Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Für Psychologen, Pädagogen und Philosophen eine immer wieder heiße – gleichwohl falsche Frage:

Ist der Wille frei oder determiniert?

Philosophen bringen es einfach nicht fertig, sich einen Gegenstand vorzunehmen und ihn zu erklären. Ohne einen leitenden Gesichtspunkt, unter dem die Sache erst interessant erscheint, tun sie es nie. Philosophische Traktate über den Willen, sofern sie sich überhaupt noch zur Sache äußern und nicht darüber reden, wie man darüber reden müsste, treiben sich stets in der langweiligen Alternative von Freiheit und Determination herum, ganz so, als wäre es das, was an Willensäußerungen erklärungsbedürftig ist; bzw. als ob es eine Erklärung irgendeiner Tat wäre, dass einer tut, was er tut, weil er es will, oder weil er es muss.

Den Willen hinterfragen

Man weiß aus dem gewöhnlichen Leben, dass das nicht die Antworten sind, die erwartet werden, wenn gefragt wird, warum einer etwas tut. Mehr noch, obige alternative Antworten sind geradezu die Zurückweisung der Frage, die Weigerung, dem Frager die eigenen Gründe auseinanderzusetzen.

Antworten, die deshalb immer motzig vorgetragen werden: „Ich will eben!„ (Fussballspielen, Demonstrieren) – ist keine Auskunft, und teilt nur eines mit: Ich habe schon meine Gründe und über die hast du dir kein Urteil zu erlauben. Umgekehrt: „Ich muss ganz einfach!“ (dir um den Hals fallen, eine runterhauen): Ich habe wichtige Gründe, die Zweifel verbieten. In diesen Fragen und in der Unzufriedenheit mit den Antworten weiß jeder, wie es mit Freiheit und Determination des Willens bestellt ist: Die Willensfreiheit besteht darin, dass der Wille, die praktische Seite des Bewusstseins, seinen Inhalt weiß.

„Das Theoretische ist wesentlich im Praktischen enthalten: …, denn man kann keinen Willen haben ohne Intelligenz. Im Gegenteil, der Wille hält das Theoretische in sich: der Wille bestimmt sich; was ich will, stelle ich mir vor, ist Gegenstand für mich.“ (Hegel, RPh § 4, Zusatz)

D.h. der Verstand kennt und beurteilt die Gründe, von denen er sich bestimmen lässt (Als unnütz erkannte Zwecke wird er fallen lassen, weniger wichtige zurückstellen usw.). Die Freiheit des Willens verwirklicht sich andererseits eben im Entschluss zu einem Inhalt, der angenehm, nützlich oder sonstwie wünschenswert ist. Freiheit getrennt vom und gegen den Willensinhalt gibt es nicht.

„Das Ich geht … zum Setzen einer Bestimmtheit als eines Inhalts oder Gegenstandes über. Ich will nicht bloß, ich will etwas. Ein Wille, der … nur das abstrakt Allgemeine (seine leere Freiheit) will, will nichts und ist deswegen kein Wille.“ (Hegel, RPh § 6, Zusatz)

Die Philosophen, die dies durchaus auch wissen, zeigen sich an dieser Bestimmung der „empirischen Freiheit“ durchaus desinteressiert. Sie hinterfragen die Bestimmungen, an denen sie gar nichts Kritikables gefunden haben:

„Dem empirischen Begriff der Freiheit zufolge heißt es: frei bin ich, wenn ich tun kann, was ich will; und durch das ,was ich will‘ ist schon die Freiheit entschieden. Jetzt aber, da wir nach der Freiheit des Wollens selbst fragen, würde demgemäß die Frage sich so stellen: ,Kannst Du auch wollen, was Du willst?‘“ (A. Schopenhauer, Preisschrift über die Freiheit des Willens, Zürich 1977, S.46)

