Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Die Psychologie – Sachzwänge des Subjektseins

Die hier vorgestellten Wissenschaften – andere Disziplinen halten es ebenso – „versubjektivieren“ ihren Gegenstand: Der Tausch und das Geld, die Staatsgewalt und ihr demokratisches Procedere, die Gesellschaft mit ihren Normen und Zwängen – alles hat seinen Grund und seine Herkunft im Inneren des Menschen, d.h. es wird tautologisch auf lauter ursprüngliche menschliche Bedürfnisse und Triebe zurückgeführt, die genau danach rufen. Als Beweis für das Vorhandensein solcher Bedürfnisse im Inneren des Menschen fungiert dann wieder die Realität der bürgerlichen Gesellschaft, die man mit diesem schönen Zirkel zur äußeren Natur und wahren Heimat des Menschen verklärt. In diesem Sinn ist alle bürgerliche Gesellschaftswissenschaft Psychologie. Die eigentliche Psychologie aber gibt Antwort auf die verkehrte Frage, warum der Mensch, der doch ganz und gar zu seiner kapitalistischen Heimat passt – und diese zu ihm –, dennoch nicht klarkommt, scheitert, erfolglos und unglücklich ist und immer wieder nicht funktioniert, wie er soll. Sie nimmt ihn als ein Mängelwesen in den Blick, das die Harmonie immerzu für sich nicht verwirklicht, die an und für sich schon existiert: Der Mensch ist das einzige verbliebene Problem in dieser perfekten Welt. Er kann mit sich nicht umgehen, hat ein problematisches Verhältnis zu sich – und deshalb kein geglücktes zur Welt.

Aber fangen wir von vorne an und nehmen die Psychologie so, wie sie sich selbst vorstellt: als eine Wissenschaft von einem Gegenstand, dessen Eigenart sie zu erläutern verspricht. Ihrem griechischen Namen zufolge befasst sie sich mit dem, was früher Geist oder Seele hieß, der „Subjektivität“ des Menschen und den Formen ihrer Betätigung – Fühlen, Wahrnehmen, Vorstellen, Erinnern, Sprechen, Denken und Handeln. Wenn Psychologen sich aber über ihren Gegenstand hermachen, dann bestimmen sie nicht, was einer macht, der einen Baum wahrnimmt, sich an ein Wort erinnert, sich ein Auto vorstellt etc.; kurz, was Wahrnehmen, Erinnern, Denken, Handeln ist, sondern fragen nach einer Kausalität dieser Betätigungen, d.h., danach woher die intelligenten Leistungen kommen, was sie ermöglicht, auslöst, bedingt. Sie suchen „Gesetzmäßigkeiten des Erlebens und Verhaltens“1 und stellen allein schon dadurch das, was Menschen tun, als von der Außenwelt, wie von inneren Mechanismen und Kräften verursachtes Treiben dar, dessen determinierende Ursachen sie herausfinden wollen. Indem das Fach Ursachen, Bedingungen, Voraussetzungen, Dispositionen und Auslöser der diversen Betätigungen postuliert und ihnen das Interesse zuwendet, lässt es die eigentlichen Gegenstände, über die es Aufklärung verspricht, als Leerstelle der Theorie zurück.

1. „Psychophysik“ – Weder Physik noch eine Wissenschaft von der Seele

Auf die Weigerung, die Betätigungen der Subjektivität als solche zu bestimmen, ist die moderne Psychologie mächtig stolz: Dadurch erst wird sie, ihrem Selbstverständnis zufolge, zur „exakten“, an den Naturwissenschaften geschulten Disziplin. Dass sie das werden musste, begründen Fachvertreter mit methodischen Problemen bei der Erforschung des Seelischen: Es spiele sich in unserem Inneren ab und sei der äußeren Beobachtung, Messung, Verifikation nicht zugänglich. Auf die „Selbstbeobachtung des Probanten“ und seine Auskünfte dürfe sich die Wissenschaft wegen deren „Unzuverlässigkeit, Störanfälligkeit und Unkontrollierbarkeit“2 nicht verlassen. Ferner seien Bewusstsein, Denken, Erfahrung die „Werkzeuge des Forschens“ und könnten nicht wie äußere Objekte zum Gegenstand der Forschung gemacht werden. Beide Argumente sind verkehrt: Warum soll der Mensch, der geht und über das Gehen nachdenkt, verdaut und die Verdauung erforscht, sich nicht auch denkend sein Denken, und bewusst sein Bewusstsein zum theoretischen Gegenstand machen, über eigene und fremde Gedanken nachdenken und erklären, was einer tut, der etwas erklärt? Die „Beobachtbarkeit“ ist bei all dem kein Problem. Gerade weil jeder diese intelligenten Tätigkeiten ausübt und sich mit anderen darüber austauscht, hat er jede nur wünschbare Kenntnis von ihnen. Da gibt es nichts, was erst noch in Erfahrung zu bringen wäre; und es kommt nur noch darauf an, herauszufinden und zu erläutern, worauf es bei den bekannten Betätigungen der Subjektivität ankommt. Überhaupt: Wer oder was sonst sollte über seelische Zustände und intelligente Tätigkeiten Auskunft geben können, wenn nicht ein denkendes, fühlendes Subjekt, das sie hat und ausübt und bei anderen versteht?

Psychologen sehen das anders: Etwas Geistiges, Intelligentes mit dem Intellekt zu erfassen, das erklären sie zur Metaphysik. Wissenschaftlich soll es hingegen sein, sich bei der Erklärung geistiger Aktivität ans äußerlich, d.h. verständnislos Beobachtbare zu halten und daraus auf nicht-beobachtbare Kräfte, innere Prozesse und ihre Gesetzmäßigkeiten zu schließen. Das Verfahren verändert den untersuchten Gegenstand erheblich: Man reduziert die geistigen Leistungen erst einmal auf physikalisch Messbares, bringt sie dadurch um ihre entscheidende Qualität – und kauft sich dafür den wissenschaftlichen „Vorteil“ ein, dass sich dieses geistlose Residuum – das nicht mehr ist, was man untersuchen wollte, – hervorragend nach naturwissenschaftlichen Maßstäben vermessen und quantifizieren lässt.

Die Wahrnehmungspsychologie fasst wie gesagt die Wahrnehmung gar nicht als einen Akt des Bewusstseins auf, das etwas als etwas wahrnimmt, d.h. Sinneseindrücke klassifiziert, mit schon erworbenen allgemeinen Vorstellungen vergleicht und das dadurch identifizierte Objekt als Fall eines Allgemeinen wiedererkennt. Psychologen definieren das Wahrnehmen als eine Funktion – die Funktion nämlich, die Außenwelt ins Innere des Subjekts zu transportieren, und fragen sich dann, wodurch diese Funktion ermöglicht wird und ob sie zweitens auch ordentlich leistet, was sie ihr als Leistung aufgeben. Dabei machen sie Anleihen bei der medizinischen Physiologie, der naturwissenschaftlichen Erforschung der körperlichen Ausstattung, der Technik der Sinnesorgane und ihres Funktionierens – das alles aber nur, um in konsequenter Analogie zur Physiologie Gesetze einer psychischen Physik, eben Gesetze der „inneren Informationsverarbeitung“ aufzuspüren.

„Wahrnehmung scheint also die Brücke zwischen Objekt und Subjekt zu sein, oder, modern gesprochen, der Kanal, auf dem die Information von der Außenwelt als Sender zum Bewusstsein als Empfänger übertragen wird. … Die funktionalen Beziehungen zwischen Gegenständen der Außenwelt und deren Repräsentation im Bewusstsein sind zu erforschen. … Damit wird der Vergleich der Außenweltgegebenheiten, die in physikalischer Sprache beschrieben werden, mit dem Verhalten der Versuchsperson und ihrem Bericht über korrespondierende Erlebnisse und Bewusstseinsinhalte zur entscheidenden Methode der Wahrnehmungspsychologie.“3

Der Forscher vergleicht also die, Reize genannten, physikalischen Daten der Außenwelt mit ihrer inneren Repräsentation und sieht dadurch ob und wie der Kanal funktioniert, d.h. was die Psyche den Daten hinzufügt, bzw. wie sie diese verfälscht. Und siehe da, die Wahrnehmung, die kein physikalisches Messinstrument ist, erweist sich durch diese Betrachtungsweise als schlechtes physikalisches Messinstrument. Die „Beziehung zwischen dem Außenreiz und der Empfindung“ kann es mit einer gescheiten Waage nicht aufnehmen: „Ein Gewicht muss mindestens 10 Gramm schwerer sein als ein Pfundgewicht, um auch als schwerer empfunden zu werden.“4

