Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

„Die industrielle Revolution“

Als es noch Kapitalismus gab …

Immer wenn im Geschichtsunterricht das Thema „Industrialisierung“ oder „industrielle Revolution“ ansteht, sollen Schüler von heute ein paar Stunden lang mal furchtbar kritisch sein. Da dürfen so ungewöhnliche und ungehörige Wörter wie ‚Kapitalist, Proletarier, Ausbeutung‘ plötzlich ungestraft in den Mund genommen werden, sind sogar äußerst erwünscht. Und Lehrer, die ihren Unterricht ansonsten mit der Hetze gegen „überzogene Ansprüche und die verwöhnte Jugend“ bestreiten, heulen ihren „konsumfixierten“ Früchtchen plötzlich mit dem „Elend der Arbeiter im 19. Jhd.“ die Ohren voll.

Wofür der Zauber?

Zwei Lernziele stehen damit auf dem Programm:

1. Kapitalisten, Proletarier und Ausbeutung hat es damals gegeben. Das ist vorbei, denn es ist ja schon lange her. Heute dagegen gibt es nur noch Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Soziale Marktwirtschaft. Die zeitliche Differenz ist der Beweis, dass beides nichts miteinander zu tun hat. Warum nur muss das immerzu dementiert werden?

2. Gerade weil es Leute geben soll, die nicht genug zu schätzen wissen, wie gut es „uns“ heutzutage geht, kriegst Du beigebracht, wie schlecht es den Leuten früher ging. Klar wie Kloßbrühe also, dass angesichts dieser Not heute kein Grund zur Klage besteht, ganz im Gegenteil.

Um diese schönen Lernziele zu erreichen, musst Du die folgenden Denkvorschriften allerdings genau befolgen:

1. Vergiss, dass es sich bei dem, was wir als „industrielle Revolution“ besprechen, immerhin um die Geburtsstunde jener Gesellschaft handelt, in der Du heute lebst. Denke also bloß nicht daran, dass die gewaltsame Enteignung der Bauern und Handwerker und die damit geschaffenen Habenichtsenheere von Arbeitern und Arbeitslosen genau die Sorte Erpressung begründeten, die den meisten Leuten auch heute noch keineswegs (nur) aus dem Geschichtsbuch, sondern als ihr Alltag vertraut ist: Um sich und seine Familie zu ernähren, muss man – wer sonst nichts hat – seine Arbeitskraft zur Benützung anbieten, und zwar zu den Bedingungen derer, die sie für sich lohnend anwenden. Auch in unseren „modernen Zeiten“ kann ein Arbeiter es sich schließlich nicht leisten, seine Ware solange rumliegen zu lassen, bis er einen solchen Preis dafür erzielt, der ihn von dem Zwang befreien würde, sich immer wieder zu verkaufen …

2. Frage nicht, warum man sich darüber freuen soll, dass bei uns nicht die 8-Jährigen 12 Stunden in einem Bergwerk schuften müssen. Frage nicht, warum man immerzu die schlimmsten Formen der Armut zum Vergleichspunkt nehmen soll, um einzusehen, wie blendend es die Bürger des heutigen Deutschland getroffen haben. Was gäbe es daran eigentlich einzusehen – wenn es tatsächlich so wäre?! Ach so, das merkt man gar nicht von selbst?! Und warum ist der Vergleich andersherum so unüblich?! Ist es nicht viel naheliegender (wenn man schon vergleichen will), das, was die Leute brauchen und wollen, und was der produzierte Reichtum ihnen in dieser Hinsicht bringt, zum Maßstab machen? Naheliegend schon, nur nicht so lehrreich: schließlich sollst Du Dir ja hinter die Ohren schreiben, dass es „uns“ im Grunde so gut geht, wie „es“ nur möglich ist. Wer diese Ratschläge beherzigt, wird dann auch nicht mehr unter dem Eindruck leiden, sich beim Lesen z.B. seines Schulbuches „Geschichtliche Weltkunde, Bd. 2“ einige Knoten ins Hirn gedacht zu haben. Da wird zwar gelogen, dass es kracht – aber genau so bringen diese Schulbuchfritzen es hin, alle damaligen Probleme der Leute als unumgängliche „Probleme dieser Zeit“, als bedauerliche, gleichwohl notwendige ‚Folgeerscheinungen der „industriellen Revolution“ vorzustellen. Der Hunger, die Arbeitsbedingungen, das Elend – alles „Sachzwänge“! Denn

