Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Die Wirtschaftswissenschaft – Sachzwänge des Nutzens

Das Fach verspricht „die Erforschung der Wirtschaft“ und will „fundamentale Einsichten in wirtschaftliche Abläufe und Zusammenhänge“ bieten. Wenn es sich selbst vorstellt und seinen Gegenstand benennt, dann ist die Rede aber nicht von Ware und Geld, Kapital, Zins, Arbeitslohn und Grundrente, sondern vom lieben Menschen, näher von einem besonderen Teil seines Verhaltens, dem sogenannten „rationalen“.

Nutzenmaximierung – ein Erfordernis der Menschennatur

„Unter Wirtschaft wird der rationale Umgang mit knappen Gütern verstanden, die zur Befriedigung menschlichen Bedarfs dienen. Ist der Vorrat an Gütern hinreichend, um den gesamten darauf gerichteten Bedarf stets zu befriedigen, dann handelt es sich um freie Güter. Übersteigt dagegen der Bedarf den Vorrat an Gütern und Dienstleistungen, dann wird von knappen Gütern gesprochen. Nur diese bilden den Gegenstand der Wirtschaftswissenschaften. … Erforschung der Zusammenhänge bei der Verteilung der knappen Güter auf die einzelnen Individuen und Gemeinschaften …“ (Gablers Wirtschaftslexikon, 11. Aufl. 1983, Stichwort: Wirtschaftswissenschaft.)

Während ihre Vorgänger, die klassischen Ökonomen, die Herkunft des enormen „Reichtums der Nationen“ (Adam Smith) zu erklären suchten, den sie vor Augen hatten, nehmen die Heutigen, die noch viel größere Reichtümer sehen, den Ausgangspunkt ihrer Wissenschaft bei einer allgemein menschlichen, niemals überwundenen Not – der Knappheit der Güter, die zur Befriedigung der sie übersteigenden Bedürfnisse nicht ausreichen. Schon der erste Satz dieser Wissenschaft zielt offenbar nicht auf die Erklärung des vorhandenen Reichtums und seiner Formen, ebensowenig freilich auf die Erklärung der ihn begleitenden Armut. Der Anfang dieser Wissenschaft zielt gar nicht auf die Erklärung der bestimmten Wirtschaft, in die sie Einsichten verspricht, sondern beantwortet die sinnige Frage: Warum wirtschaften Menschen überhaupt und tun nicht gar nichts? Die Römer mit ihren Sklaven, die Feudalen mit ihren Knechten, Unternehmer mit ihrem Lohnarbeitern wirtschaften demnach aus demselben Grund und zu demselben Zweck: Sie sind mit dem Problem der Knappheit geschlagen, ihr „Bedarf übersteigt ihren Vorrat“ und sie müssen zusehen, wie sie ihre Bedürfnisse befriedigen, so gut das im Rahmen allgemeiner Knappheit eben geht. Einerseits darf und soll man sich von dieser überhistorischen Definition allen Wirtschaftens an den Ausgangspunkt von Arbeit und Produktion erinnert fühlen: Die Natur stellt uns, was wir brauchen, nicht ohne unser Zutun zur Verfügung; deswegen muss der Mensch die Natur bearbeiten und die Dinge seines Bedarfs erst herstellen. Soweit ist die Sinnstiftung für die existente Wirtschaft schon fertig, noch ehe irgend ein Stück davon in Betracht gezogen wird: Sie dient, wie jede andere Wirtschaftsweise – auch die Sklavenwirtschaft? – der Bedürfnisbefriedigung. Das eben wäre die Frage, die eine Untersuchung des modernen Wirtschaftens mit Kapital und Arbeit zu beantworten hätte; die VWL aber gewinnt ihr theorie-konstituierendes Axiom jenseits der Analyse ihres Gegenstandes und leitet das positive Vorurteil über ihn aus der Abstraktion „Wirtschaften überhaupt“ ab.

