Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Das hat dem Moralhaushalt der Reformrepublik noch gefehlt:

Ein neues Geschichtsbild präsentiert das Dritte Reich als „Wohlfühl-Diktatur“ mit Spätfolgen

Geschichte, heißt es, muss immer wieder neu geschrieben werden. Und, auch daraus macht die Kunst der Geschichtsdeutung kein Hehl, jede Neuinterpretation der Vergangenheit erfolgt nach Maßgabe des Zeitgeists, in welchem ihr Autor beheimatet ist. Das macht Geschichtsbilder – ausgerechnet – ‚aktuell‘ und eignet sich angeblich super zur geistigen ‚Orientierungshilfe‘ der Zeitgenossen. Götz Alys neue Hitler-Interpretation (Hitlers Volksstaat – Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt/Main 2005) verlässt keinen Augenblick diesen moralischen Kreisel: Von dem sehr klassenbewussten Reformgeist Schröder-Deutschlands lässt sich „der unbequeme Denker“ (Die Welt) zu neuen Fragestellungen und „kühnen Thesen“ (Der Spiegel) inspirieren; Hitlers „nationaler Sozialismus“ (38), aber auch der heutige Sozialstaat erscheinen so in einem völlig neuen Licht. Das Bedürfnis nach frischem historischen Sinn ist augenscheinlich enorm: Das „provokante Buch“ (Die Zeit) hat es gleich am Erscheinungstag in die ‚Tagesthemen‘ und alsbald in die Bestsellerlisten geschafft.

Aly will die alte Frage: „Wie konnte das geschehen?“ (35) ein weiteres Mal neu beantworten. Grundlage seines neuen Forschens ist somit auch für ihn die sehr grundsätzliche Antwort, die diese Frage bereits enthält: Der wuchtige Auftritt des Dritten Reiches in der deutschen Geschichte ist eigentlich ‚unvorstellbar‘; wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre im Staat, hätte es so ein Verbrechen ‚im Namen Deutschlands‘ nie geben können. Die Grundfrage aller Faschismusforschung lautet also des Näheren, wie es trotzdem zu der allbekannten weltkriegstauglichen Einheit von Volk und Staat kommen konnte: „Dass das Herrschaftsgebäude Hitlers vom ersten Tag an höchst labil gefügt war, ist bewiesen. Zu fragen ist, wie es stabilisiert wurde.“ (35) Von daher begibt sich Aly – wie alle Faschismusforscher vor ihm – auf die Suche nach Methoden der Stimmungsmache seitens der Führung und auf Seiten des Volkes nach Motiven für das Mitmachen, die mit der Sache, in der man mitgemacht hat, nichts oder allenfalls sehr indirekt was zu tun haben. Im Unterschied zu seinen Kollegen, die viel von Manipulation, Verführung und Terror sprechen, wartet Aly im Gestus des ganz der Wahrheit verpflichteten Tabubrechers mit einer spektakulären Reaktivierung der Kollektivschuldthese auf: Materielle Bestechung seitens des Regimes und die Bestechlichkeit seitens des Volkes präsentiert er als den Kitt, der das „Spannungsverhältnis zwischen Volk und Führung“ (35) bis zum bitteren Ende funktional gemacht hat.

Das Dritte Reich – ein „Fürsorgestaat“

Zum Beleg dieser späten Neuentdeckung präsentiert Aly zunächst eine für den Beweiszweck sorgfältig sortierte Faktenlage: Aly interpretiert Hitler und sein Gefolge als „klassische Stimmungspolitiker“, die „sich fast stündlich fragten, wie sie die allgemeine Zufriedenheit sicherstellen und verbessern konnten.“ (36). Fakten- und fußnotenschwer erfährt man, wie die nationalsozialistische „Politik der volksnahen Wohltaten“ (36) ein wahres Füllhorn sozialpolitischer Gaben über die Durchschnittsarier ausgoss: Familienlastenausgleich, Ehestandsdarlehen, Kindergeld, Erhöhung des steuerfreien Grundbetrags usw. belegen für Aly die „Fürsorglichkeit des Regimes“ (38). Sogar der Stand der Gerichtsvollzieher musste sich ein „soziales Empfinden“ (21) zulegen. Gleichzeitig sorgte die braune „Politik der sozialen Gerechtigkeit“ (37) für mehr Chancengleichheit und für eine höhere Aufstiegsmobilität, verordnete Sonn-, Feiertags- und Nachtarbeitszuschläge sowie eine Verdoppelung der Urlaubstage mitsamt tariflichem Urlaubsgeld. Insbesondere bei der Finanzierung ihres Krieges achteten die Nazis peinlich genau darauf, dass die ohnehin schon knappen Kassen der lohnabhängigen Volksgenossen nicht auch noch mit zusätzlichen Steuern behelligt wurden.