Unterm Strich produziert solche Forschung die „Erkenntnis“, dass sich die Wahrnehmung in der Wirklichkeit täuscht, weil sie keine Physik ist, mit der man sie vergleicht. „Die Hindernisse für eine wirklichkeitsgetreue Wahrnehmung (…) erscheinen nahezu unüberwindlich.“5zumal sich ja auch das Auge leicht zu optischen Täuschungen verführen lässt, wenn Psychologen sich nur genug darum bemühen. Und das tun sie! Sie sind so begeistert dabei, Grenzen und Fehlleistungen des Wahrnehmungsapparats auszutesten und aufzulisten, dass sie sich der Frage gar nicht mehr stellen, ob wirklich ein Mangel an „wirklichkeitsgetreuer Wahrnehmung“ vorliegt, wenn wir etwa den Stab im Wasserglas gebrochen sehen, obwohl er gar nicht gebrochen ist. Tatsächlich – jeder weiß es – lässt sich der Mensch davon nicht täuschen und korrigiert sein Auge, das seinerseits in dem, was es zu sehen gibt, nicht fehlgeht, wenn es den Stab gebrochen sieht. Auch auf den anderen Feldern, auf denen Psychologen die begrenzte Leistungskraft unseres Wahrnehmens demonstrieren wollen, täuscht der Mensch sich nicht. Er ist schließlich selbst dahinter gekommen, dass seine Sinne für die unterscheidende Tätigkeit des Vergleichens von Gewichten, Temperaturen, Tonhöhen, dann wenn es genau sein soll, keine vom Vorgefühl und von individuellen Unterschieden unabhängigen Ergebnisse liefern. Daher hat er sich physikalische Messinstrumente geschaffen. Jetzt meinen Wahrnehmungsforscher, den kritischen Aufklärer machen und dem Publikum beweisen zu müssen, dass Briefwaagen die Gramm genauer messen als die hohle Hand. Sie messen das gefühlsmäßige Vergleichen am Maßstab physikalischer Abbild-Genauigkeit und attestieren ihm eine ausgesprochen schwache Leistung, um sich damit der zweiten Hälfte ihrer Auskünfte zur Wahrnehmung zuzuwenden.

Sie haben sich ja ein Rätsel geschaffen: Wozu ist etwas so Verkehrtes wie die menschliche Wahrnehmung eigentlich gut? Und sie beantworten es, indem sie exakt dieser schwachen Leistung eine fürs Subjekt segensreiche Funktion zuschreiben: eine angebliche „Selektivität“ der Wahrnehmung nämlich, die das Allermeiste ignoriert und ausblendet, was ein „wirklichkeitsgetreues“ Abbild auch noch enthalten müsste; eine nützliche Verfälschung, die der Mensch im Interesse dessen, dass er mit dem Einschätzen der Realität zu Potte kommen und Orientierung in ihr finden will, eben vornehmen muss. Die Wahrnehmung eines Baumes, verstehen Psychologen als zweckmäßige Selektionsleistung. Objektives Einregistrieren der Wirklichkeit hätten sie gelten lassen, wenn der Wahrnehmende 1 Million Blätter statt des Baumes gesehen hätte. Das ist absurd. Sehen wir davon ab, dass in den Blättern, auch wenn sie millionenfach vorliegen, schon dieselbe Leistung der Abstraktion und Identifikation des Grün mit der allgemeinen Identität, auf die es bei ihm ankommt, vorliegt, die Psychologen auf der Ebene des Baumes nicht als objektiv gelten lassen wollen; dass ihre kritische Wahrnehmungstheorie also dasselbe einmal als objektiv gelten lässt, ein anderes mal nicht. Tatsächlich blendet einer, der einen Baum wahrnimmt, die vielen Blätter aber gar nicht aus: er identifiziert sie als Momente eines Ganzen, das er dadurch bestimmt. Die Psychologen aber sind scharf darauf, einen von ihnen behaupteten, gar nicht existenten, Mangel der Wahrnehmung als Fall wohltätiger Verfälschung der Wirklichkeit zu loben. Nur durch Ausblenden, Weglassen, Ignorieren kann sich ihr Subjekt die endlos komplexe Welt, in der es lebt, vereinfachen und sich in ihr orientieren. Die behauptete Selektivität beweisen sich die Forscher in der Abteilung „Gestaltpsychologie“ auf eine besonders trickreiche Art: Sie legen ihren Probanden sinn- und gehaltlose Figuren vor und geben ihnen den Auftrag, darin irgendetwas zu erkennen. Wenn die Probanden in die gestellte Falle tappen und tun, was verlangt ist, liefern die den Forschern das Material für ihr Vorurteil, dass der Mensch eben dazu neigt, in das, was er sieht, irgendetwas hineinzulesen, damit er eine Ordnung hat. Probanden, die beim weltberühmten Rohrschach-Test nur Tintenkleckse entdecken, bezichtigen sie einer destruktiven Verweigerungshaltung und schicken sie heim.6

2. Das bewusste Handeln: Durch äußere und innere Determination bedingtes Verhalten

Auch wenn nicht bestritten wird, dass die Befunde der Wahrnehmungspsychologie, die bis zum Messen von Hirnströmen und hirnphysiologischen Repräsentationen äußerer Reize reichen, den eigentlichen Gegenstand des Fachs, die Subjektivität und ihre Betätigung, gar nicht treffen, sondern im wesentlichen nur deren leibliche Voraussetzungen, halten Psychologen an dieser Unterdisziplin als einem methodischen Vorbild für die Befassung mit den eigentlich psychischen Leistungen fest. Die Vorentscheidung, sich bezüglich intelligenter Aktivitäten dumm zu stellen, sich auf messbare, dadurch verfremdete Äußerungen derselben – etwa rätselhafte Kehlkopfaktivitäten – zu beschränken und von diesem Output auf einen subjektiven Input, die Äußerungen verursachende innere Kräfte zu schließen, zeichnet ein Bild vom Menschen als einem Wesen, das auf äußere, auslösende Bedingungen hin reagiert, innere Kräfte, Triebe, Motive mobilisiert und sich durch deren Betätigung gesetzmäßig zur Umwelt verhält.

Die Gesetze, die dieser methodischen Festlegung zufolge über das dunkle Innenleben der Seele erspekuliert werden, sind notwendigerweise tautologisch: Der inneren Antriebe gibt es gerade so viele, wie der jeweilige Psychologe Handlungen unter Kategorien fassen und als Äußerungen dahinter stehender Kräfte auffassen will: Die Menschen lieben, weil ein Liebestrieb sie treibt, sie zerstören wegen eines Zerstörungs- oder Todestriebs, sind aggressiv wegen des Aggressionstriebs, üben Macht aus wegen ihres Machtstrebens, bringen Leistung wegen eines Leistungsmotivs und so fort.7 Die gnadenlose Leere, mit der da ein und dieselbe Handlung doppelt gesehen wird; einmal als sichtbare Äußerung und dann als eine inhaltsgleiche Kraft, die zu ihr treibt, vermehrt das Wissen natürlich nicht; sie ist aber die notwendige Konsequenz des Beschlusses, die Frage, warum wir etwas tun, mit Kategorien der Kausalität zu beantworten, die da gar nicht hingehören.8

Das Bild der Determination des Handelns ist mit der beliebig kurzen oder langen Liste innerer Motive keineswegs fertig. Denn wenn die Theorie lauter innere Antriebe postuliert, die nach außen streben, dann sieht sie sich auch gedrängt zu bestimmen, warum die Triebe manchmal ruhen, bzw. warum welcher von den vielen Antrieben wann zum Zuge kommt. Die tautologisch erschlossenen Motive, Triebe, inneren Dispositionen sind auch für die Theorie, die sie verkündet, keine hinreichende Bedingung für die resultierende Handlung; die famosen Kräfte der Seele werden von sich aus gar nicht aktiv und bringen es nicht zu ihrer Verwirklichung; dazu brauchen sie Auslöser, äußere Situationen, die das Motiv anregen und insofern die wahrhaft aktive Rolle spielen. Die theoretische Unart, das Handeln nach einer Analogie der Gesetzmäßigkeit in der unbelebten Natur zu konstruieren, schreibt ihm nun zwei Ursachen zu: Aus keiner von beiden folgt es, sondern aus ihrem Zusammentreffen. Die Psyche ist nur der Ort, wo eine äußere, auslösende Situation auf vorhandene Verhaltensmuster trifft und sie aktiviert. Das Handeln des Subjekts ist Verhalten: ein Reagieren auf Anforderungen der Realität durch ein gesetzmäßiges Abspulen präformierter Aktionsmuster.