Andererseits wird an die Notwendigkeit der Arbeit, die nützliche Dinge herstellt, schon sehr verfremdet erinnert, wenn das Problem Knappheit heißt und seine Lösung nicht Produzieren, sondern „Wirtschaften“, d.i. geschickt mit der Knappheit umgehen. „Der Bedarf übersteigt den Vorrat“, sagt das Wirtschaftslexikon. Ohne Arbeit aber gibt es gar keinen Vorrat – und nach getaner Arbeit, sollte man meinen, sind die Mittel herbeigeschafft, deren Herstellung die Arbeit sich vorgenommen hat. Vor der Produktion von Knappheit zu reden, ist abseitig, hinterher ist es erst recht abseitig. Nationalökonomen aber lassen den nützlichen, sein Ziel erreichenden Arbeitsaufwand, der die zu befriedigenden Bedürfnisse auch befriedigt, nicht gelten; und setzen dagegen ein Dogma der grundsätzlich unüberwindbaren Diskrepanz zwischen den Mitteln der Bedürfnisbefriedigung und den Bedürfnissen: „B>G“ (Bedürfnisse größer Güter). Manche Fachvertreter argumentieren dafür, indem sie sich die Bedürfnisse als wahre Monster der Unersättlichkeit ausmalen. Den Einwand, dass jedes Bedürfnis – Essen, Trinken, Wohnen, Unterhaltung samt der dazu nötigen technischen Hilfsmittel – sein Maß in sich hat, kontern sie damit, dass man sich nach jedem befriedigten Bedürfnis beliebig viele neue einfallen lassen könnte, wenn man denn wollte und des Bedürfnisbefriedigens nicht irgendwann einmal müde würde und der Tag nicht nur 24 Stunden hätte. Andere finden die Anthropologie des Vielfrasses unglaubwürdig, glaubwürdig dagegen die Feststellung, dass wir unseren Bedarf mit den endlichen Ressourcen dieser Erde decken müssen – also unmöglich decken können. Alle Ökonomen miteinander aber „beweisen“ ihr Dogma von der unüberwindbaren Knappheit, indem sie die Arbeit, das notwendige Mittel zur Beschaffung nützlicher Güter, als einen Minus-Nutzen vom Nutzen der Güter wieder abziehen – so dass das Produzieren wie das Verhungern nutzenmäßig gleichermaßen eine Art Nullsummenspiel ergeben. Die Wahrheit, dass die Menschen sich entscheiden müssen, ob ihnen die Herstellung einer Sache den Arbeitsaufwand wert ist, drücken Ökonomen so aus, dass der Nutzen des Produkt den Minus-Nutzen der Mühen überwiegen muss, wenn produziert werden soll; eine „rationale“ „wirtschaftlich motivierte Handlungsweise“ besteht ihnen zufolge darin, einen Größenvergleich zwischen dem Gewinn und dem Verlust an Nutzen durchzuführen.

„Die Volkswirtschaftslehre beruht auf der Annahme, dass über knappe Mittel bei alternativ möglichen Verwendungen in zweckmäßiger Weise disponiert werden soll; Überfluss macht Wirtschaften unnötig. Da sich die ökonomische Theorie nur mit wirtschaftlichen Erscheinungen befasst, geht sie von einer ökonomisch motivierten Handlungsweise aus. Sie wird in extremer Vereinfachung als sogenanntes ökonomisches Prinzip formuliert. Es bedeutet: Entweder mit gegebenen Mitteln ein maximal mögliches Resultat oder ein vorgegebenes Resultat mit einem Minimum an Mitteln zu erwirtschaften.“ (ebd. Stichwort: Volkswirtschaftstheorie)

Den zweckmäßigen Arbeitsaufwand, der sich durch den Nutzen lohnt, den das Arbeitsprodukt stiftet, kennt der homo oeconomicus einfach nicht – nicht das Produkt, sondern das gesteigerte Produkt gilt ihm als sinnvolles Ergebnis seines Wirtschaftens, und das ist ihm nicht einen zweckmäßigen Aufwand, sondern allenfalls einen verringerten Aufwand wert. Mit seinem „homo“ zeichnet das Fach das Bild eines absurden Menschen, der ausgestattet mit maßlosen Bedürfnissen und einer ebenso maßlosen Faulheit weder dem einen noch dem anderen Drang nachgehen, geschweige denn ihn befriedigen kann, sondern dauernd mit unbefriedigenden Kompromissen zwischen beiden beschäftigt ist. Das nennen Ökonomen, den Nutzen maximieren, weil der ohnehin nie ausreichend zustande kommt. Ihr konstruiertes Wesen hat einen grenzenlosen Hunger nach dieser falschen Abstraktion – denn in der Wirklichkeit ist Nutzen immer der konkrete Nutzen nützlicher Dinge, von ihnen will man einmal mehr, ein anderes mal weniger, Nutzen überhaupt aber will niemand – und schon gleich will niemand ausgerechnet davon immer mehr! Aber das, was die unglückliche Kunstfigur der Ökonomen als Nutzen zu maximieren strebt, ist ohnehin nicht, was man gemeinhin unter diesem Wort versteht: Der Nutzen, den sie maximiert, hat nichts zu tun mit dem Gebrauch der hergestellten Güter, sondern bezeichnet die Differenz von Aufwand und Ertrag bei ihrer Herstellung. Aus der Größe dieser Differenz, nicht aus dem Konsum des Produkts, zieht dieses Dagobert Duck verwandte Wesen seine Befriedigung.