Aus Alys Sicht sind all diese sozialstaatlichen Maßnahmen keine zur Herstellung und Pflege einer ‚gesunden‘ und damit leistungs- und schlagkräftigen nationalen ‚Volksgemeinschaft‘ – da glaubt er den einschlägigen Quellen kein Wort -, sondern ein einziger, monströs dimensionierter Bestechungsversuch der braunen Gangster: Mit einem „sozial- wie rassenimperialistisch gespeisten und kriegssozialistisch versüßten Wohlleben“ (326) „erkauften“ sich die Nazis „den öffentlichen Zuspruch oder wenigstens die Gleichgültigkeit jeden Tag neu“ (36). Andernfalls, so darf man vermuten, hätten die Deutschen wohl von einem Tag auf den anderen einen Aufstand vom Zaun gebrochen. Von einem allgegenwärtigen Befehlsnotstand, der das an sich gute Volk zum Bösen zwang, oder von einer demagogischen Genialität des Führers, der es dazu verführte, will Aly nichts wissen. Der originelle Denker gefällt sich vielmehr darin, solchen Verständnis heischenden Faschismustheorien eine weitere Variante hinzuzufügen: Die gängigen Entschuldigungen des deutschen Volkes ersetz er durch eine nicht minder läppische Beschuldigung. Alle haben sich durch die bereitwillige und eigensüchtige Annahme sozialpolitischer ‚Vorteile‘ und der damit verbundenen Akzeptanz des Unrechtsregimes schuldig gemacht. Die Erkenntnis, dass ein verwerflicher Materialismus des Vol kes die Disposition zu seiner Bestechung war, kann Aly allerdings nicht ‚den Fakten‘ abgelauscht haben; das ist schon die Interpretationsleistung des Historiographen. Sie lebt nämlich ganz von der freiheitlich-demokratischen Überzeugung davon, was in Zeiten des nationalen Notstands eigentlich fällig ist: Ein anständiger, d.h. die nationalen Rechte verteidigender Krieg wie auch die dafür notwendige Aufrüstung in seinem Vorfeld sind sachgerecht nur durch eine nationale Kraftanstrengung und das heißt immer noch durch eine bedarfsgerecht gesteigerte Ausbeutung der Massen zu finanzieren. Von daher erscheint es als einziges Geschenk, dass Hitler dies nicht so gehandhabt hat und so manche – für Aly viel zu viel – ‚Rücksicht‘ auf sein für höchst anspruchsvolle Vorhaben verplantes Menschenmaterial genommen hat. Da wurden die Lohnabhängigen doch glatt von Kriegssteuern verschont, während die Besserverdienenden und Vermögenden ganz schön belastet und sogar die exorbitanten Gewinne der Rüstungsindustrie abgeschöpft, die Körperschaftssteuer erhöht und die Hausbesitzer zu einer Sondersteuer vergattert wurden. Ein mündiges Mitglied der heutigen Reform-Republik merkt da sofort: Da steht alles auf dem Kopf!

