Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Entwicklungspsychologe Piaget

Das Kind auf der Gleichgewichtswippe – angepasst

Bei Studenten der Pädagogik steht der Entwicklungspsychologe Jean PIAGET hoch im Kurs. Besonders diejenigen, denen etwa die psychoanalytischen Enthüllungen über die (Ab-) Gründe der kindlichen Seele doch etwas zu bizarr erscheinen, schätzen PIAGET als einen Wissenschaftler, der eine „empirisch fundierte Analyse der geistigen Entwicklung des Kindes“ geleistet und damit die wissenschaftliche Grundlage für moderne, „emanzipatorische“ Erziehungsmethoden entwickelt habe.

In erster Linie macht sich die intellektuelle Bewunderung dabei an den minutiösen Beobachtungsprotokollen fest, aus denen PIAGET noch stets das herauszuinterpretieren versteht, was ihn zu ihrer Abfassung bewogen hat: sein Hirngespinst einer sich getrennt von jeglicher Erziehung abspielenden „geistigen Entwicklung”, die „psychologischen Gleichgewichtsgesetzen“ gehorchen soll, deren quasi naturgegebene Unumstößlichkeit PIAGET wiederum mit dem Fingerzeig auf die organische Entwicklung reklamiert, der ein analoges Gleichgewichtsstreben innewohnen soll.

Die theoretischen Bocksprünge, die PIAGET aufführt, um seinen biologisch gedeuteten „psychologischen Gleichgewichtsbegriff“ schöpferisch in der „kognitiven Entwicklung des Kindes“ wiederzufinden, gelten im Schein der Objektivität, den er sich durch sein emsiges Beobachtertum verliehen hat, als der Inbegriff eines gerade in seiner Originalität seriösen Denkens, das sich so zusammenfasst:

„Die psychologische Entwicklung … besteht … wesentlich in einer fortschreitenden Zunahme an Gleichgewicht … Entwicklung ist … in einem bestimmten (?!) Sinn ein ständiger Übergang von einem Zustand geringeren Gleichgewichts zu einem Zustand höheren Gleichgewichts.“ (alle Zitate aus: J. PIAGET, Theorien und Methoden der modernen Erziehung, hier: 153)

Der Mensch – psychologisch verschaukelt…

Da staunt der Laie. PIAGET teilt ihm hier mit, dass er all das, was ein Kind so treibt, erfährt, lernt usw. in einem ganz „bestimmten Sinn“ zu betrachten habe. Im Lichte des psychologischen Dogmas nämlich, demzufolge die

„am tiefsten verwurzelte Tendenz jeder (!) menschlichen Aktivität das Anstreben des Gleichgewichts“

sei. Jedwede geistige und praktische Tätigkeit resultiert PIAGETs

„psychologischer Deutung (!)“

zufolge aus einem tieferen Grund, der mit ihrem besonderen Inhalt überhaupt nichts zu tun hat. Unabhängig vom Inhalt eines Tuns stellen sämtliche Taten allesamt nur den „Ausdruck“ eines immergleichen „Strebens nach Gleichgewicht“ dar.

Dass ein normaler Mensch davon noch nie etwas bemerkt hat, stört PIAGET mitnichten. Im Gegenteil: der Mensch kann ja seine inneren An- und Umtriebe gar nicht bemerken, weil die sich ja gerade dadurch auszeichnen, sich nicht an irgendwelchen bestimmten erfahrbaren Aktivitäten festmachen zu lassen, sondern sehr geheimnisvoll im Innersten „des Menschen“ zu hocken. Klar, dass es da der wissenschaftlichen Autorität bedarf, das „Wesentliche“ hinter allem Gewese und Gewusele aufzustöbern:

„Zunächst ist festzustellen, dass das Gleichgewicht kein äußerliches oder auf gepfropftes Merkmal ist, sondern sehr wohl eine innere und konstitutive Eigenschaft des organischen und geistigen Lebens.“ (230)