Die Quelle dieses eigenartigen Menschenbilds ist kein großes Geheimnis: Volkswirtschaftslehrer haben sich den Kapitalisten angeschaut und sein Treiben unheimlich vernünftig gefunden. Der freie Unternehmer befriedigt tatsächlich mit seiner wirtschaftlichen Tätigkeit keine konkreten, also auch begrenzten Bedürfnisse, sondern mehrt sein Vermögen. Im Geld, das man bekanntlich nicht essen kann, haben wir das maßlose Bedürfnis, das nie zureichend gestillt ist und für dessen Vermehrung alle Hilfsmittel leider nur endlich sind. Beim freiheitlichen Wirtschaften, wo es nicht um Bedürfnisbefriedigung, sondern um Geldvermehrung geht, wird ein Geldvorschuss getätigt, um einen Geldüberschuss zu erzielen –, und die Differenz von Kosten und Erlösen ist tatsächlich Zweck der ganzen Operation. Die darin eingeschlossene Unterordnung der Bedürfnisbefriedigung unter den Vorrang der Gewinns, die Abhängigkeit des ganzen Lebens von der Vorschuss-Überschuss-Rechnung der Kapitaleigner halten manche für einen fundamentalen Einwand gegen die kapitalistische Wirtschaft. Ökonomen dagegen überzeugen sich von der höheren Vernunft derselben, indem sie sich einen Menschen schaffen, der zu ihr passt und nach ihr ruft: Dazu entkleiden sie das kapitalistische Wirtschaftssubjekt seiner – durchs Geld definierten – Ziele und Kalkulationen, sowie ihrer Mittel, versetzen den Profitmaximierer in eine Welt der Gebrauchswerte, der Bedürfnisse und der Arbeit, und schon wird nicht mehr der Profit, sondern der Nutzen maximiert; und das Ziel, aus Vermögen immer mehr zu machen, erscheint als ein Gebot der Bedürfnisbefriedigung. Einen gewissen Preis zahlen die Ökonomen für die Schöpfung ihres Zwitterwesens schon: Nichts stimmt mehr. Der homo oeconomicus passt weder in die Welt von Bedürfnis und Arbeit, noch in die der Geldvermehrung und Rendite. Wer durch zweckmäßige Arbeit die Mittel der Bedürfnisbefriedigung herbeischafft, maximiert nichts; und wer den Profit maximiert, hat weder Bedarf noch Knappheit zum Ausgangspunkt, vielmehr ein Vermögen, das größer werden soll. Aber die Ökonomen bezahlen den Preis gerne: So absurd muss eben die Menschennatur beschaffen sein, aus der sich die freie Marktwirtschaft als der ihr angemessene Lebensraum deduzieren lässt.

Das Grundproblem der Knappheit und das Grundmotiv der Maximierung werden dem Publikum nicht ernsthaft bewiesen; sie sollen, wie alle Grundannahmen über den Menschen, unmittelbar einleuchten, plausibel sein. Tatsächlich wird damit an die Praxis kapitalistischer Wirtschaftsbürger appelliert: Sie haben ihre Erfahrungen mit der Knappheit und wissen, dass sie immer mehr wollen, als sie kriegen. Die einen, weil sie stets zu wenig verdienen für die Bedürfnisse, die der Kapitalismus mit seinem immerzu wachsenden Warenangebot bei ihnen weckt. Ihre Knappheitserfahrung kommt daher, dass ihr geringes Einkommen es ihnen nicht erlaubt, sich den angebotenen, also vorhandenen Überfluss zugänglich zu machen. Die anderen, denen es an nichts fehlt, weil ihr Erwerb gleich auf Geld und Vermögen gerichtet ist, von dem man eben nie genug haben kann. Ihre sehr unterschiedlichen „Knappheits“-Erfahrungen sollen die Leute sich nicht erklären, sondern als Grundtatbestand ihres Menschseins akzeptieren, um sich damit das Wirtschaften zu erklären, das ihnen die Erfahrung der Knappheit beschert. Ein schöner Zirkel! In diesem Sinn re-konstruieren Nationalökonomen den ganzen Kapitalismus als einen zweckmäßigen Sachzwang, der die Menschen zum rationalen Umgang mit knappen Ressourcen anreizt und zwingt. Ihnen kommt es ganz natürlich vor, dass die Wirtschaft, d.h. der Sektor, in dem Überfluss durch Produktion erzeugt wird, sich durch lauter Instrumente zur Beschränkung der Bedürfnisse und einen effektiven Zwang zur Arbeit auszeichnet.

