“, ahndet Freud die Verfehlung, nicht mehr funktionieren zu wollen, indem er den Verrückten den Willen aberkennt, weil für den Philosophen der Menschennatur Willen und Funktionieren identische Begriffe sind.

Die Abhängigkeit vom Arzt als Bedingung der Heilung

Wenn Freud eine Neurose wie eine organische Störung behandeln will, so tut er dies im vollen Bewusstsein des Unterschieds. Um „etwas beim Kranken zustandezubringen“ (I, 289), d.h. das Ideal eines funktionstüchtigen Menschen an ihm zu verwirklichen, ist er auf dessen Willen verwiesen, den er ihm abgesprochen hat, weil er sich mit „Leidenssymptomen“ für untauglich erklärt hat. Um dem „Patienten“ den Willen einflößen zu können, den Willen wiederherzustellen, muss dieser aus freien Stücken mit Beginn der „Kur“ sich in ein persönliches Abhängigkeitsverhältnis zu seinem Therapeuten begeben. Er muss mit dem Analytiker einen „Vertrag“ schließen, der ihm die „Verpflichtung“ (I, 289) auferlegt, sich allen Maßnahmen „zu fügen“ (I, 420). Um Hilfe zu erhalten, muss er einsehen, dass ihm – weil (!) fix und fertig – die „Selbständigkeit“ (I, 418) abgeht, weshalb er diese nur erlangen kann, wenn er sich per „Suggestion“ vom Analytiker „beeinflussen“ lässt.

Eine seltsame Kur also, in der der Erfolg davon abhängt, dass der Patient seinen verrückten Willen praktisch verleugnet, indem er sich die Selbständigkeit abspricht und für die Dauer der Behandlung an den Therapeuten abtritt. Wenn die Bedingung für den Heilungserfolg darin besteht, dass der Patient seinen Willen aufgibt und mit dem des Therapeuten in eins setzt, so erschöpft sich der Grund für seine „Krankheit“ in der gemeinen Tautologie, nicht gesund werden zu wollen. Während in der Medizin eine organische Störung beseitigt wird, weil man aufgrund des Wissens, wodurch sie verursacht wird, ihren Grund bekämpft, so erinnert die Psychoanalyse an mittelalterliche Praktiken, in denen die Heilung nicht vom Wissen des Arztes diktiert wurde, sondern vom Willen des Patienten zur Gesundung und seinem Vertrauen in die Fähigkeiten des Arztes. Mit der Forderung der Abhängigkeit zum Zwecke der Heilung wird daher in der Kur selbst nicht der Grund des Verrücktseins beseitigt – von ihm wird abgesehen.

Heilung als „Selbstüberwindung“ (I, 285)

Weil die medizinische Steuerung eines psychisch gestörten Menschen „derzeit“ noch nicht möglich ist, erschüttert Freud „der Jammer eines langes Lebens“, den der Patient in der ersten Viertelstunde vor ihm „ausbreitet“ (I, 248), so sehr, dass er ihm seine Ohnmacht eingesteht:

„Der Einfluss der frühen Kindheitserlebnisse … sie gehören der Vergangenheit an, wir können sie nicht ungeschehen machen. Dann all das, was wir als die ,reale Versagung‘ zusammengefasst haben, als das Unglück des Lebens, aus dem die Entbehrung an Liebe hervorgeht, die Armut, der Familienzwist, das Ungeschick in der Ehewahl, die Ungunst der sozialen Verhältnisse und die Strenge der sittlichen Anforderungen, unter deren Druck eine Person steht. Da wären freilich Handhaben genug für eine wirksame Therapie, aber es müsste eine Therapie sein, wie sie nach der Wiener Volkssage Kaiser Josef geübt hat, das wohltätige Eingreifen eines Mächtigen, vor dessen Willen Menschen sich beugen (!) und Schwierigkeiten verschwinden (!). Aber wer sind wir, dass wir solches Wohltun in unsere Therapie aufnehmen könnten? Selbst arm und gesellschaftlich ohnmächtig …“ (I, 416)

Der Patient, der den Analytiker aufgesucht hat, weil es ihm – und nicht der Gesellschaft – jetzt dreckig geht, muss sich die verrückten Omnipotenzwünsche des Kaiser Sigmund anhören, die allerdings verraten, wie und „wo da ein Raum für eine therapeutische Einwirkung“ (I, 415) bleibt. Wenn der „Leidenskonflikt“ nicht beseitigt werden kann, so gibt es doch einen „Ausweg“ (I, 423): es steht noch in der Macht des Schwächsten, sich dem Therapeuten zu „beugen“ und so seine „Schwierigkeiten verschwinden“ zu lassen. Er muss nur gegen sich aktiv werden und sich zu seiner Neurose verhalten, als gäbe es keinen Grund für ihre Existenz. Der Patient muss seinem Willen unter der Fuchtel des wohltätigen Therapeuten eine zweite Natur zulegen und somit Hilfe des Heilenden den verrückten Willen in Schach halten. Auch bei noch so gesalzenen Preisen ist also vom Analytiker keine Hilfe zu erwarten – er ermöglicht dem Patienten lediglich, indem er ihm seine Selbständigkeit abnimmt, sich durch seine Verdopplung den Genuss der Selbstheilung bei fortexistierender Störung zukommen zu lassen. Die Heilung hängt also ausschließlich vom Willen des Patienten ab, seiner Störung die Anerkennung zu versagen und sich den Willen zum Funktionieren zuzulegen. Freud lässt seine Patienten nicht darüber im unklaren, welche Brutalität sie sich im Verlauf der Analyse antun – lassen – müssen:

„Wenn wir einen Neurotiker in psychoanalytische Behandlung nehmen, so … halten wir ihm die Schwierigkeit der Methode vor, ihre Zeitdauer, die Antrengungen und Opfer, die sie kostet, und was den Erfolg anbelangt, so sagen wir, wir können ihn nicht sicher versprechen, er hänge von seinem Benehmen ab, von seinem Verständnis, seiner Gefügigkeit, seiner Ausdauer.“ (I,41)

Ihnen werden nicht nur die Opfer vorgehalten, die zu ihrer Gesundung erforderlich seien, vielmehr wird schon vor Beginn der Analyse klargestellt, dass der Analytiker den Tick für unbegründet hält und das, was dem Neurotiker zu schaffen macht – weshalb er es sich mit seinem Tick vom Leibe halten will –, nicht zu thematisieren gedenkt:

„Sie sind falsch berichtet, wenn Sie annehmen. Hat und Leitung in den Angelegenheiten des Lebens sei ein integrierendes Stück der analytischen Beeinflussung. Im Gegenteil …“ (I, 417)

Was würde man wohl von einem Mediziner halten, der seinem Patienten erklärt, die Gründe für seine Gallenkolik seien ihm egal – er werde aber vielleicht wieder gesund, wenn er sich anständig benähme und den Anordnungen des Arztes sich gefügig zeige. Wer meint, dieser Vergleich hinkt, wird sicher an folgendem Zitat: „Es ist weit vorteilhafter, wenn die Kranken … während der Behandlung in jenen Verhältnissen bleiben, in denen sie mit den ihnen gestellten Aufgaben zu kämpfen haben.“ (I, 443) erkennen, dass Freud ein gebrochenes Bein durch möglichst starke Belastung und kurze tägliche Bettruhe kurieren würde. Weil er Heilung dadurch bewerkstelligen will, dass er den Patienten nach wie vor – am liebsten verstärkt – der Ursache der Störung aussetzt, hat sich der kaputte Typ nicht nur den Anforderungen des ihm „ungünstig“ gesonnenen „Lebens“, sondern auch viermal pro Woche zusätzlich dem ihm nicht günstiger gesonnen Psychoanalytiker zu stellen.

Vom „Sinn der Symptome“ (I, 258)

Freud-Fans sind nicht sehr einfallsreich, wenn es darum geht, den Meister für sich zu retten. So werden Praxis und Theorie der Psychoanalyse voneinander getrennt und als „Emanzipation“ oder „Repression“ wahlweise gegeneinander ausgespielt. Während die einen trotz einer „längst brüchig gewordenen“ Theorie auf den hochherzigen Zweck seiner Therapie: „er erzieht den Patienten zum mündigen Bürger“ nichts kommen lassen:

„Dass sie einzelnen Menschen hilft, sei unbestritten und legitimiert solche Praxis mehr, als deren theoretische Rechtfertigung es vermag.“ –

meinen die anderen, die Praxis – zumal die seit Freud immer mehr auf den Hund gekommene: „Das Ritual: Schweigen und ,Hm‘.“ (IX, 50) – blamiere sich vor den in der Theorie angelegten menschenfreundlichen Möglichkeiten. Die von beiden Seiten zur Rettung der fortschrittlichen Seiten Freuds aufgestellte Behauptung:

„Theorie und Praxis der Psychoanalyse haben wenig miteinander zu tun.“ (IX, 50)

tut der konsequent an der Praxis ausgerichteten Philosophie der Menschennatur, die ebenso konsequent in die Praxis umgesetzt wurde, Unrecht. Weil die psychoanalytische Behandlung in ihrem praktischen Drang nach der Verwirklichung des Ideals allzeit bereiter Tüchtigkeit keine Gründe für die Neurose gelten lässt, sondern dem Neurotiker die Bereitschaft abverlangt, von seiner Neurose abzusehen, stellt die psychoanalytische Theorie das Mittel zu dieser Brachialkur bereit, indem sie dem Patienten zwar keine Erklärung seiner Neurose, dafür aber eine philosophischen Ansprüchen gerecht werdende Deutung ihrer Symptome liefert, die einen hinter ihnen verborgenen Sinn aufspürt.