Dieser frei erfundene (und daher auch der Erfahrung so schwer zugängliche) „Gleichgewichtsbegriff‘, mit dem PIAGET jegliches Denken, Fühlen und Trachten auf den gemeinsamen Nenner einer

„aus den Tätigkeiten des Individuums erwachsenden Kompensation gegenüber Störungen von außen“

zusammenkürzt, bestreitet jeder Aktivität die bestimmte Absicht, die der Mensch mit ihr verfolgt. Der menschliche Wille wird zur abhängigen Variablen des übergeordneten Mechanismus einer

„Erhaltung des psychischen Gleichgewichts“

und bekommt diese Stabilisierungsfunktion nun als natürliche Triebkraft angehängt.

Bei sämtlichen Bedürfnissen und Interessen, die man der Welt gegenüber geltend macht, handelt es sich laut PIAGET um

„spezielle Steuerungsmechanismen, die die Gleichgewichtsorgane des geistigen Lebens bilden“

– eine Behauptung, die sich zu folgender zirkulären Argumentation ausspinnt:

„… ein Bedürfnis (ist) allemal (!) die Äußerung eines Ungleichgewichts: Ein Bedürfnis entsteht, wenn irgendetwas (!) außerhalb von uns oder in uns … ach geändert hat und es (?) darum geht, das Verhalten auf diesen Wechsel abzustimmen. – Umgekehrt hört jede Aktion auf, sobald die Bedürfnisse befriedigt sind, d.h. (!) sobald wieder ein Gleichgewicht hergestellt ist zwischen dem neuen Faktum, das das Bedürfnis erregt hat, und unserer psychischen Organisation, so wie sie vorher beschaffen war.“ (156)

Man würdige die feine Tauto-Logik des Meisters: weil alles menschliche Tun ein Streben nach Gleichgewicht ist, ist der Grund für die jeweils spezifischen Aktivitäten eben kein bestimmtes Bedürfnis, sondern eine innere Instabilität. Die folgt wieder daraus, dass die Befriedigung eines Bedürfnisses ja ein Gleichgewicht erzeugt, das aus einem Ungleichgewicht entstanden sein muss, das nach einem Gleichgewicht strebte usw. usw.

Den Anstoß dazu geben soll „irgendetwas außerhalb von uns“ (vermutlich auch ein ins Ungleichgewicht geratenes Gleichgewicht oder oder umgekehrt) „oder in uns”, was freilich sehr schwierig ist, wo „in uns“ doch gerade alles im Gleichgewicht gewesen ist… Aber vielleicht (unser Vorschlag) soll man das Ganze auch nicht so eng sehen, sondern nur als Annäherung, und dann ist eben alles zugleich im gleichgewichtigen Ungleichgewicht oder umgekehrt …

… wippt nach oben …

Um aus seinem Konstrukt des „psychischen Gleichgewichtsstrebens“ nun eine „Entwicklung der Intelligenz“ herauszuleiern, bedient sich PLAGET eines ganz simplen Schlussverfahrens. Wo ein „Gleichgewicht“ herrscht, so der (Be)Schluss, muss es zwei Dinge geben, zwischen denen es existiert – und schon sind im „geistigen Leben“ des Menschen zwei gegensätzliche, sich jedoch glücklicherweise „ergänzende“ Tendenzen etabliert, die dem ungleichgewichtigen Gleichgewicht die nötige Dynamik verleihen:

„Man kann in dieser Hinsicht sagen (können kann man schon, SO man das will!) dass jedes Bedürfnis trachtet, 1. die Dinge und Personen der Aktivität des Ich einzuverleiben, also die Außenwelt an die bereits erstellten Strukturen zu ‚assimilieren‘ und 2. diese letzteren je nach den eingetretenen Veränderungen neu abzustimmen, so also an die äußerlichen Objekte zu ‚akkommodieren‘.“ (157)

Zunächst fallt wieder auf, dass hier nicht der Mensch seine „Außenwelt“ mit irgendeinem bestimmten Bedürfnis behelligt, sondern umgekehrt ein (Gleichgewichts)Bedürfnis das „Ich“ treibt, irgendetwas auf die andere Seite seiner Waagschale zu legen. Dabei konkretisiert PIAGET seine Gleichgewichtsabstraktion dahingehend, dass er 3 neue Begriffe in sie hineinbastelt, die gerade in ihrer völligen Inhaltsleere die Einladung darstellen, sich alles, was man bisher so mit „Intelligenz“ assoziiert hat, nun eben als „Assimilation“ und „Akkomodation“ von „Strukturen“ zu verstehen.

