Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Politologie

Ein Nachdenken – nicht über, sondern für den Staat

 

Dr. Peter Decker (Nürnberg)
Erlangen, April 2014

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Was soll man von einem Fach halten, das von politischer Herrschaft handelt und sie auch so nennt, jedoch die Frage nach dem Warum und Wozu der bestimmten politischen Herrschaft, die es hier und heute gibt, gar nicht erst stellt? In seiner kleinsten, einführenden Abteilung erfindet es sich einfach den Menschen als wilde Bestie, die sofort über ihresgleichen herfallen würde, wenn es ihr nicht verboten wäre. Zugleich erfindet sich das Fach seine merkwürdige Bestie auch als so vernünftig, dass sie einsieht, dass ihre Natur unterdrückt werden muss, damit sie in Frieden leben kann. Die widersprüchliche Konstruktion einer Menschennatur zielt gar nicht auf eine Erklärung der bestimmten, wirklichen politischen Herrschaft, sondern rechtfertigt gleich jede Form von Herrschaft als notwendig und vernünftig angesichts der Unvernunft der Menschen.

In seiner ebenfalls kleinen, kritischen Abteilung ersetzt das Fach die fällige sachliche Frage durch das idealistische Bemühen um eine Definition guter Herrschaft. Dass die Menschen in der modernen Welt von einem Gewaltmonopol, also von monopolisierter Gewalt in Schach gehalten, zum Gehorsam gegen den Staat und zu dem vorgeschriebenen Verkehr untereinander gezwungen werden, kommt auch diesen Fachvertretern nicht merkwürdig vor. Das Faktum gilt ihnen als eine Selbstverständlichkeit: Herrschaft braucht es nun einmal – es kommt nur darauf an, dass sie gut organisiert, gut ausgeübt und für gute Ziele eingesetzt wird.

In ihrer größten, realistischen oder empirischen Abteilung wünscht die Politologie der existierenden politischen Herrschaft einfach gutes Gelingen. Statt ihr Erkenntnisobjekt zu analysieren, sorgt sie sich um dessen Erfolg: Wie steht es mit den Bedingungen der Stabilität des politischen und internationalen Systems? Was könnte sie bedrohen? Wie sind Konflikte zu managen? Wie lassen sich gegensätzliche Ansprüche der Bürger zu einem einheitlichen Staatsprogramm amalgamieren; wie die allfälligen Enttäuschungen neutralisieren; wie staatliche Kontroll- und Legitimitätsverluste vermeiden?

Einer Wissenschaft, die solchen Fragen nachgeht, fehlt das erste, was von Wissenschaft zu fordern ist: Die nötige Distanz zu dem Objekt, das sie untersucht. Sie ergreift gleich Partei für es, will Ratgeber der Politik und damit nützlich sein für die politische Herrschaft, die sie zu erklären hätte. Deshalb ist sie auch blind dafür, dass ihr Gegenstand selbst Index verkehrter und schädlicher gesellschaftlicher Verhältnisse ist. Dass in diesem universitären Fach nicht nur parteilich, sondern auch falsch nachgedacht wird, soll der Vortrag an einigen Beispielen politologischer Theorie und Praxis aufzeigen.