Die wirkliche Marktwirtschaft – eine mögliche Lösung der Probleme allen Wirtschaftens

„Im Zentrum der VWL stehen Antworten auf die Frage: was, wann, wie, wofür (für wen) und wo soll produziert werden. Diese Grundprobleme treten in jeder Wirtschaftsordnung auf, in Planwirtschaften ebenso wie in Marktwirtschaften. Bei marktwirtschaftlicher Lösung regeln sich Produktionsziel, Produktionsmethode, Verteilung und Standorte mit Hilfe des Angebots- und Nachfragemechanismus über die Preisbewegungen, d.h. letztlich über freie Entscheidungen der Konsumenten. In Planwirtschaften sind diese Entscheidungen grundsätzlich durch Planbehörden zu treffen.“ (ebd.)

Wenn sie sich den einzelnen Formen und Institutionen der Marktwirtschaft zuwenden, bleiben Ökonomen ihrem Verfahren treu: Statt sich der bestimmten Realität der besprochenen Sache zuzuwenden, subsumieren sie sie unter eine sinnige Idee, in deren Licht sie dann die Realität interpretieren. Dem Markt verpassen sie seine wesentliche Eigenschaft durch einen falschen Vergleich mit der Nicht-Marktwirtschaft: Wie anderswo der Plan, nur auf andere Weise, soll der Markt dafür sorgen, dass die gebrauchten Waren in der richtigen Menge hergestellt und an die Konsumenten verteilt werden. In diesem Vergleich wird eine Gemeinsamkeit der beiden Wirtschaftsweisen nicht gefunden, sondern konstruiert, die den Markt als ein Mittel der Versorgung adelt; und das ehe ein Ökonom sich darauf einlässt, nachzusehen, was auf dem Markt tatsächlich vor sich geht; alles andere nämlich als Versorgung. In der wirklichen Marktwirtschaft sind die Konsumartikel Waren, und der Bedürftige muss sie kaufen. Armut und Not, die es in allen Marktwirtschaften gibt, zeugen davon, dass es kein Zweck dieser Wirtschaft ist, die Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen; dass es vielmehr umgekehrt der Zweck der Konsumartikel ist, ihrem Verkäufer das Geld anderer Leute zuzuführen. Vor die Bedürfnisbefriedigung ist der Kauf gesetzt, die Ware muss bezahlt werden, d.h. der Bedürftige muss sich dem Geschäft eines anderen dienstbar machen. Wenn er das nicht kann, weil er kein Geld hat, gilt sein Bedürfnis nichts und bleibt ungestillt. Versorgt wird in der Marktwirtschaft niemand – und durch den Markt schon gleich gar nicht.

Aber mit ihrem Dogma von der unüberwindlichen Knappheit im Kopf ist es den Ökonomen keine Schwierigkeit, das gerade Gegenteil zur Bestimmung ihres geliebten Marktes zu machen: Da die Produktion die Knappheit nicht beseitigt, sondern nur mit ihr umgeht, darf auch beim Konsum nicht das Bedürfnis herrschen; es braucht Mechanismen des Ausschlusses der Konsumenten von den Konsumtionsmitteln und da lässt sich der Ausschluss, den Eigentum und Geld bewirken, als notwendig und segensreich, sozusagen als der der Knappheit entsprechende Zugang zu den Konsumtionsmitteln deuten. Der Markt organisiert diesem Weltbild zufolge die menschlich unvermeidliche Beschränkung im Unterschied zur Planwirtschaft auf eine freiheitliche Weise, so dass die Leute sich mit ihren Kaufentscheidungen selbst von dem Teil der Güter ausschließen, die sie sowieso nicht haben können. Tatsächlich und ohne VWL-Brille betrachtet ist der Preis der Ware mein Ausschluss vom – vorhandenen! – Gegenstand meines Bedarfs. Ich kann den Ausschluss nur überwinden, wenn ich das Eigentümer-Interesse des Verkäufers befriedige – mit Geld, das ich vorher beschafft haben muss. Im Lichte der VWL sieht die Sache folgendermaßen aus: Wegen der universellen Knappheit muss der Mensch auf manches verzichten und entscheiden, welches Bedürfnis er lieber befriedigen, welches er unterdrücken will. Weil er das sowieso muss, findet er im Preis eine hilfreiche Form des relativen Ausschlusses, den er nach Maßgabe dessen, was ihm wichtig ist und wie viel Geld er eben hat, überwinden kann oder nicht. Dass die Konsumenten wegen der Geldwirtschaft und ihrer Preise verzichten, sich für und gegen manches entscheiden müssen, sieht nun so aus, dass sich dank der Preise erstens frei und zweitens begründet entscheiden können, worauf sie verzichten. Das Geld, über das sie verfügen, und die Warenpreise, die sie zahlen müssen, fungieren als Entscheidungshilfen dafür, was sie nehmen und was sie besser liegen lassen. So können sie ihre Beschränkung selbst organisieren und auf jeder beliebigen Höhe ihres „Haushaltseinkommens“ ein persönliches Nutzenoptimum erzielen. Zum Beweis dieses Optimums dient – sehr tautologisch – der Kaufakt selbst. Der Käufer hat sich frei entschieden; niemand hindert ihn daran, sein Einkommen anders auf nach Preis und Menge bestimmte „Güterbündel“ zu verteilen!

