Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Die Geschichtswissenschaft: Deutsches Denken – sonst nichts

„Denn man lernt eben nicht Geschichte, um nur zu wissen, was gewesen ist, sondern man lernt Geschichte, um in ihr eine Lehrmeisterin für die Zukunft und für den Fortbestand des eigenen Volkstums zu erhalten. Das ist der Zweck, und der geschichtliche Unterricht ist nur ein Mittel zu ihm.“ (,Mein Kampf‘, S. 468)

1.

Die Geschichtswissenschaft hat keinen anderen Gegenstand als die anderen Gesellschaftswissenschaften: die politische Herrschaft, Staat, Nation oder Unterabteilungen davon – aber sie betrachtet den Gegenstand anders: geschichtlich eben. Wenn andere Fächer nach der allgemeinen Natur, Eigenart oder Funktion von Staat, Kapital, Parlament und Krieg fragen, dann interessiert den Historiker deren historische, also zeitliche Herkunft.

Andere Wissenschaften beweisen (richtig oder falsch) einen Zweck und Nutzen der gesellschaftlichen Einrichtungen für irgendetwas: für die Regelung des gesellschaftlichen Lebens, den Verkehr zwischen den Staaten oder für die Versorgung der Bürger usw. Die Ideologie dieser Wissenschaften besteht darin, dass ihre Behauptungen nicht stimmen, dass der Nutzen für die Bürger keineswegs das Bewegungsgesetz der kapitalistischen Wirtschaft und der demokratischen Republik ist. Einer solchen Widerlegung setzt sich die Geschichtswissenschaft gar nicht aus: Sie behauptet keine „Funktion für anderes“ als Prinzip der Staaten. Sie interessiert sich für das Geworden-Sein der Staaten – und hält dieses für einen Grund für ihre Beschaffenheit.

2.

Die Forschungsobjekte kommen deshalb bei den Historikern schon gar nicht nach ihrer allgemeinen Natur vor (der feudale Staat, die kapitalistische Ökonomie), sondern gleich in ihrer Einzelheit und unter nationalen Eigennamen (deutsch, französisch, europäisch). Interesse am zufälligen Auf und Ab von Staatsindividuen in den Zeitläufen kann sich unmöglich einstellen, wo dieses nicht schon vorher da ist. Historiker agitieren Nationalisten nicht, sondern setzen sie voraus und bedienen deren Interesse, sich den Staat, in den sie nun einmal hineingeboren wurden, ganz grundlos als Höheres und per se Gerechtfertigtes zu denken.

3.

Das gelingt dadurch, dass in der Geschichtswissenschaft die Genese den Grund ersetzt, die Herkunft die Erklärung: „Wenn ich die historischen Vorbedingungen einer Sache kenne, dann weiß ich, warum es sie geben muss, ihre Notwendigkeit.“ – sagt der Historiker und ist darin ganz unmittelbar wertend: Alles, was es gibt, ist entstanden und musste aus seinen Voraussetzungen entstehen – eine Notwendigkeit, die (höchst zirkulär) damit erwiesen ist, dass es tatsächlich entstanden ist; was aber notwendig ist, ist über jede Kritik erhaben.

Nach dieser Seite hin ist die Geschichtswissenschaft die pure Verherrlichung der Macht. Was sich historisch durchsetzt, hat Recht: die größere Gewalt hat das größere Recht auf ihrer Seite und die größten Totschläger der Weltgeschichte haben den Beinamen „der Große“ verdient.

4.

Sosehr die Historiker die Macht nur an ihrem eigenen Erfolg messen, so fiktiv ist zugleich dieser Erfolg: Entstehung und Bewährung in der Zeit. Historiker hatten sich ja nie für den Zweck des Staates interessiert, so haben sie auch keine Ahnung, warum es wegen dieses Zwecks Widerstand von innen und außen gegen ihn gibt. Sie erklären sich das prinzipieller, methodisch und inhaltslos: Weil der Staat, wie alles, in der Zeit existiert, in der alles Gewordene auch vergeht, erscheint ihnen der Zahn der Zeit selber, ihr leeres Fortschreiten als Hindernis der Existenz einer geschichtlichen Macht; die Überwindung dieses Hindernisses als ihre Aufgabe.