Zur quellenmäßigen Stützung seiner Bestechungsthese wendet sich Aly den Bestochenen zu. Extensiv schlachtet er die landläufige Tour aus, die noch jeder nationalistischen Gesinnung, die das Wohl der Nation als absolute Voraussetzung des eigenen auffasst und deswegen auf eben dieses sehr prinzipiell zu verzichten bereit ist, eigen ist: Auf der Grundlage, dass ‚Mitmachen‘ bei allen Unternehmungen der nationalen Heimat sowieso eine kategorische Selbstverständlichkeit ist, sucht – und findet – noch jede staatsbürgerliche Gesinnung Anhaltspunkte dafür, dass sich ihr nationaler Idealismus materiell rentiert. Die nichtigsten Anlässe machen solch unerbittlich guten Bürger dann zum Indiz dafür, dass sie mit gutem Grund mit ihrer Mitgliedschaft in ‚ihrer‘ Nation zufrieden, ja sogar zu Recht auf sie stolz sein können. Natürlich findet sich massenhaft zweckdienliches Quellenmaterial, das die Zufriedenheit und Freude des arischen Untertanen über alle möglichen Maßnahmen seiner neuen Führung dokumentiert. All solchen Äußerungen glaubt Aly – hier überhaupt nicht quellenkritisch, sondern vulgärmaterialistisch – aufs Wort: Die Leute fühlten sich gut behandelt, also waren sie es auch. Zeitzeugen dieser Art zitiert Aly zuhauf – sogar der junge Literat Heinrich Böll, der von seiner Dienstfahrt an der Westfront zu Hause anfragt, was er denn Nettes per Feldpostpäckchen schicken solle, kommt genüsslich zu Wort -, um aus solchen von der Sache her lächerlichen Zeugnissen des Selbstbetrugs der ganz normalen Patrioten den Grund für ihr ‚Mitmachen‘ (bzw. für die Unterlassung ihres eigentlich zu erwartenden Widerstands) zu machen. Alys Beweisführung bzw. das Konstruktionsprinzip seines Geschichtsbildes kommt denn auch über das ‚cui bono?‘ jeder einfältigen Kriminalstory nicht hinaus, welches hinter jedem nächst besten Vorteil, der sich aus einem Verbrechen ergibt, gleich das Tatmotiv und dahinter den Schuldigen ausmacht.

Das Resultat dieser Art Forschung reichert das deutsche Geschichtsbewusstsein mit wahrhaft bahnbrechenden Enthüllungen an: Mit kleinen Geschenken wurden die Deutschen in Krieg und Völkermord gelockt. Aus der Heimatfront wird eine Ansammlung von „Nutznießer und Nutznießerchen“ (361), aus dem menschlichen Kanonenfutter wird eine Bande „bewaffneter Butterfahrer“ (361). Das deutsche Volk, ein Heer von verhätschelten Schnäppchenjägern, das sich bereitwillig für den Endsieg verheizen ließ, solange es ihn nicht auch noch aus der eigenen Tasche zu bezahlen hatte, fiskalisch gerecht behandelt wurde und gelegentlich einen französischen Haushalt ausrauben durfte. Die Billigung eines Völkermords hält Aly für erschöpfend ‚motiviert‘, wenn Kriegswitwen ein paar Spielsachen für die Kleinen und ausgebombte Rentner ein paar Secondhand-Klamotten abbekommen.

Krieg und Rassenkrieg – eine Gegenfinanzierung der ‚sozialpolitischen Wohltaten‘

Wenn die braunen Populisten ihr „sozialpolitisches Appeasement“ (360) nur als Funktion ihres Machterhalts betrieben, was wollten sie dann eigentlich? Die Antwort liegt auf der Hand: Bloß ihre eigene Macht! Ein einziger Verrat am Staatszweck. Und ein einziger Skandal für den Staatshaushalt. Hitlers „systematische Bestechung mittels sozialer Wohltaten“ (333) stellt nämlich nach Alys sachkundiger Beurteilung eine enorme Verschwendung dar. Und die rächt sich natürlich. Sie muss nämlich finanziert werden. Die kleinen Geschenke der „Gefälligkeitsdiktatur“ (36) zur Erhaltung der guten Stimmung im Volk erklärt Aly zum Kern von Hitlers Verbrechen, weil er darin den systemnotwendigen Grund für die Erschließung unkonventioneller Finanzquellen, sprich für den „staatlich organisierten Großraub“ (346) erblickt: „Daraus ergab sich der immanente Zwang (!) zu Krieg und Raub.“ (353)

Der Beifall, den Aly gerade auch von jüdischer Seite für seine schonungslosen Schuldsprüche über seine Landsleute bekommt, übersieht allerdings die Tücken, welche in einer solchen Motivforschung mit ihrer Trennung von Vorsatz und Tat liegen. Sie schließt nämlich keine kleine Verharmlosung Hitlers ein: Nicht einmal er wollte hiernach den Krieg oder die Judenverfolgung kraft seines politischen Programms, er musste den von seinen eigenen Versprechen geweckten Materialismus der Leute mittels Raum und Mord bedienen, um sich an der Macht zu halten. So kann man Alys Geschichte auch andersherum lesen: Hitler ist bloß wegen seines Machtwillens – und welcher Politiker hat den nicht reichlich – und seiner damit verbundenen populistisch-fürsorglichen Machenschaften in die ‚unvorstellbaren Verbrechen‘ hineingeschlittert: „Die Sorge um das Volkswohl der Deutschen bildete die entscheidende Triebkraft für die Politik des Terrorisierens, Versklavens und Ausrottens.“ (345)