So sehr der gute Schopenhauer die Dummheit der Hinterfragerei weiß …

„Welches herauskommt, als ob das Wollen noch von einem anderen hinter ihm liegenden Wollen abhinge und, gesetzt diese Frage würde bejaht, so entstünde alsbald die zweite: ,Kannst Du auch wollen, was Du wollen willst?´ und so würde es ins Unendliche hinausgeschoben werden“ (ebd)

…, so wenig will er darauf verzichten; denn der nicht-empirische „Begriff von Willensfreiheit“ auf den Schopenhauer stellvertretend für seine Zunft aus ist, ist nur über diesen Fehler zu haben: Seine Frage heißt jetzt nicht mehr:

„Was willst Du?“, sondern „Kannst Du Beliebiges, völlig Unbestimmtes zum Inhalt Deines Willens machen?“ = „Kannst Du auf jeden bestimmten Willensinhalt verzichten?“ Nur diese Freiheit des Menschen von seiner eigenen Bedürftigkeit, Nutzen und Interessen dünkt Philosophen echte Freiheit.

„Wenn daher die Materie des Wollens, welche nichts anderes als das Objekt einer Begierde sein kann, die mit dem Gesetz verbunden wird, in das praktische Gesetz als Bedingung der Möglichkeit desselben hineinkommt, so wird daraus Heteronomie der Willkür, nämlich Abhängigkeit vom Naturgesetze, irgend einem Antriebe oder Neigung zu folgen, und der Wille gibt sich nicht selbst das Gesetz, sondern nur die Vorschrift zur vernünftigen Befolgung pathologischer Gesetze.“ (Kant, Kritik der praktischen Vernunft, § 8)

Die falsche Alternative, ob der Wille denn wirklich frei oder determiniert sei, leugnet nicht nur die Freiheit des Willens, die darin liegt, dass jeder um seine Bedürfnisse, Vorstellungen und Umstände seines Tuns weiß, und sich mit Gründen zu etwas Bestimmten entschließt. Sie leugnet sie mit dem falschen Argument, dass mit den Gründen, die ein Subjekt für sich gelten lässt, wenn es einen Zweck fasst, der Wille sich durch etwas ihm Äußeres, Fremdes bestimmt findet – als bestünde die Freiheit des Willens nicht gerade darin, sich einen bestimmten Inhalt, um den man weiß, zu geben. Und sie konstruiert damit die Freiheit als etwas, das sich nur jenseits und in Gegensatz zu jedem – weil von außen aufgenommenen – Inhalt im leeren Selbstbezug verwirklicht.

Der Kampf der beiden sich selbst aufhebenden Willensbestimmungen

So wird ein Bild vom Willen gezeichnet, bei dem jeder Handlungsgrund (= jeder „vernünftige“ Handlungsinhalt) die Willensfreiheit widerlegt: Jede Tat, für die es Gründe gibt, ist „Heteronomie“; die Gründe werden als gegen den Willen selbständige Mächte – „Triebe, Motive, Neigungen“ etc. – vorgestellt, denen dieser unterworfen sei. Man fragt sich, was für ein Freiheitsdrang da eigentlich unterworfen sein soll, wenn das Handeln sich ohne alles Selbstbewußtsein und Urteilen als Mechanismus vorgestellt wird, der von den äußeren Trieben und Neigungen bestimmt wird. Die Diagnose der Unfreiheit des Willens unterstellt umgekehrt ihr Gegenteil: Will man sich die Tat als frei denken, so muß man sie als frei gegen alle Gründe gewählt auffassen (korrekt bebildert in der sinnlosen, bzw. total antinützlichen Tat), so dass die Freiheit selber der Grund der bestimmten Handlung sein soll. Hier fragt man sich, wie die leere Freiheit, deren ganze Bestimmung rein negativ darin bestehen soll, sich von keinem objektiven Inhalt, keinem Grund „determinieren“ zu lassen, sich aus lauter Freiheit, also zufällig auf einen bestimmten Inhalt werfen soll.