Gleichgewicht – eine Koordinationsleistung des Marktes

Aber nicht nur das. Dank des wundersamen Marktmechanismus entscheidet der Käufer zugleich die Frage, was für wen zu welchem Preis produziert werden soll, wenn er sich nach Maßgabe seines Einkommens und der gegebenen Warenpreise einteilt. Bei aller Knappheit ist die Marktwirtschaft nämlich zugleich eine, in der das hergestellt wird, was der Konsument wünscht, – und zwar zu dem Preis, den er zu zahlen bereit ist. Fragen, die anderswo eine zentrale Planung entscheiden müsste, entscheidet der Verbraucher durch sein Verhalten am Markt. Die Nationalökonomen kommen zum Kern ihrer theoretischen Schönfärberei, wenn sie das Gegeneinander der Käufer und Verkäufer, sowie die Konkurrenz innerhalb der beiden Lager als Planungsersatz, als „dezentrale Ex-post-Koordination“ der Aktivitäten der Wirtschaftssubjekte hoch leben lassen. Unter Berufung darauf, dass auch auf diese Weise irgendwelche Güter in irgendwelchen Mengen zustande und zu irgendwelchen Preisen an den Mann gebracht werden, wenn sie nicht gerade unverkäuflich liegen bleiben, deuten sie den „Markt“ als sinnreiche höhere Macht, als Planungs-Automaten eben, der ohne Bewusstsein und Subjektivität mehr leistet, als Menschen könnten – und dabei noch die einzelnen Wirtschaftssubjekt so frei agieren lässt, als stünden sie mit ihrer Arbeit und ihren Bedürfnissen überhaupt nicht in Abhängigkeit zu anderen. Methodologisch ausgebuffte moderne Ökonomen werden sich das Lob des Marktes nicht mehr so schön metaphysisch aufsagen trauen wie der alte Adam Smith, der von einer „invisible hand“ wußte, die den allgemeinen Nutzen auch dann und gerade dadurch mehrt, dass jeder einzelne sich nur um sich und seine Bereicherung gegen andere kümmert. Aber sie meinen genau dasselbe, wenn sie versuchen, sich nicht mehr so verfänglich auszudrücken und nur noch vom Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage reden, zu dem „der Markt“ tendiert. Auch so haben sie ihre höhere Macht, die – man weiß nicht so ganz wie – aus dem Marktgeschehen schlicht und einfach das Gegenteil dessen macht, was es praktisch ist: Wo Käufer und Verkäufer nichts anderes tun, als sich gegeneinander, so gut es geht, Geld abzujagen und zum eigenen Vorteil die Bedürftigkeit ihres Gegenüber als dessen Schwäche auszunutzen, da sorgt in der Welt der VWL die geheimnisvolle Retorte Markt dafür, dass am Schluss das größte Glück der größten Zahl zustande kommt und die Bedürfnisse bestmöglich befriedigt werden. Dass der Standpunkt einer gesellschaftlichen Gesamtarbeit und ihrer zweckmäßigen Teilung zwischen den Teilarbeitern in diesem Kampf aller gegen alle ebensowenig vorhanden ist wie der Standpunkt der Versorgung, stört gar nicht. Das ist ja das Wunder: Die Koordination der unabhängigen Teilnehmer an der Wirtschaft weiß, will und bewirkt niemand, sie stellt sich über den Markt automatisch ein.

