Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Linguistik-Grundkurse:

Warum heißt der „Hahn“ nicht „Kahn“ oder „Hnha“?

„Die Linguistik will sich die Sprache merkwürdig machen.“ (Prof. em. Dr. Max Boeters, Inst. für Germanistik I der Uni Hamburg)

Linguistikkurse, die jeder künftige Deutschlehrer absolviert, sind so ziemlich der einzige Ort auf der Welt, wo man sich ernsthaft bemüht, in bleibende Verwunderung auszubrechen, wenn z.B. beim Wort „Hahn“ im Seminar des gleichnamigen Professors keiner aufsteht, oben am Prof dreht und erwartet, dass unten Wasser rausläuft. Warum soll man da erstaunt sein? Es gibt doch in jeder Sprache gleichlautende Wörter mit unterschiedlichen Bedeutungen, die man kennen muss, wenn man sie gebrauchen will. Für die linguistische Sprachbetrachtung sind derartige Homonyme jedoch nur ein besonders auffälliges Indiz für das Wirken eines geheimnisvollen „sprachlichen (!) Mechanismus“ – hier des Deutschen –, der verhindern soll, den guten Professor für einen Gockel und diesen wiederum für einen Wasserhahn zu halten.

Worin aber besteht dieser „Regelmechanismus der Sprache“, der so Wundersames leisten soll? Hören wir dazu Herrn Hahn (Prof. Dr. Walter v. Hahn, Inst. für Germanistik I, Uni HH), der mit einem seiner beliebten Seminarbeispiele in das Geheimnis einführt, was Sprache schon beim einzelnen Wort, dem „sprachlichen Zeichen“ so alles bewirken soll:

„Zwei Kommunikationspartner A und B treffen sich. A schwärmt B von einer ‚attraktiven‘ Frau vor. Weil sich A unter ‚attraktiv‘ eine Blondine, B aber eine ‚Rothaarige‘ vorstellt (!), kommt es zu Missverständnissen.”

Das ist zwar gemogelt: A hat nämlich ein Geschmacksurteil abgegeben, wie bestimmte Eigenschaften einer Frau auf ihn wirken, und nicht, worin diese Eigenschaften bestehen. B stellt sich eine andere Frau vor – und soll deshalb missverstehen, dass A eine Frau gut findet, von der darüberhinaus noch gar nicht die Rede war? Daraus ein Missverständnis zu drechseln geht doch nur, wenn man bewusst „attraktiv“ mit einer objektiven Beschreibung verwechselt. Im übrigen stellt die Sprache alle Mittel zur Verfügung, sich auch über die tatsächlichen Qualitäten der vorgestellten Dame zu verständigen – und wenn dann noch Differenzen über die Frau existieren, dann liegt das bestimmt nicht an der Sprache.

Sowas interessiert einen Linguisten freilich nicht. Er will ja nicht die verschiedenen Bedeutungen und Verwendungsmöglichkeiten eines Wortes oder Begriffes klären, indem er die Vorstellungsbereiche untersucht, die es umfasst. Der Trick mit dem „Missverständnis“ soll vielmehr dem Wörtchen „attraktiv“ als sprachlichem Zeichen ein Problem anhängen, das „die Sprache“ letztlich dann doch wieder löst. Und dazu hat man sich ein Gespräch wie das obige folgendermaßen zurechtzulegen:

Abb. 1

Abb. 1

Da existiert A als ungefähr dasselbe wie eine Morseeinrichtung („Sender“), die die Bedeutung ‚attraktiv‘ in die Laute ‚a-t-r-a-k-t-i-f‘ übersetzt („kodiert“), diese auf den Weg schickt („in einen Kanal gibt“), damit sie im Kopf von B auf die gleiche Einrichtung treffen, wo das Umgekehrte passiert: die Rückübersetzung („Dekodierung“) der angekommenen Laute in – im Idealfall – die von A gemeinte Bedeutung.

Doch wie soll das gehen, dass B aus bloßen Lauten etwas herausholt, was in ihnen gar nicht enthalten ist? Er hat einen „Übersetzungsmechanismus“ im Kopf, der der eintreffenden bloßen „Lautfolge“, „ihrer spezifischen Anordnung als Struktur“ eine entsprechende Bedeutung „zuordnet“ – belehrt der Linguist und fordert damit auf, sich unter einem Wort, einem „sprachlichen Zeichen“, etwas absolut Unsinniges einzubilden, wofür er auch ein Bild parat hat:

Abb. 2

Abb. 2

Beide Gebilde sollen darauf hinweisen, dass ein sprachliches Zeichen „eine in der gesprochenen Sprache untrennbare Einheit von seiner Form (Ausdruck) ‚Lautbild‘ und seinem Inhalt ‚Bedeutung‘ ist“ (Funkkolleg Sprache) – eine Feststellung von der gleichen Qualität wie: Ein Rad ist in der Realität eine untrennbare Einheit zwischen seiner runden Form und seinem radlichen Inhalt. Mag letzteres Grundlage für eine Wissenschaftsverulkung à la Otto Waalkes sein (‚wie kommt das Rad zu seinen Rundungen?‘), ein Linguist nimmt so etwas bierernst: Wie kommt die bestimmte Bedeutung ‚Hahn‘ zu der genau passenden „Lautfolge“ ‚h-a-n‘, damit sie auch als solche erkannt wird, fragt er sich, und nicht zu ‚k-a-h n‘ oder ‚n-a-h‘ oder gar ‚p-r-o-f-e-s-o-r‘? Das hat man nun davon, sich einen Redner partout als Sendestation vorstellen zu wollen, bei dem man leider die Gebrauchsanweisungen nicht kennt, nach der er seine Inhalte in seine Zeichen „übersetzt“ – obwohl man ihn sehr wohl versteht: Mal abgesehen von der echt merkwürdigen Fragestellung, die davon lebt, bei einem Wort davon auszugehen, was es nicht ist, aber auch sein könnte, wenn es eben nicht das bestimmte Wort wär’… Die Definition des Worts als seine „Einheit“ – was für sich ja nichts besagt, als dass es auch wirklich als selbiges existiert – ist dabei der ganze linguistische Dreh, sich einen Gegenstand „Sprache“ zu erfinden: Unterstellt diese Definition doch, sich im Wort zwei selbständige nichtsprachliche Teile zu denken, die trotzdem Wortbestandteile sein sollen, zu diesem Zweck aber erst durch eine jetzt auf einmal sprachliche Gesetzmäßigkeit zusammenkommen müssen, damit das Wort auch zum Wort wird. Diese seltsame Unterscheidung von Wort vorher (als Trennung seiner Bestandteile) und Wort nachher (als seine eigene Einheit) ist allerdings kein „hochkomplexer sprachlicher Vorgang“, sondern erschwindelt. Das sieht man besonders schön an der rechten Seite des Schaubilds, wo über und unter dem Trennungsstrich das Gleiche steht (von wegen also 2 Teile!); nur graphisch anders dargestellt: die Bedeutung eines Worts existiert eben immer schon als sprachlich bestimmte (soll der Linguist doch mal versuchen, eine unbestimmte subjektive Vorstellung von ‚Hahn‘ auszudrücken, ohne sie in ein bestimmtes Zeichen zu fassen!); und ‚Lautbild‘ ist nur ein anderes Wort für – ‚Wort‘. Im Zeichenmodell des Linguisten gibt es das Zeichen also dreimal: auf beiden Seiten seiner „getrennten“ Bestandteile und als deren umfassende Klammer. Die „analytische Trennung“ des sprachlichen Zeichens fällt so in sich zusammen und mithin auch die eingebildete Leistung der Sprache, ‚Bedeutung‘ und ‚Laute‘ „zusammenzubringen“.

Unberührt von solchen Einwänden gegen sein Zeichenmodell spinnt der Linguist seinen Einfall weiter: Er sucht auf der Lautseite z.B. Regeln, die unabhängig von der Bedeutung die Laute von ‚Hahn‘ zu einem Wort ordnen. Dazu denkt er sich die sprachliche Funktion dieser Laute weg und findet ein „Phonologisches Lautsystem des Deutschen“ mit bestimmten „Strukturgesetzen“ wie z.B.diesem: „ ‚h‘ und ‚k‘ stehen in Opposition zueinander.“ So soll es also im menschlichen Hirn zugehen: Falls es des deutschen Lautsystems mächtig ist, weiß es sofort: Immer wenn Laute in der Reihenfolge h-a-n ankommen, muss ich in meiner entsprechend strukturierten Bedeutungskammer die Bedeutungen ‚Kahn‘, ‚Zahn‘ usw., aber auch ‚Hohn‘, ‚Haar‘ und schließlich auch alle außer ‚Hahn‘ ausschließen, weil die laute h-a-n in „Opposition“ zu den anderen stehen und außer ‚Hahn‘ keine andere Bedeutung zulassen. Das Dumme daran ist nur, woher weiß das Hirn die Sache mit der „Opposition“ der Laute? Doch nur, weil es der Linguist heimlich wieder an die unterschiedliche Bedeutung von ‚Hahn‘ und ‚Kahn‘ hat denken lassen, wo ‚h‘ und ‚k‘ tatsächlich bedeutungsunterscheidende Funktion zukommt. Nur unabhängig davon, für sich, stehen die bloßen physikalischen Laute ‚h‘ und ‚k‘ in überhaupt keiner Beziehung untereinander, bilden schon gar nicht irgendeinen Gegensatz und erst recht kein „System“, dessen „Struktur“ sich eine bestimmte Bedeutung „zuordnet“. Das glaubt ja auch keiner, dass die geometrische Anordnung von Aluminiumatomen im Dreieck in Opposition zu ihrer Anordnung im Sechseck stünde – und deshalb die Bedeutung „Vorfahrt achten!“ im Unterschied zu „Stehenbleiben und alle anderen vorbeilassen“ „hervorrufe“!