„Der Determinismus hat mit Recht der Gewißheit jener abstrakten Selbstbestimmung den Inhalt entgegengehalten, der als ein vorgefundener nicht in jener Gewißheit enthalten und daher ihr von außen kommt, obgleich dies Außen der Trieb, Vorstellung, überhaupt das so erfüllte Bewußtsein ist.“ (Hegel, RPh, § 15)

Wenn Willensfreiheit die Fähigkeit zum Abstrahieren von allem Willensinhalt, zum Verzichten ist, dann setzt diese Freiheit eben auch umgekehrt den Determinismus voraus. Das hat man davon, wenn man die Frage nach den Gründen, aus denen sich der Wille seinen Inhalt gibt, mit allgemeinen Reflexionen über den Willen beantworten will.

Den polulären Gedankenexperimenten in Sachen „Freiheit oder Determinismus“ geht es nicht besser: „Aber essen muss man doch, da ist man nicht frei …“ – Ja eben, deswegen wollen es alle so gerne! Und sind so frei! Das ist schon eine alberne Theorie, die denselben Willensinhalt, essen, wenn er ausgeführt wird, als Indiz der Unfreiheit, wenn er unterlassen wird, als Indiz der Freiheit nimmt.

Schließlich widerlegen noch die Streitparteien durch ihren Streit ihre gegensätzlichen Positionen. Der Determinist versucht es immerhin mit Argumenten und bastelt nicht an den Genen oder dem „Milieu“ seiner philosophischen Kontrahenten herum, unterstellt also praktisch, dass das, was einer denkt und tut, sich seiner Einsicht in Gründe verdankt. Und der Mann von der Freiheit, der ebenso argumentiert, gibt dadurch zu erkennen, dass ihm durchaus etwas geläufig ist, was den Willen zu bestimmen vermag: theoretische Auskünfte darüber nämlich, wie es auf der Welt zugeht. Nichts wäre doch absurder, als sich wechselseitig von etwas überzeugen zu wollen, wenn alle immer nur wollen, was sie wollen, weil sie es wollen.

Vom Grund zur Schuld – eine durch und durch moralische Frage

Die Leistung der falschen Frage soll über ihrem Fehler aber nicht vergessen werden: Wenn das, was ein Mensch tut, unter der Alternative, „Will er oder muss er tun, was er tut?“ betrachtet wird, dann ist es angesichts der Offensichtlichkeit, dass man alles, was man nicht gerade aus Versehen bewirkt, auch will, eigentlich die verdoppelte Frage: „Willst du auch wirklich, was du willst?“ Das ist aber nicht mehr die Frage nach den Gründen einer Handlung, sondern danach, wie sich jemand zu seinem Tun stellt, ob er es als das Seine anerkennt oder nicht. In Wahrheit handelt es sich also um die Frage danach, ob einer auch einsteht für sein Tun! Es ist die Frage, ob der Mensch – in seiner Freiheit, die Handlung auch zu lassen – getrennt vom Inhalt und damit den Gründen seines Tuns dieses als Akt seiner Freiheit begreift, also bereit ist, die Verantwortung für sein Tun zu übernehmen. Mit der Frage nach der Verantwortung wird jedwedes Handeln auf einen zweiten, der Handlung selbst äußerlichen Maßstab bezogen: Dass der Handelnde sich von dem, was er tut, einen Nutzen, ein Vergnügen oder sonst etwas verspricht, liegt auf der Hand. Ob er es auch verantworten kann, fragt danach, ob er die Handlung auch im Lichte eines zweiten, höheren, dem unmittelbaren Materialismus der Handlung widersprechenden Maßstab rechtfertigen kann, soll und/oder will. Bei Verantwortung geht es immer um Gut und Böse, Erlaubt und Verboten und die Frage, ob der Mensch schuldig ist.