Nachdem PIAGET das Denken von sämtlichen Inhalten gereinigt hat, dichtet er ihm ominöse „Strukturen“ an (irgendwas muss es ja an sich haben), versieht analog dazu auch seine „Außenwelt“. mit. „Umweltstrukturen“ und behauptet nun die inhaltsleere Notwendigkeit, dass die innere „Struktur“ irgendwie zu der draußen passen müsse, auf dass sich das bekannte Gleichgewicht einstelle. Kaum hat das „Ich“ nun so eine „Struktur“ in sich drin, müssen die laut PIAGET jedoch die betrübliche Erfahrung machen, dass die äußeren gar nicht so recht in sie hineinpassen, sic müssen sich nun wieder „an die äußerlichen Objekte akkommodieren“ usw. usw.

So bringen denn „Assimilation“ und „Akkomodation“ in ihrem ständigen Hin & Her nicht nur dauernd neue gleichgewichtsbedürftige Gleichgewichte zuwege, sondern, indem sie sich aneinander hochschaukeln, auch ständig neue Gleichgewichts„formen“ hervor. Womit PIAGET glücklich bei seinem Konstrukt einer „geistigen Entwicklung“ angelangt ist: Diese stellt sich nun als ein perpetuum mobile des ständigen „Übergangs“ von einem „geringeren (?!) Gleichgewicht“ zu einem je „höheren (?!) Gleichgewicht“ dar – womit die physikalische „Gleichgewichts“-Analogie freilich endgültig aus demselben gerät: als gäbe es gleichgewichtige und gleichgewichtigere Gleichgewichte! Doch sei’s drum, das für PIAGET erfreuliche, freilich etwas überraschende Resultat seines geistigen Balanceakts steht jedenfalls fest:

„Das Gleichgewicht dieser Assimilation und Akkommodation kann man (Wie gesagt: können kann man schon, so man will!) ‚Anpassung‘ nennen: sie ist die allgemeine Gestalt des psychischen Gleichgewichts und die geistige Entwicklung äußert sich mithin (!) in ihrer zunehmenden (?!) Organisierung einfach (?) als immer bessere (!) Anpassung an die Wirklichkeit (?)“

Genausogut hätte PIAGET sagen können: ‚Das Resultat meiner Erfindung nenne ich Anpassung. Letztere ist die allgemeine Gestalt meiner Erfindung. Und weil ich ja von Entwicklung reden will, ist die eben eine immer bessere Anpassung.

… und wird faselnd

Auf Basis seiner Fiktion einer mit innerer Gesetzmäßigkeit ablaufenden „geistigen Entwicklung“ des Kindes, die dessen erzieherische Zurichtung als von seinen „Strukturen“ selbst angestrebte naturgemäße „immer bessere Anpassung an die Wirklichkeit“ darstellt, macht sich PIAGET nun daran, die Abfolge diversester „Gleichgewichtsformen“ bzw. „Entwicklungsstadien“ der kindlichen Intelligenz auszumalen. Dass er dabei ausgerechnet Stücker 5 Entwicklungsstufen voneinander unterscheidet, verdankt sich allerdings weniger seinem Gleichgewichtsmodell. Aus dem könnte man locker auch etwa 27 „Stadien“ herauszaubern. Durch die vordergründige Analogie der von ihm gesetzten Zäsuren mit real existierenden Einschnitten in den kindlichen Lebenslauf (wie „Spracherwerb“, Kindergarten oder Einschulung) will PIAGET vielmehr der eigenen Darstellung der behaupteten „Phasen“ im Kindskopf den Anschein der Objektivität verleihen.

