Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Linguistik nebensnah: „Zum Beispiel …“

Zum Beispiel die Eskimosprache. Diese verfügt über eine Besonderheit, die speziell für Eskimos interessant ist, nämlich über eine „Vielfalt der Namen für Schnee, die dessen verschiedenen Zuständen entsprechen“ und die den Arktisbewohnern erlaubt, „bestimmte für sie besonders wichtige Aspekte der Wirklichkeit auszudrücken.“ (Schaff: Sprache und Erkenntnis, S.  156). Einerseits haben die Eskimos das gut hingekriegt. Andererseits müssen sie sich von den Linguisten schon sagen lassen, dass sie dafür einen hohen Preis entrichten müssen: „Die Eskimos sehen dreißig Sorten Schnee und nicht Schnee überhaupt; nicht weil sie es wollen, nicht weil sie das untereinander verabredet haben, sondern weil sie die Wirklichkeit nicht anders wahrnehmen können.“ (a.a.O., S. 156) Vor lauter Bäumen können die Eskimos den Wald nicht mehr sehen! Und wir alle, die wir sprechen, schreiben uns gefälligst ins Stammbuch, dass die Sprache, jenes fügsame Mittel zum Bezeichnen von Unterschieden und damit zur ideellen Auseinandersetzung mit der Welt, in tieferer Hinsicht ein Zwang ist, der „die Geister der betreffenden menschlichen Gemeinschaft beherrscht.“ (a.a.O.)

Aber vielleicht ist dieser Fluch andererseits auch ein Segen. Zum Beispiel im Hinblick auf die Farben: „Im Farbspektrum wird ein Deutscher, wie fast alle westlichen Völker, zwischen violett, blau, grün, gelb, orange und rot unterscheiden. Diese Unterscheidungen liegen aber nicht im Spektrum selbst; dort gibt es zwischen violett und rot nur ein Kontinuum. Dieses Kontinuum ist je nach Sprache auf unterschiedliche Weise gegliedert. Im Bretonischen und Walisischen wird ein einziges Wort ‚glas‘ auf einen Teil des Spektrums angewandt, der etwa den Zonen des Blau und des Grün im Deutschen entspricht.“ (Martinet: Grundlage der allgemeinen Sprachwissenschaft, S.  20)

Da schau her: das Farbspektrum zwingt zu nichts, nicht einmal zu seiner sprachlichen Einteilung! Wie eintönig wäre da die Welt, kämen nicht in unserem Sprachspektrum Farben vor, die im Farbspektrum gar nicht auszumachen sind. Grey roses for a grey baby? Gottseidank determiniert uns die Sprache, jeden „Gegenstand sprachlicher Mitteilungen … auf eine andere Art zu analysieren (Linguistenjargon für ‚betrachten‘).“ (a.a.O., S. 20)

Denn determiniert soll es schon sein, das Denken. Aber was heißt nun die Determiniertheit des Denkens durch die Sprache, wenn in dieser das kapitalistische Ausbeutungsverhältnis – auch dieses kommt in der linguistischen Beispielsammlung vor – ideologisch als Harmonie von „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“ umgedeutet ist? Kann die „konkrete Erfahrung“ den wirklichen Sachverhalt überhaupt noch bemerken? „Auf jeden Fall muss sie sich gegen den Widerstand des sprachlich Vorgeprägten behaupten.“ (Diekmann, Sprache und Ideologie, in: Gerhard, Linguistik und Sprachphilosophie, S.  22) Ein richtiger Schelm, so ein Linguist. In Sachen Ideologien lässt er sich doch nichts vormachen. Die Determiniertheit des Denkens durch die Sprache, die er sich selber vormacht, gilt für alle außer ihn. Deshalb erschöpft sich sein „Widerstand“ gegen „das sprachlich Vorgeprägte“ auch darin, dem blöden Rest der Welt dessen universelle Determiniertheit durch die Sprache vorzuhalten. Zum Beispiel …