Der Streit der Schulen: Behavioristen und ihre humanistischen Gegner

Die international berühmteste Schule der modernen Psychologie setzt dieses Programm konsequent um, indem sie das ursprüngliche Erkenntnisobjekt, die Psyche und ihre Bestimmungen, endgültig tilgt, um das letzte Hindernis ihrer „erfahrungswissenschaftlichen Erforschung“ loszuwerden. Der amerikanische Behaviorismus will ausdrücklich nicht mehr ins „empirisch unzugängliche Innere der Seele“ hineinschauen, weigert sich über Triebe, Motive und innere Kräfte zu spekulieren und begnügt sich damit, die Reaktionen der unbestimmbaren „black box“ auf bestimmte Reize zu messen.9 Am Ende seiner Untersuchungen weiß der Wissenschaftler endgültig nicht mehr, warum ein Mensch etwas macht. Er weiß noch nicht einmal, warum ein Reiz wirkt – ein stimulus ist dann einer, wenn er eine response auslöst; er ist also wiederum tautologisch durch die response als stimulus genau dieser response definiert. Die Frage nach dem „Warum“ ist ersetzt und würde sich dem wissenschaftlichen Ideal der Behavioristen zufolge erübrigen, wenn sie Hebel und Auslöser angeben könnten, die ein Versuchsleiter, Dompteur, Lebensberater oder Vorgesetzter betätigen muss, um eine erwünschte Reaktion zu erzielen. Das menschliche Handeln wäre „verstanden“, wenn sich ein funktionierender Reiz-Reaktions-Mechanismus konstruieren ließe. Dahin kommt es aber nicht. Die Plausibilität ihrer Forschung demonstrieren Behavioristen mit Vorliebe an Ratten und anderem Viehzeug: Diesen Kreaturen, behaupten sie, könnten sie Reaktionen auf Reize nicht bloß entlocken, sondern antrainieren: Durch regelmäßige Verknüpfung einer auslösenden Situation mit einer Belohnung, sobald das Tier die erwünschte Reaktion zeigt, gewöhnt man es an die Reaktion auf den Reiz10 – und schon haben Psychologen ein Bild dessen, was die Menschen treiben, wenn sie z.B. etwas lernen: Sie verändern Verhalten, weil es für eine erwünschte Reaktion eine Gratifikation gibt. Dass der „konditionierte Reflex“ bei Zweibeinern nicht so gut funktioniert und die „Reproduzierbarkeit des Verhaltens“ zu wünschen übrig lässt, verunsichert Behavioristen keineswegs. Der Mensch zeigt sich ihnen dann eben als der höchst entwickelte Reiz-Reaktionsmechanismus auf Gottes Erdboden, bei dem die ihnen einleuchtenden Prozesse viel komplizierter ablaufen als bei den vierbeinigen Probanden, an denen sie die Prinzipien des menschlichen Verhaltens studieren. So befreien sich die Forscher von dem Nachweis ihrer Verhaltensgesetze und halten dennoch eisern an ihrem Bild fest, dass das Handeln der Menschen eine determinierte Reaktion sei, die durch angemessene Stimuli zu steuern sein müsste.

Dieser Forschungsrichtung ist im Fach eine Opposition erwachsen, die sich gar nicht mit wissenschaftlicher Kritik gegen die Tautologie von Reiz und Reaktion richtet, sondern schlicht mit dem Bild argumentiert, das sie sich vom Menschen macht: Humanistische oder kognitive Psychologen wenden nicht ein, dass ihre Gegner verkehrt argumentieren, Beweise schuldig bleiben, Blödsinn behaupten, sondern, dass, wie immer ihre Kollegen zu ihren Ergebnissen gelangen mögen, dabei ein Bild vom Menschen nicht herauskommen darf, das ihn seiner moralischen Autonomie und Würde beraubt. Man darf den Menschen nicht qualitativ mit Ratten und anderem Gezücht gleichsetzen, man darf ihn nicht als einen Apparat schildern, dessen determinierte Reaktionen keinen Raum für moralische Schuld und Verantwortung lassen. Vor ein paar Jahrzehnten tobte im Fach ein schöner Streit, in dem es überhaupt nicht um die Wahrheit der Wissenschaft, sondern um die Erlaubtheit ihrer Resultate ging: Man ging wie selbstverständlich davon aus, dass Wissenschaftler ihre Auffassungen ohnehin nur nach ihren jeweiligen Vorurteilen zurechtschustern, und kam daher zu dem Urteil, dass die Behavioristen ihre Theorien aus einem geradezu verfassungswidrig undemokratischen Menschenbild gezimmert haben müssen.

Ihrem besseren Menschenbild zuliebe werfen „kognitive Psychologen“ „Forschungsfragen“ auf, „die lange Zeit verdrängt waren“ ; inzwischen scheint „sogar das Phänomen des Willens wiederentdeckt zu werden“11 Nur wie! Wie immer, wenn eine Selbstverständlichkeit entdeckt und gar bewiesen werden soll, wird sie ziemlich entstellt. Humanistische Psychologen gehen eben nicht schlicht davon aus, dass der Mensch will, was er tut; und dass das gar nichts anderes heißt als, dass er seine Zwecke weiß und beurteilt. Vielmehr machen sie sich daran, sich und ihren deterministischen Kollegen das Vorhandensein eines freien Willens zu beweisen, d.h. ihm einen Platz im System der Lehre vom innerlich und äußerlich bedingten Handeln zu verschaffen. Im Zusammenspiel von Motiven und auslösenden Situationen entdecken sie eine kleine Lücke, indem sie fragen, was der Seelenapparat eigentlich macht, wenn zwei Handlungsmotive genau gleich stark sind. Eine „Computersimulation anhand angenommener Daten“ teilt ihnen mit, dass „im Extremfall das sogenannte ‚Verhaltensflimmern‘ entsteht und der bedauernswerte Akteur nie zu einem Ziel kommt. … Die Frage ist nun, wie die Motivationspsychologie aus dieser Pattsituation herausfindet.“ Ganz einfach! Sie nimmt weitere Motive an, zum Beispiel das Motiv, sich in Pattsituationen entscheiden zu sollen – ein „Selektionsmotiv“ , sowie das Motiv, eine einmal ausgewählte Alternative auch durchzuführen, das „Realisierungsmotiv“12. Ohne einen Akt der (grundlosen!) Dezision geht die Lehre von den motiv-gesteuerten Handlungen nicht auf, es braucht, gibt also wohl auch „Prozesse der Volition“13 – quod erat demonstrandum! Das ist der freie Willen, wie ihn seine psychologischen Liebhaber anerkennen: ein Lückenbüßer, der in Aktion tritt, wenn die Motive keine eindeutigen Befehle geben.

Wenn humanistische Psychologen mit diesem Instrumentarium ihr Bild des Handelns zeichnen, gerät das Bedingungsgeflecht von oft mehreren Motiven, „Volition“, „Energisierung“, Realisation etc. zu einer höchst komplizierten Konstruktion. Die Momente einer Handlung und auch einiges, was gar nicht mehr zu ihr gehört, weil es vor oder nach ihr kommt, lösen sie in einen Wust beziehungsloser Aktionspotentiale und innerer wie äußerer Handlungsbedingungen auf. Die müssen nicht nur erfüllt sein, sondern in einer kaum überschaubaren Koordinationsleistung zusammengehalten und in die richtige Reihenfolge gebracht werden, wenn die Handlung klappen soll: Der Koordinator seiner disparaten Aktionspotentiale ist das ebenso bedauerns- wie bewundernswerte „Ich“: Es muss einer „prädezisionalen Phase“, in der „eine Auswahl zwischen verschiedenen Handlungstendenzen stattfindet und die durch Intensionsbildung beendet wird“ , eine „volitionale“ oder „präaktive Phase“ folgen lassen, „in der die Intention in eine Handlungsinitiierung überführt wird“ ; zu der gehört die Planung der Aktion, die sowohl eine Handlungsorientierung wie eine Lageorientierung umfasst; das Planungsstadium muss zum Akt der Durchführung fortschreiten, während derselben das Ich durch rückkoppelnde Handlungskontrolle dafür zu sorgen hat, dass die Handlung sowohl das vorausgesetzte Ziel wie auch die Realisierungsbedingungen in der Wirklichkeit nicht aus dem Auge verliert. Der Psychologe muss, d.h. müsste all diese Stufen einer „hierarchisch-sequentiellen Regulation“, die Mechanismen der Volition, die vorgefundenen oder erlernten Kompetenzen in der Lage- und Handlungsbewertung kennen, um eine Handlung aus ihren Entstehungsbedingungen vollständig erklären zu können – was tatsächlich natürlich nie der Fall ist. Die ungeheure Komplexität der Erklärung suggeriert ein ebenso komplexes Geschehen, von dem jedes Element zum richtigen Zeitpunkt, voll kontrolliert und richtig durchgeführt sein muss, wenn tatsächlich gelingen soll, dass einer eine Tasse Kaffee an den Mund führt. Sie gibt nicht die theoretischen Bestimmungen des zweckmäßigen Handelns, sondern charakterisiert es als Problem seines Gelingens.

So sind die humanistischen Psychologen methodisch wie sachlich von ihren behavioristischen Gegnern gar nicht weit entfernt. Wie diese halten sie daran fest, dass das Handeln als von subjektiven und objektiven Bedingungen abhängig und durch sie verursacht zu erklären wäre, ohne es je zu tun. Beider Theorien sind keine durchgeführten Erklärungen, sondern Methoden, Strategien, wie das Denken sein Objekt traktieren, wie eine Erklärung gehen müsste, wenn man sie denn machen würde. Sie breiten aus, wie sie sich den Menschen vorstellen wollen – und auch das nicht so viel anders als die bekämpften Behavioristen: Das Subjekt steht bei ihnen unter lauter äußeren und inneren Bedingungen, die ihm seine Betätigung schwer machen. Das Bild von der bedingten Subjektivität bekommen auch Humanisten hin, die den Menschen nie mit einer Ratte vergleichen würden.

Dass sie mit ihren methodischen Auskünften über ihre Denkstrategien nie zu einer Verwirklichung ihrer falschen Erklärungen kommen; dass es ihnen immerzu nicht gelingt, eine Handlung aus dem Umkreis der Bedingungen der Handlungssituation vorherzusagen, lassen sie keinesfalls als Einwand gelten; sie nutzen ihr Defizit vielmehr als das nie stillstehende Schwungrad weiterer Theorieproduktion: Es beweist ihnen nur, dass sie noch nicht alle komplexen Handlungsbedingungen kennen, und berechtigt sie zur Fortsetzung ihrer verkehrten Suche nach inneren und äußeren Einflussfaktoren des Willens und zum Postulieren weiterer vermittelnder Instanzen.

