Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

George Orwell: Animal Farm

Entstehung und Wirkung sind wie folgt überliefert: Mitten im 2. Weltkrieg richtete der legendäre Sender Radio Eriwan eine Anfrage an Mr. George Orwell aus England: „Is sich Kommunismus meglich?“ In der Dichtern eigenen umständlichen Art verfabelte der bis dato als Mann des schönen Scheins noch reichlich Unbekannte seine vom antikommunistischen „Geist der Zeit“ durch philosophischen Tiefsinn unverkennbar unterschiedene Antwort: „Im Prinzip ja, aber in Wirklichkeit paßt der Mensch nicht dazu!“ gleich zu einem 120seitigen Stücklein Weltliteratur. Gerade rechtzeitig fertig, als der BRD-Vorgängerstaat schlussendlich die Ausrottung des Bolschewismus in den Sand gesetzt hatte, war „Animal Farm“ fortan für ganze Generationen von Schülern in diesem „unserem“ Lande aus dem Pflichtkanon der Verurteilung des Kommunismus nicht mehr wegzudenken. Mit der dürren

Handlung

allein ist das ideologische Gewicht der Fabel nicht zu erklären. Denn vordergründig geht’s um eine Farm, die, vertraut man der Augenzeugeperspektive des Erzählers, gleich bei Orwells um die Ecke lag. Unter kundiger Anführung eines Schweines namens Old Major rebelliert alles, was da kreucht und fleucht, gegen einen gewissen Farmer Jones; der wird zurecht verjagt, der Hof von nun an selbst bestellt, Gegenangriffe des Feindes werden abgewehrt, die Ernte wird eingeholt, das Lesenlernen geübt, eine Windmühle gebaut. Alles paletti – und dennoch bad end. Wie das? Dass die Geschichte von Orwells fröhlichem Tierleben nicht einfach lustig weitergeht, sondern in die Katastrophe mündet, ist nämlich überhaupt nicht einsichtig. Dem Geheimnis des tragischen Schlusses kommt man also nur vermittels der

Kunstgriffe

des Werkes auf die Spur. Die Figuren, die die Welt der Fabel bevölkern, sollen schließlich auf ein ganz hintergründige Art die Sichtweise des Dichters „beweisen“, nach der sich in der Russischen Revolution nichts anderes herausgestellt haben soll als die grundsätzliche moralische Unzulänglichkeit des Menschen für eine „bessere“ Welt. Zwei simple Kunstgriffe sind dafür völlig ausreichend: Erstens lässt Orwell seine Vorstellung vom unausweichlich schlechten Ausgang der Revolution so daherkommen, als hätte er sie dem Verlauf der Historie 1917 ff. selbst abgelauscht – indem er ein bis zwei echte Fakten (Trotzki verjagt, Moskauer Prozesse) ins Werk zitiert und die Hauptfiguren als Anspielung auf den jeweils echten Zar, Lenin, Trotzki, Stalin anlegt. Zweitens kriegt die Story erst dadurch den gewünschten Tiefgang einer ewig-menschlichen Wahrheit, dass Orwell sich des alten Literatentricks bedient, seine „historischen“ Puppen auch noch als lauter Fabelwesen agieren zu lassen, die für moralische Prinzipien des grundsätzlichsten Kalibers stehen:

Ins Kostüm des trunksüchtigen, nichtsnutzigen und tierquälerischen Farmers kleidet Orwell einen Zaren, der sich einzig und allein durch seine abgrundtiefe moralische Verkommenheit auszeichnet. Nahelegen will dieses Bild zwei kreuzverkehrte Gedanken. Alles, was dieser Zar seinen Untertanen zufügt, geschieht überhaupt nur wegen des schlechten Menschen im Herrscher. Die vorgestellten Motive seines Regiments Genuss und Gewalt, stehen nämlich für die schiere Böswilligkeit eines Ego, das eben darin gipfelt, anderen die Butter vom Brot zu klauen und Gewalt anzutun. Dieses Kunstscheusal hat mit seinem historischen Vorbild nichts gemein: Aus dem staatlichen Kommando über die feudalistische Produktionsweise, die den leibeigenen Dienst am Grundeigentum erzwungen hat (das beschert den Untertanen die bekannt unerquicklichen Lebensumstände und garantiert dem Zaren, wie nebenbei, seine Pfründe!) wird eine Gewalt, die einfach um ihrer selbst willen ausgeübt wird. Und das deswegen, weil der Dichter den ersten und letzten „Sinn“ einer um jeden Inhalt und Zweck gebrachten Herrschaft dann lässig darin entdecken kann, dass böse Menschennaturen ihren Trieb zur Unterdrückung ausleben.