Es bedarf keiner geringen interpretatorischen Rohheit, um zu diesem Urteil zu kommen. Gezielt ignoriert Aly die Zweckbestimmung des nationalsozialistischen ‚Volkswohl‘-Programms, das unmissverständlich das Wohl eines nationalen Kollektivs namens Deutschland als Triumph über seine inneren und äußern Feinde meinte und nicht das Wohl des Individuums zum Zwecke seines – damals als ‚egoistisch‘ und ‚volksfeindlich‘ gebrandmarkten – persönlichen Vorteils. Aly aber stürzt sich ganz auf die zweite Hälfte des Wortes ‚Volkswohl‘, um aus ihr herauszulesen, dass da mit Sozialismus Ernst gemacht, also mit viel Geld und Mitteln das ‚Wohl‘ der breiten Massen befördert und damit das Regime beliebt gemacht werden sollte. So wird aus der Brutalität, die mit ‚Volkswohl‘ gesagt ist, und die in seiner Gleichsetzung mit dem Staatswohl, welches in einem ‚ewigen Kampf ums Dasein‘ kriegerisch gegen konkurrierende minderwertige Völker durchzusetzen ist, besteht, eine einzige Wohltat für die Leute. Entsprechend apart gerät denn auch seine Interpretation der faschistischen Ideologie von der Einheit von Volk und Führer. In Alys Augen war das nämlich gar keine Ideologie, sondern Realität: Da setzen die Nazis ihr bis zur letzten Konsequenz ernst gemeintes Rassenprogramm in die Tat um und verwerten die jüdischen Hinterlassenschaften. Da plündern sie im Zuge ihrer kriegerischen Wiederherstellung deutscher Größe die eroberten Volkswirtschaften und lassen auch die Landser bei Gelegenheit privat plündern. All das ergibt einen Beitrag für die deutsche Kriegswirtschaft. Aly dreht – wie schon bei den bestochenen deutschen ‚Nutznießerchen‘ – die Sache ganz einfach um und schon kommt Sinn in den ‚Wahnsinn‘: Banale Beute wird zum Zweck eines Krieges, der immerhin die Gewaltverhältnisse in ganz Europa und der ganzen Welt auf den Kopf stellen sollte. So mutiert der Krieg zum „konsequentesten Massenraubmord der modernen Geschichte“ (318), als dessen Nutznießer Aly den NS-Staat und seine „Herrenmenschen“ (318) vorstellig macht.

Der heutige Sozialstaat – eine historische Hypothek der NS-Verbrechen

Der Beitrag solch sinnreichen historischen Schwachsinns für den Moralhaushalt der Nation besteht in der Lehre, die sich aus ihm für die Gegenwart ergibt. Aly will drastisch vorführen, wie Populismus Staat und Volk ins Verderben stürzt; die Begriffe „populär und verbrecherisch“ (38) sind für ihn synonym. Auch und gerade an ‚populistischen‘ Zuwendungen entlarvt sich eine ‚bad governance‘. Der Begriff ‚Gefälligkeitsdiktatur‘ sagt alles: Staatliche Gefälligkeiten sind nicht nur vom Standpunkt des öffentlichen Haushalts verantwortungslos, sie führen sachzwangartig immer mehr ins Verderben und Verbrechen. Der einzig wirklich zu befolgende Sachzwang ist daher eine kompromisslos klassenbewusste Führung der Regierungsgeschäfte. Eine verantwortungsbewusste nationale Führung versteht sich bei Bedarf auf Blut- und Tränenansagen ans gemeine Volk und widmet ihre Fürsorge ganz den Geschäftsbedingungen ihrer Unternehmerschaft. Ein Gemeinwesen, das sich marktwirtschaftlich bewähren will, verträgt einfach keine Rücksicht auf das Wohlergehen ihrer Mitglieder; die Konsequenzen des Kapitalismus für die kleinen Leute mildern zu wollen, ist ein in den Abgrund führender Idealismus. Umgekehrt: Wer seinem Volk Gutes tun will, verdirbt es! Auch das zeigt ein modern interpretierter Nationalsozialismus. Das deutsche Volk hat nicht, wie oft gemutmaßt wird, wegen eines verführten Patriotismus ‚mitgemacht‘, sondern weil es viel zu wenig von diesem hohen Wert zeigte bzw. weil ihm viel zuwenig davon abverlangt wurde. So kommen nebenbei damalige Maßstäbe der selbstlosen Opferbereitschaft für Volk und Staat zu einer gewissen Ehrenrettung: Eine anständige patriotische Gesinnung ist belastbar und bedarf keiner materiellen Zuwendungen; ein nur mittels Bestechung bei Laune zu haltendes Volk ist ein zu jeder Schandtat bereiter Haufen.