Womit deren Inhalt freilich nicht weniger verrückt ausfällt. Um seine Konstruktion eines

„inneren Mechanismus der geistigen Evolution“

an den einzelnen „Phasen“ nachzuweisen, bedient PIAGET sich nämlich durchgängig der falschen Annahme, es handele sich bei allem, was ein 2-, 3- oder 7-jähriges Blag so treibt, um unterschiedliche Methoden für den identischen Zweck, in sich ein Weltbild – in Form von „Strukturen“, versteht sich – aufzubauen. Dabei imaginiert er sich das Kind als ein seltsames Doppelwesen, das neben dem, was es jeweils wahrnimmt, erfahrt, lernt usw. eine innere Instanz sein eigen nennt, die das eigene Treiben immer schon im Hinblick auf seine „immer bessere Anpassung“ begutachtet und für höchst mangelhaft befindet – bezüglich der strukturmäßig anzupeilenden nächst höheren „Phase“. So wird denn in PIAGETs Darstellung des „Säuglingsalters“ der Säugling zu einem höchstdurchtriebenenWicht.

Zugegebenermaßen noch etwas beschränkt in seinen Aktivitäten, bildet der Winzling nicht etwa durch seinen Umgang mit der Welt allmählich ein Bewusstsein über diese heraus, sondern er hat bereits ein Bewusstsein davon, dass er ein solches zu entwickeln hat und geht mit Hilfe dessen zwecks intellektueller Erschließung der Welt verdammt planmäßig von

„Jedermann kann … beobachten, wie Kinder von ungefähr 12 Monaten Gegenstände in verschiedenen Richtungen zu Boden werfen, um Fall und Flugbahn zu analysieren (lauter kleine Galileis!) … (und) dass ein Säugling ein für ihn neues Objekt nach und nach jedem seiner Aktionsschemata (schütteln, reiben, werfen usw.) einverleibt, als ob (!) es darum ginge, es durch seinen Gebrauch zu begreifen (was ja bekanntlich von Tatschen kommt) … Es existiert hier also eine sensomotorische Assimilation, die mit dem, was später die Assimilation des Realen durch Begriffe und Denken ausmacht, verglichen werden kann.“ (160)

Es existiert hier also ein wissenschaftlicher Wille zur Assoziation, der partout jedes begriffslose Tatschen der Patschehändchen als (Vor-)Form des Begreifens gewürdigt wissen will. Die hohe Kunst der psychologischen Deutung erweist sich hier darin, einem Wickelkind, das seine Rasseln aus der Wiege donnert, eine nachgerade analytische Intelligenz zu unterstellen, dies dann mit einem „als ob“ scheinbar wieder zurückzunehmen, um dann umso ungehemmter den Zweifel des Beobachters der eigenen Interpretation des Geschehens einzuverleiben: das Be-Greifen „des Realen“ sei eine Eingliederung desselben in „Begriffsstrukturen“. Dafür sollen gerade Babies, die in ihrer natürlichen Dummheit rein gar nichts begreifen, den schönsten Beleg abgeben – eben als ‚unterentwickelte Form‘ der psychologischen Erfindung.

Während beim Säugling

„die Fortschritte von Intelligenz und Gefühl nicht wie später in den verbalen Äußerungen genau verfolgt werden können“,

auf dass der Psychologe umso forscher der stummen Kreatur des Wickelkinds seine Spekulationen ablauschen kann, bedient sich PIAGET bei Kleinkindern eines besonderen experimentellen Verfahrens, um ihren „verbalen Äußerungen“ genau die „Strukturen“ zu entnehmen, deren „Entwicklung“ er nachspüren will:

„Um zu erkennen, wie das Kleinkind spontan denkt (?!) gibt es keine aufschlussreichere Methode als die, die Unzahl der Fragen festzuhalten und zu analysieren, die es ständig stellt.“ (171)

