Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Die Kritische Theorie des „Subjektiven Faktors“

Der „autoritäre Charakter“ – Aufklärung über die Gründe des „Mitmachens“?

Mit ihren Untersuchungen zum „autoritären Charakter“ wollten kritische Theoretiker wie Adorno, Horkheimer erklären, wie es möglich war, dass die politischen Machthaber (insbesondere Hitler) bei all ihren Aktivitäten zum Wohl deutscher Wirtschaft und nationaler Größe über ein gefügiges Volk verfüg(t)en. Heutzutage ist „autoritärer Charakter“ ein Schlagwort, das als Antwort auf, die bei kritischen Soziologen und Psychologen immer wieder aufgeworfene Frage, warum, die Leute‘ ‚mitmachen‘, für ebenso hinreichend wie angemessen erachtet wird.

Dass zwischen den Anliegen der politischen Machthaber und den Interessen derer, die der nationalen Gewalt unterworfen sind, ein Gegensatz besteht, und dass es der Mehrheit der Leute nicht gut bekommt, wenn sie sich für die Vermehrung privaten Reichtums und für die staatliche Machtentfaltung zur Verfügung stellen, ist die selbstverständliche Unterstellung bei der Frage nach dem Grund ihres Mitmachens. Bei den Nutznießern der gesellschaftlichen Verhältnisse kommt diese Frage ja deshalb nicht auf, weil mit deren Nutzen auch schon die Frage nach dem Grund ihrer Handlungen beantwortet ist. Sie sind ja auch nicht Mit-macher, sondern Macher.

Merkwürdig allerdings, dass die Untertanentheoretiker aus Frankfurt die Erklärung dessen, für welche Interessen die staatliche Gewalt ihre Leute einspannt und welche Mittel ihr dafür zu Gebote stehen, sie zum Dienst am kapitalistischen Eigentum zu zwingen, also eine Untersuchung der kapitalistischen Ökonomie und ihrer politischen Herrschaft, für einen unzureichenden, wenn nicht verfehlten „Ansatz“ halten, wenn es um die Klärung der Gründe geht, die die Leute zum Mitmachen bewegen. Ganz so, als sei eine Aufklärung über die „Sachzwänge“, die in einer kapitalistischen Gesellschaft organisiert sind, gleichbedeutend mit der Feststellung der Notwendigkeit der Unterwerfung der Individuen darunter, kritisieren sie am Marxismus, er vernachlässige den subjektiven Faktor und fasse die Menschen als komplett durch die Ökonomie determiniert auf. Demgegenüber erachten sie es für angebracht, der Autonomie des ‚subjektiven Faktors‘ dadurch Rechnung zu tragen, dass er selbst als Ursache seiner Fügsamkeit unter die Lupe genommen wird.

Der subjektive Faktor: ein bedingter Wirkmechanismus

Folgendermaßen begründet z. B. Erich Fromm, dass man .für die Erklärung des erfolgreichen Wirkens staatlicher Herrschaft einen Blick in die Seele des Massenmenschen werfen müsse:

„Seine (Freuds) Theorie liefert einen wichtigen Beitrag zur Beantwortung der Frage, wie es möglich ist, dass die in einer Gesellschaft herrschende Gewalt tatsächlich so wirkungsvoll ist, wie uns das die Geschichte zeigt. Die äußere, in den jeweils für eine Gesellschaft maßgebenden Autoritäten verkörperte Gewalt und Macht ist ein unerlässlicher Bestandteil für das Zustandekommen der Fügsamkeit und Unterwerfung der Masse unter diese Autorität. Andererseits aber ist es klar, dass dieser äußere Zwang nicht nur als solcher direkt wirkt, sondern dass, wenn sich die Masse den Anforderungen und Verboten der Autoritäten fügt, dies nicht nur aus Angst vor der physischen Gewalt und den physischen Zwangsmitteln geschieht. Gewiss kann auch dieser Fall ausnahmsweise und vorübergehend eintreten. Eine Fügsamkeit, die nur auf der Angst vor realen Zwangsmitteln beruhte, würde einen Apparat erfordern, dessen Größe auf die Dauer zu kostspielig wäre; sie würde die Qualität der Arbeitsleistung der nur aus äußerer Furcht Gehorchenden in einer Weise lähmen, die für die Produktion in der modernen Gesellschaft zumindest unerträglich ist, und sie würde außerdem eine Labilität und Unruhe der gesellschaftlichen Verhältnisse schaffen, die ebenfalls mit den Anforderungen der Produktion auf die Dauer unvereinbar wäre. Es ergibt sich, dass, wenn die äußere Gewalt die Gefügigkeit der Masse bedingt, sie doch in der Seele des Einzelnen ihre Qualität verändern muss. Die hierbei entstehende Schwierigkeit wird teilweise durch die Über-Ich-Bildung gelöst. Durch das Über-Ich wird die äußere Gewalt transformiert und zwar, indem sie aus einer äußeren in eine innere Gewalt verwandelt wird. Die Autoritäten als die Vertreter der äußeren Gewalt werden verinnerlicht, und das Individuum handelt ihren Geboten und Verboten entsprechend nun nicht mehr allein aus Furcht vor äußeren Strafen, sondern aus Furcht vor der psychischen Instanz, die es in sich selbst aufgerichtet hat.“ (I, 83f)