Logisch, dass Orwell den auf bösen Willen heruntergebrachten Gegensatz zwischen Herrscher und Beherrschten – als Kollision zweier Bio-Welten, Mensch vs. Tierreich, inszeniert. „MAN“ ist der Ursprung aller „problems“, echot der Sprecher der als Untertanen maskierten Tiere am Vorabend der „Rebellion“. Die gute alte Sau Old Major (Lenin) darf uns mitteilen, wann es dem Herrn Dichter beliebt, Unterdrücker für unerträglich zu halten und Verständnis zu zeigen für den Aufstand der gequälten Kreatur. Mit der Diagnose: nix als „misery and slavery“ greift Orwell überhaupt gleich erst ganz weit unten in die Requisitenbox staatlicher Elends- und Gewaltproduktion: Da muss nämlich schon bei Sich-Abrackern gehungert werden und ein peitschenschwingender Despot die Untertanen regelrecht malträtieren. Das Bild einer alle Tiersparten umfassenden totalen Knechtung – also das von Oben kaum noch gewährte Überleben – verleiht dem Aufstand in den Augen Orwells insofern seine Berechtigung, als er sich damit als Kampf gegen das „Böse“ legitimiert.

Das ist aber nur die Hälfte des gnädigen dichterischen Wohlwollens für die revoluzzende Tierwelt. Sein Gütesiegel kriegt der Umsturz schlussendlich erst dadurch zuerkannt, dass sein Zweck als schlichte Umkehrung des alten Prinzips zu Ehren kommt: statt ums „Böse“ soll es ab sofort ums „Gute“ gehen. So sieht das neue Programm, der „Animalismus“, auch aus:

„The seven Commandments
1. Whatever goes upon two legs is an enemy.
2. Whatever goes upon four legs, or has wings, is a friend.
3. No animal shall wear clothes.
4. No animal shall sleep in a bed.
5. No animal shall drink alcohol.
6. No animal shall kill any other animal.
7. All animal are equal.“

Das „gute“ animal braucht einfach einen kompletten Tugendkatalog (Welches „literarische“ Vorbild hat wohl für die „7 Gebote“ Taufpate gestanden?); schließlich verfällt Orwell auf diese „revolutionäre Errungenschaft“, weil ihm der Gedanke einer freigewählten Selbstverpflichtung auf eine grundgute Lebensführung sowieso als der einzig respektable Zweck einer revolutionären Einmischung in die Politik einleuchtet. Das leuchtet einem aber besser nicht ein. Die moralische Umkrempelung der Individuen, die anvisiert ist, enthält erstens den kleinen Widerspruch, dass der Mensch sich der ihm angeblich so angemessenen Moral dauernd auch noch unterwerfen muss (dafür hat man also den Zarismus abgeschafft, damit man sich bloß wieder neue Schranken bastelt?), weshalb zweitens konsequenterweise kein praktisches Interesse gelten darf außer dem viermal unterstrichenen dicken Nein zur Lebensweise der alten Herrscher. Nicht so zu werden wie die, ist ein dämlicher Vorsatz (erst hat man die Figur weggeputzt und dann mächtig Bammel, selbst ein Zarewitsch zu werden???), der überhaupt nur einem auf die Moral-Logik geeichten Literatenverstand einfällt, der sich die Abschaffung von Herrschaft gar nicht anders vorstellen kann denn als Abschaffung der dem Herrscher zuvor angeklebten Charaktereigenschaften (neues Charakterideal: dauerndes Vermeiden von alten Böswilligkeiten). Eben deshalb muss Orwells nachrevolutionäre Tiergesellschaft den materiellen Verlockungen eines guten Lebens (dafür stehen Bett, Kleidung und Alkohol!) abschwören, weil er darin ein „Zuviel“ an Bedürfnisbefriedigung entdeckt haben will – gerade so, als ginge die Erfüllung des sog. nicht bloß Lebensnotwendigen von vornherein immer auf Kosten anderer und wäre dasselbe wie der Wille zur Herrschaft. So herum wird die feine Sympathie des Autors für die bislang „Zukurzgekommenen“ sehr geständig: deren materielle Interessen sind einfach dann bedient, wenn keiner mehr „so viel“ wie ein Zar hat. Von der gleichen Bescheidenheit aller hat zwar keiner was – außer Gerechtigkeit. In der Produktion dieses eigenartigsten aller Genussmittel soll man dennoch gerade die höhere Rechtfertigung des Kommunismus entdecken. Das 7. Gebot („alle sind gleich“) formuliert nichts als den Widersinn des (Orwellschen) Gerechtigkeitswahns in letzter Konsequenz: sich von keiner Menschenseele mehr unterscheiden zu dürfen, d.h. nur Mensch-Sein, also nichts sonst zu wollen.