Mit der Deutung der verrückten Gedanken und Handlungen eines Neurotikers als Ausdruck durchaus verständigen, nämlich sinnvollen Treibens nimmt Freud Abstand von einer Erklärung des gestörten Willens, die dessen Verrücktheit als sein eigenes Werk kritisiert. Wenn ein Mensch sich das Leben zusätzlich dadurch schwer macht, dass er sich einbildet, über keine Brücke gehen zu können, so hat er – weil es keinen rationellen Grund für diese Angst gibt – andere Probleme. Sei es, dass er sich schwer tut oder trotz Anstrengung leer ausgeht, praktisch wird er dauernd darauf gestoßen, dass es auf seine Kosten geht, wenn er sich den Anforderungen der bürgerlichen Gesellschaft unterwirft, die seinen Willen nur bedingt respektiert. Weit entfernt davon, gegen die ihm auferlegte Beschränkung anzukämpfen oder sich wenigstens vor Politikern zu ängstigen, obgleich er ihnen schon vom Gesicht ablesen könnte, welche Gefahr für Leib und Leben die ihnen zugestandene Macht bedeutet, vollstreckt er unterwürfig das von der Gesellschaft über ihn gefällte Urteil an sich selbst noch einmal. Mit der in die Tat gegen sich umgesetzte Theorie über seine Schwierigkeiten abstrahiert er von seinen ursprünglichen Problemen, davon also, dass er sich tagtäglich Brutalitäten gefallen lässt und antut – und schafft sich mit seinem Tick den Grund für das vorher schon akzeptierte Urteil, eine Flasche zu sein.

Das Dogma des Unbewussten

Freud will seine Patienten nicht zur Vernunft bringen, sondern wieder funktionstüchtig machen. Deshalb verfährt er nicht nach der „altertümlichen“ Methode Pinels, „die den in Narren und Wahnsinnigen vorhandenen Rest von Vernunft als die Grundlage der Heilung auffasst“ (Hegel, Enzyklopädie III, § 408, Zusatz). Seine Weigerung, Kritik an einem Menschen zu üben, der sein Scheitern gegenüber den an ihn gestellten Ansprüchen dadurch meistert, dass er gegen sich aktiv wird und sich mit seinem Tick die in seiner Verrücktheit liegende Berechtigung seines Scheiterns beweist, begründet Freud, indem er ihnen das Bewusstsein bestreitet, wodurch er die Gründe für ihre Verrücktheit aus der Welt schafft. Um das Bewusstsein der Verrückten zu einer neuen Stellung gegenüber ihren Wünschen oder auch Ängsten zu bewegen, lässt er sich eine Ersatzerklärung einfallen, die dem Bewusstsein allerhand seltsame Qualitäten zuschreibt.

Die anvisierte Zerfällung des Denkens und Wollens in das verrückte Symptom und den verständigen Sinn, in dem allein die Ursache für die „Störung‘‘ zu sehen sei, eröffnet er mit der Lüge, das Bewusstsein eines Menschen lasse sich nicht für sich erklären, die er mit der Behauptung „rechtfertigt“, das Denken sei „zusammenhangslos“ weil „die Daten des Bewusstseins in hohem Grade lückenhaft sind“ (III, 125). Es ist schon eine wissenschaftliche Glanzleistung, dem Denken den inneren Zusammenhang mit dem Verweis auf die Tatsache abzustreiten, dass der Mensch auch mal schlafen muss. Da ein Gedanke nur dann Gedanke ist, wenn er morgens, mittags und abends lückenlos gedacht wird – sein Inhalt also laut Freud mit seiner Voraussetzung zusammenfällt, von einem menschlichen Verstand angestellt zu werden –, ergibt sich aufgrund der Lücken der Zusammenhang des Denkens logischerweise dadurch, dass beizeiten nicht gedacht wird:

„Alle diese bewussten Akte blieben zusammenhangslos und unverständlich, wenn wir den Anspruch festhalten wollen, dass wir auch alles durchs Bewusstsein erfahren müssen, was an seelischen Akten in uns vorgeht, und ordnen sich in einen aufzeigbaren Zusammenhang ein, wenn wir die erschlossenen unbewussten Akte interpolieren. Gewinn an Sinn und Zusammenhang ist aber ein vollberechtigtes Motiv, das uns über die unmittelbare Erfahrung hinausführen darf.“ (III, 126)

Da die Idiotie des Konstrukts, das Wesen des Bewusstseins liege in seinem Nichtvorhandensein, immerhin die Frage offen lässt, was man dem eingefleischten vorwissenschaftlichen Vorurteil: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ zu entgegnen habe, sprengt der um Aufklärung bestrebte und aller Religion abholde Sigmund die Grenzen der Erfahrung noch weiter und tritt gegen den altmodischen Gottesbeweis, der Nichtseiendes als existent zu beweisen trachtete, den Beweis für die Existenz des Unbewussten an:

„Die Berechtigung, ein unbewusstes Seelisches anzunehmen und mit dieser Annahme wissenschaftlich zu arbeiten, wird uns von vielen Seiten bestritten. Wir können dagegen anführen, dass die Annahme des Unbewussten notwendig und legitim ist und dass wir für die Existenz des Unbewussten mehrfache Beweise besitzen.“ (III, 125)

Freud baut sich diese Vogelscheuche von Gegnern auf, die „unbewusstem Seelischen“ wie z.B. dem Traum die Existenz bestreiten, um nicht weniger realitätsfeindlich die Existenz des Unbewussten zu „beweisen“. Mit der unwissenschaftlichen Anstrengung, den Beweis für eine Tatsache zu führen, verfolgt er den Zweck, die „psychologische Denkweise“ zu installieren, die dem Bewusstsein die „Notwendigkeit des Unbewussten“ als seine Erklärung unterjubelt. Weil er dem Denken mit seiner Annahme, ohne das Unbewusste nicht erklärbar zu sein, die Selbständigkeit bestreitet und es als Wirkung des Unbewussten fasst:

„Es ist in der Tat der auffälligste Charakterzug der hysterischen Geistesverfassung, dass sie von unbewussten Vorstellungen beherrscht wird.“ (VII, 141),

er also auf den „dynamischen Begriff des Unbewussten hinauswill, muss er sich noch ein paar weitere logische Schnitzer leisten. Unbewusste seelische Vorgänge zeichnen sich nicht etwa dadurch aus, dass sie nicht unter der Herrschaft der Vernunft stehen. Sie lassen sich also – aufgrund der hier geleisteten „schwierigen intellektuellen Arbeit“ (III, 295) – in keinster Weise vom Bewusstsein unterscheiden: „Sie können (!) mit all den Kategorien beschrieben werden, die wir auf die bewussten Seelenakte anwenden, als Vorstellungen, Strebungen, Entschließungen u. dgl. Ja, von manchen dieser latenten Zustände müssen wir aussagen, sie unterscheiden sich von den bewussten eben nur (!) durch den Wegfall des Bewusstseins.“ (III, 127)

Man denkt also auch dann, wenn man nicht denkt – weil die Psychoanalyse sich zu ihren Widersprüchen bekennt, um mit dem Vorurteil aufzuräumen, Denken sei eine Tätigkeit des Bewusstseins:

„Sie muss vertreten, dass es unbewusstes Denken und ungewusstes Wollen gibt.“ (I, 47)

Mit dieser Verdoppelung des Bewusstseins in bewusste und unbewusste Akte, die erfunden wurde, um die lebenslange Abhängigkeit des Willens vom ungewussten Wollen zu behaupten, sind weitere Ungereimtheiten unvermeidlich. Die Frage, warum die Menschen überhaupt sich der Anstrengung des Denkens unterziehen, wenn es – kaum sind sie geboren – unablässig in ihnen denkt und der ungewusste Wille ihnen die Qual der Entscheidung abnimmt:

„Seelische Vorgänge sind an und für sich unbewusst“ (I, 47),

ist natürlich unzulässig, weil Freud mit seinem Konstrukt ja nicht an der Existenz des Bewusstseins, wohl aber an seiner Sinnhaftigkeit rütteln wollte. Ergiebiger ist da die Frage, warum die einen Gedanken bewusst und die anderen unbewusst sind, die Menschen sich also, obwohl sie denken können, von ihrem Unbewusstsein terrorisieren lassen.

Das Kind – eine lüsterne Sau

Diese Frage beantwortet Freud, der an so manchem Erwachsenen „das Thema der Beschäftigung mit dem Wiwimacher hervorgeholt“ (IV, 103) hat, mit ausgesprochener Begeisterung – schließlich tut sich bei dem Beweis der Existenz der „Frühblüte des kindlichen Sexuallebens“ (III, 230) das schwindelerregende Böse auf, dem nur ein Psychologe unerschrocken ins Auge zu blicken wagt:

„Das Unbewusste des Seelenlebens ist das Infantile. Der befremdende Eindruck, dass soviel Böses im Menschen steckt, beginnt nachzulassen. Dieses entsetzlich Böse ist einfach das Anfängliche, Primitive, Infantile des Seelenlebens, das wir beim Kinde in Wirksamkeit finden können, das wir aber bei ihm zum Teil wegen seiner kleinen Dimensionen übersehen (?), zum Teil nicht schwer nehmen, weil wir vom Kinde keine ethische Höhe fordern.“ (I, 214)

Wenn ein Kind schon denkt, bevor es denkt, dann weckt die Mutterbrust im neugeborenen Knäblein schreckliche Gelüste. Das Saugen vermittelt nicht einfach wohlige Empfindung, sondern entfacht in ihm die teuflische Neigung (das Saugen), die Mutter zu vergewaltigen, den Vater zu kastrieren und Brüder und Schwestern, die ihm das begehrte „Objekt“ streitig machen, um die Ecke zu bringen. Die jedermann zugängliche Beobachtung, dass das Fummeln schon einem Kleinkind angenehme Sensationen verschafft, hat nichts Umwerfendes an sich. Als Entdeckung „frühkindlicher Sexualität“ lässt sie sich nur dann feiern, wenn man von der Tatsache absieht, dass ein Kind sich beim Fummeln noch nicht den dazugehörigen Partner vorstellen kann und deshalb auch keine sexuellen Empfindungen dabei hat, sondern kurzerhand die Behauptung aufstellt, das Kind sei an sich – aufgrund des „System des Unbewussten“ – schon ein fertiger Mensch, um mit der – so zur Existenz gebrachten – kindlichen „Sexualität“ die dem Menschen angeborenen „niederen Leidenschaften“ (III, 295) zu beweisen. Um seiner These, „die bewussten Akte“ bildeten „bloß einzelne Anteile des ganzen“ – an sich unbewussten – „Seelenlebens“ (I, 47), den Anschein von Plausibilität zu verleihen, um also das Dogma des Unbewussten und seiner verhängnisvollen Dynamik zu erhärten, schlachtet Freud weiter Beobachtungen aus. Es lässt sich nämlich schlecht leugnen, dass die niederen Leidenschaften des Kindes sich nicht ungehemmt austoben können, weil auch bei perversester Verworfenheit die „kleinen Dimensionen“ nicht zu „übersehen“ sind und so an eine Vergewaltigung der Eltern nicht zu denken ist – obgleich Freud zu Beginn seiner Karriere durchaus verrückt genug war, genau daran zu denken, wenn er auch hier die Dimensionen vertauscht:

„Die gutbürgerlichen Wiener Damen, die in Freuds Ordination die Behebung ihrer nervösen Störungen suchten, waren sämtlich zwischen dem sechsten und achten Lebensjahr von ihren Vätern sexuell missbraucht worden,“ (VII, 9)

Darüber hinaus erwies das Faktum, dass Eltern ihren Kindern bisweilen die Fummelei verbieten, der Theoriebildung einen vorzüglichen Dienst, wenngleich zu seiner Tauglichkeit die Lüge in die Welt gesetzt werden musste, dass das Fummeln sich durch Verbot unterdrücken Hesse – und der Schneider mit der Schere Tag und Nacht neben der Wiege gestanden habe. Diese zurechtgestutzten Fakten geben den Grund für Freuds Neurosentheorie ab, da das Kind, wenn es denken lernt, seine bösen Wünsche nicht ans Licht des Bewusstseins lässt, sondern „verdrängt“, wofür die Macht des Unbewussten jedes Kind mit einer Neurose – vorzugsweise Kastrationskomplex – bestraft. Wie das Bewusstsein von etwas angekränkelt werden kann, von dem es keine Ahnung hat, wie also genau die „Verdrängung“ funktioniert, kann man sich so:

„Der unbewusste Gedanke wird vom Bewusstsein ausgeschlossen“ (III, 33)

oder so:

„Bei der Verdrängung operiert das Ich unbewusst.“ (VII, 12)

erklären; wenn man Schwierigkeiten hat, diesen jeweils durch sein Gegenteil begründeten Gedanken zu denken, so kann man sich ihn auch so vorstellen:

„Die roheste Vorstellung von diesen Systemen ist die für uns bequemste; es ist die räumliche Vorstellung. Wir setzen also das System des Unbewussten einem großen Vorraum gleich, in dem sich die seelischen Regungen wie Einzelwesen tummeln. An diesen Vorraum schließt sich ein zweiter, engerer, eine Art Salon« in welchem auch das Bewusstsein verweilt. Aber an der Schwelle zwischen beiden Räumlichkeiten waltet ein (bewusst-unbewusster) Wächter seines Amtes der die einzelnen Seelenregungen mustert, zensuriert und sie nicht in den Salon einlässt, wenn sie sein Missfallen erregen … Wenn sich die Regungen im Vorraum bereits zur Schwelle vorgedrängt haben und vom Wächter zurückgedrängt worden sind, dann sind sie bewusstseinsunfähig; wir heißen sie verdrängt.“ (I, 293)

Mit dieser anschaulichen Erklärung hat Freud den Vorgang, dem man in der Kindheit unterzogen wird, die Erziehung zum moralischen Menschen, als Verdrängung vergeheimnist, die nur deshalb heutzutage jedermann als das unausweichliche Resultat jeglicher Erziehung erscheint, weil er die unangenehmen Folgen der moralischen Verbote am eigenen Leib verspürt hat; die Begeisterung aber, mit der die Phrase von der Verdrängung aufgegriffen wird, verdankt sich dem Willen, die Verhältnisse, die einen jetzt fertigmachen, zu ertragen, da man sich mit der Stilisierung zum lebenslangen Opfer seiner durch die Erziehung verkorksten Triebe dem sich selbst bemitleidenden Beweis der eigenen Unfähigkeit liefert, sei es die Schicksalsschläge gleichmütig hinzunehmen oder gegen das anzugehen, was einem stinkt. Dass es nicht die Verdrängung ist, was einem zu schaffen macht, sondern die Tatsache, dass man sich als moralischer Mensch den Anforderungen der bürgerlichen Gesellschaft unterwirft, kann man sich daran klarmachen, was wirklich in der Kindheit mit einem angestellt wurde. Von der elterlichen Gewalt wird der Umstand, dass ein Kind auf Wissen angewiesen ist, um seine Phantasien durch die Vernunft zügeln zu lernen und sich so in der Welt zurechtzufinden, weidlich ausgenutzt, indem sie dem Kind die Erklärung nur in der Form der Moral offeriert, mit der jeder Gegenstand für gut oder schlecht befunden wird. Die Brutalität dieser Erklärungsweise erfährt ein Kind an sich selbst, da es die eigenen Wünsche der moralischen Verurteilung unterziehen soll – weshalb keinem eine „Trotzphase“ erspart bleibt. Den Zwiespalt zwischen dem, was das Kind will, und dem, was man nicht haben kann, tun darf oder denken soll, entscheidet nicht der kleine Mann im Ohr, der den Vorraum bewacht, sondern das Kind selbst, wenn es die moralischen Forderungen als berechtigte anerkennt und sein Sträuben gegen sie aufgibt, indem es sich seine Wünsche mit der ihm angebotenen Erklärung verbietet, und wenn es das Verbotene, das bekanntlich das Schönste am Leben ist, heimlich und noch nicht unbedingt mit schlechtem Gewissen tut.

Dichtung und falsche Gedanken

Psychologen, die auf der methodologischen Höhe der Zeit stehen, finden an der Theorie der Verdrängung des Unbewussten keinen Fehler:

„Der Begriff des Unbewussten gibt dem Analytiker genügend Raum, um jedes beliebige menschliche Verhalten, ganz gleich, wie abnorm es ist, einzuordnen … Unter diesen Umständen sind die ,Aussagen‘ des Psychoanalytikers zwangsläufig unwiderlegbar.“ (IX, 61) –

bestreiten Freud jedoch die Wissenschaftlichkeit aufgrund der subjektiven Darstellungsweise seiner Theorie. Ihnen sind die vielen Vergleiche, etymologischen Ableitungen und Bilder ein Dorn im intersubjektiv getrübten Auge. Da sie den gedanklichen Gehalt der Analogien bestreiten, entgeht ihnen, wie korrekt diese die falschen Gedanken darstellen. Dass Freud jedoch dauernd an die Vorstellungskraft seiner Leser appelliert, die sich an seine dem Alltagsverstand unmittelbar widersprechenden Gedanken als Selbstverständlichkeiten gewöhnen sollen, führt zu dem Schluss, dass er als Wissenschaftler durch den Vergleich mit dem gesunden Menschenverstand um diesen wirbt. Wenn der Vorarbeiter der Urschreitheorie nach seiner falschen Erklärung der Angst als Wiederholung der immer gleichen Situation, die das bestimmte Objekt der Angst als irrelevant bezeichnet und stattdessen eines erfindet, vor dem auch kein Neugeborenes Angst haben kann, weil ihm dazu noch die Empfindung fehlt:

„Beim Angsteffekt glauben wir zu wissen, welchen frühzeitigen Eindruck er als Wiederholung wiederbringt. Wir sagen uns, es ist der Geburtsakt, bei welchem jene Gruppierung von Unlustempfindungen, Abfuhrerregungen und Körpersensationen zustande kommt, die das Vorbild für die Wirkung einer Lebensgefahr geworden ist und seither als Angstzustand von uns wiederholt wird.“,

die richtige Etymologie des Wortes Angst herbeizitiert:

„Der Name Angst – angustiae, Enge –“,

so betont sie seine Wiederholungsthese zweifellos, ohne sie dadurch richtiger zu machen:

„betont den Charakter der Beengung im Atmen, die damals als Folge der realen Situation vorhanden war und heute im Affekt fast regelmäßig wiederhergestellt wird.“ (I, 383)

Dem voreingenommenen Leser hat er mit dieser Krücke jedenfalls eine Eselsbrücke gebaut. Freud, der sich in seinem wissenschaftlichen Vorgehen der Devise verschrieben hat:

„Was man nicht erfliegen kann, muss man erhinken.“ (III, 272),

hinkt mit seinen erschlichenen Übergängen nicht nur auf dem Vergleichsbein. Die Eigenart seines Stils, die ihm bei den Traumdeutungen und Krankengeschichte – gar nicht selbstkritisch – bewusst war:

„Es berührt mich selbst noch eigentümlich, dass die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind, und dass sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren. Ich muss mich damit trösten, dass für dieses Ergebnis die Natur des Gegenstandes offenbar eher verantwortlich zu machen ist als meine Vorliebe.“ (VIII, 40),

verdankt sich keineswegs der „Natur seines Gegenstandes“, sondern seiner Technik der Assoziation, mit der er ihm zu Leibe rückt. Wenngleich die von ihm produzierten phantasievollen Einfälle nicht selten der Komik entbehren, ist es für einen Neurotiker keineswegs spaßig, einem Analytiker ausgeliefert zu sein, dessen wissenschaftliches Ausbildungsprogramm zu einem wesentlichen Teil im Studium der Literatur besteht (vgl. VIII, 25).

