Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Wie intelligent ist die Intelligenztheorie? Was misst ein Intelligenztest?

Entgegen der psychologischen Auffassung ist dies keine „Definitionsfrage“, auf die keine objektive Antwort möglich wäre. Ob ein Gedanke intelligent ist oder nicht, entscheidet sich nämlich nur an einer „Norm“: ob er richtig ist oder falsch. Welche Geistesleistungen und „Verhaltensweisen“ in unserem „Kulturkreis“ erforderlich sind und/oder als intelligent gelten, ist dagegen zunächst eine Klassenfrage. Im Unterschied zur so genannten Intelligenz ist der Arbeiter darauf angewiesen, seine Geistes- und Körperkräfte für die Leistungsanforderungen seines Arbeitsplatzes zu verbrauchen, so weit und solange das Kapital ihn gebrauchen will. Die lebenslange einseitige Anspannung in der Arbeit und der Zwang, seine Freizeit zur Reproduktion seiner Arbeitskraft zu verwenden (für nicht mehr und nicht weniger ist seine Schulbildung ausgerichtet), sorgen für die Verblödung der gewöhnlichen Masse, für welche die Kopfarbeiter sorgenvolle Verachtung aufbringen; ist es doch ihr Job, ihre gesetzlich geschätzte Geistesfreiheit als Lehrer, Juristen, Psychologen usw. für den Staat einzusetzen – Parteilichkeit für die Macht ist das Kriterium ihrer Intelligenz.

Die Theorie der Intelligenz dagegen gehört zur Differentiellen Psychologie und stellt sich das Problem völlig anders. Es handelt sich ihrer Vorstellung nach um das Talent, das einem jeden mitgegeben ist, um hienieden damit zu wuchern.

Was Intelligenz … auch sein mag, immer trägt deren Ausmaß, das einem Individuum zugeschrieben wird, mit dazu bei, dessen Platz in der hierarchischen Struktur seiner Gruppe zu bedingen.“ (Roth: Intelligenz – Grundlagen und neuere Forschung. Stuttgart 1998, S. 12)

Ohne Zweifel handelt es sich bei Intelligenz um ein besonders wichtiges Merkmal: Zahlreiche Beobachtungen belegen, dass ein Zusammenhang zwischen der individuellen Ausprägung in dieser Variablen und verschiedenen Kriterien für das Fortkommen in Gesellschaften westlicher Lebensart besteht. Den Anforderungen von Ausbildung und beruflicher Tätigkeit entsprechen hier in der Regel jene Personen eher, die aufgrund welcher Faktoren auch immer als ‚intelligent‘ bezeichnet werden können; umgekehrt mindert eine geringe Intelligenz die Aussicht auf schulische Unterrichtung, einen Arbeitsplatz, Geschlechtspartner usw., bedeutet Dummheit oder geistige Behinderung im Extremfall lebenslange Abhängigkeit von hilfegewährenden Personen oder Institutionen.“ (Amelang/Bartussek: Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung. Stuttgart 20015, S. 190)

Die Absurdität, von der Intelligenz und ihrem bestimmten Verhältnis zum Erfolg völlig zu abstrahieren, um sie als allemal wichtige bis entscheidende Voraussetzung für die gesellschaftliche Stellung einzuordnen – die Zitate wären ebenso überzeugend, wenn statt „Intelligenz“ „Einkommen“ oder „körperliche Leistungsfähigkeit“ eingesetzt würde –, führt schnurstracks zur psychologischen Pointe, dass jeder über ein „individuelles Ausmaß“ dieser Voraussetzung verfügt, so dass ihm ein ebenso individuelles Ausmaß von Erfolg möglich ist. Genauso gleichgültig wie alle nähere Auskunft über „Intelligenz“ ist dem Psychologen also, wie und wodurch jemand in welcher Gesellschaft sein „Fortkommen“ findet; es genügt vollkommen, dass man jedenfalls immer mehr oder weniger fortkommen kann. Intelligenz ist als Erfolgstüchtigkeit bestimmt, Erfolg als Ausdruck der Intelligenz.