Differentielle Psychologie, Persönlichkeitsforschung, Entwicklungspsychologie – Der Standpunkt kreiert immer neue Forschungsobjekte.

Psychologen halten an ihrem Dogma fest, dass beim bewussten Handeln Muster aktiviert und Dispositionen abgerufen werden, und machen aus ihrer Unfähigkeit, die postulierte Determination zu beweisen, einfach neue Theorien. Weil die ihnen geläufigen Motive, Antriebe und Dispositionen nicht gesetzmäßig wirken und verschiedene Probanten unter denselben Versuchsbedingungen ganz verschieden „reagieren“, entwickeln Forscher eine differenzielle Psychologie, die das verschiedene Verhalten verschiedener Probanten auf je verschiedene individuelle Dispositionen, vererbte oder angelernte Verhaltensmuster zurückführt. Die ganze Befassung mit Persönlichkeit und Charakter, die man ja erklären könnte, gerät zu der eintönigen Feststellung, dass, wenn verschiedne Menschen in gleichen Situationen verschieden reagieren, sie über verschiedene Reaktionsmuster verfügen müssen. Natürlich setzt sich beim Schluss auf individuelle Dispositionen das tautologische Erklärungsmuster des Faches fort: Wer viel redet und viele Bekanntschaften pflegt, lässt auf einen extrovertierten Charakter schließen; Extrovertiert-Sein besteht nämlich in gar nichts anderem als darin, viel zu reden, offen auf andere Menschen zuzugehen usw. So viele Handlungsweisen ein Psychologe bei seinem Studienobjekt festzuhalten und zu systematisieren beliebt, so viele „Traits“ (Charakterzüge), Einstellungen und Typen erschließen sich ihm. Eigentlich wissen die Kollegen im Fach sogar den Einwand gegen dieses tautologische Geschäft – das sie deswegen keineswegs aufgeben. Ihre ganze Wissenschaft besteht eben aus dieser Tautologie; und so werden Zweifel, ob man von einer beobachteten Aktion so einfach auf einen zugrundeliegenden, die Aktion bedingenden Charakterzug schließen darf, schnell wieder totgeschlagen. Richtig erwiesen wäre ein Persönlichkeitsmerkmal zwar erst, wenn der Proband dasselbe Verhalten ohne Rücksicht auf Grund und Zweck und Situation immer wieder reproduzierte, sich also als ziemlich irre zeigte – aber so lange will die Wissenschaft mit der Zuschreibung von Charakterzügen dann doch nicht warten.14

Demselben methodischen Vorurteil von der Naturbestimmung des Willens, Denkens, Fühlens werden die Lebensalter unterworfen, so dass die Phasen der biologischen Reifung zu Determinanten der Psyche geraten. Die weitgehende Normierung, die die Gesellschaft Kindern, schulpflichtigen Jugendlichen, berufstätigen Erwachsenen und verrenteten Alten antut, und die Interessen und Ansichten, die sie ihnen dadurch aufdrückt, parallelisieren Entwicklungspsychologen mit dem Stand der physischen Entwicklung des Organismus bzw. seines Verfalls und „erklären“ sodann die jeweiligen Einstellungen zu „altersspezifischen“, bestimmt durch den Wachstums- und Verfallsprozess des Körpers. Natürlich kennen sie genug Fälle von Kindern, die lang vor der Schule und ohne jeden seelischen Schaden lesen können, von Erwachsenen, die nicht nach Geld und Status streben, weil sie das entweder nicht nötig oder einfach aufgegeben haben, von Alten, deren Interessen und Lebenskreis sich nicht einengen, weil ihnen weder Geldmangel noch die Bornierung, die das Berufsleben zu erzeugen pflegt, noch körperliche Gebrechen Schranken setzen; die Kenntnis solcher Fälle aber irritiert Entwicklungspsychologen gar nicht: Die erklären sie einfach zu Ausnahmen einer „Normalität der seelischen Entwicklung“, die man eben nicht so unmittelbar für jeden Einzelfall gültig, sondern mehr als Idealtypus zu verstehen habe. In Bezug auf dieses ideale Konstrukt erhalten sie dann um so unverdrossener an ihrer Behauptung fest, dass es der Prozess der körperlich-seelischen Reifung ist, der Willen und Denken determiniert.

3. Funktion und Problem des Seelenapparats: Befriedigung durch Anpassung

Wenn Psychologen das Handeln als die Wirkung des Zusammentreffens einer äußeren Situation und einer inneren Motivation, das Tun des Menschen also als eine Reaktion auf Anforderungen seines Inneren wie der äußeren Realität „verstehen“, dann legen sie auch schon das Eine und immer Gleiche fest, worum es beim Handeln geht: Es soll inneren und äußeren Anforderungen entsprochen werden, damit das Individuum Befriedigung erfährt.15 Alle drei damit gegebenen Bestimmungen sind weder selbstverständlich noch richtig: Erstens wird in der Vorstellungswelt von Psychologen offenbar nicht gehandelt wegen des Zwecks, den ein Mensch hat; – der Wille verhält sich zum bewussten Ich nämlich nicht wie eine innere Bedingung, der es zu entsprechen hätte. Psychologen pflegen die Vorstellung eines von der Subjektivität unabhängigen inneren Drangs, unter dem sie steht und dem sie gerecht werden muss. Zweitens soll sie unter Erfordernissen und Umständen der äußeren Realität stehen – auch ihnen muss sie entsprechen, um ihnen Befriedigung abzugewinnen. Da ist nichts mehr davon, dass der Mensch sich die Mittel seines Bedürfnisses schafft und sich die Welt zurecht macht, wenn sie ihm so nicht passt, wie er sie vorfindet. Ganz abstrakt, d.h. jenseits aller vielleicht gar nicht so notwendigen Beschränkungen und Drangsale, die diese Gesellschaft ihren Bürgern beschert, wird sie als unwidersprechliche „Realität“ dem bloßen Wünschen gegenübergestellt. Ihr muss sich anpassen, wer seine Bedürfnisse befriedigen will. Damit ist drittens als der universelle Zweck menschlichen Handelns Befriedigung angegeben: Nicht der gewollte Zweck ist Zweck in diesem Bild des Handelns, sondern der Erfolg dabei16: Befriedigung, die Stillung des Drangs, Versöhnung mit der Realität.

Wie auch immer die psychologischen Schulen ihr Bild vom psychischen Geschehen ausgestalten, immer bestimmen sie den Menschen als ein funktionelles Verhältnis zu sich selbst: Er ist mit seinen Potenzen und Antrieben Mittel und Problem seiner Bedürfnisbefriedigung; ebenso wie die äußere Welt. Das bewusste Ich gilt den Psychologen als die problematische Mitte zwischen inneren Antrieben und äußerer Realität, das die widersprüchlichen Forderungen beider vorgegebenen Seiten zu managen hat. Seinerzeit hat Freud das schön brutal ausgedrückt, indem er das Subjekt in drei Instanzen zerlegte – Ich, Es, und Über-Ich – und davon erzählte, dass sein armes Ich die Forderungen der Triebe (Es) mit denen von Religion und Moral (Über-Ich) zu versöhnen und gegen beide das Realitätsprinzip zu vertreten habe. Forderungen der Gesellschaft ans Subjekt – Gesetze, Moral, Religion –, denen es wegen äußerer Machtverhältnisse Respekt erweisen muss, erhebt Freud da zu einer Instanz im Inneren des Subjekts, mit der sich die andere Instanz, das Ich, herumschlagen muss, wie mit seinen Trieben und ihren äußeren Realisierungsbedingungen. Mit denen müssen die schon vom Über-Ich gefilterten Triebansprüche nämlich auch noch kompatibel gemacht werden. Dem Ich, der hochgeschätzten bewussten Instanz, lässt der Doktor Freud keinen anderen Inhalt und keine andere Aufgabe, als das, was bürgerliche Mitmacher als praktische Schlauheit kennen: Ein einziges „Sich nach der Decke strecken“. Nur wenn der schwierige Balanceakt des managenden Ich gelingt und es gegen die beiden anderen Instanzen die Oberhand behält, indem es ihnen den gebührenden Tribut zollt, bleibt der Mensch, wie Freud ohne Scheu vor der offenen Funktionalisierung des Subjekts ausplaudert, „genuß- und arbeitsfähig“ . Nachkommen des Altmeisters sprechen oft nicht mehr so unbefangen vom Seelenapparat und seinem Ringen um Gleichgewicht, sie haben andere Wege, das Subjekt als Instrument für sich selbst darzustellen. Manche wenden sich dem Denken zu und nennen es ein „Problemlösungs-Verhalten“ . Sie identifizieren das Erklären und Begreifen mit einem möglichen Anstoß dafür aus einem praktischen Scheitern und mit einer Funktion für die Verbesserung dieser Praxis. So kümmern sie sich überhaupt nicht mehr darum, was Denken als solches ist, sondern legen es darauf fest, eine Hilfsfunktion bei der Anpassung des Menschen an die Realität zu sein.17) Andere Kollegen bereichern die Fachsprache um ein neues Wort für das menschliche Handeln: „Coping“ ist die praktische Kunst schlechthin; nämlich die von Psychologen immer gesuchte, schwer zu fassende Universalfähigkeit des Menschen, mit (widrigen) Umständen, Situationen und Lebenslagen, die er sich nicht herausgesucht hat, fertig zu werden und ihnen etwas abzugewinnen. Auch kognitive Psychologen, die Verstand, Zweck und rationales Handeln beschwören, machen da keine Ausnahme: Die komplizierten Schwierigkeiten, die sie dem rationalen Handeln bescheinigen, zeugen davon, wie sehr auch sie erstens den Ausgleich zwischen dem Subjekt und der Welt als eigentlichen Zweck allen Handelns anpeilen und wie problematisch sie sein Zustandekommen finden: Da muss der bewusste, frei gewählte Zweck zur unbewusst vorgegebenen Motivlage passen, sonst schafft er keine Befriedigung,18) dann muss die Handlungsstrategie zum Zweck und auch noch zur Realität passen, die seine Verwirklichung ja zulassen soll; tausend weitere Rückkopplungen der Zwischenschritte und der Erfolgskontrolle haben zu folgen, damit und ehe ein subjektives Streben in der Realität ankommt.

