Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Neue Errungenschaften der psychiatrischen Forschung

„Allein wegen der Debatte um die Neufassung des Diagnose-Schlüssels für psychische Erkrankungen konnte sich Judith Baer, Psychiaterin an der Rutgers University in New Jersey schon darauf verlassen, dass sie mit ihrer aktuellen Studie für Aufregung sorgen würde. (…) Judith Baer und ihre Kollegen stellen nun (…) die These auf, dass Mütter, die in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen leben und bei denen eine Angststörung diagnostiziert wird, diese Diagnose möglicherweise nicht verdienen. Die Angststörungen seien nämlich ein Reflex auf die schlechten Lebensverhältnisse. Baer legte den Begriff Armut für ihre Studie streng aus; ihre Probandinnen mussten zunächst Fragen wie diese beantworten: Wurde Ihnen der Strom abgestellt? Sind Sie aus finanziellen Gründen mit anderen Leuten zusammengezogen? Vorgelegt wurden die Fragen 2300 Teilnehmerinnen einer Langzeitstudie. Es stellte sich heraus, dass die ärmsten Mütter auch mit der größten Wahrscheinlichkeit von Symptomen einer Angststörung betroffen waren, etwa ausgeprägtem Sich-Sorgen, Schlafstörungen, Ruhelosigkeit.“ (FAZ, 25.7.2012)

Arme Mütter verlieren die Ruhe und machen sich ausgeprägt Sorgen, wenn sie sich die Elektrizitätsversorgung und ein Dach überm Kopf nicht leisten können. Eine Psychiaterin wagt nach langen empirischen Studien die kühne These, dass solches Verhalten nicht unbedingt ein Indiz für eine psychische Störung ist. Wenn man mit so einer Banalität „für Aufregung sorgen“ kann, wie durchgesetzt muss dann in ihrer Disziplin der Wahn sein, der Mensch habe mit egal welcher „Umwelt“ zurechtzukommen, und wenn er an dieser Aufgabe versage, sei an ihm etwas verkehrt!

„Die amerikanische Studienautorin Baer hat sich bisher zurückgehalten, Hinweise zu geben, wie die Politik ihren Ergebnissen begegnen sollte. Sie beschränkt sich darauf zu erklären, es sei nicht angemessen, Frauen, die auf ein Leben in Armut mit Stress reagieren, mit dem Stigma einer psychiatrischen Diagnose zu belegen. Doch einige amerikanische Medien haben es schon formuliert: Nicht Therapieangebote, sondern finanzielle Mittel würden den betroffenen Frauen und Kindern wohl am meisten helfen.“

Mehr, als dass Arme, denen die Not auf die Nerven geht, nicht in ihr Fach fallen, will die Psychiaterin, die die Fachgrenzen respektiert, auch gar nicht gesagt haben. Was gegen Geldmangel helfen könnte, darüber blühen hingegen in der Öffentlichkeit schon die wildesten Spekulationen …