Diese Gleichsetzung von Freiheit und Verantwortung ist die positive Kehrseite dessen, dass die Philosophie die Freiheit des Willens nur im Nein zu jedem bestimmten rationellen Willensinhalt entdecken mag. Dass der Wille da unfrei sei, wo er etwas zu seinem Inhalt macht, und nur da frei, wo er gegen jede „äußere“ Bestimmung sich aus sich heraus einen Inhalt gibt, denkt den „freien“ Willen schon immer als auf einen ihm gemäßen Inhalt bezogen – sonst wäre es der leere Selbstbezug. Dieser der „Freiheit“ des Willens gemäße Inhalt besteht dann aberwitziger Weise – da rationelle Gründe ja für Philosophen Unfreiheit und Determination bedeuten – ausgerechnet in – grundlosen – Werten und Normen, denen sich der Wille aus freien Stücken unterwirft! Es ist dies die Betrachtungsweise von Juristen, denen nichts selbstverständlicher ist als das Postulat, dass der Verstand jede Handlung an den geltenden Vorschriften zu relativen habe und das auch noch für vernünftig halten solle, und zielt auf die Befriedigung eines ebenso aus dem Rechtswesen bekannten „Erkenntnis“- Interesses: die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit von Schuld.

Im Unterschied zur juristischen Frage nach der Verantwortlichkeit des Täters steht hier allerdings der Mensch als solcher vor dem (philosophischen) Sachverständigen in Sachen Schuldfähigkeit und so steht auch nicht die etwaige Trunkenheit, Verrücktheit usf. eines Gesetzesbrechers zur Diskussion, sondern Antworten prinzipiellerer Natur:

„Wie wäre es eigentlich mit der Annahme, das Bewusstsein der Selbstbestimmung sei Täuschung? Das bedeutete eine grundsätzliche Selbstverkennung des Menschen, eine Selbstüberschätzung in seinem Wesenskern, eine Art metaphysischen Größenwahns. Er schriebe sich naiverweise und mit Notwendigkeit eine Autonomie zu, die er nicht besäße, fühlte sich im Besitz einer Macht, die nicht die seine wäre, sondern umgekehrt ihr Spiel mit ihm triebe.“ (Wenn dem so wäre, könnte es bei aller Determiniertheit dem Menschen auch wieder nicht verborgen bleiben. Aber mit der Kritik aberwitziger Gedankenkonstruktionen hat es der Freiheitsphilosoph nicht, dafür hält er es umso mehr mit Morgenstern: „Also schloss er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf!“:) „Man stünde damit also in der ethischen Skepsis. Denn mit der Freiheit fiele auch der Sinn der sittlichen Werte am Menschen.“ (Nicolai Hartmann)

Eine solche wertethisch orientierte moralische Anmache will sich ein aufgeklärter Determinist nicht gefallen lassen. Also gibt er sie zurück:

„Wären Willensentschlüsse ursachlos, so hätte es keinen Sinn, eine Einwirkung auf einen Menschen zu versuchen, und man sieht sofort, dass dies der Grund wäre, warum wir ihn nie zur Rechenschaft ziehen könnten,“ (Was „wir“ aber selbstverständlich wollen!) „sondern immer nur ein Achselzucken für sein Verhalten haben würden.“ (Schlick, Fragen der Ethik)

Gegen die andere Partei hat er so auch nicht weniger recht als die gegen ihn. Wer grundlos handelt, bei dem geht auch moralische „Einwirkung“ ins Leere. Was, die falsche Alternative unterstellt, wieder ein guter moralischer Grund für den Determinismus ist. Der aber wieder die Verantwortlichkeit eines Produkts von Genen oder Umwelt „nicht erklären kann“. Usw., usf. … So wirft jeder dem anderen vor, er betreibe – durch eine falsche Theorie! – die Abschaffung von etwas, das erklärter Maßen allen furchtbar am Herzen liegt, pflegt so das bisschen künstliche Aufregung, das zu einer im Bewusstsein ihrer „Relevanz“ geführten Debatte bürgerlicher Ideologen dazugehört, und ist dabei durchaus zufrieden, im Konzert der Meinungen als andere Seite der anderen Seite auch seinen Platz zu haben.

