Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Semiotik – Grundlagen der Sprachwissenschaft

Verpflichtet die Sprache zur Demut?

Wann immer ein Assistent oder Professor in die Semiotik, die Wissenschaft vom sprachlichen Zeichen, einführen will, dann spricht er zu seinen Studenten, benutzt diese sprachlichen Zeichen. Und immer verlässt er sich darauf, dass sie zumindest verstehen und als Vorstellung präsent haben, wovon er spricht, wenn er z.B. über „Sprache“, „Zeichen“, „Gegenstand“ usw. redet und seine Urteile darüber vorträgt. Anstatt aber zu erklären, wie das sprachliche Zeichen beschaffen ist, das diese so selbstverständlich auch in diesem Seminar in Anspruch genommenen Leistungen vollbringt, sind linguistische Einführungsveranstaltungen darauf erpicht, lauter Zweifel in die Leistungen der Sprache zu säen. „Seit der Antike“, so die Behauptung, versuche die Wissenschaft ein Phänomen zu ergründen, von dem man mittlerweile nicht mehr so recht wisse, ob es überhaupt existiert.

„Ist ein Zeichen nur ein Name für eine Sache, nur ein Aufkleber? Wie sieht es mit dem Wahrheitsanspruch von der Sprache aus? Gibt es einen Zusammenhang von Sprache und objektivem Gegenstand?“

Die erste Frage ist scheinbar harmlos und leicht zu beantworten. Ja, sprachliche Zeichen sind wohl Namen für eine Sache, wie immer diese beschaffen sei. Nur: Namen sind keine Aufkleber an der Sache und auf ihre dingliche Existenz angewiesen. Namen halten die Vorstellung des Gemeinten im Kopf fest: Sie hält den allgemeinen Charakter der Sache fest, der dieser oder jener besonderen Existenz gleichermaßen zukommt. Sie ist auch dann im Bewusstsein präsent, wenn der benamste Gegenstand nicht als vom Subjekt getrennt existierende Sache wahrgenommen wird. Weil das so ist, ist die Frage, ob es einen Zusammenhang von Sprache und objektivem Gegenstand gäbe, abgeschmackt. Semiotiker wollen offenbar auf folgende falsche Alternative hinaus: Entweder klebt „Tisch“ an jedem solchen, oder man weiß nie so recht, was „Tisch“ benennt. Um diese Alternative zu denken, muss man dem sprachlichen Zeichen seinen Vorstellungsinhalt nehmen und es als bedeutungsloses Bezeichnungsmittel denken. Dann, aber auch nur dann, wäre mit dem sprachlichen Zeichen gar nicht bestimmt, wovon es Zeichen ist. Dann müßte zwischen Zeichen und Sache erst ein „Zusammenhang“ hergestellt werden, damit es Bestimmtes bezeichnet. Und ein solcher Zusammenhang von bedeutungslosem Zeichen und x-beliebiger Sache wäre in der Tat rein äußerlich und von Mensch zu Mensch verschieden, eine Frage des Zufalls eben. Bloß: Wenn erst das Deuten auf die Sache das Zeichen an sie bindet, dann sind Zeichen so überflüssig wie ein Kropf. Der Zeigefinger müsste die Sprache ersetzen.

Mit dieser falschen Vorstellung, das sprachliche Zeichen habe seine Bedeutung immer erst im Zuordnen zu einer Sache, wird ein „Wahrheits“-Problem in der Sprache konstruiert:

„Wenn das menschliche Kategorisieren das einzige ist, muss man sich auf Wahrheit einigen. Das ist eine gefährliche Position: was, wenn man sich nicht einigt? Für die gleichen Gegenstände gibt es verschiedene Benennungen; sie verdanken sich gesellschaftlichen Konventionen. Und schließlich: Ist der Mensch überhaupt das Maß aller Dinge? Was ist überhaupt ethisch wertvoll?“

Zunächst wird ein Beispiel für die angebliche Ungewissheit der Bedeutung sprachlicher Zeichen angeführt: Für gleiche Gegenstände gibt es verschiedene Benennungen.

Das Faktum stimmt, doch widerlegt gerade die Kenntnis dieses Umstands die Theorie von der Ungewissheit aller Bedeutung: Man muss nämlich die Bedeutung all der verschiedenen Benennungen jeweils verstanden haben und sich deshalb gewiss sein, dass sie dieselbe Vorstellung bezeichnen, um sie als Synonyme, als Worte, die dasselbe nur unterschiedlich bezeichnen, zu identifizieren. Gleiches gilt etwa für Fremdsprachen, bezüglich derer die Semiotiker freilich genau denselben Fehler wie bei der bestimmung der Synonyma machen – und im Vollzug ihrer Theorien und ihres Wissenschaftsbetriebes dauernd dementieren. Denn flott übersetzen deutsche, amerikanische und französische Semiotiker ihre Auslassungen über Sprache in solche über language oder langue und wieder zurück, und streiten sich über die jeweiligen Urteile bzw. Theorien über die Sprache – ganz sicher, über denselben Gegenstand zu disputieren.

So geben sie gleich auch noch zu erkennen, dass nicht Bezeichnungen, in diesem Fall die jeweils landesüblichen, sondern nur die Urteile über die Sache strittig sind. Wann immer Wissenschaftler entdecken, dass sie sich bloß sprachlich missverstanden haben, dass sie also über Verschiedenes und deshalb aneinander vorbei reden, hört der Streit prompt auf.

Aber nicht nur die linguistische Zeichentheorie ist falsch, sondern auch die daraus gefolgerte Wahrheitsproblematik: Die Sprache ist nicht daran schuld, dass Semiotiker nichts Rechtes über sie wissen (wollen).

Es ist zwar falsch, doch es macht einen Sinn, wenn bei der „Wahrheits“-Problematik das bloße sprachliche Bezeichnen einer Vorstellung mit dem Urteilen über eine Sache verwechselt wird. Klar, wenn schon nie gewiss sein kann, worüber geurteilt wird, darf keiner behaupten, seine Urteile seien wahr. Mit dieser absoluten Skepsis wird auch noch die in der Wissenschaft gebräuchliche Ersatzbrücke für Wahrheit und Objektivität, die „intersubjektive Einigung“ der Wissenschaftler verworfen. Ohne dass seine Beweise geprüft würden, wird der Wissenschaftler vom Semiotiker zur Bescheidenheit im Denken verdonnert, der seinerseits mit erklärtermaßen beschränkter Haftung den letzten Käse z.B. über Sprache und Denken behaupten darf. Ferner: Wenn schon prinzipiell nicht sicher zu ermitteln ist, was eine Sache ist, darf schon gleich niemand meinen, er könne beurteilen, ob eine Sache seinen Interessen zu- oder abträglich, ethisch gesprochen „wertvoll“, ist. Die Skepsis gegen die Sprache dient also zur Begründung einer antimaterialistischen Haltung, auch wenn nicht gleich in jedem Seminar die Moral von der Geschicht so explizit gepredigt wird wie von einem Herrn Prof.Dr. Wildgen:

„Plato hat noch das Ideal eindeutiger Zuordnung von Bezeichnetem und Bezeichnendem gelehrt. Danach gab es aber eine Vertreibung aus dem Paradies… Die Übermütigkeit des Menschen aber ist zu bremsen. Es darf kein Turmbau zu Babel stattfinden. Demut ist zu erlernen.“