Die unbewusste Koordinationsleistung des Marktes soll man sich als eine langfristig wirksame Tendenz des Ausgleichs von Angebot und Nachfrage vorstellen; tatsächlich ist sie nichts anderes als ein großer theoretischer Zirkel: Einerseits sollen die „Haushalte“ sich in der Entscheidung über Art und Menge der Güter, die sie kaufen, von der Größe ihres Budgets und den für die angebotenen Güter verlangten Preise bestimmen lassen – die Menge ihrer Nachfrage soll vom Preis abhängen. Andererseits soll zugleich die Größe ihrer Nachfrage über Menge und Preis der angebotenen Güter, d.h. über deren Produktion entscheiden; soll also deren Preis von der Nachfrage abhängen. Die ökonomische Theorie betrachtet die Preise doppelt: Einmal als den Haushalten vorgegebene Größen, an denen sie sich in ihrem Einkauf orientieren; ein anderes Mal als Wirkung ihrer Kaufentscheidungen, so dass sich der bezahlte Preis nach der nachgefragten Menge richtet. Dass entweder die eine Seite fix sein muss, damit die andere eine durch sie bestimmte Variable sein kann, oder umgekehrt, dass aber nicht beide Seiten zugleich fix vorgegeben und zugleich die Variable der anderen sein können, ist den Ökonomen nicht ganz unbekannt. Sie organisieren die Sache so, dass sie die eine Abhängigkeit in der Abteilung Haushaltstheorie, die andere in der Abteilung Produktionstheorie verfolgen – und so insgesamt doch zur Behauptung der doppelseitigen Abhängigkeit der Preise von den Mengen und der Mengen von den Preisen kommen. Insgesamt unterstellt das „Marktmodell“ dann noch, dass Preise keine anderen Bestimmungsgründe haben als die Nachfrage – so dass bei sinkender Nachfrage die Waren immer billiger würden, und dass die Nachfrage keinen anderen Bestimmungsgrund hat als den Preis, so dass bei sinkenden Preisen von einer Warenart immer größere Mengen gekauft würden. Die Annahmen haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun, sie sind aber halt nötig, wenn man sich die geniale Herstellung eines Gleichgewichts von Angebot und Nachfrage durch „den Markt“ vor Augen führen will.

Tatsächlich passt sich da nichts an und gleicht sich nichts aus. Das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage, stellt sich nur unter der Bedingung ein, dass die ungestillten Bedürfnisse, die wegen mangelnder Kaufkraft zu den aktuellen Preisen nicht zum Zug kommen, und die unverkauften Waren, die billiger nur mit Verlust und deshalb gar nicht abgegeben werden, nicht als Einwand gegen das Gleichgewicht zählen. Wenn aber nur verlangt ist, dass ein Gleichgewicht zwischen „marktwirksamer“ Nachfrage und ebensolchem Angebot eintrete, dann kommt es in jedem Fall zustande und ist ohne jeden Gehalt: Es ist dann nämlich die billige Tautologie, dass der Menge der verkauften Waren eine gleiche Menge von gekauften Waren entspricht. Der Preis, zu dem sich Käufer und Verkäufer getroffen haben, bekommt dann den Ehrentitel Gleichgewichtspreis, weil kein Käufer mehr zu kaufen und zu zahlen, und kein Verkäufer weniger zu nehmen bereit war, als er eben gefordert und bekommen hat. Dieses Gleichgewicht ist bei jedem Niveau von Not und Krise, Arbeitslosigkeit und Absatzflaute zu haben. Und es ist ein Schwindel, der der Sache nur einen theoretischen Schein beilegt, dass sich dieses Gleichgewicht nur letztlich, als Tendenz durchsetzen, aktuell aber immer wieder verfehlt werden soll. Dieses Gleichgewicht ist immer gegeben.

Modell und Mathematik

Auf solche Einwände ist die VWL auf ihre Weise vorbereitet. Sie räumt ein, dass ihre „Annahme“, alle Waren, die verkauft werden sollen, würden auch verkauft, und alle beabsichtigte Nachfrage, käme auch zum Zuge, „realitätsfern“ ist. Sie weiß auch, dass die „lineare Substitution“ von Preis und Menge – je billiger Brot wird, desto mehr wird davon verzehrt, je teurer es ist, desto weniger – eine höchst anfechtbare, aber eben unverzichtbare „Annahme“ ist, wenn man sich ihre Vorstellung von der Koordinationsleistung des Marktes machen will. Nicht gegen die nichtssagende Tautologie ihres Gleichgewichtsgesetzes, sondern gegen den Realismus der von ihr gemachten Voraussetzungen lässt sie Einspruch gelten: Zur Verteidigung des Dogmas von der Koordinationsleistung des Marktes bekennt sich das Fach zum Idealismus seines Theoretisierens, und gibt zu, dass es unrealistische Voraussetzungen postuliert, um das schöne Gesetz zu erhalten, um das es ihm geht. Es nimmt seine Theorie zum Modell zurück und behauptet gar nicht mehr, die Realität zu erfassen, wie sie ist, sondern nur eine Idee davon zu geben, wie man sich ihr sinnvolles und wohltätiges Funktionieren vorstellen könnte.