Der simple Trick besteht hier darin, dass PIAGET für das Gegenteil dessen nimmt, was sie sind. Während nämlich Kinder mit ihren begriffslosen Erkundigungen dokumentieren, dass sie sich einen bestimmten Sachverhalt nicht erklären können und sich daher Aufklärung von den Erwachsenen sowohl über die Form der Banane als auch über alles mögliche andere versprechen, das dem kindlichen Unwissen erklärungsbedürftig erscheint, unterstellt PIAGET ihnen umgekehrt, sie wollten ganz bestimmte, ihren jeweils spezifischen „Denkformen“ entsprechende Antworten hören:

„Es sieht ganz so aus, als hätte das ‚Warum‘ der Kleinkinder eine undifferenzierte Bedeutung (?!) in der Mitte (ungenau mittenmang!) zwischen Zweck und Grund, jedoch (?) beide zugleich entschließend. ‚Warum rollt sie?‘ fragt beispielsweise ein (jähriger die Person, die sich mit ihm beschäftigt; dabei zeigt er auf eine Kugel, die sich auf einer leicht abschüssigen Terrasse auf diese unten sitzende Person zubewegt- Man antwortet: ‚Weil es hier abwärts geht*, was eine bloß kausale Antwort ist (von wegen!), aber das Kind, von dieser Erklärung nicht befriedigt, (kein Wunder bei der „Erklärung“, die keine „kausale Antwort“, sondern bloße Beschreibung ist!) kommt mit einer zweiten Frage: ‚Weiss sie, dass du hier unten bist?‘ … die mechanische Erklärung hat das Kind nicht zufriedengestellt, weil (!) es sich die Bewegung notwendigerweise (!) zielgerichtet und infolgedessen irgendwie beabsichtigt vorstellt: was es wissen wollte, waren also sowohl Zweck als auch Ursache der Bewegung.“ (171)

Man muss also nur Kindern keine Erklärungen auf ihre Fragen geben, um dann befriedigt feststellen zu können, dass das, was sie sich bislang aus den blöden Antworten der Erwachsenen zurechtgedacht haben, einen 1 A Beweis für ihre „Denkstruktur“ abgibt – ein Verfahren, mit dem PIAGET von allem, was die zitierten Kinder sagen und fragen, absieht, um ihnen ein Denkraster anzudichten, das eben für „Zwecke“ weit genug und für „Ursachen“ noch etwas zu eng sein soll.

Mit besonderer Vorliebe widmet sich PIAGET der Methode, alle (un)möglichcn Fragen, die Kindern so entfallen, nun seinerseits an Kinder zu richten, um aus deren mehr oder weniger dummen Antworten einen Beweis für ihre angeblich phasengebundenen „Denkformen“ zu basteln. Während die protokollierten Äußerungen der zitierten Kinder – z.B. wenn sie so intelligente „Fragen“ wie ‚Wer macht die Sonne?‘ oder ‚Wer setzt die Sterne nachts an den Himmel?‘ einschlägig mit ‚einige Menschen‘, ‚mein Papa‘ oder ‚der liebe Gott‘ beantworten – noch regelmäßig dokumentieren, dass ihr borniertes „Wissen“ Resultat von Erziehung ist (woher sonst haben sie denn die Flausen von der Allmacht von Vater und Gottvater?!), konstatiert PIAGET unverdrossen „Gleichgewichtsformen“, die sich mitunter zu kompletten philosophischen Weltdeutungen ausdehnen sollen. So sollen etwa Kleinkinder bevorzugt dem sogenannten „Artifizialismus“ zuneigen, während man es auf einer späteren Altersstufe mehr mit der „Metaphysik des Staubes“ (188) zu halten pflegt…