Die scheinbare Plausibilität dieses Dogmas liegt im Hinweis, dass ohne Intelligenz zweifellos nichts geht. Ganz kulturunabhängig bedeutet Schwachsinn Unfähigkeit zu irgendeiner gesellschaftlichen Existenz – denken muss man schon können, wenn man in den Genuss von Ausbildung, Einkommen usw. kommen will. Nur beweist dies weder, dass Klugheit über die „Lebenschancen“ entscheidet, noch berechtigt die Tautologie, dass unleugbar seine Denkfähigkeit betätigt, wer denkt und handelt, zu dem Fehler, dies für eine Erklärung von Denken und Handeln zu halten. Aus dem Prädikat: dies und jenes ist intelligent = ein Zeichen von Intelligenz, fabriziert die Psychologie einen scheinbaren Grund für die betreffende Leistung. Ein Gedanke existiert in ihrer Betrachtung gleich zweifach, wenn sie ihn als intelligent klassifiziert hat: erstens als solcher, und zweitens als seine eigene Voraussetzung namens Intelligenz. Wonach man nur noch Voraussetzung und Grund verwechseln muss, um das ganze Beziehungsgeflecht des Gedankens zu seiner eigenen Qualität „Intelligenz“ so zusammenzufassen: Es liegt die „beobachtbare Äußerung“ einer „inneren Potenz“ namens „Intelligenz“ vor. Erklärt ist mit diesem Pseudoschluss ebenso wenig, als erklärt ist, wenn aus einem Sprung auf eine „Springfähigkeit“ „geschlossen“ würde, so dass man ab sofort auf die Frage, warum einer über den Zaun springt, antworten könnte, die Springfähigkeit verschaffe sich so ihren Ausdruck. Weiter: Nicht nur überhaupt eine verborgene Potenz zaubert der Intelligenztheoretiker aus der Tatsache, dass das Denken so üblich ist, sondern auch ein individuell begrenztes Potential, das die Gelegenheit zum Lebensglück bestimmt. Wo immer der Psychologe eine bestimmte intelligente Leistung registriert, blamiert er sie als insofern beschränkte Leistung. Aus der Möglichkeit zu denken, folgert er, dass dieselbe als individuelle Schranke existiert. Wenn das Intelligenz ist, so ist prinzipiell auch jede Geistesleistung ein Zeugnis für die Beschränktheit dieses ominösen Potentials – man mag tun, was man will, ein Intelligenztheoretiker nimmt es als mögliches Anzeichen, dass man nichts Besseres kann.

Was misst ein Intelligenztest?

Dies ist die Grundlage jedes Intelligenztests und damit der Praxisrelevanz, deren sich diese Disziplin gerne rühmt. Der Psychologe stellt Aufgaben, sieht nach, welche der Proband korrekt löst und welche nicht, und „diagnostiziert“ daraufhin, welcher intellektuellen Leistungen der Betreffende überhaupt fähig ist, welcher nicht. Dabei handelt es sich nicht um die Entdeckung besonderer, individueller Fähigkeiten, sondern um die Prüfung, wie weit sich die Testperson an Aufgaben bewährt, die speziell für die Auslese für bestimmte Abteilungen der bürgerlichen Gesellschaft zusammengestellt sind: Es gibt Tests für Kinder jeder Schulstufe, für Akademiker, Arbeiter, Hausfrauen, Irre usw.

Nun wird die Psychologie hier keineswegs realistisch und fragt ganz einfach die für die jeweilige Ausbildung oder Arbeitswelt unterstellten Kenntnisse ab; sie ist nach wie vor an der Messung des Ideals von geistiger Fähigkeit als Erfolgstüchtigkeit interessiert, und das heißt, dass sie dem Intelligenzpotential getrennt vom stattgehabten Erfolg auf die Spur kommen will. So überzeugt sie also einerseits davon ausgeht, dass ein Mensch so viel Erfolg hat, als er intelligent ist, so sehr misstraut sie etwa Schulnoten als Indizien der Tüchtigkeit, die sie annehmen will, und legt ihren Ehrgeiz in die Entwicklung von Prüfungsaufgaben, die eine Denkfähigkeit unabhängig von tatsächlich verlangten Leistungen darstellen sollen. Von dieser Seite betrachtet, vermeidet der ideale Intelligenztest nach Möglichkeit jeden Anklang an gelerntes Wissen wie Rechenaufgaben und Ausdrucksübungen – da es gelernt ist, gibt es ja keinen Aufschluss darüber, was der Proband können könnte, wenn er es nur könnte – und misst die intellektuelle Eignung für die Welt, indem sie auf jeden gedanklichen Inhalt zu verzichten sucht.