5.

Damit kennt der Historiker Aufgaben der Politik, an denen er die Politiker misst und für deren Erfüllung er Noten verteilt: Der Zeit, ihren Tendenzen und Forderungen gerecht werden und die eigene Unzeitgemäßheit vermeiden muss jede Nation, sonst geht sie unter. Umgekehrt beweist jede tatsächliche Niederlage untrüglich die Unzeitgemäßheit der Politik; was natürlich auch der Historiker erst hinterher weiß. Die ganze Differenz von tatsächlichem Tun der Politiker und ihren historischen Aufgaben erweist sich so als Schwindel: Einerseits müssen sie halt Erfolg haben, dann entsprach das, was sie taten, schon auch den Aufgaben; andererseits entnimmt der Historiker die Aufgaben ja ebenso wie die Taten der „geschichtlichen Situation“, also den Zielen und Absichten der maßgeblichen Figuren. Diese firmieren somit doppelt: einerseits setzen sie mit ihrem Handeln und Reden genau die historische Tendenz, an die sie sich dann andererseits unter den kritischen Augen des geschichtsschreibenden Aufpassers halten müssen.

6.

Einerseits etabliert die Geschichtswissenschaft die unmoralische Moral der Macht: Erfolg = Recht! Andererseits ist sie viel zu nationalistisch, um einfach jedem erfolgreichen Krieg zuzujubeln und um jedem Verlierer auch noch die Berechtigung seiner Niederlage um die Ohren zu hauen. Schließlich gehört zu den Verlierern bisweilen die eigene Nation, an der Anteil zu nehmen der Ausgangspunkt der ganzen Chose gewesen war.

Macht aber nichts; die Logik des historischen Arguments lässt auch das Gegenteil zu: War alles tatsächlich Eingetretene notwendig, unvermeidlich (und unkritikabel), weil seine geschichtlichen Vorbedingungen es hervorbringen mussten, so ist es natürlich auch nur wegen eben dieser Bedingungen notwendig – und die hätten ja vielleicht auch anders sein können.

Damit eröffnet sich die Geschichtswissenschaft die Kategorie der Schuld und die Suche nach der entscheidenden Bedingung, die den eigentlich anstehenden Erfolg der Nation verhindert, und der Figur, die ihn vergeigt hat. So erscheint dann ein historischer Stand der Machtkonkurrenz einerseits als notwendig und andererseits als total ungerecht, weil aufgrund unfähiger Spieler und irregulärer Bedingungen erzielt. (Wie manches Fußballspiel, wo auch nur das Tor zählt – und dann eben doch nicht.) Gerade wer als Anhänger seiner Staatsgewalt ihr die Gleichung: „Macht = Recht“ sichern will, muss sie bei anderen (und Versagern auf der eigenen Seite) außer Kraft setzen und das Gegenteil vertreten: „Macht ≠ Recht“.

7.

Die logische Kriterienlosigkeit dessen, wann das Erklärungsmuster so, und wann es andersherum anzuwenden ist, konstituiert die Freiheit des totalen politischen Opportunismus der Historiker. Sie macht ihr Treiben zur reinen Interpretation. Was als zufrieden stellender Zustand der Nation, was als Unrecht, was als berechtigter Anspruch, was als historisch überholt oder noch nicht wieder zeitgemäß gilt, das beziehen die Historiker aus Berlin; das steht außerhalb ihrer Wissenschaft als politischer Anspruch der Republik fest. Sie klauben sich dann die historischen Rechtstitel dafür zusammen. Deshalb muss die Geschichte auch immer wieder mal umgeschrieben werden. Was einer ehedem geschlagenen Nation an bescheidener und Schuld bekennender Selbstinterpretation anstand, ist keine Wahrheit mehr in einer „Großmacht“, die Vergleiche nur mehr mit der Supermacht sucht.