Gemeinsam zeichnen die streitenden Psychologen ein Bild vom Menschen, der zu dem, worum es ihm geht, nur sehr bedingt fähig ist: Alle Elemente der Subjektivität – Gefühl und Begierde, Erfahrung und Lernen, Wissen und Wollen – verstehen sie als Funktionen des Subjekts für es selbst: Sie gehen davon aus, dass Befriedigung sein soll, und dass die Funktionen des Subjekts, richtig gehandhabt, auch Befriedigung ermöglichen müssten. Dass es um die dann doch nicht so gut bestellt ist, ist der eigentliche Gegenstand ihres Fachs. Es bescheinigt dem Mängelwesen, das es untersucht, mit sich nicht umgehen zu können. Es vermag das Gleichgewicht, das Freud beschwor, nicht zu managen, weil es entweder sich seinen Trieben und Antrieben nicht stellt und gehemmt ist, oder weil es ihnen folgt, anstatt sie funktional zu kontrollieren; dann ist es ihnen ausgeliefert. Es kann aber auch sein, dass das problematische Individuum nicht realitätstüchtig ist, es also nicht versteht, seinen Bedürfnissen einen Inhalt zu geben, der sich in der gegebenen „Realität“ auch realisieren lässt, oder dass es nicht versteht, die zweifellos vorhandenen äußeren Bedingungen für seine Bedürfnisbefriedigung zu nutzen. Der Mensch muss verrückt oder ein Tollpatsch sein – so die Plausibilität dieses falschen Gedanken –, wenn er in „der Realität“ nicht zurechtkommt.

4. Die ideologische Leistung …

Mit diesem Schema ist ein schönes Instrument zur Deutung der ganzen Welt geschmiedet. Bei allem, was der Mensch so treibt, geht er ein Verhältnis zu sich ein; und macht sich zum Manager des Konflikts zwischen seinen inneren Instanzen, den widerstreitenden Trieben, und der Kalkulation mit den Verwirklichungsbedingungen ihrer Befriedigung. Wann immer dabei etwas herauskommt, was entweder der Akteur unbefriedigend findet oder die Gesellschaft missbilligt, wissen Psychologen Bescheid: Sie diagnostizieren ein verkehrtes Verhältnis dieses Akteurs zu sich selber. Misserfolg, Gewalt, Verbrechen, kaputte Existenzen – das führt nie wieder zurück auf eine Untersuchung der Gesellschaft, in der solches zur Normalität gehört, sondern zur Suche nach dem Defekt des Individuums oder seines Milieus, der per definitionem vorliegen muss, wenn Nicht-Wünschbares eintritt. Ein arbeitsloser und prügelnder Vater, ein jugendlicher Dieb, ein Schulversager, eine überforderte depressive Mutter – alle zeugen demzufolge nicht von äußeren Anforderungen, denen diese Leute nicht gewachsen sind, sondern vom Fehlen der nötigen Kompetenzen, erfolgreich mit ihnen umzugehen: Wo genau der Defekt angesiedelt wird, ist eher gleichgültig, dass es ein Defekt des Individuums ist, ist entscheidend: frühkindliche Traumata, die nicht korrekt verarbeitet und dadurch neutralisiert wurden, oder das Nicht-Gelernt-Haben rationaler Konflikt-Bewältigungs-Strategien, das Fehlen von Frustrationstoleranz, Stressresistenz – alles tut denselben ideologischen Dienst: Scheitern in dieser Welt der Konkurrenz, kann nur auf Kompetenzmangel beruhen!19

Psychologen, die für Scheitern jeder Art dem Individuum die Schuld zuschreiben, können Realismus beanspruchen; nicht gerade in Bezug auf die Wirklichkeit der kapitalistischen Gesellschaft, die mit Notwendigkeit Verlierer hervorbringt, ja direkt braucht, wo es Sieger geben soll; wohl aber in Bezug auf die Selbstauffassung ihrer Insassen. Die arbeiten sich ab an Lebensbedingungen, die den Erfolg ihrer Anstrengungen zum Zufall machen und ihn für viele überhaupt ausschließen. Kritiklos diesen Lebensbedingungen gegenüber beauftragt und verpflichtet sich der Mensch im Kapitalismus auf den „pursuit of happiness“, präpariert sich selbst zum Mittel seines beruflichen, gesellschaftlichen, sexuellen Erfolgs und misst sich an seiner Tauglichkeit für sein zum Scheitern verurteiltes Lebensprogramm. Im verbissenen Willen, diesen Umständen ein erfolgreiches, befriedigendes, geglücktes Leben abzuringen, wird der Mensch bösartig und tut sich und Seinesgleichen noch einiges mehr an, als seine ökonomische Rolle als Kostenfaktor Arbeitskraft, als Arbeitsloser, als Mutter und Hausfrau etc. ohnehin vorsieht. Und wenn Menschen tatsächlich zerbrechen, dann in den seltensten Fällen an den ganz objektiven Leistungsanforderungen, Geldmangel, Elternpflichten etc., sondern in der Regel daran, dass diese Schmiede ihres gescheiterten Glücks an sich als dem Mittel dazu verzweifeln. Sie verurteilen sich, trauen sich nichts mehr zu, oder halten krampfhaft und gemeingefährlich ihr zum Weitermachen nötiges „Selbstbewusstsein“ aufrecht, dass sie die Größten sind. Von diesem Wahn schmarotzt die psychologische Wissenschaft: Sie nimmt die zerstörerische Selbstverpflichtung der modernen Konkurrenzpersönlichkeit darauf, jede ihr von Staat und Wirtschaft vorgeknallte Lebensbedingung zu bewältigen und darin ihr Glück zu machen, als absolute Selbstverständlichkeit und bestärkt die Leute genau darin. Das nennt sie dann Praxis und Hilfe – und die sind danach.

5. … und der Schein der praktischen Nützlichkeit der Psychologie20

Diese Disziplin ist praktisch und findet „Anwendung“ wie keine andere Gesellschaftswissenschaft; ihre Vertreter sind in Schulen, Kasernen, Gefängnissen, den Personalbüros großer Unternehmen, Sozialämtern, Werbeagenturen und und und beschäftigt und kümmern sich dort um die „Probleme der Menschen“. Dort führen sie vor, wie eine durch und durch verkehrte Erklärung praktisch nützlich gemacht werden kann. Ganz selbstverständlich ist das nicht, denn Wissen, aus dem ein begründeter und zweckmäßiger Umgang mit der erkannten Wirklichkeit folgen könnte, liegt ja nicht vor. Groß ist das Rätsel freilich auch nicht: Praktisch und realitätsgerecht erscheint eine wissenschaftliche Ideologie, die den praktizierten Lebenslügen der Konkurrenzsubjekte einfach recht gibt – und ihnen genau im Sinne ihrer verkehrten Selbstsicht zuredet. Die Diagnose- und Beratungsleistungen der Psychologen und die Wirkungen ihrer Interventionen fallen freilich systematisch auseinander.