Auf der anderen Seite ist dieser ideale Test (abgesehen davon, dass der „Übungseffekt“ einfach nie auszuschalten ist – ein zwölfjähriges Kind hat schwarze Kreise auf weißem Papier eben schon öfter in Geometrie verglichen, ein gleichaltriger Buschmann aber noch nie, und ob er die Testanweisung überhaupt versteht … ?) jedoch zu sehr in Gefahr, seine „prognostische Kraft“ einzubüßen. Denn immerhin soll noch die intellektuelle Eignung für irgendeine gesellschaftliche Anforderung beurteilt werden, und wenn der Test sich zu weit von diesen Anforderungen entfernt, wird er unpraktisch, weil sich mit ihm nicht entscheiden lässt, ob ein Kind etwa für hauptschulbildungswürdig befunden werden soll oder seine Schulpflicht auf der Sonderschule abzusitzen hat.

Bei der Wahl des Schwierigkeitsgrades hält sich der Diagnostiker an die Faustregel, dass ihn an der Intelligenz, „was sie auch immer sei“, in erster Linie der Unterschied interessiert. Welche Aufgaben in einen Test aufgenommen werden, entscheidet sich so schlicht daran, ob sich an ihrer Lösung zwischen Individuen einer bestimmten Bildungsstufe Unterschiede herstellen oder nicht. Aufgaben, die alle Achtjährigen beherrschen, sind zur differentiellen Diagnostik von Achtjährigen selbstverständlich ungeeignet, ebenso wie Aufgaben, die für Achtjährige immer zu schwierig sind.

Das Maß der Intelligenz ist demnach der Vergleich zwischen der individuellen und der durchschnittlichen Leistung der gefragten Leistungsgruppe – der berühmte Intelligenzquotient:

      Intelligenzalter
IQ = ––––––––––––––––
      Lebensalter

(wobei im Zähler der individuelle, im Nenner „der für die betreffende Altersstufe zu erwartende mittlere Score“ steht).

Anwendbar ist der Intelligenztest also durchaus – wenn der psychologischen „Diagnose“ über den Intelligenzgrad z.  B. eines Schulkindes entsprochen wird, so sind sich Psychologe und Schulbehörde über den ideologischen Witz der Intelligenztheorie einig, welcher darin besteht, dass unterschiedlich große Schwierigkeiten mit der Beherrschung des Lernstoffs kein Anlass sind, die Unkenntnis der Kinder ohne jeden Respekt vor den Unterschieden ihrer mangelhaften Leistungen zu beseitigen, sondern dass diese Unterschiede für einige von ihnen, die sich am schlechtesten auskennen, den Ausschluss von weiterer Bildung erforderlich machen. Denn der „Annahme“, dass das Intelligenzpotential darüber entscheidet, wie weit man im Leben kommt, entspricht das wohlwollende Urteil über die Bildungs- und Berufshierarchie, es handle sich um eine Stufenleiter von Chancen, die der geistigen Leistungsfähigkeit geboten würden, so dass jeder entsprechend seinen Fähigkeiten besser oder schlechter zum Zug kommt. Der bekannte kritische Einwand, dass die Schule dieser eigentlichen Bestimmung nicht genügend nachkomme – schon deswegen, weil die psychologische Intelligenzdiagnostik nur ausnahmsweise hinzugezogen wird und man sich ansonsten mit der Auslese durch Noten begnügt; aber vor allem deshalb, weil es aus den oben genannten Gründen „bis heute“ keinen Intelligenztest gibt, der die wahrhaftige Intelligenz objektiv und zweifelsfrei, gereinigt von verfälschenden Umwelteinflüssen, angeben könnte, so dass einem jeden die Lebenschancen auf den Kopf zugesagt werden könnten, die er von Geburt aus mitbringt –: dieser Einwand ist keine Kritik des Idealismus, die gesellschaftlichen Unterschiede seien im Prinzip der Ausdruck von Unterschieden der individuellen Natur, sondern verlangt seine konsequente Durchführung. Ob man dieses Prinzip bereits für zufriedenstellend verwirklicht hält und wie Eysenck Schwarze vor kultureller Überforderung durch Aufstieg in höhere Berufe schützen will; oder ob man daran im Namen des intelligenten, vielleicht äußerst leistungsfähigen, aber durch „Umwelteinflüsse“ „unterprivilegierten“ Slumkindes Einspruch erhebt, um die „wirkliche“ Durchsetzung der Auslese nach Intelligenz zu fordern: so oder so bleibt es eine demokratische Rassenlehre.