Gerade darin besteht aber das Prinzip aller linguistischen Regeln. Was macht z.B. die Doppeldeutigkeit von „Hahn“ eindeutig? Klar, seine Beziehung im Satz! Linguistisch gesehen besteht diese aber in regeln, die von allen Bedeutungen und damit inhaltlichen Beziehungen der Satzteile absehen, so dass der Satz: „Der Hahn rennt über den Bauernhof“ in etwa so aussieht:

Abb. 3

Abb. 3

Und wie kommt da der genannte raus und nicht: „Der Bauernhof rennt über den Hahn“ oder „Rennt Bauernhof Hahn über der den?“ (im übrigen ein unter Linguisten ernstlich anerkanntes Problem!) Ganz einfach: indem man das schon vorher weiß und die einzelnen (inhaltlichen) Satzbestandteile so einsetzt, dass sie auch richtig grammatikalisch und lexikalisch zueinanderpassen. Was sind also die linguistischen „Regeln“ des Satzes „Der Hahn rennt über den Bauernhof“? Genau die, die dafür sorgen, dass sie in der Reihenfolge stehen, die es erlaubt, die „ihnen entsprechende“ Bedeutung „Hahn“ auch zu entnehmen. Und worin bestehen die „Strukturregeln“ der „Bedeutungselemente“ von „Hahn“? Darin, dass sie „Hahn“ bilden. Umwerfend! Wo ist da das grundlegende „sprachliche Problem“ geblieben, wenn sich die „Regeln“ immer wieder auf ihren Ausgangspunkt, ein bestimmtes Wort, einen bestimmten Satz, zusammenkürzen?!

Als Linguist muss man offenbar äußerst verliebt in die Vorstellung von „Sprache“ sein, die sich ständig selber wie Münchhausen am Schopfe aus dem Sumpf zieht, ohne allerdings – in Abweichung vom Märchen – dort drin zu sein; oder eben nur als „System“, als „Struktur ihrer Elemente“, die dann aber schon alles enthalten müssen, was ein Wort zu einem Wort, ein Satz zu einem Satz macht usw., damit auch wirklich ein sprachlicher Ausdruck zustande kommt …

Keine Angst, so verrückt sind Linguisten nun auch wieder nicht, dass sie praktisch an ihre eigenen Regelkonstruktionen glauben. Auch sie fahren nicht nach Spanien mit dem oben veranschaulichten „Regelsystem“ eines Satzes oder folgender Wortdefinition im Kopf:

„Ein Wort ist eine im Satz verschiebbare, durch eine fakultative Pause in einer Äußerung isolierbare Einheit.“

– in der Annahme, jetzt einen Schlüssel zum spanischen Wortschatz oder zur spanischen Grammatik im Reisegepäck zu haben. Man muss Wörter und Satzaufbau einer Sprache eben erst lernen, damit man anschließend seine Regelspielchen an ihr durchexerzieren kann, mit dem dauernden treudoofen Problem, wie aus den von Sprache abstrahierenden „Beziehungs“-Regeln die richtige Sprache rauskommt.

Was soll dann das Ganze? Eben dies:

„Alles bisherige, was (an der Sprache) so selbstverständlich erscheint, problematisch zu betrachten.“ (Prof. Boeters)

Und dazu muss man hinter der Sprache, die man so hört, spricht und liest, immer etwas sehen, was man an ihr nicht sieht – „die Sprache“ nämlich! Für diese wunderbare Verdopplung der Sprache gibt es auch eine linguistische Theorie, die heute unter dem Stichwort „Performanz und Kompetenz“ behandelt wird. „Performanz“ soll das sein, was man sprachlich so von sich gibt (Sprache, Sprechen, Sprechakte), während „Kompetenz“ dieselbe Sprache meint, nur noch nicht losgelassen, im Kopfe verankert als (unbewusstes) Wissen über dieses „System mit Struktur“. Doch ob in Französisch oder Latein: Auf diesen idiotischen Unterschied zwischen Sprache und Sprache kommt es nur jemandem an, der Sprache – und nicht etwa ihre mangelhafte Beherrschung – grundsätzlich als Problem sehen will. Diese Einstellung zur Sprache paßt dann auch gut zu Leuten, die im Unterricht z.B. Sprache so beibringen, dass es ihnen dabei weniger auf den richtigen Gebrauch, viel mehr aber darauf ankommt, Skepsis über die Sprache zu verbreiten: Vor den „Gefahren der Sprache“ als Grund von „Manipulationen“, von „Kommunikationsschwierigkeiten“ bis hin zu „Verständigungsproblemen“ der Menschheit zu warnen ist ein Höhepunkt des heutigen Deutschunterrichts.

Fragt sich nur, warum Linguisten die von ihnen verbreitete Skepsis über Sprache nicht gegenüber ihren eigenen linguistischen Aussagen an den Tag legen. Warum ist sich Professor Hahn nur so sicher, für sich jede Verwechslung mit jenem Gegenstand auszuschließen, der bekanntlich nicht ganz dicht ist?