Die Prognose von Verhalten und die Messung der Intelligenz

In einer Gesellschaft, in der es den staatlichen und wirtschaftlichen Autoritäten um die Kontrolle der Menschen, um Zulassen und Verbieten, um ihre Benutzung und den Ausschluss davon geht, ist das Interesse groß an „Prognosen des Verhaltens“ und Einschätzungen dessen, was die maßgeblichen Instanzen sich von diesem und jenem Kandidaten zu erwarten haben. Psychologen haben sich mit ihrer Tautologie – einer tut etwas, weil ihn eine innere Disposition dazu treibt – den Ruf erworben, Kenner der inneren Veranlagung oder erworbenen Motivlage, und damit Kenner des zukünftigen Verhaltens zu sein. Solche Fachleute sind gefragt, sobald es darum geht, ob ein mehrfach betrunken erwischter Autofahrer wieder einen Führerschein bekommen soll, ob straffällig gewordene Jugendliche ins Gefängnis, ins Heim oder in eine therapeutische Wohngemeinschaft gesteckt werden oder ob ein Kinderschänder nach verbüßter Strafe wieder auf die Menschheit losgelassen wird. Psychologen sollen Auskunft über versteckte „Handlungspotenziale“ in den fraglichen Personen geben. Was macht es da schon, dass auch sie nicht mehr wissen als alle anderen, die diese Fälle kennen, nämlich das, was die bisher gemacht haben. Die tautologische Gedankenfigur, mit der Psychologen sich das Handeln erklären, bringt eben nur den Schein einer kausalen Notwendigkeit hervor; rückwärts durchgeführt, wird der Schein einer Prognose daraus: Beim psychologischen Erklären wird aus einer Handlung die „Ursache“, das determinierende Handlungspotenzial, „erschlossenen“; zum Zweck einer Prognose „schließt“ man vom Handlungspotenzial auf sein Wiederauftreten in der zukünftigen Handlungswirklichkeit, oder eben wegen zwischenzeitlich gezeigter anderer Handlungen auf das Vorherrschen anderer Kräfte und Antriebe im wüsten Inneren des Prüflings. So bedient das Fach das Bedürfnis der Gesellschaft nach Sortierung ihres Menschenmaterials, nach Zulassung zu und Ausschluss von Positionen und Rechten. Das alles kommt auch zustande, nicht durch die hohe Qualität der Prognosen, sondern durch das Stückchen Staatsgewalt, das den Psychologen überantwortet ist: Sie dürfen über den Lebensweg anderer Menschen Entscheidungen fällen; und die haben keine wissenschaftliche sondern eine juristische Geltung. Wenn dann wieder einmal ein Sexmonster auf Freigang zuschlägt trotz all der Gutachten, die ihm Heilung und Normalität bescheinigen, kommt niemand darauf, dass das Wetter, dessen Vorhersage ja auch nicht ganz einfach ist, eben doch ein bisschen anders funktioniert als der Wille eines – auch eines verrückten – Menschen; nein dann gibt es ein großes Geschrei über die unfähigen Psychologen und den Ruf nach besseren: Der Glaube an Prognosen nimmt keinen Schaden, weil das Bedürfnis nach Fördern, Aussondern, Wegsperren der Richtigen selbstverständlich fortbesteht.

Der prominenteste Unterfall der Prognose ist die Erforschung und Messung der Intelligenz, an der im modernen Kapitalismus ein enormes praktisches Interesse besteht: Das öffentliche Bildungswesen lässt nämlich die Vielen aus der nachwachsenden Generation eher wenig, relativ dazu wenige vieles lernen; es verteilt die Jugend zweitens auf die höheren und niederen Positionen, Arbeiten und Einkommen per Selektion im Bildungswesen, und besteht drittens auf der Deutung, dass ein jeder durch seine Beteiligung an der Bildungskonkurrenz die Chance habe, aus sich genau das machen, was „in ihm steckt“: Im Ergebnis kann und soll die gesellschaftliche Stellung, auf die es einen schließlich verschlägt, ziemlich exakt seinen Fähigkeiten und Begabungen entsprechen. Weil die Klassengesellschaft sich eine so harte Gerechtigkeits- und Leistungsideologie leistet, gibt es ein starkes Bedürfnis sie wissenschaftlich zu untermauern und die Praxis der Selektion durch wissenschaftliche Überprüfung wasserdicht zu machen. Natürlich sind wieder die Fachleute für innere Potenziale und Dispositionen herausgefordert, und machen sich daran, nicht nur intelligente Tätigkeiten auf die Äußerung der General-Fähigkeit „Intelligenz“ zurückzuführen, sondern bei verschiedenen Menschen auch noch verschiedene Quantitäten davon erst zu postulieren und dann zu messen. Wie schon erwähnt, befassen sich Psychologen nicht mit der Erklärung dieser intelligenten Tätigkeiten, wollen also nicht wissen, was einer macht, der argumentiert und Schlüsse zieht, Musik spielt etc.; sie verbuchen diese und andere Aktivitäten unter die Kategorie „Problemlösungsverhalten“, erklären es tautologisch aus dem Vorhandensein einer Problemlösungskompetenz – und untersuchen ihre jeweiligen Probanden danach, wie viel von diesem „Hirnschmalz“ sie wem zuschreiben können.

Dabei gehen sie mit dem Tautologischen ihres Verfahrens konstruktiv um: Dass einer, der Englisch gelernt hat, es kann, und dass er mit dem Praktizieren der Fremdsprache seine Möglichkeit dazu, d.h. seine Englisch-Fähigkeit beweist, erschiene auch ihnen trivial. Daher fassen sie die Fähigkeit, die sie erkunden und messen wollen, ein Stückchen abstrakter als die manifestierte Fähigkeit des Englisch-Sprechenden zum Englisch-Sprechen; sie suchen nach der Begabung für Sprachen oder für den Umgang mit Zeichen und Bedeutungen – als ob das die Tautologie heilen würde. In dieser Fassung kommt es ihnen dann nicht mehr absurd vor, bei Formen von Wissen und Können, die man erlernen muss, vor allem Lernen eine gegebene, möglichst biologisch bestimmte Möglichkeit des Lernen-Könnens zu ermitteln. Damit nicht der, der etwas gelernt hat, im Vorteil ist und wirklich nur die reine Fähigkeit zu intelligenten Tun und kein Gramm Gelerntes gemessen wird, konstruieren sie ihre Tests „kulturinvariant“, so dass möglichst nichts Intelligentes mehr in ihm vorkommt: Keine Sprache, keine Mathematik, keinerlei Wissen. Der Test fordert geistlose abstrakte Hirnleistungen – Kombinieren, Unterscheiden, Assoziieren, Memorieren, Regelmäßigkeiten Entdecken – und das alles mit größtmöglicher Geschwindigkeit, damit sich auch ein gescheiter Unterschied zwischen den Probanden ergibt und die Gescheiten deutlich von den Dummen geschieden werden. Wenn Testpersonen Drei- und Vierecke nach Ähnlichkeit und Unterschied sortieren,21 in Kreise phantasievoll Mondgesichter, Hüte, Sonnen etc. hineinmalen und sich an die Verknüpfung sinnloser Silben erinnern, dann beweisen sie die Intelligenz die Psychologen suchen.

Es gehört unter Psychologen zum guten Ton, das alles problematisch zu finden: Was Intelligenz letztlich sei und ob es sich dabei überhaupt um eine einheitliche, in allen intelligenten Tätigkeiten gleichermaßen wirksame Fähigkeit handle, sei nach wie vor umstritten – und ebenso ob diese Fähigkeit, wenn es sie denn geben sollte, durch die Tests angemessen erfasst wird. Manche witzeln, die Tests würden nicht die Intelligenz messen; vielmehr würde als Intelligenz definiert, was die Tests messen. Das alles hindert Psychologen nicht, ihre wichtige gesellschaftliche Rolle zu spielen, Unterscheide von was auch immer bei ihren Probanden höchst exakt zu messen und mit solchem Blödsinn über Schulkarrieren zu entscheiden. Sie nehmen bitter ernst, was in der Praxis der Schule nur die Ideologie zur Praxis der Selektion und Notengebung ist: Tatsächlich vergleicht die Schule ihre Zöglinge an der Aneignung des verlangten Lernstoffs und setzt eben nur die Tautologie hinzu, dass sich im Grad des Schulerfolgs die oder jene Begabung zeige. Nur Psychologen wollen diese Ideologie der Beschränkung des Lernen- und Begreifen-Könnens, die Begabung eben, rein, jenseits ihrer Äußerung im Lernen messen, um die böse Natur-Ideologie der Notengebung hieb und stichfest zu machen. Ein berühmt gewordener Quotient besagt dann, ob ein Schüler von Natur so dumm ist, wie sein Zeugnis sagt, oder ob der an sich begabte Bursche nur nicht gelernt hat – so oder so bestätigt die Intelligenzmessung die Ideologie von der Menschengemäßheit der Bildungskonkurrenz.

Menschenführung – das Ideal der Manipulation

Fachleute, die von Reizen und Motiven wissen wollen, auf die der Mensch mit „Verhalten“ reagiert, finden ein Betätigungsfeld überall dort, wo Auftraggeber ein Interesse daran haben, Menschen zu führen, d.h. bei anderen Leuten Handlungen auszulösen, die ihnen nützlich sind. Immerzu muss die breite Masse – Schüler, Mitarbeiter im Betrieb, Soldaten – „motiviert“ werden und dazu greift man auf diese Leute zurück, die behaupten, Hebel der Manipulation des Willens in fremdem Interesse zu kennen. Motivieren heißt eben nicht Überzeugen; gemeint ist nicht, einem anderen, durch Erklären und Prüfen einen Zweck nahe zu bringen, den der noch nicht hat, sich aber gerne zueigen macht, sobald er ihn als für sich selbst nützlich erkennt. Wenn vom Motivieren die Rede ist, geht es darum, Leute zur Ausführung von Zwecken hinzubugsieren, die nicht die ihren sind – und bei denen sie allen Grund haben, sie nicht für die ihren zu halten: Schüler sollen im Unterricht mitmachen, Lohnabhängige sollen Einsatz, Arbeitstempo, Qualität und Verantwortung zeigen, also das Gewinninteresse ihres Chefs voranbringen.22

Zum Glück für den Psychologen wird die Kraft seiner seelischen Hebel und Wirkmechanismen nie wirklich auf die Probe gestellt, bzw. findet der Test unter für ihn stets günstigen Bedingungen statt: Die Grundlage des Motivierens ist ja ein Gewaltverhältnis, in dem die Anordnungen der Vorgesetzten für die Untergebenen auch ohne psychologische Nachhilfe verbindlich sind und Zuwiderhandeln Konsequenzen nach sich zieht. Es geht nur um den kleinen Schritt, dass die Befehlsempfänger das, was sie sowieso tun müssen, als das Ihre akzeptieren und die Sache mit ein bisschen Eigenwillen und Einsatz besser machen als bloß „nach Vorschrift“. Und dafür wiederum hat das falsche Bewusstsein dieser freien Abhängigen schon aufs schönste vorgearbeitet: Wer mag sich eingestehen, dass er nur auf fremden Befehl tätig wird und sich nur zum Nutzen anderer anstrengt. Ihre Freiheit erhalten sich Soldaten, Arbeiter, Dienstmänner schon länger, als es Psychologen gibt, dadurch, dass sie sich das, was sie müssen, als eine eingesehene Pflicht zurechtlegen und sich zugute halten, nicht wegen der Drohung mit Strafe sondern aus Einsicht ihre Aufgabe zu erfüllen.

