Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Geldtheorie

Die Geldfunktionen

Was seit einigen tausend Jahren als Musterbeispiel eines Denkfehlers gilt und was selbst hartgesottene Kreuzworträtsellöser als Anschlag auf ihre Intelligenz empfinden, genau das liefert in der VWL den Einstieg in die Theorie des Geldes. Eine Definition nämlich, die in zirkulärer Weise von eben dem Begriff Gebrauch macht, den sie zu erklären vorgibt:

„Ganz allgemein kann man unter Geld oder Zahlungsmitteln alles verstehen, was im Rahmen des nationalen Zahlungsverkehrs einer Volkswirtschaft generell zur Bezahlung von Gütern und Dienstleistungen akzeptiert wird.“ (Jarchow, Geldtheorie, Bd. I., S. 13)

Mit dieser Eröffnung – gerade so schlau, als würde man z.B. den Personalausweis als alles das definieren, womit man sich bei einer Ausweiskontrolle ausweisen kann – steht eines von vornherein fest: Eine Auskunft darüber, was Geld oder die ökonomische Tätigkeit des Zahlens ist, kann und darf man von einer einschlägigen Lehrveranstaltung der VWL nicht erwarten. Sie weiß es wirklich nicht. Umso emsiger widmet sie sich dem Gedanken, dass das Geld ungeheuer wichtig ist.

Und warum soll das so sein? Ist doch klar:

Geld löst monetäre Probleme

Dieser Beweis wird in dem Kapitel über Geldfunktionen geführt. Dass dessen geistiger Reinertrag gleich Null ist, lässt sich schon vorher sagen: Wer Geld definiert als alles, was als Geld benutzt wird, kann umgekehrt an Geldfunktionen schwerlich mehr entdecken, als dass es eben für den Geldgebrauch bestimmt ist. Zu diesem tautologischen Ergebnis kommt die VWL tatsächlich, und zwar gleich dreimal:

1. Tauschmittel:

Mit dieser Funktion soll der allergewöhnlichste Umgang mit dem Geld, seine Rolle in den Transaktionen, die jeder täglich vollzieht, benannt sein. Bloß: Was getauscht wird, ist Geld gegen Ware und umgekehrt. Wenn aber deshalb das Geld mindestens ebenso wie die Waren Zweck und Gegenstand des Tausches ist, so kann es nicht zugleich dessen Vehikel sein. Für den Käufer ist Geld ein Mittel, aber eben nicht für den Tausch, sondern um in den Besitz von Gegenständen zu gelangen, die durch ihr Preisschild jeden direkten Zugriff verbieten. Und der Verkäufer will gerade seine Kasse füllen: Geld als Mittel des Verkaufs ist genauso absurd, wie wenn man sich die Zähne als Mittel zum Zähneputzen denken wollte. Nur Kinder, die Kaufladen spielen, betrachten die Transaktionen als ein Vergnügen für sich, so dass ihnen die Spielnoten und Schokoplätzchen dabei tatsächlich Mittel des Tausches sind.

2. Recheneinheit:

Dass mit Geld gerechnet wird und dazu auch eine Einheit nötig ist, kann nicht bestritten werden. Bloß ist zu fragen, was denn da berechnet wird. Doch wohl der Preis von Waren (oder die Höhe monetärer Verpflichtungen), und dieser ist nun mal nichts anderes als die Geldsumme, die verlangt wird. Die Leistung des Geldes wäre also, Geldgrößen erst messbar zu machen, die schon feststehen.

Glauben Ökonomen ernsthaft, das Geld sei eingeführt worden, damit man sagen kann, was z.B. die 55-Cent-Briefmarke kostet?

3. Wertaufbewahrungsmittel:

Wie bei den anderen Funktionen gilt: Was in den Sparstrümpfen und anderen Behältern aufgehoben wird, ist Geld. Und Geld als Mittel des Geldaufhebens ist genauso doof wie Obst als Mittel fürs Eingemachte.

Dass hier schlichtweg Geldbesitz als Zweck unterstellt ist, wird auch deutlich an den vorgeschlagenen Wertaufbewahrungsalternativen. Die Mona Lisa und Grundstücke, wiewohl seit Jahrhunderten als „Wertaufbewahrungsmittel“ bewährt, sollen nämlich den Nachteil haben, bloß unter Schwierigkeiten in Geld verwandelbar zu sein. Von wegen also Wertaufbewahrung!