Aly will mit solchen Weisheiten nicht nur die unpopuläre Reformpolitik der jetzigen Führung Deutschlands ins historische Recht setzen, er will auch das oberste Objekt der Reformen, den Sozialstaat, ins historische Abseits stellen. Es geht ihm um die Erkenntnis der historischen Zusammenhänge, die den modernen Sozialstaat mit dem ‚dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte‘ verbindet. Hitlers sozialistisches Bestechungssystem hat nämlich nicht nur in der DDR bis unlängst eine Fortsetzung gefunden, auch einige wesentliche Teile des heutigen – inzwischen zur Belastung gewordenen – bundesrepublikanischen Sozialstaats wurden damals eingeführt, verdanken sich also solchen ‚Motiven‘: „Nationalsozialistische Sozialpolitiker entwickelten die Konturen des seit 1957 in der BRD selbstverständlichen Rentenkonzeptes, in dem alt und arm nicht länger gleichbedeutend sein sollten.“ (20) Was lernen wir daraus? Klar: Lohnabhängigkeit darf eben nicht mit Wohlstand, sondern nur mit Armut einhergehen. „Es waren solche Gesetze, die den nationalen Sozialismus populär machten und in denen auch Konturen der späteren Bundesrepublik Deutschland durchscheinen.“ (22) Das wirft ein böses Licht auf den Sozialstaat. Haben wir womöglich wegen Hitlers Bestechungsmanöver jahrzehntelang über unsere Verhältnisse gelebt, die Konkurrenzfähigkeit der Nation heruntergewirtschaftet und müssen jetzt schmerzhafte Einschnitte hinnehmen? Ja, verkündet Aly den verwöhnten, besser: bis dato korrumpierten Deutschen, deren viel zu hohes sozialstaatliches Anspruchsniveau ebenso zu den unseligen Nachwirkungen Hitlers gehört wie ihr jammernder Widerstand gegen die fälligen Korrekturen: „Vom Kündigungs- über Mieter- bis zum Pfändungsschutz bezweckten Hunderte fein austarierter Gesetze das sozialpolitische Appeasement. Hitler zeichnete damit die politisch-mentalen Konturen des späteren Sozialstaats der Bundesrepublik vor. Die Regierung Schröder/Fischer steht vor der historischen Aufgabe des langen Abschieds von der Volksgemeinschaft.“ (Götz Aly in der SZ vom 1.9.04)

So holt die historische Ideologie die politischen Vorgaben der Gegenwart ein: Längst hat Schröder den Sozialstaat zum Abschuss freigegeben, und Historiker à la Aly gewinnen daraus die historiographische Aufgabe, die guten Traditionen, die dem Sozialstaat lange Zeit nachgesagt wurden, durch schlechte zu ersetzen: Wurde er bislang mit der glanzvollen Tradition seines Gründervaters Bismarck historisch approbiert -, und stellte jahrzehntelang einen erstrangigen Beweis für die Güte des nicht manchester-kapitalistischen, sondern sozial-marktwirtschaftlichen Systems dar – wird er jetzt in die Tradition Hitlers gestellt, damit in einen ursächlichen Zusammenhang mit den deutschen Großverbrechen gebracht und so historisch desavouiert. Das hat der geistigen Lage der Nation offenbar noch gefehlt: Sozialabbau im Namen der Vergangenheitsbewältigung.