Psychologen schmarotzen von der gang und gäben Moral und stärken sie, indem sie – scheinbar amoralisch – das Verhältnis vom anderen Ende her buchstabieren: Sie kommen ihren Klienten nicht mit dem berühmten moralischen Zeigefinger, sondern mit einer Beratung in Sachen Mehrung des psychologischen Nutzens: Den könnten die Klienten ihrer Motivationskurse viel besser mehren durch ein Handeln, das man früher Pflichterfüllung nannte, als durch Nachlässigkeit dabei. Sie stellen eine Befriedigung in Aussicht, die aus dem Erreichen selbstgesetzter Ziele zu ziehen ist – man muss sich nur selbst als Ziel setzen, was von einem verlangt wird. Wenn sie die Pflichterfüllung als den Königsweg zur Maximierung des psychologischen Nutzens empfehlen, machen sie keinem Menschen eine Pflicht leichter, und bringen auch niemanden dazu, eine Pflicht zu erfüllen, die der zu verletzen gedenkt. Im Grund versprechen sie nur das gute Gewissen, das Moralisten als sanftes Ruhekissen zu schätzen wissen, und die Anerkennung, die dem Pflichtbewussten von Vorgesetzen zuteil wird, als einen seelischen Selbstgenuss. Ihr Zuspruch wird verstanden und manchmal befolgt, weil die Leute ihre Pflicht sowieso erledigen müssen, und sozusagen dankbar sind dafür, dass ihnen auch noch ein Gesichtspunkt geboten wird, unter dem sie dem, was sie müssen, auch einen eigenen, wenn auch nur ideellen Nutzen abgewinnen können. Mit ihrer Empfehlung, dass Pflichterfüllung als Mittel zur Steigerung des Selbstwertgefühls aufzufassen und zu betreiben sei, tun Psychologen das Ihre, um noch den Rest von Einsicht zu tilgen, der im moralischen Verständnis der Pflicht liegt: Dass es bei ihr um Anstrengungen geht, die jedenfalls dem Ausführenden selbst nicht nützen.

In Managerseminaren jagen Psycho-Trainer aktive oder werdende Menschenführer durch steile Felswände, Eis, Wüsten, verordnen Gewaltmärsche und Überlebenstraining, damit die Herren an Leib und Seele erleben, wie das Durchstehen von Gefahren und Strapazen eine Gruppe zusammenschweißt und wie aus Rücksichtslosigkeit gegen Müdigkeit und Schmerz nach überstandener Prüfung Glücksgefühle entstehen können. Mit solchen Erfahrungen ausgestattet können Chefs ihren Angestellten dann den totalen Einsatz für die Firma mit bestem Gewissen abverlangen – was gerade deshalb so nötig ist, weil ein gewinnorientiertes Unternehmen nun einmal keine Gruppe mit einem gemeinsamen Interesse ist. Unter der Aufsicht eines psychologischen Monitors müssen in modernen Firmen die Angestellten bis herunter zum Bandarbeiter persönliche Ziele nennen, die sie im nächsten Jahr im Betrieb verwirklichen wollen – als ob es außer Geldverdienen da etwas zu nennen gäbe. Sie sollen sich zur Senken von Kosten und Fehlzeiten, zur Steigerung von Output und Qualität, zu Teamfähigkeit als ihre Sache bekennen; und sich dann an der Erfüllung ihrer „eigenen“ Ziele messen lassen. Man hat sich zum Ausgebeutet-Werden als seiner schönsten Selbstverwirklichung zu bekennen – und man tut’s. Sogar zu dieser Heuchelei lassen sich die Leute bewegen; aber nicht weil der Psychologe so geschickt ist, sondern weil’s der Chef verlangt und der Arbeitplatz schließlich immer in Gefahr ist.

Lebenshilfe und Betreuung des kaputten Willens

Schließlich werden Psychologen noch auf Schulversager, schwer erziehbare Jugendliche, Gefängnisinsassen, Lebensmüde, Krebskranke, einsame Singles und gescheiterte Eheleute losgelassen. Auch denen verkünden sie ihre frohe Botschaft, dass alles Scheitern in dieser Welt nur am falschen Selbstbezug des Scheiternden liegen kann. Sie betreiben Lebenshilfe und versprechen, das problematische Ich des Klienten, dem die Fähigkeit eines gelungenen Verhältnisses zur Realität abgeht, in Ordnung zu bringen. Den kriminellen Früchtchen, mit denen sie konfrontiert sind, bescheinigen sie eine mangelnde Fähigkeit zur Einschätzung der Realität sowie ein Defizit an erfolgversprechenden, realistischen Handlungsstrategien – Kein Wunder: Sie sind ja erwischt worden, wenn sie beim Psychologen landen! Der kommt ihnen mit dem guten Rat, es doch mal mit der Befolgung der Regeln – sei es der Schule oder des Eigentums – zu versuchen und auf diesem Weg mehr Befriedigung, Anerkennung und Selbstwertgefühl – kurz mehr psychologischem Nutzen zu ernten als durch deren Übertretung, der er selbstverständlich ebenfalls nichts anderes als die Jagd nach seelischem Nutzen unterstellt. Den Unglücklichen, die am eigenen Ich verzweifeln und sich um Hilfe an ihn wenden, bescheinigt ein professioneller Lebensberater entweder zu hohe Ansprüche oder zu geringe Bemühung um die eigene Erfolgsfähigkeit: Ihr Unglück ist ein Missverhältnis zwischen dem Angebot, das sie der Welt machen, und der Anerkennung, Zuneigung, Liebe, die sie dafür erwarten. Um Enttäuschung und Frustration zu vermeiden, müssen sie ihr Angebot und den erwarteten emotionalen Gegenwert zum Ausgleich bringen: Sich körperlich, geistig und materiell ein wenig herausputzen, das Selbstbewusstsein stärken, d.h. sich eine gute Meinung über sich zulegen und das auch heraushängen lassen. Oder aber kleinere Brötchen backen beim Schul- und Berufsziel, sich in erreichbare Frauen verlieben, am Alltäglichen erfreuen und sich ein Hobby zulegen, damit man etwas hat, was einen ausfüllt. Kurz, sie müssen ein bisschen verrückt werden, um die Zufriedenheit zu erreichen, zu der sich der moderne Schmied seines Glücks berechtigt und verpflichtet weiß. Auch diese Ratschläge, von denen alle Illustrierten voll sind, stoßen auf Interesse und finden Anwender. Nicht weil sie irgendwem irgendetwas leichter machen, sondern weil das Publikum sich schon von sich aus als versagendes Mittel seines Glücks beäugt und verachtet.


  1. „Psychologie ist die Wissenschaft von den Formen und Gesetzmäßigkeiten des Erlebens und Verhaltens und ihrer Deutung“ (Brockhaus Enzyklopädie 1986), „Psychology is the science of individual or group behavior“ (Encyclopedia Britannica 2001, „… die Bemühung, menschliches Erleben zu beschreiben, zu begründen, zu erklären, vorherzusagen oder zu beeinflussen…“ Heckhausen, Stichwort Psychologie, Staatslexikon Herder 1995)  

  2. Handwörterbuch Psychologie, Asanger u. Wenninger Hrs., Weinheim 1994. 

  3. Psychologie. Eine Einführung, Hrg. Straub, Kempf, Werbik, DTV München 1997, S. 226 u. 228. 

  4. Schönpflug, W. u. U., Psychologie, München 1989, S. 77. 

  5. Ebd., S. 82. 

  6. Nach der doppelten Funktion der Wahrnehmung – Hineinschleußen der Wirklichkeit ins Innere des Subjekts und nützliche Verfälschung des Materials – lassen sich alle Sinne durchnehmen. Das schafft der Forschung ein weites Feld und Stoff für viele Doktorarbeiten. Was lässt sich da nicht alles vergleichen! An allen Sinnesorganen und da wiederum an den verschiedenen Dimensionen des Sinneneindrucks lassen sich Art und Grad der Abweichung der inneren Empfindung von der äußeren Physik studieren: Wie für Gewichte kann man für Farben, Töne, Tonhöhen, Lautstärken, Tonfarben etc. sogenannte Schwellenwerte, d.h. mindeste Veränderungen physikalischer Größen ausfindig machen, die subjektiv gerade noch als Veränderungen empfunden werden, und es lassen sich Funktionsgleichungen aufstellen, die die Veränderung äußerer Größen mit denen der Intensität innerer Größen korrelieren: „Die Stärke der Empfindung (I) wächst mit dem Logarithmus der Reizstärke (S)“ 

  7. „Murrays Arbeit zielte darauf ab, die im Menschen wirkenden Antriebskräfte und Bedürfnisse … in eine systematische Ordnung zu bringen. Dabei entstand ein Katalog von etwa zwanzig mehr oder weniger fundamentalen menschlichen Bedürfnissen wie zum Beispiel den Bedürfnissen nach Leistung, nach sozialem Anschluss, nach Machtausübung oder nach Aggression.“ Psychologie, Eine Einführung, ebd., S. 299. 