Die Bevölkerung explodierte

„Um 1800 arbeiteten weitaus die meisten aller Menschen in Deutschland in der Landwirtschaft. Das änderte sich (!) allmählich, denn (!) die Bevölkerung wuchs rasch, aber die Landwirtschaft konnte (!) kaum neue Arbeitskräfte beschäftigen. So (!) wanderte der Bevölkerungsüberschuss in die Städte oder ins Ausland ab“ (S. 162)

Worin soll nun eigentlich das Problem bestehen? Dass die Bevölkerungszahl „durch verringerte Kindersterblichkeit und erhöhte Lebenserwartung“ (S. 161) anstieg? Nun, diesen Zynismus wollen nicht einmal die abgebrühtesten Geschichtsschreiber aufbringen. Schwierig soll „es“ aber dennoch gewesen sein, die neu hinzugekommenen hungrigen Mäuler zu stopfen. Nur warum? Wenn 10 Mio. Menschen sich von ihrer Arbeit ernähren (was sie ja offensichtlich taten), warum sollten es dann 20 Mio. nicht auch können? Es werden eben doppelt soviele Lebensmittel hergestellt und von doppelt sovielen Menschen verfressen und versoffen. Es sei denn – davon spricht unser Geschichtsbuch ausdrücklich nicht –, „die Landwirtschaft“ war gar nicht mehr dafür vorgesehen, dass die Leute sich mit ihrer eigenen Hände Arbeit selbst (wenn auch mehr schlecht als recht) versorgten. Dann war es aber keineswegs so, dass dort ums Verrecken „keine weiteren Arbeitskräfte beschäftigt werden konnten“, sondern dies nur deshalb nicht ging, weil die damals in großem Stil durchgeführte Enteignung und Vertreibung der Kleinbauern die Landwirtschaft für diese als Ernährungsgrundlage längst zerstört hatte. Auf diese Weise nämlich entstand jener im Buch so lapidar erwähnte „Bevölkerungsüberschuss“ überhaupt erst – und nur so gab es ihn. Wobei die damit bewirkte Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln zugleich die Grundlage abgab, diese von Scholle und Brot freigesetzten Massen an einem neuen Ort zu verheizen: sie in der Fabrik für fremden Reichtum arbeiten zu lassen. Und noch etwas: Die ganze Geschichte (von Marx „ursprüngliche Akkumulation“ genannt) ging nur deshalb so erfolgreich über die Bühne, weil der damalige Staat durch ein entsprechendes Bodenrecht die kapitalistische Nutzung der Landwirtschaft sicherte sowie durch Gesetze zum „Schutze des Privateigentums“ an Produktionsmitteln (vor den davon Ausgeschlossenen) den Aufbau der Fabriken auf kräftige Füße stellte; Polizeimaßnahmen gegen diejenigen, die sich der modernen Ausbeutung nicht stellen wollten oder konnten, standen darum auf der Tagesordnung. Deutsche Geschichtsbücher des 20. Jhd. sehen diesen Vorgang ziemlich anders. Zunächst einmal brach, wie gesagt, über die damalige Bevölkerung das Schicksal in Gestalt ihrer zu vielen Mitmenschen herein und bescherte ihnen nichts als Reibereien:

„Der größte Bevölkerungszuwachs im 19. Jh. brachte (!) vielen Menschen die Sorge: Wie das tägliche Brot erwerben? Woher eine Wohnung nehmen?“ (S. 171)

Doch dann durften sie gütigerweise während ihrer Wanderung („Landflucht“) am Horizont einen rauchenden Schornstein erblicken und es ward ihnen ganz warm um’s Herz:

„Viele waren deshalb froh, wenn sie Arbeit in einer Fabrik fanden.“ (S. 171) (Und wenn sie nicht gestorben sind, so schaffen sie noch heut.)