Das von der Realität getrennte Modell verteidigt die Volkswirtschaftslehre um so konsequenter – eigentlich besteht das ganze Fach aus der methodischen Verteidigung dieser Idee vom Funktionieren des Marktes. Einerseits wird mittels der Mathematik und allen Feinheiten von Differential und Integral die schon angesprochene, vorgestellte Abhängigkeit von Preis und Menge in eine unübertrefflich exakte Formel gebracht: Y= f(x). Kurven und Gerade lassen sich so legen, dass sie sich schneiden und auch dem ungeübten Auge „beweisen“, dass es bei jedem Preis und für jedes Budget ein Mengenoptimum gibt – und umgekehrt. Ausgerechnet werden muss hier nichts, weil nicht mit vorhandenen Größen gerechnet wird, sondern alle Einträge im Koordinatensystem zu Zwecken der Demonstration gewählt sind. Für mehr als für ein Bild von der Abhängigkeit zweier Größen ist die missbrauchte Mathematik da nicht verlangt.

Mit vorhanden Größen wird andererseits gerechnet, wenn sich das hypothetische Gebäude der VWL wieder mit der Empirie verbindet: In ökonometrischen Studien suchen Forscher ihre behaupteten gesetzmäßigen Zusammenhänge zwischen Löhnen und Preisen, Staatsschulden und Zinsen, Wachstum und Export, letzten Endes zwischen allen wirtschaftlichen Größen in der Wirklichkeit und schreiben zu diesem Zweck über Jahre und Jahrzehnte die Koinzidenz der betreffenden Größen in langen Reihen wild variierender Zahlen auf. Aus dem Haufen von Zufällen bilden sie nach den Regeln von Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung Mittelwerte und so tun, als hätten sie mit dem gemittelten Zufall Gesetze in der Hand, die sie wiederum in exakten mathematischen Funktionen ausdrücken.

Die Leistung:
Für Oben: Der Schein einer Technologie der Wirtschaftssteuerung
Für Unten: Die Zurückweisung von Ansprüchen

Die VWL zeichnet ein universelles Bild der Abhängigkeit aller volkswirtschaftlichen Größen von einander, indem sie jede dieser Größen als Funktion anderer darstellt. Insgesamt erzeugt sie damit die Vorstellung eines komplexen Wirkungszusammenhangs, in dem alles mit allem gesetzmäßig zusammenhängt. Lohn und Zins, Wachstum und Geldmenge, Investitionen und Staatsausgaben – alle wirken notwendig aufeinander und jede Veränderung einer Größe führt dank des Marktes zu neuen Gleichgewichtszuständen aller anderen Größen untereinander. Mit ihrer Vorstellung vom gesetzmäßigen Wirkungszusammenhang, bei dem jede Größe alle anderen beeinflusst, also auch als Hebel ihrer Beeinflussung genutzt werden kann, bietet sich die VWL dem staatlichen Standpunkt der Steuerung des Wirtschaftsprozesses als das dazu nötige technologische Wissen an. Ihre Kombination von notwendigen und berechenbaren Marktreaktionen einerseits, mit der Freiheit der Veränderung einzelner Größen andererseits kopiert die VWL die Naturwissenschaft, die ihr Objekt durch Kenntnis seiner Gesetze und deren gezielte Ausnutzung zu beherrschen erlaubt. Steuerung der anonymen Marktgesetze ist möglich – aber nur wenn sie marktkonform ausfällt, wenn also auch der Staat sich ihnen unterordnet, um sie auf seine Ziele zu lenken: Arbeitslosigkeit lässt sich bekämpfen etwa durch Lohnsenkung oder durch staatliche induzierte Wachstumsimpulse, seien es Staatsausgaben oder niedrige Zinsen oder Steuergeschenke ans Kapital – alle diese Hebel aber haben wieder komplexe Wirkungen auf andere Größen, die bedacht sein wollen.

An derartigen Belehrungen der Experten orientiert sich die Regierung sogar, die sie in Auftrag gegeben hat. Und zwar deshalb, weil die „Wirtschaftsweisen“ mit ihrem hohen Renommee in der Regel ohnehin vorschlagen, was die Regierung von sich aus für nötig hält. Die Gutachten zur wirtschaftlichen Lage und deren Ratschläge werden „befolgt“, weil sie zur Rechtfertigung von Kabinettsbeschlüssen taugen; – andernfalls, auch das kommt vor, ergeht es ihnen wie den wissenschaftlich gesehen nicht schlechteren „Gegengutachten“ aus dem Lager gewerkschaftsnaher Ökonomen. Diese Leute, ganz besonders überzeugte Ideologen ihrer Zunft, halten den Kapitalismus für einen ebenso effizienten wie zweckfreien Wirkungszusammenhang, der sich mit dem richtigen Einsatz der richtigen Hebel auf beliebige soziale Ziele hinsteuern lässt. Ihre immergleiche Empfehlung, den gesamtwirtschaftlichen Prozess mittels hoher Staatsausgaben in Richtung Vollbeschäftigung zu lenken, wird zumeist mit Missachtung gestraft. Dafür darf sich die wissenschaftliche Politikberatung ihrer kapitalfreundlichen Kollegen, die vorgibt, den Mächtigen zu sagen, wie „es geht“, bei der politischen Macht für das Prädikat „realitätstauglich“ bedanken. Die beiden Seiten tun sich in ihrer Symbiose einen schönen Dienst: Die Wissenschaft erklärt die Härten der Politik zur unparteilichen Sachnotwendigkeit, der niemand seine Zustimmung verweigern darf; und die Politik beglaubigt den Realismus der volkswirtschaftlichen Modellkonstruktionen. Was tut es da schon zur Sache, dass die VWL die Technologie dann doch nicht ist, die sie sein will, und dass die Prognosen, mit denen sie ihre wirtschaftspolitischen Ratschläge an die Regierung begründet, regelmäßig daneben liegen?