Übrigens: Wenn man sich vorstellen will, dass es beim Preisberechnen oder Geldsparen um einen selbstständigen, vom Geld unabhängigen Zweck geht – das Berechnen oder Aufheben von Wert –, dann muss ich eben auch ein apartes Wesen namens „Wert“ postulieren. Ein Wesen, das ein jeder Ökonom sonst immer vehement als „metaphysische“ Erfindung leugnet, das sich nun aber mit dem geschickt erfundenen Werkzeug „Geld“ bequem in die Tasche stecken lässt.

Ohne Geld keine Geldwirtschaft

Diesen dreifach variierten Blödsinn, dass das Geld dem Umgang mit Geld dient, meint die VWL deshalb nicht gemacht zu haben, weil sie ihn unter Rekurs auf eine gänzlich geldlose Wirtschaftsweise zu Tage fördert.

Sie stellt ein Gedankenexperiment an: Wenn es das Geld nicht gäbe, was gäbe es dann ebenfalls nicht? Die einzige logische Antwort auf diese Frage ist aber keine Bestimmung des Geldes selbst, sondern ein Rattenschwanz von Phänomenen, die auf dem Geld irgendwie beruhen. Ohne Geld z.B. kein Kleingeld, kein Bankraub, kein Finanzminister, keine Geldvorlesung usw. usf. Durchaus nicht logisch ist es, wenn der Ökonom sich nun stattdessen ein Ding namens „Tauschwirtschaft“ einfallen lässt:

„Eine auf Arbeitsteilung beruhende Tauschwirtschaft erfordert, will sie ohne größere Schwierigkeiten funktionieren, ein allgemein anerkanntes Zahlungsmedium; sie muß also … eine Geldwirtschaft sein. Ist sie es nicht, dann muß eine Wirtschaftseinheit, die z.B. ein Gut A gegen ein Gut Z eintauschen möchte, viel Mühe darauf verwenden, einen Tauschpartner zu finden, der erstens das Gut A erwerben und zugleich das Gut Z abgeben möchte. Eine andere Möglichkeit besteht in einer Tauschwirtschaft nur darin, das Gut A gegen ein Gut B einzutauschen und dieses im günstigsten Fall direkt, sonst über eine Kette weiterer Transaktionen dafür zu benutzen, in den Besitz des gewünschten Gutes Z zu gelangen. Da die erste Möglichkeit einen beträchtlichen Informationsstand voraussetzt und deshalb auch nur recht selten zu realisieren sein dürfte und die zweite Möglichkeit recht kompliziert und aufwendig sein kann, liegt es nahe, vom Naturaltausch abzugehen und ein allgemein akzeptiertes Tauschmittel einzuführen.“ (Jarchow, S. 14)

Für den Beweis der Nützlichkeit des Geldes strampelt sich so ein Ökonom schon gehörig ab: Er denkt sich „unsere moderne Volkswirtschaft“, in der alles aufs Geld ankommt, einmal ohne Geld (was er Tauschwirtschaft nennt) und stellt sich auf dieser Grundlage die Frage, wie „kompliziert“ wäre es doch, die Probleme von Kauf und Verkauf (was für ihn so immer dasselbe ist wie tauschen; nur: beim Verkauf herrscht der Zweck Geld zu machen, beim Tausch nicht!) zu lösen. Wie kompliziert wäre es doch, einen Krawattenknoten zu binden, wenn es keine Krawatten gäbe.

Diese Tauschwirtschaft soll es also einerseits ganz unabhängig vom Geld geben, damit sie legitimerweise ein Bedürfnis nach Geld anmelden kann. Andererseits soll sie mangels Geld unter derart vielen Komplikationen, Informationsproblemen, Unkosten etc. pp. leiden, dass sie so wenig lebensfähig ist wie ein Kalb mit zwei Köpfen, also schwerlich je die Gelegenheit erhalten kann, ihren Wunsch nach Geld in die Tat umzusetzen. Diese Tauschwirtschaft, irgendwie zwischen Existenz und Nichtexistenz angesiedelt, ist ein Hirngespinst des Ökonomen: als ideeller Wirtschaftsorganismus steht sie geheimnisvoll hinter all den täglichen Geldgeschäften und Transaktionen und verleiht diesen erst den tieferen Sinn.