Das widersprüchliche Menschenbild der Moral

Der Widerspruch der von allen geteilten moralischen Weltsicht fordert und verbietet eben beide Positionen gleichermaßen. Denkt man sich Zwang als begründete, vernünftige Sache, als dem gezwungenen Willen gemäß, setzt also Freiheit mit Pflichterfüllung identisch, dann muss man der Pflichtverletzung den Charakter der freien Handlung absprechen. Bedingungen haben sich störend geltend gemacht. Wenn das so ist, war aber auch die Pflichterfüllung nicht frei, sondern abhängig vom Ausbleiben der störenden Bedingungen. Der Wille ist also determiniert, eine Identität von Freiheit und Pflichterfüllung gibt es nicht. Wenn die Pflichterfüllung frei sein soll, muss es die Pflichtverletzung auch sein. Dann ist der Wille frei. Aber dann ist auch der Gehorsam nicht sein Gesetz, Freiheit und Pflichterfüllung fallen wieder nicht zusammen. Der Wille muss also doch beides sein, frei und determiniert … Ein „Nest von Widersprüchen“, in dem jedes Extrem auf das andere verweist und keines leistet, was es soll. Die tausenderlei Varianten und Vermittlungsversuche, die auf diesem Feld zusammengebastelt wurden, unterscheiden sich nun einfach nach dem Radikalismus, mit dem der Anspruch betont wird, der darin liegt, sich jeden Willensinhalt nur als Mittel der Realisierung der abstrakten Willensfreiheit zu denken. Die idealistische Freiheitsfraktion traut „dem Menschen“ in Sachen Distanz zu den eigenen Zwecken einiges zu. Die „naturwissenschaftlich denkenden“ Realisten warnen vor überzogenen Erwartungen.

„Der Wille ist frei“

Er will also, was er will. Die Lüge, auf die es diese Tautologie abgesehen hat, ist die Behauptung, dass alles, was mit freiem Willen geschieht, dass also alles, was sich ein Wille zum Inhalt setzt, aus freiem Willen geschieht, seinen prinzipiellen Grund in der Willensfreiheit hat. Gibt einer sein Geld her, weil ihm die Alternative: „Geld oder Leben!“ eröffnet wurde, so wird behauptet, dass dies aus freiem Willen geschehen ist. Beweis: Er hätte ja auch das größere Übel wählen können. Auf diesen zynischen Beweis der Unmöglichkeit von Zwang kann die Philosophie deswegen nicht verzichten, weil sie von ihrem Interesse an der Konstruktion einer ganz prinzipiellen Schuldfähigkeit des Menschen her einen Begriff von Willensfreiheit braucht, der diese nur in der Unterwerfung unter die als „vernünftig“ eingesehenen Werte realisiert sieht. Freiheit ist nach dieser Definition die Fähigkeit, auf jeden Zweck, den sich ein Wille setzt, aus „Einsicht in die Notwendigkeit“ Verzicht leisten zu können. Die Freiheit besteht in nichts anderem, als gegen alle materiellen Gründe moralisch handeln zu wollen. Mit dieser Definition wird der Verstoß gegen jene moralischen Ehrentitel, in deren Namen Verzicht eingefordert wird, zum Zweck des ungehorsamen Willens erklärt. Nach dieser Logik will der Dieb nicht das Geld, das er klaut, sondern den Diebstahl. Beweis: Er hätte ja den Diebstahl nicht begehen müssen, also hat er ihn gewollt. Dieser Überlegung zufolge wird die Tat des Diebes auch nicht an einem dieser äußerlichen und ihr entgegengesetzten (gesetzlichen) Maßstab gemessen, ein Maßstab, ohne den diese Tat im übrigen gar nicht als Diebstahl zu bezeichnen wäre. Vielmehr widerfährt dem Willen des Diebes Gerechtigkeit, wenn er zur Verantwortung gezogen wird. Der philosophische Begriff der Willensfreiheit als der allgemeinen Fähigkeit, im Namen höherer Maßstäbe Verzicht zu leisten, erklärt es zum Auftrag des Willens selbst, seinen materiellen Inhalt an ihm entgegengesetzten Maßstäben zu messen und ist damit die Rechtfertigung von Pflichten und der damit einhergehenden universellen Schuldzuweisung an den Willen, der nicht die Unmöglichkeit beherrscht, seine Inhalte an dem auszurichten, was ihnen entgegensteht. Es wäre daher auch ganz unphilosophisch, nach den Gründen eines solchen Gegensatzes zu fragen, um mit diesen jenen aus der Welt zu schaffen.

