Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Die Rettung des Selbst vorm Selbstmord

Der Selbstmordkandidat Günther hat von seinem ‚Fall‘ folgende Meinung:

„Ich fühle mich ganz allein. Freunde habe ich nie richtig gehabt. Immer wollten sie nur Geld von mir. Wenn ich was wollte, war nichts drin… Ich dachte, was hält mich, ich sehe keinen Sinn im Leben.

Der gute Mann ist verrückt. Seine Enttäuschung über die schlechten Mitmenschen nimmt er sich in einer Weise zu Herzen, dass er das Misslingen seiner Idealvorstellungen von einem Kreis uneigennütziger Freunde nicht als Hinweis gelten lassen will, dass er irgend etwas falsch gemacht hat. Statt dessen kehrt er die Nichtgeltung seines hehren Freundschaftsideals zu einem Widerspruch gegen sich selbst, den eigenen Charakter und die eigene Lebenstüchtigkeit überhaupt. Er will dermaßen radikal auf dem Schluss beharren, eher auf sein Leben als auf das idealistische Lebensprogramm zu verzichten, an dem er gescheitert ist, dass er laut Tausch dreimal erfolglos versucht, sich um die Ecke zu bringen. Alle diese Verrücktheiten fordern dem gesprächstherapeutischen Helfer an seiner Seite nur zu einem heraus: zu tiefem Verständnis

„Ja, ich verstehe, du fühlst dich allein, du bist unglücklich, daß du allein bist, du bist enttäuscht, du hast Wunden in dir behalten, du hast nie geben können, du hast nie gelernt, deine Gefühle zu geben, dir ist nach Weinen, aber du kannst nicht…“ (R. Tausch)

Schon dieser Haufen an Vertraulichkeit könnte misstrauisch machen. Sie sind das technische Hilfsmittel für den Psychologen um mitzuteilen, dass er das vorgebrachte „Problem“ höchst ernst nimmt. Aber nie und nimmer in der Hinsicht, dass er sich bemühen würde, den „Klienten“ zur Vernunft zu bringen. Stattdessen bekommt der liebe Günther, der ja überzeugt ist, sich in seinem privaten Glücksprogramm als Totalversager erwiesen zu haben, vom Therapeuten eröffnet, inwiefern und wie sehr er vollkommen Recht hat. Egal ob dabei dem geschätzten „Partner“ sein Seelenleben, das ihm fachkundig ausgebreitet wird, so gar nicht vor Augen steht; dessen Urteil über sich, eine ziemlich wertlose Figur in der Welt abzugeben, baut der Gesprächstherapeut zielstrebig und mit Genuss an den Erbärmlichkeiten, die er anderen Leuten aus dem Inneren deutet –

„Das ist Leben! Ich kann einen Blick in die seelische Landschaft anderer tun. Deshalb bin ich Psychologe und es macht mir Freude, das Innere des anderen zu erfahren!

