Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Der Mensch in der Psychologie: Ein total Verrückter, stets bemüht, sich in den Griff zu kriegen

Die Welt ist voller Menschen. Du bist einer, ich schon wieder, sogar der Bundeskanzler. Aber worum handelt es sich da bei uns? Wer ist der Mensch in uns allen? Das sind so Fragen. Die rufen nach Aufklärung, und die Wissenschaft hält, was sie verspricht: Den Menschen kennt sie ganz genau, und zwar je nach Fach anders. Diesmal: Der Mensch in der Psychologie.

Psychologen stellen Fragen wie: „Warum machen Menschen Kriege?“, „Warum rennen sie dem Geld hinterher und werden dabei doch nicht glücklich?“, „Warum verzweifeln sie an ihren Liebschaften?“ etc. So unterschiedlich und gegensätzlich die sozialen Charaktere sind, die einem im wirklichen Leben entgegentreten – Professor und Hausfrau, Unternehmer und Arbeiter, Politiker und Wahlvolk – Psychologen sehen allemal und grundsätzlich ein und dasselbe Subjekt, „den Menschen“, am Werk. Es mag sein, was es will – ein Fußballspiel oder eine Staatsaffäre, ein Urlaubsflirt oder ein Ereignis aus dem Berufsleben. Auf jeden Fall steht für Psychologen schon mal vorab fest, dass da Menschen ihrer Selbstverwirklichung nachgehen. Der Mensch in der Psychologie ist ein Held der Freiheit: Er bewegt sich in einer Welt, die sein Produkt ist; aber zu seiner Zufriedenheit fällt sie dann doch nicht aus. Die Frage, woran das liegt, ist mit der Wahl des Subjekts schon beantwortet: Der Mensch ist halt so, dass er in seinem Selbstverwirklichungsdrang nicht zu knapp Sachen unternimmt, die ihm nicht gut tun. Statt zu erklären, was sie da jeweils vor sich haben, machen Psychologen einen tautologischen Rückschluss auf das Innenleben des Menschen. Ihr Freiheitsheld bekommt auf diese Weise die merkwürdigsten Neigungen zugesprochen: Warum machen Menschen z. B. Kriege? Weil sie die Neigung dazu haben; Aggression heißt dieses Ding. Psychologen halten Kriege für erklärungsbedürftig; sie denken aber gar nicht am Krieg weiter – Verhältnis zwischen Staaten; deren Interesse verletzt; wie ist dieses Interesse beschaffen, dass Krieg Mittel seiner Durchsetzung? usf. –, sondern belassen ihn so unbegriffen wie er daherkommt, legen ihn in die Menschenseele, und dort soll sich niemand mehr über ihn wundern. Die Tilgung der Objektivität halten sie für deren Erklärung! Das psychologische Erklärungsbedürfnis gibt sich zufrieden damit, dass ihm der absolute Widerspruch angeboten wird: Der Mensch ist eben so, dass er grundlos – und deswegen auch gleichgültig, ob im Krieg oder in einer Wirtshausschlägerei – sich und seinesgleichen Schwierigkeiten macht. Aber nicht nur das, sondern auch das Gegenteil: Der Mensch, psychologisch betrachtet, hat nämlich auch noch einen Liebestrieb, welcher auch weniger mit dem bekannten zarten Gefühl zu tun hat als vielmehr mit einem dicken „Plus“, das sich dann auf irgendwen oder irgendwas richtet: Psychologen leuchtet es ein, dass einer ein Auto kauft, weil er eigentlich mit seiner Mutter vögeln will. Beweis: Er kauft das Auto! Solche Ausgeburten psychologischer Phantasie belegen, dass Psychologen gerne bereit sind, den Preis zu entrichten dafür, alles menschlich verständlich finden zu wollen. Sie brauchen sich deswegen über nichts mehr in der Welt zu wundern, weil sie sich dazu entschlossen haben, sich das Befremdlichste und Verrückteste als das den Menschen Bewegende einleuchten zu lassen. Dieser Entschluss ist unwiderlegbar. Wer meint, darin einen Einwand zu haben, dass er bei sich solch merkwürdige Neigungen noch nicht verspürt hat, dem kommen Psychologen offensiv: typischer Fall von Verdrängung! Gegen das, was mit Willen und Bewusstsein begabte Menschen als ihre jeweiligen Beweggründe wissen, behaupten die Psychologen eine Welt dahinter liegender Motive als das Bestimmende: Was den Menschen zur Tat schreiten lässt, soll gerade nicht das sein, was er will, sondern ein (An-)Trieb, dem der Wille als bloßes Ausführungsorgan gehorchen muss; und wer davon noch nichts gemerkt hat, der beweist nur die Macht des Unbewussten. Diese Willensmetaphysik ist hermetisch: Sie behauptet, dass der Witz am Willen in seiner Leugnung besteht. Er soll durch irrationale Antriebe determiniert, also außer Kraft gesetzt sein. Dann gibt es ihn aber nicht. Es muss ihn aber geben, weil sonst nicht er determiniert werden könnte. Gibt es ihn aber, ist mit Determination nichts. Also zurück: Determination, aber eine, die im Verborgenen wirkt, so dass der Wille nicht merkt, dass er außer Kraft gesetzt wird. Sachlich ist es völlig wurscht, ob man sagt: In der Seele wirken Kräfte, die stets verborgen bleiben, oder ob man das lässt. Aber fürs Menschenbild ist dieser Unterschied enorm bedeutsam. Jetzt steht er da, der Mensch in der Psychologie: als selbstbewusster Herr der Welt – aber leider hat er sich selbst nicht im Griff. Die Welt – in Ordnung! Der Mensch ist das Problem: Er ist beherrscht vom Irrationalismus metaphysischer Seelenkräfte. Für wen ist das eigentlich ein Problem? Für den Menschen, behaupten Psychologen. Und wenn der es schon nicht selber merken kann, so wenigstens sie. Gründe für „Frust“ und „Stress“ und „Leid“ kennen sie mehr als sonst jemand, und allemal ist damit alles Objektive, das Anlass zur Kritik geben könnte, der Diagnose eines misslungenen Selbstverhältnisses des Menschen zu sich untergeordnet: Er leidet an sich und existiert damit doppelt. Einmal als der missratene Vollverrückte und dann noch als derjenige, dem das nicht passt, und der deswegen von dem Drang beseelt ist, sich in den Griff zu kriegen. Damit sprechen die Psychologen ihrem Menschen den Willen und die Fähigkeit zu sich rational zu verhalten zu sich nämlich. Dann könnte er das Spinnen aber auch gleich lassen. Er soll aber beides! Derselbe Mensch, der vom Mechanismus seiner Seelenkräfte gebeutelt wird, macht sich also an die Aufgabe, sich zum Herrn über diesen Mechanismus aufzuschwingen: Da baut sich in mir ein Druck auf, der braucht ein Ventil – sprach der Dampfkessel zu sich. Nach dieser Logik kriegt der Mensch alle Hände voll zu tun: Er verdrängt, projiziert, kompensiert, und je mehr er das, vielleicht auch unter psychologischer Anleitung, mit Willen und Bewusstsein vollzieht – also die Resultate von Projektion, Verdrängung usw. auch wieder verarbeitet usf. –, desto umfangreicher wird sein Seelenhaushalt, der bewältigt sein will, und desto ähnlicher wird er dem Menschen in der Psychologie. Leuten, die sich selber als derartige Problembündel betrachten, steht die Psychologie – dabei – hilfreich zur Seite: Sie exerziert an ihnen ihr Menschenbild durch.