Wissenschaftliche Empfehlungen zu marktkonformem Verhalten ergehen auch in Richtung der Bürger mit den kleinen oder gar keinen Einkommen. Auch sie können sich an diese Empfehlungen halten – freilich nur sehr passiv. An sie richten sich weniger die Expertisen über die Hebel der Beeinflussung des Marktes als die Aufklärung über seine notwendigen und unumstößlichen Wirkungen. Wann immer irgendwem – den Käufern, den Arbeitslosen oder den Mietern – die Ergebnisse der Wirtschaft nicht passen, bestehen Ökonomen darauf, dass der Markt nur der allgemeine Reaktor ist, in den alle besonderen Ansprüche und Nutzenerwartungen eingehen. Er erteilt den Teilnehmern an seinem Geschehen nur die notwendige Gleichgewichtsantwort auf ihre Ansprüche. „Der Markt“ kann nichts dafür, wenn es keine Wohnungen, dafür aber jede Menge Arbeitslose gibt, wenn die Preise steigen und die Ersparnisse schrumpfen. Mengendefizite bei Wohnraum? Offenbar sind die Mietpreise zu niedrig, so dass „der Markt“ nicht mehr davon zur Verfügung stellen kann. Massenarbeitslosigkeit? Offenbar ist der Preis der Arbeit zu hoch, so dass sie nicht in ausreichendem Maß nachgefragt werden kann. Steigende Preise und sinkende Massenkaufkraft? Eine Wirkung hoher Löhne und überbordender Nachfrage. In der „Lohn-Preis-Spirale“ sind Preissteigerungen nur der notwendige Ausgleich der Störung des Gleichgewichts durch die Lohnseite. Die Propagandisten des Marktes geben jede Klage an den Kläger zurück – wenn der Markt seine Ansprüche zuschanden werden lässt, dann hat er eben unrealistische Ansprüche gehabt, – und diese werden von der Gleichgewichtsmaschine gnadenlos aufgedeckt.

Das Fach ist ein einziges Plädoyer gegen politische und soziale Korrekturen an den Ergebnissen der kapitalistischen Konkurrenz – solche sind allesamt Verfälschungen des freien Spiels der Marktkräfte und können nur zum Gegenteil der Wohltaten führen, die damit beabsichtigt sind. Der größte allgemeine Nutzen entsteht, wenn man den Markt ungestört herausfinden lässt, was zu welchem Preis welche Nachfrage findet. Die Parteilichkeit des Fachs gilt also ganz von selbst nicht nur dem System der Marktwirtschaft, sondern auch jenem Privatstandpunkt in ihr, der „die Wirtschaft“ heißt.

Die Nationalökonomie erforscht nicht die Zwänge des Marktes, sondern gibt ihnen einen guten Sinn: Sie sind die Resultante der vielen privaten Nutzenkalküle, die auf diese Weise ebenso zum Zuge kommen, wie auf ihr realisierbares Maß zurückgeführt werden. Die Volkswirtschaftler haben das Kunststück fertig gebracht, aus dem Nutzen und der Zweckmäßigkeit selbst einen Sachzwang zu verfertigen, dem sich die wirtschaftlichen Akteure in ihrem Nutzenstreben unterwerfen müssen. Dieser Sachzwang ist gerechtfertigt dadurch, dass er nur aus dem Nutzen entspringt und nur ihm dient. Der Materialismus der Marktteilnehmer ist ins Recht gesetzt, wenn der Markt ihm recht gibt, und einer unrealistischen Anspruchshaltung bezichtigt, wenn der Markt ihm nicht recht gibt. Denn der Markt macht keine Fehler! Seine Gesetze wirken unerbittlich.