– zu einem Persönlichkeitsbild seines „Partners“ aus, das dem die eigentlichen „Probleme“ offenbaren soll, die seinem Selbstverdruss zu Grunde liegen. Zwar hat der Klient eben seinem „Gefühl“ Ausdruck gegeben – „Ich fühle mich ganz allein!“ –, bloß: darauf kommt es gar nicht an. Der Psychologe legt Wert auf das Generalurteil, dass das „Problem“, welches der Klient äußert, nur ein Hinweis auf ein tieferes, grundsätzlicheres Seelenproblem ist: „Du bist Dir selbst fremd, du schaffst es nicht, deine wahren Gefühle zu äußern!“ Welchen Inhalt die Beschwerden des Klienten haben, ist für diese Erklärung offensichtlich völlig gleichgültig: Er mag beklagen, was er will, oder auch keinen Mucks sagen – er bekommt auf jeden Fall die Diagnose verpasst, dass ihn ein Identitätsproblem quält. Mit Logik hat der Satz „Du bist unfähig, du selbst zu sein!“ natürlich nichts zu tun – es ist vielmehr der unmittelbare Appell, sich selbst mitsamt seinen herbeiphantasierten Charakterbehinderungen (‚Wunden‘) einfach mal liebenswert zu finden. Der Rest ergibt sich dann schon von selbst. Dies ist denn auch die einzige Kritik, die der Therapeut seiner Klientel nachsagt, die sie freilich dafür mit unübertrefflicher Penetranz zu hören bekommt: Wahnideen hin oder her, es kommt einzig darauf an, dass man nicht negativ, sondern positiv zu sich steht. Rückfälle seines Klienten, der noch „intellektualisiert“ und „den Grund in Objekten oder Personen außerhalb seiner selbst sucht“, behebt Tausch mit der gebetsmühlenartigen Wiederholung des Angebots, in sich das Sammelsurium an Defekten zu entdecken, die der Fachmann in seinem Inneren identifiziert hat, und als seinen Grundcharakter ‚anzunehmen‘. Das vom Psychologen getroffene Urteil über seinen „Partner“: Totalnull! will schon als dessen Gedankenleistung vollzogen sein. So nimmt es nicht wunder, dass die verrückte Selbstbezichtigung: „Ich bin so ein Wicht“, ständig vom Psychologen bestätigt wird, indem er daran erinnert, dass da „etwas“ aus dem selbstverschlossenen Partner herausdrängt:

„Du fürchtest, man könnte Unangenehmes entdecken; du empfindest dich als unnütz,… du kannst dich noch nicht annehmen!

Und darum soll es ja bekanntlich gehen. Auch eine Leistung, sich als ausgeprägte Niete zu entdecken und daraus eine gelungene Begegnung, ein flottes ‚Hallo, Selbst!‘ zu arrangieren.

Der Erfolg der Gesprächstherapie: Sag Ja zum Selbst

Eines sei festgehalten: wenn der Patient bei dieser psychologischen Verrücktheit mitmacht, funktioniert es; an die Stelle seiner hinderlichen Verrücktheit tritt mit „Hilfe“ des Therapeuten ein nützlicher Wahn. Je mehr sich der „Klient“ in sein professionell betreutes Selbstmitleid hineinsteigert und je länger er immer neue, unverstandene Details seiner armen Persönlichkeit („Gefühle“) imaginiert – desto häufiger hat der Therapeut Gelegenheit, ihm die eingebildeten Abgründe seines Charakters als seine ganz und gar einzigartige, unverwechselbare und daher „wertvolle“ Besonderheit zurückzuspiegeln: Weil du so bist, unterlass es, mit dir zu hadern, sondern bekenne dich zu deiner Schwächlichkeit als „Anteil deines Selbst“! Diesen Kampf ums Selbstwertgefühl – bei dem sich der Wert des Selbst ganz frei danach berechnet, welche selbstkonstruierten Unzulänglichkeiten man an ihm schätzen will – begleitet der Gesprächstherapeut in echter Partnerschaft. Als ob er sich gerade mittherapieren wollte:

„ich bewundere dich, wie du empfinden kannst. Ich spüre eine Menge Kraft in dir, mehr als ich manchmal habe,“ –

hilft er seinen Kandidaten zu der absonderlichen Leistung, aus einer angestrengten Selbstbezichtigung den Hauptgewinn zu ziehen:

„Dass du von Wert bist für uns, ohne dass du irgendwie besondere Anstrengungen machst. Indem du bist, wie du bist, bist du für uns von Wert, das spürst du!

Tusch und Anerkennung dafür, dass da einer nicht mehr unternehmen will, als laut psychologischer Deutung bei ihm selbst drin ist! Bezeichnender als in diesen freundlichen Schlussbemerkungen lässt sich das psychologische Programm der „Selbstöffnung“ kaum zusammenfassen. So hat der „Partner“ endlich die Wertschätzung, auf die er immer so erfolglos scharf war: Sich selbst weiß er (einzu)schätzen als einen, der erfolgreich fähig ist, zu seinem untüchtigen Charakter zu stehen, und darin ein besonders gelungenes Exemplar ist. Und der ganz viel Gefallen an sich selbst findet in der Pflege seiner Macken als seine individuelle Note – neben den praktischen Pflichten, denen er täglich brav nachkommt.