Auch eine Rechtfertigung von Gewalt.

„Der Wille ist determiniert“

Der Dieb will auch in diesem Fall das Geld nicht; er muss es einfach haben. Seine Kindheit, Erziehung, Umwelt oder gar die Gene haben aus ihm einen Dieb gemacht. Jeder Sozialisationstheoretiker weiß, dass etwa eine streng katholische Erziehung den ihr Ausgesetzten mit unabweisbarer Notwendigkeit dazu bringt, ein braves Schaf zu werden – oder aber ein Rebell, ein ehrgeiziger Manager oder ein ordnungsfanatischer Faschist … Eine sehr überzeugende Notwendigkeit also, die immer alle Möglichkeiten offen lässt und gleichwohl von vorne herein feststeht. Diese Unausweichlichkeit für den Willen ist eben eine willentlich in die Welt gesetzte Lüge, die jeder beim Delinquenten im Gerichtssaal, der seine Klautour mit fehlender Nestwärme im Elternhaus rechtfertigt, sofort als heuchlerische Berechnung auf strafmildernde Umstände durchschaut haben will. Ganz anders, wenn die moralphilosophische Verankerung der Pflicht im Willen vorgenommen wird. In unserer Wissenschaft geht es wieder wie vor Gericht zu. Diesmal plädiert die Verteidigung für Schuldunfähigkeit. Der Dieb verachtet den Diebstahl an sich, aber er konnte leider nicht anders. Dass die Leute sich nicht an die aufgemachten Anstandsregeln halten, obwohl sie doch ihrem Willen gemäß sein sollen, irritiert die Moralphilosophie nicht in ihrer Behauptung. Mit der Alternative – Determinismus – wird das von ihr postulierte Bedürfnis nach Pflichterfüllung als eigentliche Natur des Willens aufrecht erhalten: Dass keiner tatsächlich aus Pflicht handelt, beweist eben, dass er an dieser Pflichterfüllung gehindert worden sein muss, sonst wäre er doch anständig geblieben. So wird die dogmatische Gleichsetzung von Wille = Pflichterfüllung zum Argument, bei vorfindlichen „Verstößen„ dem Menschen den Willen abzusprechen. Wer die Pflicht nicht will, kann das, was er tut, gar nicht gewollt haben. So wird die Schuldfähigkeit zum Problem, das man sich unbedingt machen muss; vor dem Glauben an das eigene Konstrukt eines determinierten Willens wird aber wiederum gewarnt, weil die konstruierte Generalentschuldigung das für wichtig befundene Generalbeschuldigungsprogramm verhindern würde. Was, wiederum andersherum, aber nicht heißt, dass nicht auch die „totalitäre“ Vorstellung der Realisierbarkeit des moralischen Ideals gefährlich sein soll. Auch sein Würstchencharakter hat im moralischen Bild vom Menschen seinen bleibenden Platz.