So einfach geht das: Zuerst erhebt man die „nun überall entstehenden Fabrikhallen“ in den Rang von freudestiftenden Heimstätten für herumstreunende, nichtstuende Ex-Bauernburschen. Und urplötzlich scheint es die selbstverständlichste Sache der Welt zu sein, die Sorgen der arbeitenden Bevölkerung – ungeachtet dessen, dass die lebenswichtigen „Fragen“ nach „täglich Brot und Wohnung“ mit der Anstellung in einer Fabrik und der dort abzuleistenden Knochenarbeit keineswegs vom Tisch sind! – in aller Nüchternheit unter der Überschrift

„Günstige Voraussetzungen für die Industrialisierung“

zu besprechen. „Es gab“ ja „genügend Arbeitskräfte“, darf einem nun auf Seite 164 wieder einfallen, und zwar „durch“ eben jenen „starken Bevölkerungszuwachs“, der zwei Seiten vorher den Leuten noch Tod und Teufel gebracht hatte. Wie schön: die Industrie „löst“ das drängende „Problem“ (das es ohne ihren Bedarf nach freien Lohnarbeitern gar nicht gäbe!), indem sie Leuten, die darauf angewiesen sind, ihre Haut zu verkaufen, Arbeit „gibt“; sehr menschenfreundlich, nicht wahr? Dass das Geschichtsbuch mittlerweile wieder

„gestiegene Erträge der Landwirtschaft“

vermeldet, sollte den Schüler also auch nicht irre machen. Jetzt war es natürlich zu spät, die brutalen Arbeitsplätze in der Stadt mit frischer Landluft zu vertauschen und dank „verbesserter Anbaumethoden“ (S. 162) dort sogar weniger ranklotzen zu müssen als vorher – die „zunehmende Arbeitsteilung“ (S. 162) machte dies schier unmöglich. Dass die inzwischen von Großgrundbesitzern in England, Preußen oder sonstwo betriebene Agrikultur freilich gar nicht darauf aus war, mehr Leuten weniger Arbeit zu verschaffen, sondern eine einigermaßen gewinnbringende „Versorgung“ der Städte mit Fressalien ins Werk setzte, darf da natürlich keine Rolle spielen. Man soll die Sache vielmehr so sehen, als ginge es um die technische Regelung, anstehende Arbeit und Güter möglichst gut zu verteilen. Dabei wären dann einige Härten angefallen, bezeichnenderweise häufig „Kinderkrankheiten der Marktwirtschaft“ genannt (beim Massenelend der „Landflucht“ und in den neu entstandenen Ballungszentren handelt es sich hier nach schuloffizieller Auskunft also um so etwas ähnliches wie Masern: erst überkommen sie einen und hinterher ist man dann immun dagegen!). Sehr viel zum Gelingen der „industriellen Revolution“ hat aber auch die

„Erfindung der Dampfmaschine“

beigetragen:

„1769 konstruierte der Engländer James Watt eine wirtschaftlich leistungsfähige Dampfmaschine. Bald wurden mit Hilfe von Dampfmaschinen bedeutend größere Arbeitsleistungen erzielt als mit Wasser- oder Windmühlen; es konnten mehr Waren hergestellt werden.“ (S. 162)

Na, dann ist ja alles in Butter: die Dampfmaschine, Freund des Menschen, hilft diesem bei seinem hehren Vorsatz, mit leichterer Arbeit mehr Zeug herzustellen. Dass bei der kapitalistischen Maschinerie es darauf weder an- noch rauskam, was unsere Geschichtsschreiber hier glauben machen wollen, verrät selbst dieses Zitat allerdings durch ein klitzekleines Wörtchen: attraktiv war diese Erfindung für ihre Anwender erst in dem Moment, (nicht als sie zu dampfen begann, sondern) als sie „wirtschaftlich leistungsfähig“ war. Was das heißt? Etwa folgendes: Maschinen kommen erst und nur dann zum Einsatz, wenn ihre Kosten sich lohnen. Und jeder Weber von damals oder Automobilarbeiter von heute weiß ein Liedchen davon zu singen, dass diese Art und Weise der Rechnerei mit Menschen, Maschinen und Ertrag dazu führt, entweder die Leute durch diese sehr zweckgerichtete und gewinnbringende Anwendung der Maschinen außer Arbeit (und damit dummerweise außer Brot) zu setzen oder eben dadurch eine „größere Arbeitsleistung“ einzusaugen; davon, dass die „Herstellung von mehr Waren“ keineswegs bedeutet, dass mehr Leute sie sich auch leisten könnten, ganz zu schweigen.