  8. Wer die Frage: Warum tut ein Mensch, was er tut? – durch die Benennung einer Kraft oder Ursache zu beantworten versucht, die ihn dazu veranlasst, gerät in die obige Tautologie: Er sieht den Handelnden durch einen mit seiner Handlung inhaltsgleichen Antrieb determiniert. Selbstverständlich bleibt bei diesem Bild einer Kausalität des Handelns kein Platz für den menschlichen Verstand und die Freiheit des Willens. Aber auch die Betonung der Willensfreiheit ist keine Antwort auf die obige Frage : Die Auskunft: „Ich tue, was ich tue, weil ich es will!“ – ist ebenso tautologisch – und verweist nur darauf, dass man sich das Treiben selbstbewusster Wesen nicht mit den Kategorien von Ursache und Wirkung erklären kann. Der handelnde Mensch hat ein Ziel, das weiß er und das will er, weil ihm dafür gute oder schlechte Gründe einleuchten. Eigenes und fremdes Handeln ist umfassend erklärt, wenn dessen Zweck angegeben ist und eventuell noch die Gründe, die für ihn sprechen. Wer beides wissen will, muss den Handelnden fragen. Wer die Triftigkeit der Gründe bezweifelt, muss mit ihm darum rechten. 

  9. „Der Einwand gegen innere Zustände besteht nicht darin, dass sie nicht existieren, sondern darin, dass sie für eine funktionale Analyse nicht relevant sind.“ B. Skinner, Wissenschaft und menschliches Verhalten, München 1973, S. 41. 

  10. Tatsächlich zeigt sogar ein Tier im Experiment mehr Subjektivität als der behavioristische Reiz-Reaktionsmechanismus gelten lässt. Alle Dressur – sie gelingt ohnehin nur bei den höheren Arten – beruht auf einer Ausnutzung des Selbsterhaltungs- und Verteidigungstriebs: Ein Tier lässt sich, total eingespannt in die Versuchssituation, auf eine Reaktion verpflichten, weil es sich nur so mit Futter versorgen, also sich selbst erhalten kann. Es wiederholt die Aktion, wenn es sie als erfolgreich erfährt. 

  11. Heckhausen, Stichwort Psychologie, Herder Staatslexikon, l.c. 

  12. Siehe Psychologie, Ein Einführung, l.c., S. 131 : „Die Realisierung von Handlungen durch Volition“ 

  13. Ebd. S. 130 ff: „Die Realisierung von Handlungen durch Volition“. Auch die folgenden Zitate sind aus diesem Kapitel. 

  14. „Bis heute ist es strittig, ob Hilfsbereitschaft überhaupt eine Persönlichkeitseigenschaft ist, die über verschiedene Situationen hinweg konsistent ist. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass es eher von Situationsmerkmalen als von Persönlichkeitsmerkmalen abhängt, ob eine Person prosoziales Verhalten zeigt.“ Psychologie. Eine Einführung, l.c., S. 505. 

  15. Das liest sich dann etwa so: „Jedem der genannten Motive entspricht ein bestimmter Anreiz, dessen Auskosten je nach Motivstärke unterschiedlich befriedigend wirkt. … Merkmale der Situation, der eine Person ausgesetzt ist oder die sie aufgesucht hat, dienen als Signal, dass hier möglicherweise ein emotionaler Kick zu bekommen ist. Dies führt zur Anregung des Motivs, zu einem Zustand freudiger erregter Erwartung (der eigentlichen Motivation), und als Konsequenz davon zur Ausführung instrumenteller Verhaltensweisen, die die Person der angestrebten emotionalen Befriedigung näher bringen.“ Ebd., S. 301. 

  16. Die moderne Welt hat sich an diese Verschiebung gewöhnt und bemerkt sie schon gar nicht mehr. Auf ihr beruht das populäre psychologische Durchblickertum, mit dem sich auch Laien schmücken: Was immer andere Leute tun, ob sie Geige spielen, verliebt sind, saufen, Revolution oder Karriere machen, der Durchblicker weiß, dass er sich mit der Besonderheit dieser Zwecke nicht aufhalten muss, weil es um sie „eigentlich“ nicht geht. Stattdessen geht es den Akteuren immer und überall um dasselbe: Um Selbstbestätigung, Anerkennung, Befriedigung. Ganz so ist es aber nicht! Wenn einer sich einen Zweck setzt und sich an seine Verwirklichung macht, dann will er nicht Befriedigung überhaupt, er will seine Absicht realisieren und sein Bedürfnis befriedigen. Und wenn er dabei scheitert, dann interessiert und tröstet es ihn gar nicht, dass er irgendeine andere Befriedigung hätte haben können, wenn er anderes gewollt hätte. 

  17. Funke definiert das Denken geradezu so: „Aus Erfahrung zu lernen und sich an die Erfordernisse der Umgebung anzupassen.“ (Funke, Erforschung komplexen Problemlösens durch computergestützte Planspiele, Göttingen 1995, S. 108 

  18. „Befunde sprechen für die Auffassung, dass Menschen über zwei weitgehend unabhängige Motivationssysteme verfügen, nämlich ein Motivsystem“ („biologisch fundiert, unbewusst, emotional gesteuert durch unmittelbar erlebte Situationen ausgelöst, Lustprinzip“) „und ein Zielsystem“ („frei gewählt, bewusst, befreit den Menschen von den Kräften seiner aktuellen Umwelt und richten sein Handeln auf einen angestrebten Zustand in der Zukunft“). Was passiert, wenn Menschen über längere Zeit hinweg Ziele verfolgen, die nicht zu ihren Motiven passen? Vernachlässigt eine Person Ziele, die für die Befriedigung ihrer Motive geeignet sind, oder konzentriert sie sich auf Ziele, die der Befriedigung ihrer Motive entgegenstehen, so wird auch ihr emotionales Wohlbefinden reduziert.“ (Psychologie. Eine Einführung, l.c. S. 317/318. 

  19. Derartige Diagnosen sind nicht auf individuelles „Versagen“ beschränkt; Psychologen machen ihre falsche Erklärung der Subjektivität zu einer universellen Methode der Welterklärung vor der auch andere, eindeutig politische Phänomene nicht sicher sind: Findet ein Krieg statt, den der Psychologe nicht gut findet, dann sieht er einen unkontrollierten Ausbruch des menschlichen Aggressionstriebs am Werk, dem längst eine Gelegenheit zu gefahrloser Triebabfuhr, etwa auf dem Fußballfeld, hätte geboten werden müssen. Den Einwand, dass Soldaten in den Krieg immerhin befohlen werden müssen und oft nur widerwillig einrücken, lässt ein Kenner der seelischen Antriebe nicht gelten. Als im damaligen Ost-West-Gegensatz das westliche Projekt, die Sowjetunion totzurüsten, unter dem Namen Rüstungswettlauf die Tagesordnung beherrschte, diagnostizierten Psychologen – allen voran der engagierte und kritische Horst Eberhard Richter – eine tragische Paranoia der Regierungen und Völker beider Seiten: Jede glaube grundlos von der anderen, sie wolle Überlegenheit über die eigene Seite gewinnen, und tue deshalb selbst genau das, dessen sie die andere verdächtigte. Als schließlich die Sowjetunion das Handtuch geworfen, der Westen gesiegt hatte und gar nicht genug damit angeben konnte, dass seine Entschlossenheit den Feind zur Aufgabe gezwungen hatte, sahen sich die psychologischen Verharmloser imperialistischer Weltherrschaftsansprüche nicht widerlegt, sondern wahrscheinlich einem neuen seelischen Defekt des Führungspersonals gegenüber. 

  20. Zum „Beruf Psychologe“ – sowie zu anderen Arbeitsplätzen, an denen die Zöglinge der Hochschulen tätig werden dürfen, – siehe das Buch: Die Jobs der Elite, Eine marxistische Berufsberatung, Resultate Verlag München 1987. 

  21. Das ist, wie manch andere Testaufgabe, dann doch nicht so kulturinvariant und unabhängig vom Gelernten, wie die Erfinder der Test es haben wollen; ohne grundsätzliche Vorstellungen geometrischer Formen und der dazugehörigen Abstraktion kommt der Test nicht aus. Aber was soll’s; derartige Entdeckungen spornen die Tester nur dazu an, noch geistfernere Aufgaben zu erfinden. 

  22. Es zählt zu den unerfreulichsten Perversionen unserer Zeit, dass von den Geführten kaum einer darauf kommt, dass es gefälligst um sein Lebensinteresse in der Wirtschaft, um sein Wissen in der Schule usw. zu gehen hätte und dass, solange das nicht der Fall ist, das Gemeinwesen auf seine Mitarbeit nicht, auf seinen Widerstand aber ganz sicher rechnen kann. Heute wollen Schüler für etwas, wofür sie sich nicht interessieren, und Arbeiter fürs Erwirtschaften von Erträgen, die sie nichts angehen, motiviert werden, und lehnen Lehrer, Chefs, Politiker ab, die sie nicht für Einsatz und Opfer zu motivieren verstehen.