Melancholie = Analerotik oder: Die Disposition zum Versager

Mit der Erfindung frühkindlich verdrängter Sexualität hat Freud den Schlag gegen die Neurotiker gelandet. Ein Melancholiker z.B. hat die analerotische (!) Phase nicht anständig „verarbeitet“, weshalb er sich seine melancholischen Gedanken als Äußerungen der „Lumpfsymbolik“ (IV, 108) interpretieren lassen muss. Freud, der vorgibt, die psychische Störung mit der Krankheitsgenese zu erklären:

„Die Erklärungsaufgabe in der Psychoanalyse ist überhaupt enge begrenzt. Zu erklären sind die auffälligen Symptombildungen durch die Aufdeckung ihrer Genese.“ (IV, 217),

macht nicht einfach den Fehler, so vom Willen des Neurotikers zu abstrahieren, dass er die Bedingung für die Entstehung einer Neurose für deren Grund ausgibt, also behauptet, der Neurotiker sei Fetischist, weil er von der Mutter geprügelt worden sei. Indem er mit dem Konstrukt des mit Willen und Bewusstsein begabten Unbewussten argumentiert, ist eine irreale Bedingung der Grund der Neurose. Das Kind ist schon als fertiger Mensch unterstellt:

„Der kleine Mensch ist oft mit dem vierten oder fünften Jahr schon fertig und bringt nur allmählich zum Vorschein, was bereits in ihm steckt.“ (I, 348),

so dass bereits zu diesem Zeitpunkt mit seiner „Disposition zur Neurose“ (III, 204) über sein späteres Schicksal entschieden ist:

„Ich behaupte, dass der Kindheitseinfluss sich bereits in der Anfangssituation der Neurosenbildung fühlbar macht, indem er in entscheidender Weise mitbestimmt, ob und an welcher Stelle das Individuum in der Bewältigung der realen Probleme des Lebens versagt.“ (IV, 171)

Diese kühne Prophezeiung verdankt sich der Dynamik des Unbewussten, das – in der Kindheit zwangsläufig verdrängt – die Gedanken bis ins hohe Alter an sich fesselt :

„Man erfährt regelmäßig, dass seine Neurose an jene Kinderangst anknüpft die Fortsetzung derselben darstellt, und dass also eine unausgesetzte, aber auch (vom Bewusstsein) ungestörte psychische Arbeit sich von jenen Kinderkonflikten an durchs Leben gesponnen hat.“ (IV, 119) –

und mit den Problemen eines Dreijährigen knechtet, der die schmutzige Phantasie eines Psychologen besitzt. Den Quatsch, dass die „Urszene“, die allemal eine Kindheitsneurose heraufbeschwört, dafür verantwortlich sei, dass ein Mensch mit 25 oder erst mit 38 manisch depressiv oder aber hysterisch wird, widerlegt Freud mit seinen „Zwei Kinderneurosen“ selber. Der Wolfsmann war mit 23 Jahren soweit, dass er den Schock seines Lebens nicht mehr verkraftete: Der Anblick des „coitus a tergo“, den die Eltern – wie Freud aus den Träumen des Patienten außerordentlich zwingend zu „erschließen“ verstand – dem l 1/2-jährigen vorexerzierten, regte seine unbewusste Phantasie:

„Wenn man nur an die einfachen Reaktionen des 1 1/2jährigen Kindes beim Erleben dieser Szene denkt, kann man die Auffassung schwer von sich weisen, dass eine Art von schwer bestimmbarem Wissen, etwas wie eine Vorbereitung zum Verständnis, beim Kinde dabei mitwirkt. Worin dies bestehen mag, entzieht sich jeder (?) Vorstellung; wir haben nur (!) die eine ausgezeichnete Analogie mit dem weitgehenden instinktiven Wissen der Tiere zur Verfügung.“ (IV, 230) –

so stark an, dass er – sobald er nicht mehr tierisch, sondern menschlich zu denken und somit „ethische Höhe“ zu erklimmen begann – sich mit der Verdrängung bestrafen musste. Der „kleine Hans“ hingegen, der schon mit 3 Jahren Opfer einer psychoanalytischen Behandlung wurde – die Freud „zweckmäßiger weise“ allen Kindern angedeihen zu lassen beabsichtigte:

„als eine Maßregel der Fürsorge für ihre Gesundheit, so wie man heute gesunde Kinder gegen Diphtherie impft, ohne abzuwarten, ob sie an Diphtherie erkranken.“ (I, 547) –,

befand sich im Alter von 22 Jahren „durchaus wohl“, „litt unter keinerlei Beschwerden oder Hemmungen“ (IV, 123) und hatte zur Verwunderung Freuds nicht einmal mehr eine Erinnerung an die Gemeinheiten, die sein psychoanalytischer Vater mit Freuds Unterstützung an ihm beging:

„Am Montag, 30. März, früh, kommt Hans zu mir und sagt: ,Ich bin mit dir in Schönbrunn gewesen bei den Schafen, und dann sind wir unter den Stricken durchgekrochen, und das haben wir dann dem Wachmann beim Eingang gesagt, und der hat uns zusammengepackt.‘

Ich bemerke dazu:

Als wir am Sonntag zu den Schafen gehen wollten, war dieser Raum (Achtung!) nur mit einem Stricke abgesperrt. Hans war sehr verwundert, dass man einen Raum nur mit einem Stricke absperrt, unter dem man doch (!) leicht durchschlüpfen kann. Ich sagte ihm, anständige Menschen kriechen nicht unter dem Strick (sondern denken sich stattdessen was Unanständiges). Er meinte, es sei doch ganz leicht, worauf ich erwiderte, es kann dann ein Wachmann kommen, der einen fortführt.

Hans beichtete noch ein Stückchen Gelüste, Verbotenes zu tun. ,Ich bin mit dir in der Eisenbahn gefahren und wir haben ein Fenster zerschlagen und der Wachmann hat uns mitgenommen.‘“

Freud bemerkt dazu begeistert:

„Die richtige (die Logik des Unbewussten!) Fortsetzung der Giraffenphantasie. Er ahnt, dass es verboten ist, sich in den Besitz der Mutter zu setzen; er ist auf die Inzestschranke gestoßen. Aber er hält es für verboten an sich (so dreht man Leuten das Wort im Mund um). Bei den verbotenen Streichen, die er in der Phantasie ausführt, ist jedes Mal der Vater dabei und wird mit ihm eingesperrt. Der Vater, meint er (!), tut doch auch jenes rätselhafte (?) Verbotene mit der Mutter, das er (!) sich durch etwas Gewalttätiges (!) wie das Zerschlagen einer Fensterscheibe, durch das Eindringen in einen abgeschlossenen Raum ersetzt.“ (IV, 40)

Der kleine Hans, an dem sich Freud als Beweis für die Existenz von Kinderneurosen aufgeilt, ist der einzige, der in diesem verrückten Beweis argumentiert, weshalb er auch für verrückt erklärt wird. Weil er sich von seinem anständigen Vater die Moral nicht einfach mit einem „Man tut das nicht“ aufherrschen lässt, wird „kannibales Material“ (IV, 128) aus seiner Weigerung hervorgeholt, um seinen Willen durch das Erschrecken über die Unanständigkeit seines des Gehorsams ermangelnden Fürwitzes zu brechen. Der kleine Hans ist also weder ein Beleg für die Aufgeklärtheit einer Kindererziehung mittels Psychoanalyse, die den Kindern die Moral einimpft, indem sie ihre Phantasien bestärkt, ihnen ausredet, wie sich was wirklich verhält und sie so verrückt macht. Noch beweist er mit seiner Kinderneurose – ganz abgesehen davon, dass sie systematisch von dem Vater produziert wurde – die infame Behauptung Freuds, die Neurosen überhaupt hätten nichts mit „Lebensbewältigung“, sondern mit frühkindlich verdrängten Triebregungen zu tun:

„Eine neurotische Erkrankung im vierten oder fünften Jahr der Kindheit beweist vor allem, dass die infantilen Erlebnisse für sich allein imstande sind, eine Neurose zu produzieren, ohne dass es dazu der Flucht vor einer im Leben gestellten Aufgabe bedürfte … Man kann ja untersuchen, ob sich eine die Neurose bestimmende ,Aufgabe‘ im Leben eines Kindes findet. Man entdeckt aber nichts anderes als Triebregungen, deren Befriedigung dem Kind unmöglich, deren Bewältigung es nicht gewachsen ist.“ (IV, 172)

Psychoanalyse = »Nacherziehung«

Gemäß seinem Bemühen, die Funktionstüchtigkeit des Willens wiederherzustellen, ignoriert Freud den Willen des Neurotikers, der die ihm abverlangten Belastungen nicht mehr aushalten will. Mit der Erfindung des Konstrukts des Unbewussten, die dem Willen theoretisch die Selbständigkeit bestreitet, indem sie dessen Abhängigkeit von irrationellen Quellen aufdeckt, hat er sich das Mittel zur „Beeinflussung“ des Willens geschaffen. Durch die „Ersetzung des Unbewussten durch Bewusstes, die Übersetzung des Unbewussten in Bewusstes‘“ (I, 418) „nutzt“ die Theorie: nachdem sie den Grund für die Störung ins Unbewusste verlegt hat, um dem Neurotiker seine angebliche Unselbständigkeit, sein unwillentliches Getriebensein von Absichten, die dem „Primat der Genitalität“ (IX, 161) gehorchen, zu demonstrieren, verschwindet mit der „Bewusstmachung“ der dunklen Mächte, die nur unbewusst ihre Dynamik entfalten, zwar nicht der Grund für seine Störung. Aber dem Neurotiker wird eine falsche Erklärung seiner Lage angeboten, eine bewusste Stellung zu sich selbst abverlangt, die auf den Selbstvorwurf hinausläuft, keine vernünftigen Gründe, sondern nur uneigentliche, unlautere Absichten zu haben. Da die Psychoanalyse den Willen dafür vereinnahmen will, sich die Grundlosigkeit seiner Verrücktheit mit dem ihn aus der Tiefe belästigenden Unbewussten zu begründen, sie also den Willen zur „Störung“ brechen muss, wird der Neurotiker die in ihm verborgene Irrationalität nicht als Grund für seine Störung akzeptieren, wenn der Therapeut ihm seine erratene Deutung einfach verrät:

„Was müssen wir also tun, um das Unbewusste bei unseren Patienten durch Bewusstes zu ersetzen? Wir haben einmal gemeint, das ginge ganz einfach, wir brauchten nur dies Unbewusste erraten und es ihm vorsagen.“ (I, 420)

Weil die Psychoanalyse die Störung nicht erklärt, sondern mit ihrer Deutung den störrischen Willen gefügig machen will, ist es mit dem Vorsagen nicht getan. Die Übernahme der Deutung, die zur Bedingung der Heilung macht, dass der gestörte Wille von sich abstrahiert, ist keine Frage des Wissens, sondern der Einstellung:

„Wenn der Arzt sein Wissen durch die Mitteilung auf den Kranken überträgt, so hat dies keinen Erfolg … Das Wissen muss auf einer inneren Veränderung im Kranken beruhen, wie sie nur durch eine psychische Arbeit mit bestimmtem Ziel hervorgerufen werden kann.“ (I, 280)

Um die erwünschte Änderung zu bewirken, attackiert der Psychoanalytiker daher den Patienten permanent, sich das von ihm bestimmte Ziel anzueignen und den Widerstand gegen seine Deutung aufzugeben.