Ein Geschichtsbuch, das diese Epoche als einen Wechsel von Licht und Schatten vorstellt – und darüber ganz absichtlich vergisst, dass die Durchsetzung und das Funktionieren des Klassengegensatzes zwischen Kapital und Arbeit ohne die gewaltsame Staatsgarantie des Privateigentums nicht zu haben ist (der Staat taucht erst viel später, dann aber als Problemlöser der „sozialen Frage“ auf) –, ein solches Geschichtsbuch ist dann natürlich nicht zu blöde, zuguterletzt auch noch das Vorhandensein von

Kapitalisten

als „günstige Voraussetzung“ für die Entstehung des Kapitalismus anzuführen;

„Einzelne Leute konnten (!) größere Summen Geld (Kapital) ansammeln, und es gab vermögende Leute, die bereit waren, Wagnisse beim Bau von Industriebetrieben einzugehen.“ (S. 164)

Gott sei Dank! Das hätte gerade noch gefehlt, dass mitten in dieser schnöden Zeit, wo alle „Voraussetzungen“ für die „industrielle Revolution“ in der Gegend rumlagen (hungrige Arbeitskräfte, dampfende Maschinen), sich gerade keiner gefunden hätte, der das „Wagnis“ wagte, die Leute auszubeuten, die Schornsteine rauchen zu lassen und den Gewinn einzusacken. Aber ganz so zufällig war es doch wieder nicht:

„Die Unternehmer arbeiteten sich durch Sparsamkeit, Können, Erwerbssinn und nüchtern abwägendes Gewinnstreben nach oben.“ (S. 168)

Wer’s glaubt, wird selig! Fromm waren sie übrigens auch noch, die Unternehmer: Am Sonntag haben sie immer den Herrn gelobt, dass er ihnen die Gabe der „Sparsamkeit“ und des „Erwerbssinnes“ und ein so unerschöpfliches Arbeitsvolk gegeben hat. Jenes wiederum brauchte an die „Sparsamkeit“ gar nicht zu glauben; diese Zier war ihm nämlich schlicht aufgezwungen, und man kam mit und ohne ihr nicht weiter. Auch dieses verschweigt die „Geschichtliche Weltkunde“ nicht:

„Arbeit für wenig Geld“

„Eine Arbeiterfamilie mit drei Kindern benötigte in Elberfeld 1849 durchschnittlich in der Woche 4 Taler, 4 Silbergroschen für: Miete, 3,5 Pfund Fleisch, 3 Schwarzbrote, Kleider, Schuhe usw. Als guter Lohn galten in der Woche 3 Taler, 7 Silbergroschen. Ein Arbeiter verdiente also oft weniger, als er zum Lebensunterhalt seiner Familie brauchte. Also mussten Frau und Kinder mit Geld verdienen.“ (S. 172)

Was soll man dabei nun denken. Zuuuustände waren das – kein Geld in der Tasche, also mussten Frau und Kinder mitarbeiten! Dass das heutzutage nicht mehr so ist, merkt man schon daran, dass Kinderarbeit verboten ist, die Jugendlichen auf der Straße stehen und Frauen keine Ganztagsstelle mehr bekommen.

Außerdem: woher weiß der Geschichtsbuchautor eigentlich so genau, dass der Bewohner von Elberfeld pro Tag 100g Fleisch „brauchte“ und ca. 3 Scheiben Schwarzbrot? Wieso nicht z.B. 200g Steak und Weißbrot und noch ein bisschen mehr von „undsoweiter“? Ganz einfach: Arbeiter konnten sich mit ihrem Lohn eben nicht mehr erlauben (und oft nicht einmal das) – und das hat unserem Schreiberling kein Bedürfnis, sondern die traurige Wirklichkeit dieser Leute eingeflüstert. Offenbar Grund genug, diese auch gleich als gültigen Maßstab zu akzeptieren, was Schwarzbrotesser bzw. Proletarier „nötig“ haben, ihnen also zusteht. Für’s 19. Jh. – Gipfel der Kritik – darf man sich dabei die kecke Feststellung erlauben, dass den Arbeitern damals genau 7 Schillinge zu ihrem Glück fehlten. Wie gesagt: damals! Heute leben wir ja in einer „Wohlstandsgesellschaft“, in der wir uns schon eher fragen müssen, ob „wir“ nicht „über unsere Verhältnisse leben“.