Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Naturwissenschaftler klären auf über „Geist & Gehirn“, „Bewusstes & Unbewusstes“, „Willensfreiheit & Determination“:

Machen die Ergebnisse der modernen Hirnforschung aus der Psychologie des Seelenapparates eine materialistische Wissenschaft?

Vortrag mit Redakteuren der Zeitschrift GegenStandpunkt
München, 2007

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Zu einer kleinen Erschütterung des abendländischen Wertehimmels und Menschenbildes haben es eine Handvoll Neuro-Biologen, Mediziner, Physiologen usw. hierzulande jedenfalls gebracht. Bei ihrer Erforschung der „materiellen Grundlagen unseres Bewusstseins“ haben sie einfach keine der höheren Wesenheiten entdecken können, die nach verbreiteter Auffassung die Gattung Mensch zur Krone der Schöpfung machen. Von der lausigsten Reaktion der Sinne auf einen Reiz bis hinauf zu den höchsten Formen der Verstandestätigkeit: Alles nur „neuronales Geschehen“, „naturwissenschaftlich zu erklärende Hirnprozesse“ – und weit und breit keine immaterielle Seele, Ich-Instanz oder sonst eine metaphysische Wesenheit in Sicht, die das Geistige besorgen und den Willen leiten würde, dessen Freiheit der Mensch sich rühmt! Aber rechtfertigt die Entdeckung, dass im Gehirn die Gesetze von Physik und Chemie regieren, deswegen auch gleich eine weitergehende „Deutung“? Die z. B., dass dann das Gehirn wohl die materielle Wesenheit sein muss, die als eigenmächtige Instanz alles„determiniert“, was man an Geistigem – Gefühl, Bewusstsein, Wille…- von sich und anderen so kennt? Dieser „These“ nach wären „Willensfreiheit“, „Selbstbewusstsein“ usw. purer Schein, lösten sich vielmehr in einem vom Gehirn funktionell arrangierten Zusammenspiel von „Evolution“, „Genen“ und ein bisschen „Lernen“ auf – nur: Wer mag diese ‚These‘ dann gedacht haben? Und wenn sie stimmt: Was hängt davon ab?


Ein „neues Menschenbild“ mag darüber schon zustande kommen, wenn „die Freiheit“, die Errungenschaft aller Zivilisiertheit, zur Chimäre wird. Aber ob man sich dem deswegen auch gleich anschließen soll? Geht denn die Vorstellung von einem Mechanismus zur „Steuerung menschlichen Verhaltens“ im Wege von Reiz & Reaktion deswegen in Ordnung, weil nunmehr Naturwissenschaftler das Gehirn und sein Funktionieren zum Statthalter dieser Funktion befördern? Macht die uralte psychologische Frage nach den im menschlichen Seelenapparat verborgen liegenden Mächten und Kräften mehr Sinn, wenn die modernste wissenschaftliche Antwort auf sie lautet: „Verschaltungen legen uns fest“? Freilich: Eine Empfehlung, dann doch lieber den „traditionellen Vorstellungen von der menschlichen Willensfreiheit“ den Vorzug zu geben, folgt daraus nicht. Denn was deren Befürworter an Einwänden gegen das Konstrukt der „biologischen Determiniertheit des Menschen“ ins Feld führen,. taugt auch nicht besonders. Zu einem „Plädoyer für die Freiheit“, für „die Größe und Einzigartigkeit des Menschen“ ergreifen diese Menschenfreunde das Wort, weil sie nichts über die verbindlichen Instanzen der „Orientierung“ beim Verhalten kommen lassen wollen, die ihnen schmecken. Sie bringen den Glauben an Gott oder den ans ‚Es‘ und ‚Über-Ich‘, das Recht, die Moral, die Sittlichkeit und überhaupt alles, was ihnen heilig ist, zur Sprache – und finden überhaupt nichts dabei, lauter Formen von freiwilliger Selbstbeschränkung als die untrüglichen Gütemerkmale jener Gattung heranzuziehen, die sich mit „Willensfreiheit“ vor Schnecken und Schimpansen auszeichnet!


Auf einen Disput zwischen Vertretern einer „empirisch-materialistischen Wissenschaft“ auf der einen, Psychoanalytikern und ‚Kantianern‘, Moralphilosophen und sonstigen Hermeneutikern auf der anderen Seite bleibt diese moderne Auflage des ‚Leib-Seele-Problems‘ nicht beschränkt. Über Feuilletons und ‚Spiegel‘ schließt auch das breitere intellektuelle Publikum Bekanntschaft mit den „provozierenden Thesen eines neuen naturwissenschaftlichen Menschenbildes.“ Selbstverständlich nicht, um sich näher mit dem Rätsel einer Naturwissenschaft zu befassen, die für die Stiftung eines Menschenbildes gut ist. Sondern um letzteres – irgendwie – „interessant“ zu finden: Mitten in einer Welt, in der höchst reale und sattsam bekannte Mächte dem Willen Grenzen ziehen, wird munter darüber spekuliert, ob etwas und was genau dran sein möchte an der Vorstellung einer unbekannten Macht im Oberstübchen, die uns vortäuscht, wir wären Herr über uns selbst und hätten alles im Griff. Fragt sich schon, wer da wem was vortäuscht.