Das Rätsel, warum das jegliche moralische Hochachtung verdienende Programm der Gleichheit dann dennoch schief läuft, lüftet sich über die Schleichwege, die die dichterische Freiheit einschlägt. Da stiftet die Bilderwelt wieder die nötige Klarheit: Die originelle Hauptrollen-Vergabe ans Revolutionspersonal: die Führer sind listige Schweine (!), das Fußvolk Schafe (!) plus Arbeits(!)pferde, eine Horde scharfer Hunde (!) sorgt fürs nötige Kuschen – ergibt schon den ganzen „Beweis“:

Erstens handelt es sich hier um ganz viel natürlichen Unterschied, der die Gleichheit trotz bester Vorsätze versaut. Wie man an dem absurd gezeichneten Vorhaben, dass Schweine Pferde das Lesen beibringen wollen, ersehen soll, käme nämlich sonst das Verbrechen unnatürlicher Gleichmacherei heraus. Zweitens aber um ganz viel „natürlich“ festgelegte Eignung fürs Oben und Unten trotz Revolution. Orwells Bilderbuch ewigmenschlicher Unzulänglichkeit, dass sich nämlich immer nur und notwendig trotz bester Absichten die alte Schweins-Schafsnatur des Menschen durchsetze, operiert eben schlicht mit dem rassistischen ‚Urteil‘, kein Wille, der die Verhältnisse umkrempelt, könne sich seiner natürlichen Bestimmung entziehen – und die hört einmal natürlich auf Herrschaft und einmal natürlich auf Beherrschtsein! Zum anderen zeichnet sich Kommunismus für Orwell dann auch noch durch ein böses Wollen aus, das Stalin, auch Oberschwein Napoleon genannt (ja nomen est omen und das war schon wieder ein Beweis!), symbolisiert. Heuchler, Fortschrittstäter und überhaupt Gewalthaber darin summiert sich die Entlarvung dieses (wie jedes anderen!) Revolutionärs, die Revolution notwendigerweise verraten zu müssen. Das liest sich überhaupt kein bisschen anders als die ganze Blamage des Zaren – und so wars auch gemeint. So läuft „Stalin“ zuletzt auf zwei Beinen, trägt Kleider, schläft in Betten, säuft, tötet und kriegt auch noch menschliches (will natürlich sagen unmenschliches) Gesicht – echt pervers, gell?

Geistiger Nährwert

Am Ende des Buches ist der gelehrige Leser ein humanistisch gefestigter Klugscheißer: Er erkennt in Stalin den neuen Zaren als Ebenbild des ewigen Schweines in uns allen; er kann so tun, als ob er sich selbst höchstpersönlich schon 20 Mal aus Einsicht in die moralische Unvollkommenheit der Herrschaft überlegt hätte, für eine „gute Sache“ auf die Barrikaden zu gehen – und gottseidank ist ihm jedesmal gerade noch rechtzeitig eingefallen, dass es wegen der bösen Seite im alten Adam und der alten Eva doch besser ist, die Finger davon zu lassen. Er ist eben ein, mit einer schlechten Meinung über die Welt und einer guten Meinung über sich selbst ausgestattetes Schweinchen Schlau.