… endgültig ausbalanciert

Auf diese Weise hat der selige PIAGET, der die Bebilderungen des gleichgewichtsgeilen Menschengeistes bevorzugt den bekannt intelligenten Weichtieren des Neuenburger Sees zu entnehmen wußte, ganze Bücher mit den öden Schilderungen seiner Kinderversuche (dagegen gibt es keinen Verein!) gefüllt. Ständig hat er sich neue ausgedacht – und doch taugt keiner zu etwas anderem als zu dem immergleichen Beleg des immergleichen entwicklungspsychologischcn Dogmas, das ausgerechnet die behauptete innere (Entwicklungs-)Uhr „des Menschen“ ein einziger Auftrag dazu sein soll, sie qua Erziehung auch ja richtig zu stellen:

„Die Entwicklung der Intelligenz … beruht auf natürlichen bzw. (?!) spontanen Vorgängen; diese können von der Erziehung … genützt (warnt eigentlich?!) und beschleunigt werden, sie resultieren jedoch nicht aus ihr und bilden, im Gegenteil, die notwendige Vorbedingung jeglichen Unterrichts.“ (37)

Da weiss der Pädagoge, was er an seiner Klientel hat: die „natürlichen und spontanen Vorgänge“ der „Entwicklung“ des Kindskopfs sind die „notwendige Vorbedingung“ ihrer „beschleunigten“ „Entwicklung“ qua Erziehung: Herausholen lässt sich aus dem Kind nie mehr, als ‚entwicklungsmäßig‘ in ihm drinsteckt – weswegen umgekehrt alles, was der Pädagoge in höherem Auftrag mit dem Gör anstellt, in diesem als vorausgesetzte Entwicklungstendenz bereits angelegt ist.

So gesehen ist Erziehung ein äußerst schwieriges Geschäft, kommt doch alles darauf an, den richtigen Zeitpunkt für die ihm ‚entsprechenden‘ Erziehungsmaßnahmen [ zu erwischen. Versteht sich, dass der sich immer erst im Nachhinein bzw. ganz nach Belieben konstatieren lässt So begibt sich der von Staats wegen zur Auslese Berufene mit PIAGET auf seine dauernde Gratwanderung zwischen „Über”- und „C/nrerforderung“ eines

Bankerts, das in sich das Optimum seiner „Entwicklung“ „natürlich“ und „spontan“ bereits vorgeben soll. Der furchtbar fruchtbare Zweifel freilich bleibt: Hat man auch genau den Zeitpunkt erwischt, an dem der knospende Menschenwurm zu seiner potentiellen Blüte reif war? Wer will es je wissen, was möglicherweise noch alles „angelegt“ war, vom Erzieher bloß nicht rechtzeitig „genützt und bescheinigt“ wurde in seinem natürlichen Trieb zur Entfaltung…

Nur gut, dass Altvater Jean auch hier Rat und dem konstruktiven Selbstzweifel pädagogischen Entfaltungswahns natürliche Grenzen und Nachhilfen zu weisen weiss:

„Die echte Anpassung an die Gesellschaft erfolgt zuletzt automatisch, sobald der Jugendliche vom Reformator zum Realisator wird. So wie die Erfahrung das formale Denken mit der Realität der Dinge in Einklang bringt, so heilt die effektive und konstante Arbeit, sobald sie in einer konkreten und genau definierten Situation aufgenommen wird, von allen Träumereien. Man braucht sich also nicht zu beunruhigen über die Extravaganzen und Verirrungen gerade der besten (?) unter den Jugendlichen; wenn schon die Schularbeit nicht immer ausreicht – die berufliche Arbeit stellt, sobald die letzten Anpassungskrisen überwunden sind, das Gleichgewicht mit Sicherheit wieder her und kennzeichnet derart den endgültigen Eintritt ins Erwachsenenalter.“ (209)

Na eben – war nicht die „harte Schule des Lebens“ schon immer der beste Lehrmeister der Einsicht, dass früh sich krümmt, was ein Häkchen werden will?! Widrigenfalls es seine natürliche Haken„phase“ zwar irgendwie verpasst bat, aber von „der Gesellschaft“ qua „Arbeit“ immer noch „rechtzeitig“ beigebogen kriegt, was Sache ist. Seiner „Entwicklung“ kommt man eben nicht aus!