Die heilige Regel der therapeutischen Technik

Damit das Unbewusste bewusst gemacht werden kann, lässt sich der Neurotiker zu Beginn seiner Behandlung auf einen Vertrag ein, womit er dem Analytiker bereits das Recht einräumt, jederzeit die Behandlung abzubrechen, falls er sich nicht an die Regeln hält. Mit dem im Kontrakt vereinbarten Behandlungsmodus wird dem Analytiker vom Neurotiker zugestanden, ihn wie ein unmündiges Kind zu behandeln, damit er lernt, sich zusammenzureißen. So wird ihm mit der „heiligen Regel“ der therapeutischen „Technik“ Denkverbot verordnet:

„Wir legen es dem Kranken auf, sich in einen Zustand von ruhiger Selbstbeobachtung ohne Nachdenken zu versetzen. Wir schärfen ihm ein, immer nur der Oberfläche seines Bewusstseins zu folgen, jede wie immer geartete Kritik gegen das, was er findet, zu unterlassen.“ (I, 286)

In der psychoanalytischen Besprechung des gestörten Willens hat der Patient also seine Intelligenz dazu zu gebrauchen, sie dem Therapeuten zu überlassen. Was und wie er denken soll, wird ihm diktiert – ist doch „seine intellektuelle Einsicht weder stark noch frei genug“ (I, 428). So erzählt er dem Psychiater nicht nur, welchen Unsinn er letzte Nacht geträumt hat. Auch mit dem Auskramen der frühen Kindheitserlebnisse hat es nicht sein Bewenden. Denn da Unbewusstes in Bewusstes „übersetzt“ werden, in Traum und Erinnerung der „Sinn“ seines Leidens stecken soll, stellt er mit seinen Assoziationen der Deutung das Material zur Verfügung, die Sinn in den Unsinn zwingt. Indem er rumphantasiert, hat er nicht nur akzeptiert, dass in den willkürlich verknüpfen Vorstellungen die Logik der Phantasie waltet, dass darüber hinaus die Deutung seiner Träume die „via regia“ zu seiner Heilung ist, weil seine Vernunft und sein Wille gerade dort am Werk sein sollen, wo sie nicht reagieren. Sondern er hat mit seinen Assoziationen dem Analytiker die Waffe gegen ihn in die Hand gegeben, mit der dieser ihn „zur Bestätigung der Konstruktion“ (III, 228) der Dynamik des Unbewussten „nötigt“: er hat jetzt das Unbewusste als ein Stück der Vergangenheit“ zu erinnern – schließlich wurde die Konstruktion ja auch seinen frei schweifenden Gedanken „erraten“.

Widerstand ist Verrücktheit

Das „mächtigste Hilfsmittel der Analyse“ (VII, 135) jedoch, mit dem der Analytiker den Widerstand des Patienten bricht, sich mit der Übernahme der Deutung eine seiner Verrücktheit feindlich gesonnene Einstellung zuzulegen, besteht in der radikalen Anwendung dieser Theorie auf alle Gefühle und Gedanken des Patienten, die dieser in der Behandlung äußert. Nichts wird als das genommen, was es ist – sondern als Ausdruck des Unbewussten interpretiert und so zum Hebel dafür gemacht, den Widerstand gegen die Deutung seiner Symptome aus dem Unbewussten aufzugeben. Leistet der Neurotiker „intellektuellen Widerstand“, so „bleibt man“ dem „immer überlegen“ (I, 288):

„Der Patient kann in seinem Bestreben nach Opposition um jeden Preis völlig das Bild eines affektiv Schwachsinnigen ergeben. Seine Kritik ist also keine selbständige, als solche zu respektierende Funktion, sie ist Handlanger seiner affektiven Einstellungen und wird von seinem Widerstand dirigiert.“ (I, 291) –

weil man den psychologischen Dreh beherrscht, Denken, Wollen und Handeln des Menschen nicht für sich, sondern als „Oberfläche“ zu betrachten, d.h. ihnen die Selbständigkeit zu bestreiten und sie aus ihrem aus der Tiefe operierenden Gegenstück, dem „eigentlich realen Psychischen“ (II, 580), tautologisch zu erklären, wodurch ihr wirklicher Grund zur Einbildung des Verrückten wird. Denn wenn er meint, die Deutung des Therapeuten, die dieser als „Wissen“ ausgibt, kritisieren zu müssen, so bestätigt er damit nur dessen Diagnose, immer noch zu spinnen. Der Widerstand gegen die Deutung ist Zeichen von Verrücktheit, weil nicht der Neurotiker, sondern das „verdrängte“ Unbewusste sich „so energisch gegen die Abstellung seiner Symptome und die Herstellung eines normalen Ablaufes in seinen seelischen Vorgängen wehrt“ (I, 291). Wenn er schweigt, so sträubt sich sein Unbewusstes, schmutzige Gedanken preiszugeben, wenn er verneint, so liegt sein Motiv ebenso klar auf der Hand:

„Geht der Patient in die Falle und nennt das, woran er am wenigsten glauben kann, so hat er damit fast immer das Richtige zugestanden (!). Die Verneinung ist eine Art, das Verdrängte zur Kenntnis zu nehmen.“ (III, 373) –

das sich genauso hinter der Bejahung verbirgt, mit der die Peinlichkeiten seines Unbewussten dem Therapeuten ein Schnippchen zu schlagen versuchen.

Das Aufkommen feindlicher Gefühle

Zur Brechung des Widerstandes gegen die Übernahme der Deutung wird nicht nur dieser psychologisch als „Funktion der Verdrängung“ gedeutet. Sondern der Psychoanalytiker macht sich die Gefühlsbindung seines Patienten zu Nutze, indem er auch an ihr sein vernichtendes Urteil über den Kranken, von seinen Trieben getrieben zu werden, wiederholt und sie als „Übertragung“ deutet. Gefühle kommen nicht etwa auf, weil der Neurotiker seinen Intellekt in der Weise des Überlassens gebraucht und sich vom Therapeuten, dem er sich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert hat, abhängig gemacht hat – er ihn liebt, weil er von ihm Hilfe erwartet, oder ihn hasst, weil er keine bekommt –, sondern weil er folgende psychoanalytische Grundweisheit noch nicht geschluckt hat:

„Wir überwinden die Übertragung, indem wir dem Kranken nachweisen, dass seine Gefühle nicht aus der gegenwärtigen Situation stammen und nicht der Person des Arztes gelten, sondern dass sie wiederholen, was bei ihm bereits früher einmal vorgefallen ist.“ (I, 427)

Egal, ob Liebe oder Hass:

„Der Trotz bedeutet dieselbe Abhängigkeit wie Gehorsam.“ (I, 420);

worauf es ankommt, ist der Wille zur Einsicht beim Patienten, nicht vom Therapeuten:

„Zur Entstehung feindlicher Gefühle gibt die Situation der Kur gewiss keinen zureichenden Anlass.“ (I, 426),

sondern von sich abhängig zu sein, dass er mit seiner mangelnden Verständnisbereitschaft für die Deutung des Psychoanalytikers seinem Unbewussten die Macht verleiht, ihn mit der unbewältigten Vergangenheit zu drangsalieren.

Durch Kampf zur Verurteilung

Im Interesse der „gemeinschaftlichen Arbeit“, „den Widerstand wegzuschaffen“ (I, 420), verfährt schließlich der Therapeut mit dem Patienten noch härter als Petruchio, der den Willen der widerspenstigen Katharina zähmte, indem er sie dahin brachte, sich seinem Willen zu fügen, die liebe Sonne für ein Nachtlicht anzusehen, worauf er ihr den Widerspruch ein für allemal so austrieb:

Petruchio: „Ei, wie du lügst! ‘s ist ja die liebe Sonne!“ Katharina: „Ja, Lieber Gott! Es ist die liebe Sonne!“

Ein Verrückter muss dort etwas sehen lernen, wo es absolut nichts zu sehen gibt – und damit er sich den Grund für seine Verrücktheit einbilden kann, hilft der Therapeut seiner Phantasie auf die Sprünge:

„Es ist kein Zweifel, dass die Intelligenz des Kranken es leichter hat, den Widerstand zu erkennen und die dem Verdrängten entsprechende Übersetzung zu finden, wenn wir ihr die dazu passenden Erwartungsvorstellungen gegeben haben. Wenn ich Ihnen sage: schauen Sie auf den Himmel, da ist ein Luftballon zu sehen, so werden Sie ihn auch viel leichter finden, als wenn ich Sie bloß auffordere hinaufzuschauen, ob Sie irgendetwas entdecken. Auch der Student, der die ersten Male ins Mikroskop guckt, wird vom Lehrer unterrichtet, was er sehen soll, sonst sieht er es überhaupt nichts, obwohl es da und sichtbar ist.“ (I, 421)

Der „Kampf“ (I, 288), der sich in der Analyse auf so friedliche Weise zwischen Analytiker und Patient abspielt:

„Worte rufen Affekte hervor und sind das allgemeine Mittel der Beeinflussung der Menschen untereinander.“ (I, 43),

ist dann im Sinne des Erfinders entschieden, wenn sich der Patient dazu bereitfindet, sich an seinen Träumen und sonstigen unbewussten Phänomenen als sein eigener Psychoanalytiker zu betätigen und nach den Erwartungsvorstellungen des Therapeuten aus ihnen deren Sinn zu „erschließen“. Und weil im Dunkel der Seele allemal die Logik des Bösen herrscht, darf man eine bewusst gemachte Verdrängung auch nicht etwa ausleben, sondern muss sie verurteilen:

„Die Analyse macht den Erfolg der Verdrängung nicht rückgängig; die Triebe, die damals unterdrückt wurden« bleiben die unterdrückten, aber sie erreicht diesen Erfolg auf anderem Wege, ersetzt den Prozess der Verdrängung, der ein automatischer und exzessiver ist, durch maß- und zielvolle Bewältigung mit Hilfe der höchsten seelischen Instanzen, mit einem Worte: sie ersetzt die Verdrängung durch die Verurteilung.“ (IV, 120)

Das Resultat der Therapie

Wenn ein Neurotiker sich mit dem „System des Unbewussten“ einen irrealen Grund für seine Verrücktheit einbilden muss, der nun als unbewusster für seine Verrücktheit zur Verantwortung gezogen werden darf, so hat mit der Bewusstmachung jede Verrücktheit zu unterbleiben, sie ist abzustellen und Normalität hat sich einzustellen. Weil in der Analyse der wirkliche Grund der psychischen Störung nicht beseitigt wurde, und ein Agoraphobiker nach wie vor Angst vor großen Plätzen hat, so besteht der Erfolg der Psychoanalyse darin, dass er sie nun aushält, indem er sich die Grundlosigkeit seiner Angst einredet: er verurteilt jetzt sein kindliches Gelüst, in die Mami (= abgeschlossener Raum) einzudringen, weshalb er sich auch nicht mehr mit dem Kastrationskomplex (= Vermeiden des Eindringens in abgeschlossene Räume) zu bestrafen braucht. Die gängige Vorstellung, dass ein Mensch, der die Analyse erfolgreich absolviert habe, nun wieder „funktioniere“:

„Die Psychoanalyse hat das ihrige getan, wenn sie den Patienten möglichst gesund und leistungsfähig entlässt.“ (I, 579),

ist daher eine Verharmlosung der Leistung der Psychoanalyse. Der gestörte Wille besteht fort, indem er sich mit psychoanalytischen Deutungen im Zaum hält und so seine Tauglichkeit aufzwingt – weshalb es auch nur moralisch einsichtige Menschen zu dieser Funktionsweise bringen:

„Man weise Patienten zurück, welche nicht einen gewissen Bildungsgrad und einen einigermassen verlässlichen Charakter besitzen.“ (IX, 25)

Nur wer die Willenstärke aufbringt, sich beständig als sein eigener Psychoanalytiker in die Mangel zu nehmen, kann als Wolfsmann tadelloses Benehmen bringen:

„Seither hat der Patient, dem der Krieg Heimat, Vermögen und alle Familienbeziehungen geraubt hatte, sich normal gefühlt und tadellos benommen. Vielleicht hat gerade sein Elend durch die Befriedigung seines Schuldgefühls zur Befestigung seiner Herstellung beigetragen.“ (IV, 231)

Die Weltanschauung

Die Psychoanalyse trägt sich mit dem Gestus der Aufgeklärtheit vor, der nichts Menschliches fremd ist. Keine Leidenschaft ist ihr niedrig genug, um sie nicht mit ihrem Scharfsinn zu erhellen, der aus Assoziationen die Logik des Unbewussten bastelt.

Apotheose der Irrationalität

Deshalb muss sich auch jeder, der nicht in seinen Träumen pulen will, sagen lassen, ihm fehle die Selbstkritik, sich die Abhängigkeit von den tieferen Schichten seines Willens einzugestehen und beweise gerade durch seine Weigerung die Richtigkeit der Theorie der Verdrängung. So besiegte Freud, dem in einer klaren Minute nichts zu dem Unsinn, den er über Onkel Otto zusammengeträumt hatte, einfallen wollte, vorbildlich seinen Widerstand, indem er ihn – sich zur Ehrlichkeit mahnend und den Forderungen der Wissenschaft beugend – als „inneren“ analysierte :

„Wenn einer deiner Patienten zur Traumdeutung nichts zu sagen wüsste als: Das ist ein Unsinn, so würdest du es ihm verweisen und vermuten, dass sich hinter dem Traum eine unangenehme Geschichte versteckt, welche zur Kenntnis zu nehmen er sich ersparen will. Verfahr mit dir ebenso; deine Meinung, der Traum sei ein Unsinn, bedeutet nur einen inneren Widerstand gegen die Traumdeutung.“ (VIII, 63)

Wenn Freud über das Resultat seiner im Auftrag der Wissenschaft verbrochenen Deutereien das vernichtende Urteil fällt:

„Der Verlasser der ,Traumdeutung‘ hat es gewagt, gegen den Einspruch der gestrengen Wissenschaft Partei für die Alten und für den Aberglauben zu nehmen.“ (VIII, 7 f.),

so ist dies wörtlich zu nehmen. Wer meint, Freud habe sich ein paar Entgleisungen geleistet – als er bekannte, von Hebammen und sonstigen Laien seine Einfälle bezogen zu haben, und die Analyse dazu missbrauchte, die „Deutung“ von Prophezeiungen und Telepathien zu „ermöglichen“ und andere „okkulte Tatbestände aufzudecken“ (I, 482) –, die im Widerspruch zu seinen restlichen wissenschaftlichen Forschungsergebnissen stünden, täuscht sich über die Leistung der psychoanalytischen Betrachtung des Menschen. Freud begeistert sich daran, in der Analyse „die tiefsten und primitivsten Schichten“ (IV, 131) zu Tage gefördert zu haben, in denen er die Waffe entdeckt hat, das Bewusstsein in seine Schranken zu verweisen :

„Die Psychoanalyse muss das Bewusstsein als eine Qualität des Psychischen ansehen, die zu anderen Qualitäten hinzukommen oder wegbleiben mag.“ (I, 283)

Indem er es für eine „unhaltbare Anmaßung“ (I, 126) hält, „die Rolle des Bewusstseins zu überschätzen“ (I, 127), verlangt er im Namen der Wissenschaft der mit Bewusstsein versehenen Menschheit das Bekenntnis ihrer Irrationalität ab.

Die psychoanalytische vereinheitlichte Weltanschauung

Es macht also gar nichts, wenn an dem funktionierenden Teil der Menschheit nicht „ähnlich günstige Bedingungen für die Beobachtung (!)“ des Trieblebens vorhanden sind wie bei den Neurotikern:

„Da das Studium des Trieblebens vom Bewusstsein her kaum übersteigbare Schwierigkeiten bietet, bleibt die psychische Erforschung der Seelenstörungen die Hauptquelle unserer Kenntnis.“ (III, 89)

Man muss nur das an den Neurotikern herausgefundene Prinzip, dass sie von etwas anderem getrieben sein müssen, weil sie ja sonst normal wären, auf den Rest der Menschheit anwenden, so dass deren hintergründige Motive ebenso erfolgreich aufgespürt werden können. So wie vom Willen des Neurotikers abgesehen und seine Verrücktheit mit ihm unterschobenen, ihm unbewussten niederen Leidenschaften erklärt wird, kann man jeden „Charakter“ auf seine „Analerotik“ zurückführen und freiweg behaupten:

„Ordnungsliebe, Geiz und Hartnäckigkeit seien als Produkt dauernder Reaktionsbildungen gegen anale Lüste anzusehen, gegen die bei der Zurückhaltung oder Ausscheidung der Faeces, wie auch beim Spiel mit ihnen, gewinnbare Befriedigung.“ (VII, 176)

Weil mit der Entdeckung analer und anderer Gelüste als dem „eigentlich realen Psychischen“ alle menschlichen Aktivitäten von diesen unterjocht werden – gerade dann, wenn sie überhaupt nichts mit ihnen zu tun zu haben scheinen, erweisen sie als „Sublimierungen“ mit der Verwandlung der „Triebenergie“ die Abhängigkeit von ihr –, so dass sie allesamt als aus dem Unbewussten gespeistes Seelenlebenanzusehen sind, hat Freud mit der Psychoanalyse eine Weltanschauung entwickelt:

„Als eine Spezialwissenschaft – Tiefenpsychologie oder Psychologie des Unbewussten – ist sie ganz ungeeignet, eine eigene Weltanschauung zu bilden, sie muss die der Wissenschaft annehmen.“ (I, 586)

Deshalb braucht sich die „Einheitlichkeit“ seiner „Welterklärung“ (I, 586):

„Die Psychoanalyse wird als Wissenschaft nicht durch den Stoff, den sie behandelt, sondern durch die Technik, mit der sie arbeitet, charakterisiert. Man kann sie auf Kulturgeschichte, Religionswissenschaft und Mythologie ebensowohl anwenden wie auf die Neurosenlehre, ohne ihrem Wesen Gewalt anzutun. Sie beabsichtigt und leistet nichts anderes als die Aufdeckung des Unbewussten im Seelenleben.“ (I, 377),

die mit dem Prinzip des Unbewussten keinen Gegenstand ungeschoren davon kommen lässt, auch nicht „die mangelnde Berücksichtigung der gesellschaftlichen Bedingungen“ vorwerfen zu lassen, die für Freud keineswegs tabu waren:

„Ein drittes, höchst ernsthaftes Stück der menschlichen Geistestätigkeit, jenes, das die großen Institutionen der Religion, des Rechts, der Ethik und all die Formen der Staatlichkeit geschaffen hat, zielt im Grunde darauf ab, dem Einzelnen die Bewältigung seines Ödipuskomplexes zu ermöglichen und seine Libido aus ihren infantilen Bindungen in die endgültig erwünschten sozialen überzuleiten.“ (IX, 160)

In seinem Eifer, die ganze Welt aus der schweinischen Beschaffenheit der Menschen zu deduzieren, tut Freud nicht nur den von ihm als gegensätzlich behaupteten Gegenständen die Gewalt an, sie aus der nämlichen Ursache zu begründen:

„Triebregungen spielen eine ungemein große und bisher nie genug gewürdigte Rolle in der Verursachung der Nerven- und Geisteskrankheiten. Dieselben sexuellen Regungen sind auch mit nicht zu unterschätzenden Beiträgen an den höchsten kulturellen, künstlerischen und sozialen Schöpfungen des Menschengeistes beteiligt.“ (I, 48)

Allen Phänomenen der „Steinzeitgesellschaft“ ebenso wie des bürgerlichen Lebens wird bestritten, etwas anderes darzustellen als die – verdrängte oder sublimierte – Verwandlung sexueller Regungen. So wird nichts als das erklärt, was es ist, sondern was mit ihm unterlassen wurde, so dass sich das Unbewusste als treibendes Motiv geltend macht

– am Geld:

„Ebenso, dass eine der wichtigsten Äußerungen der umgebildeten Erotik aus dieser Quelle (= Analerotik) in der Behandlung des Geldes vorliegt, welcher wertvolle Stoff im Laufe des Lebens das psychische Interesse ah sich gezogen hat, das ursprünglich dem Kot, dem Produkt der Analzone, gebührte.“ (IV, 188),

– am Denken:

„Die Fähigkeit, eine Aussage für wahr oder falsch zu erklären, lässt sich auf sehr primitive Regungen zurückführen. Man verspürt in sich einen Gedanken und fällt ein Urteil, das soviel bedeutet wie ,es soll in mir oder außer mir sein‘. Das Urteil ,wahr‘ entspricht dem Verschlucken oder Behalten des Gedankens, das Urteil ,falsch‘ dem Ausspucken oder Ausscheiden desselben,“ (VI, 166),

– am Antisemitismus:

„Der Kastrationskomplex ist die tiefste Wurzel des Antisemitismus, denn schon in der Kinderstube hört der Knabe, dass dem Juden etwas am Penis – er meint ein Stück des Penis – abgeschnitten wird, und dies gibt ihm das Recht, den Juden zu verachten.“ (IV, 36),

– am Flechten und Weben:

„Der Scham schreiben wir die ursprüngliche Absicht zu, den Defekt des Genitales zu entdecken. Man meint, dass die Frauen zu den Entdeckungen oder Erfindungen der Kulturgeschichte wenig Beiträge geleistet haben, aber vielleicht haben sie doch eine Technik erfunden, die des Flechtens und Webens. Wenn dem so ist, so wäre man versucht, das unbewusste Motiv dieser Leistung zu erraten. Die Natur selbst hätte das Vorbild für diese Nachahmung gegeben, indem sie mit der Geschlechtsreife die Genitalbehaarung wachsen ließ, die das Genitale verhüllt. Der Schritt, der noch zu tun war, bestand darin, die Fasern aneinander haften zu machen, die am Körper in der Haut staken und nur miteinander verfilzt waren. Wenn Sie diesen Einfluss des Penismangels auf die Gestaltung der Weiblichkeit als eine fixe Idee anrechnen, bin ich natürlich wehrlos.“ (I, 562f)

Die Philosophie der Menschennatur

Bleibt zum Schluss nur noch die Frage, warum Freud so darauf versessen ist, der ganzen Welt ihre Objektivität zu bestreiten und die von den Verrückten praktizierte Stellung zur Welt – „geheimnisvolle Einheit von Welt und Ich, das Geheimnis der Wirklichkeit also als eines Werkes der Seele“ (Th. Mann / VI, 134) – der ganzen Menschheit als „Einsicht“ zu verschreiben, an der sie ihr Handeln auszurichten hat.

Offensichtlich hält er nicht den Schluss seiner Patienten für kritikabel, die von den Anforderungen des „Lebens“, das ihnen Verzicht und Gehorsam abverlangt, fertiggemacht wurden und sich dafür an der Wirklichkeit rächen, indem sie sie durch das alleinige Geltenlassen ihrer subjektiven Vorstellung – zumindest in der Vorstellung – um die Existenz bringen. Vielmehr stört ihn der Effekt solch verrückten Treibens, da sich die Subjekte so ihrem Auftrag zu funktionieren entziehen. Was Freud zu tun hatte, war daher eins: die Kritik der Verrückten mit dem Gebot der Tauglichkeit zu vereinbaren.

So propagiert er offensiv die Unzulänglichkeit der Welt und nimmt der Kritik der Unzufriedenen den Wind dadurch aus den Segeln, dass er sie gegen sie wendet: denn die Wirklichkeit ist nicht deshalb kritikabel, weil sie den Menschen, die – um zurande zu kommen – sich beschränken und allerhand verkneifen müssen, allen Anlass zur Unzufriedenheit bietet, sondern vom Standpunkt der Ideale aus betrachtet, die den Leuten Verzicht und Opfer für das Funktionieren des Ganzen abfordern, hat sich Unzufriedenheit über die mangelnde Verwirklichung derselben einzustellen. Bedauernswert ist daher der schlechte Stand der Ideale in dieser Welt, so dass sich die Kritik nicht gegen die im Namen der Ideale zugemuteten Opfer empört, sondern der Menschheit, die sich nichts verkneifen kann, ihr wenig würdevolles Verhalten vorhält und so mit ihrer eigenen Unzufriedenheit für die Schlechtigkeit der Welt zur Verantwortung zu ziehen. Als „rechtschaffener Naturforscher“ (I, 493) weiß Freud sein Urteil, dass alle Menschen „wertlos“ (VII, 14) sind, zu belegen: um das Höhere ist es schlecht bestellt, weil ihm das Tier im Menschen entgegensteht:

„Der Mensch ist ein Wesen von schwacher Intelligenz, das von seinen Triebwünschen beherrscht wird.“ (V, 128)

„Die bisherige Entwicklung des Menschen scheint mir keiner anderen Erklärung zu bedürfen als die der Tiere.“ (III, 251)

Wenn Freud mit der „inhärenten Unzulänglichkeit des Primärprozesses“ (VII, 58) den Menschen auf seinen Konstruktionsfehler aufmerksam macht, immerzu Energie abführen zu müssen und so nach Lust statt nach dem Ernst des Lebens zu streben, so hat er damit nicht nur die Einheit von Welt und Ich bewerkstelligt, die alle objektiven Gründe für Unzufriedenheit verschwinden lässt, „das ,Zustoßen‘ als ein ,Machen‘ entlarvt“ (VI, 141). Zugleich beugt er der Konsequenz der Verrückten vor, die ihre subjektive Vorstellung von der Wirklichkeit gegen sie halten und sich so vor dem Getriebe der bürgerlichen Welt abschirmen: er liefert den Individuen eine subjektive Erklärung ihres Scheiterns und ihrer Unzufriedenheit, die auf den Zweck ihrer Funktionstüchtigkeit bezogen ist, indem sie die objektiven Ansprüche an die Individuen anerkennt und gegen sie als dessen subjektive Unzulänglichkeit geltend macht. Es besteht also kein Grund zum Verzweifeln, denn wenn sich auch an der Objektivität nichts drehen läßt, so hat man doch an der eigenen Subjektivität, die der Zufriedenheit im Wege steht, ein reiches Betätigungsfeld. Nach der Devise:

Bescheidenheit – vergessen wir nicht, dass sie von Bescheidwissen kommt, dass ursprünglich das Wort diesen Sinn führte und erst über ihn den zweiten von modestia, moderatio angenommen hat.“ (VI, 150f),

stellt Freud eine Erklärung bereit, mit der die Menschen die Schwierigkeiten, die ihnen das Funktionieren in der bürgerlichen Gesellschaft bereitet, als Schwierigkeiten, die sie sich selbst bereiten, behaupten lernen. Da es nicht darum geht, die Gründe dafür herauszufinden, warum es den Menschen dreckig geht – die Grenzen, die ihnen in der bürgerlichen Gesellschaft gesetzt sind, sind ebensowenig Gegenstand der Kritik wie der Umstand, dass sie sie sich gefallen lassen –, sondern darum imaginäre Gründe anzubieten, mit denen sich die Menschen für die Unzufriedenheit selber zur Verantwortung ziehen, wird von allem, was die Menschen tun und lassen, abstrahiert und das Getriebensein des Menschen durch ihre Triebe erfunden, wodurch allen menschlichen Tätigkeiten die Selbständigkeit bestritten ist. Egal, was die Menschen anstellen, ob sie Klavierspielen oder Autofahren oder Revolution machen – es sind nicht verschiedene Tätigkeiten, die die Individuen verfolgen, weil sie sich einen bestimmten Zweck gesetzt haben –, sondern sie dokumentieren alle dasselbe: jedes Mal stellen die Triebe etwas mit den Menschen an, die gar nicht Herr ihrer selbst sind. Wenn also die Menschen mit Schwierigkeiten nicht zurande kommen, so liegt es einzig und allein an der Schwierigkeit, die sich in ihnen abspielt, weil sie davon keine Kenntnis haben: in ihrem Inneren liegen die Instanzen miteinander im Kampf, mit denen der Anspruch der bürgerlichen Gesellschaft an die Individuen frech als deren Natur ausgegeben wird. Wenn Freud „die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit“ (I, 496) vornimmt, so macht das Funktionieren die Persönlichkeit aus, wobei die Zerlegung den Nachweis bezweckt, dass die drei Funktionen, in die die Person „aufzuspalten“ ist, ihr das Funktionieren schwer machen. Weil nicht das Ich Subjekt seiner verschiedenen Tätigkeiten ist, sondern sein Wollen die Resultate des Kampfes darstellt, die drei mehr oder minder energiestarke Subjekte in ihm ausfechten – denn die Instanzen werden von Freud ausdrücklich als Handelnde eingeführt:

„Ein Sprichwort warnt davor, gleichzeitig zwei Herren zu dienen. Das arme Ich hat es noch schwerer, es dient drei gestrengen Herren, ist bemüht, deren Ansprüche und Forderungen in Einklang zu bringen. Diese Ansprüche gehen immer auseinander, scheinen oft unvereinbar zu sein; kein Wunder, wenn das Ich so oft an seiner Aufgabe scheitert. Die drei Zwingherren sind die Außenwelt, das Über-Ich und das ES. … So vom ES getrieben, vom Über-Ich eingeengt, von der Realität zurückgestoßen, ringt das Ich um die Bewältigung seiner ökonomischen Aufgabe, die Harmonie unter den Kräften und Einflüssen herzustellen, die in ihm und auf es wirken, und wir verstehen, warum wir so oft den Ausruf nicht unterdrücken können: Das Leben ist nicht leicht! Wenn das Ich seine Schwäche einbekennen muss, bricht es in Angst aus, Realangst vor der Außenwelt, Gewissensangst vor dem Über-Ich, neurotische Angst vor der Stärke der Leidenschaften im ES.“ (I, 514f) –,

sind die drei Instanzen auch nicht mit jenen Begriffen zu verwechseln, aus deren Existenz er die Plausibilität seines Konstrukts bezieht. Das Über-Ich ist alles andere als das Gewissen, da die moralische Beurteilung der Welt eine Leistung des wachen falschen Bewusstseins ist, mit der das Individuum die von ihm geforderte Beschränkung sich als seinen Vorteil zurechtlegt, um durch diesen Trost seinem Willen die eigene Einengung zu befehlen, das Über-Ich hingegen – das von Freud nicht als Fehler im Denken kritisiert wird, da ihn nicht interessiert, was die Leute denken oder tun, sondern wie sie zu reibungslosem Funktionieren zu bewegen sind – verfügt als von der Person abgespaltene Kraft selbst über Bewusstsein und Willen, mit der es die anderen Kräfte einengt und so – je nach Stand der Kräfteverhältnisse – das Funktionieren hindert oder befördert. Auch das ES hat nichts mit Leidenschaft oder körperlichen Bedürfnissen zu schaffen; mit der Installierung des ES als eigenständiger Instanz behauptet Freud glatt die natürliche Autorität des Menschen:

„ … die Triebverzichte, die die Kultur verlangt. Denkt man sich ihre Verbote aufgehoben, man darf also jetzt zum Sexualobjekt jedes Weib wählen, das einem gefällt, darf einen Rivalen beim Weib, oder wer einem sonst im Weg steht, erschlagen, kann dem anderen auch irgendeines seiner Güter wegnehmen, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen, wie schön, welch eine Kette von Befriedigung wäre das Leben!“ (V, 95)

Weil die bürgerliche Gesellschaft von ihren Mitgliedern Verzicht verlangt, entschädigen sich diese mit Wünschen und Vorstellungen. Doch wenn auch mal der Wunsch aufkommt, den tyrannischen Vater um die Ecke zu bringen, so gehört schon eine ganze Portion Unverschämtheit dazu, dem unterdrückten Sohn diesen Wunsch als dessen Gelüst, als ursprüngliche Neigung und ihm von Natur zukommenden Trieb anzuhängen.

Wenn so mit ES der Hauptschuldige dingfest gemacht wäre, der verderblich auf die anderen das Individuum lenkenden Kräfte einwirkt, so ist es nicht etwa ein Gebot der bürgerlichen Gesellschaft, sondern der Kultur, neben dem Über-Ich die Person mit einer weiteren Instanz auszurüsten, die die vorgebliche Naturinstanz in Schach hält. Das Ich, von Freud großspurig als das vorgestellt, „was man Vernunft und Besonnenheit nennen kann“ (III, 293 f), hat allerdings mit dem, was es „repräsentiert“, wenig Ähnlichkeiten aufzuweisen. Denn während Vernunft und Besonnenheit Tätigkeiten des selbstbewussten Individuums sind, mit denen es sich dirigiert, „sitzt das Ich dem ES, unerkannt“ und unbewusst, oberflächlich auf“ (III, 292) und hat so die schwierige Aufgabe, Kräfte, die von ihm nichts wissen wollen und von denen es nichts weiß, zu bekämpfen. Das Ich ist eine abhängige Größe, das selbst über keine Energie verfügt, sondern sich aus dem Reservoir des ihm feindlich gesonnenen ES speist, so dass das Scheitern dieser Instanz vorprogrammiert ist.

Mit den drei Instanzen hat Freud nicht nur demonstriert, warum die Menschen „schwer zusammenhalten und darum kaum zu regieren sind“ (I, 598), sondern auch den Weg gewiesen, wie diese Funktionsbündel zum Funktionieren gebracht werden können:

„Die Vernunft gehört zu den Mächten, von denen man am ehesten einen einigenden Einfluss auf den Menschen erwarten darf.“ (I, 598)

Die Vernunft übt dann einen mächtig einigenden Einfluss aus, wenn sie sich als Instanz begreift und die dem „Ich“ innewohnende Fähigkeit zur Selbstbeherrschung in der Erkenntnis äußert, warum ihm die so schwerfällt. Nicht etwa, weil das Individuum mit der Selbstbeherrschung – als Konsequenz der Beherrschung – gegen seine eigenen Bedürfnisse vorgeht, sondern weil die beiden anderen menschlichen Instanzen dem Ich seine Aufgabe so schwer machen. Mit der Verwandlung der Gemeinheiten, die in der bürgerlichen Gesellschaft das Individuum mit der Selbstbeherrschung sich selbst abverlangt, in Schwierigkeiten, die ihm seine „Zwingherren“ bereiten, ist ein Mensch hübsch bescheiden geworden und legt es nicht mehr der Welt zur Last, wenn er nicht in ihr zurechtkommt. Stattdessen bemüht er sich, mit sich klarzukommen, sachgerecht mit seinen Störfunktionen umzugehen, indem er sich diese Undinger bewusst macht, wodurch sie bekanntlich ihre Macht über ihn verlieren – so dass für einen, der Bescheid weiß, aller Grund zur Klage entfällt. Und da das Funktionierenmüssen gerade dazu immer erneuten Anlass liefert, hält man es aus, wenn man sich mit der ewigen Suche nach unbewussten Trieben die eigene Natur – die stets das Wohlbefinden in der Bescheidenheit stört, weil dieser Zustand nicht umsonst, sondern nur unter Aufbietung aller Willenskräfte zu haben ist – als Grund der Unzufriedenheit einredet.

Wer auf diese Weise immerzu beschäftigt ist, sich selbst zu negieren, weiß nicht nur, dass er an das Leben keine Ansprüche stellen darf, solange er die Ansprüche, die er an sich selbst stellt, nicht verwirklichen kann, sondern hat seine Wünsche schon längst heruntergeschraubt, weil er nun mal ein Mensch ist:

„Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten. Was man im strengsten Sinne Glück heißt, entspringt der eher plötzlichen Befriedigung hoch aufgestauter Bedürfnisse und ist seiner Natur nach nur als episodisches Phänomen möglich. Jede Fortdauer einer vom Lustprinzip ersehnten Situation ergibt nur ein Gefühl von lauem Behagen. Wir sind so eingerichtet (!), dass wir nur den Kontrast intensiv genießen können, den Zustand nur sehr wenig. Damit sind unsere Glücksmöglichkeiten schon durch unsere Konstitution beschränkt.“

So besehen hat man Gott nicht nur für die Einrichtung der Arbeit zu danken, die dem lauen Behagen, das der Urlaub als Zustand an sich hat, ein durch den Kontrast lustvolles Ende bereitet, sondern macht auch die Arbeit als Zustand beinah Spass, weil sie nur wenig Zeit für anderes läßt und so Gelegenheit bietet, Bedürfnisse hoch aufzustauen, so dass die Plötzlichkeit der Abreaktion zweifellos glücklich zu nennen ist, So besehen ist daher die Kultur eine gottvolle Angelegenheit, die den Menschen vor seiner Natur in Schutz nimmt:

„Es ist ja die Hauptaufgabe der Kultur, ihr eigentlicher Daseinsgrund, uns gegen die Natur zu verteidigen.“ (V, 95)

und ihn für das ihm eh nicht vergönnte Glück entschädigt, indem sie ihm „Triebopfer“ auferlegt, die „Leid ausschalten“ (VII, 197), das er sich und anderen mit dem Austoben seines hemmungslos auf Bedürfnisbefriedigung versessenen ES zufügen würde. Das einzige, was dem Individuum – wegen der „Schwierigkeiten, welche die Unbändigkeit der menschlichen Natur jeder Art von sozialer Gemeinschaft bereitet“ (VII, 198) – zu wünschen übrig bleibt, ist ein Heilmittel zur „Regulierung der individuellen Aggression“ (VII, 204), mit der er immer wieder die Kultur versaut, der er doch so viele schöne Triebopfer gebracht hat. Doch solange der chemische Stoff noch nicht gefunden ist, der „die Diktatur der Vernunft im menschlichen Seelenleben“ (I, 598) installiert, wodurch der Seelenhaushalt von vornherein so eingerichtet ist, dass die Instanz der Selbstbeherrschung in jedem Fall die Oberhand behält, muss man selber dafür sorgen, dass einem „das psychologische Ideal“ (V, 127) in Fleisch und Blut übergeht.

Nachweis der Zitate:
I. S. Freud, Vorlesungen, Fischer Studienausgabe, Bd. 1
II. Ders., Traumdeutung, l.c., Bd. 2
III. Ders., Psychologie des Unbewussten, l.c., Bd. 3
IV. Ders., Zwei Kindheitsneureosen, l.c., Bd. 8
V. Ders., Massenpsychologie, Fischer Bücherei
VI. Ders., Abriss der Psychonalyse, Fischer Bücherei
VII. R. Wollheim, Sigmund Freud, dtv Moderne Theoretiker
VIII. Q. Mannoni, Freud, rororo Monographie
XI. Kursbuch, Das Elend mit der Psyche