Der Unfug dieser „Ableitung“ beginnt schon damit, wie Fromm die Frage nach den Gelingen staatsbürgerlichen Gehorsams aufwirft: wie ist es möglich, dass eine herrschende Gewalt in einer Gesellschaft überhaupt wirksam ist? Diese Fragestellung ist ein einziges Konstrukt und deshalb auch nicht vernünftig zu beantworten. Wenn man nämlich alles weglässt, was die jeweils herrschende Kraft zur bestimmenden gesellschaftlichen Gewalt macht – die Zwecke, die sie zum gesellschaftlichen Zusammenhang organisiert; die Erfolgskriterien, denen ihr Einsatz gilt; und die Mittel, mit denen sie die alltägliche Lebensgestaltung ihrer Untertanen bestimmt –, dann bleibt in der Tat nichts als die absurde Abstraktion „Gewalt“ übrig, die keinen anderen Inhalt und Zweck kennt als den, die ihr gegenüberstehenden Massen zur Folgsamkeit zu zwingen. Genausowenig interessiert Herrn Fromm auf dem anderen Pol des modernen Herrschaftsverhältnisses, was die Leistungen und Kalkulationen derjenigen sind, die als Arbeiter oder Arbeitslose, Steuerzahler oder Wähler, Erziehungsberechtigte und Zeitungsleser ihren staatsbürgerlichen Geschäften nachgehen – all diese sehr verschiedenen Aktivitäten des „Mitmachens“ werden unter die Abstraktion „Unterwerfung“ gebeugt, so als wären die „Massen“ den lieben langen Tag mit nichts anderem beschäftigt, als gehorsam zu sein. Und so wird es dann in der Tat ein großes Rätsel, wie ein solches inhaltsleeres Verhältnis überhaupt gelingen kann: Wie die politische Gewalt, ohne ihre ökonomischen Erpressungsmittel gedacht, sich denn überhaupt als solche behaupten kann? Und wie die „Massen“ es bloß schaffen, dem ihnen angeblich abverlangten puren Unterwerfungsanspruch zu genügen? Die erste Antwort, die sich einzig aus dieser fiktiven Problemstellung, dem bloß formellen Gegenüber von Macht und Untertanen, ergibt – das Herrschaftsverhältnis wird ausschließlich durch physische Gewaltausübung gesichert – weist Fromm natürlich selber als unzureichend zurück. Und zwar interessanterweise mit einem Argument, das ernstgenommen seine ganze Konstruktion über den Haufen werfen würde: Wenn der Polizeiknüppel deshalb als hinreichendes Ordnungsinstrument ausscheidet, weil der damit verbundene Aufwand zu „kostspielig“ wäre und die dauernde Furcht vor ihm die „Qualität der Arbeitsleistung“ lähmen würde, dann ist damit immerhin ein materielles Kriterium angegeben, das darauf hinweist, dass es der modernen Herrschaft keinesfalls bloß um den formellen Erfolg namens Fügsamkeit geht, sondern um Vermehrung von Reichtum in der Form- des Geldes und Aneignung von möglichst viel fremder Arbeit. Von da aus wäre der Schluss auf das elementare Mittel einer kapitalistischen Staatsgewalt, mit dem sie sich die erwünschten Dienste ihrer Untertanen sichert, nicht weiter schwer: Es ist der gewaltsam hergestellte und mit Polizei und Justiz kontrollierte Ausschluss der Mehrheit von den Mitteln zur Reproduktion, der sie zum Dienst am fremden Eigentum zwingt – und es in der Tat überflüssig macht, jeden einzelnen mit dem Knüppel zur Arbeit zu treiben.

Der Psychotheoretiker freilich tut lieber weiter so, als sei die Frage, wie in der kapitalistischen Gesellschaft Gefügigkeit erzwungen wird, eine völlig offene Sache.

Andererseits hat er die praktische staatsbürgerliche Loyalität vor Augen und das Argument zur Hand, dass ausschließlich „äußerer“ Zwang als Hebel dafür ausscheidet. Also, so sein messerscharfer Schluss, kann das nur gehen, wenn der Zwang den Massen nicht äußerlich, sondern innerlich ist. Das ist allerdings in jeder Hinsicht ein Scheinschluss:

  • Warum „verinnerlichen“ die Leute denn die Ge- und Verbote der Gewalt, die ihnen laut Fromms Konstrukt doch völlig äußerlich und furchterregend gegenübertritt? Seine Antwort ist gar keine Erklärung der gedanklichen Leistungen, genauer: der Fehlschlüsse, die ein Individuum vollzieht, das sich die Anforderungen der Gewalt, der es unterworfen ist, zu eigen macht und am Ende seine Ansprüche wie seine Mittel an dem orientiert, was erlaubt ist. Umgekehrt: Er „leitet“ den subjektiven Faktor streng funktionalistisch ab, nämlich aus den Erfordernissen der Gewalt, sprich: der abstrakten Notwendigkeit eines effektiven und stabilen Unterordnungsverhältnisses. Die „Verinnerlichung“ muss sein, weil sonst die Gewalt – weil bloß äußerlich! – ja gar nicht innerlich wäre! Bei Tautos!
  • Die „Transformation“ von außen nach innen soll die Qualität der Gewalt verändern. Bloß: über diese Veränderung erfährt man rein gar nichts – außer dasselbe noch mal: Sie ist nach wie vor dieselbe Gewalt, aber eben nicht mehr bloß außen, sondern jetzt auch innen!
  • Bleibt die kleine „Schwierigkeit“, warum die verehrten Massensubjekte ausgerechnet die äußere Gewalt um eine innere ergänzen sollen, vor der sie sich dann wieder genauso fürchten. Für deren „Lösung“ soll eine neue Instanz zuständig sein, das berühmte „Über-Ich“, das aber über gar keine andere Qualität verfügt, als eben den Prozess der „Verinnerlichung“ reibungslos über die Bühne gehen zu lassen.

Das Resultat der ganzen „Ableitung“: Die Frage nach dem Grund, warum jemand sich der Gewalt beugt, und nach den subjektiven Verfahrensweisen, mit denen er sich ihr akkomodiert, wenn er in den obrigkeitlich diktierten Lebensverhältnissen sein Glück machen will, wird einfach ersetzt durch die haltlose Annahme eines psychischen Mechanismus, der dafür sorgt, dass sich bei der Existenz von Herrschaft automatisch Unterwerfung einstellt.

Das Individuum, der sog. subjektive Faktor, zu dessen Rettung gegen den angeblichen ökonomischen Determinismus des Marxismus die Kritische Theorie angetreten war, kommt gerade bei ihr gar nicht als ein Subjekt vor, das zu den Ansprüchen der Herrschaft Stellung bezieht,

sondern als bloßes Objekt. Kaum wird dieser subjektive Faktor mit den Ge- und Verboten einer Autorität konfrontiert, läuft bei ihm ein psychischer „Transformationsprozess“ ab, der die dem Subjekt feindlich gegenüberstehenden Anforderungen in eine subjektverträgliche Form bringt. So, nämlich mit einem inneren, seiner willentlichen Kontrolle entzogenen Kontrollapparat ausgestattet, passt das gebeutelte Subjekt glänzend zu jeder noch so harten Herrschaft.

Die Leugnung dessen, dass Gehorsam allemal die willentliche Anerkennung einer zur Autorität erklärten Herrschaft bedeutet, und die vollständige Trennung dieser subjektiven Leistung von jeglichem Willen und Bewusstsein durch die Erfindung einer psychischen Instanz, die dem Subjekt die Unterwerfungs„arbeit“ abnimmt, hat noch eine andere Konsequenz: Die Berechnungen, die die Mitmacher anstellen, um trotz ihres Schadens mit „ihrer“ Herrschaft zurechtzukommen, sind dem subjektfreundlichen Theoretiker keine Würdigung, geschweige denn eine Kritik wert. Kein Wunder: Wenn schon vom Bewusstsein überhaupt nicht die Rede ist, dann kann eben von falschem Bewusstsein erst recht nicht die Rede sein.

Untertänigkeit – eine Eigenart des Subjekts

Eine andere Variante, die Untertanensubjekte als Ursache ihrer Untertänigkeit zu besprechen, führt Horkheimer vor:

„…so lässt sich doch die Handlungsweise der Menschen in einem gegebenen Zeitpunkt nicht allein durch ökonomische Vorgänge erklären, die sich im unmittelbar vorhergehenden Augenblick abgespielt haben. Vielmehr reagieren die einzelnen Gruppen jeweils auf Grund des typischen Charakters ihrer Mitglieder, der sich ebenso sehr im Zusammenhang mit der früheren wie mit der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklung gebildet hat. Dieser Charakter geht aus der Einwirkung der gesamten gesellschaftlichen Einrichtungen hervor, die für jede soziale Schicht in eigentümlicher Weise funktionieren. … Zum Verständnis des Problems, warum eine Gesellschaft in einer bestimmten Weise funktioniert, warum sie zusammenhält oder in Auflösung begriffen ist, gehört daher die Erkenntnis der jeweiligen psychischen Verfassung der Menschen in den verschiedenen sozialen Gruppen, das Wissen darum, wie sich ihr Charakter im Zusammenhang mit allen kulturellen Bildungsmächten der Zeit gestaltet hat.“ (I, 9f.)

Ein ziemlich plumpes Argument, mit dem Horkheimer die Erklärung des Handelns der Leute „durch ökonomische Vorgänge“ als unzureichend zurückweist: Diese seien nur für den unmittelbar vorhergehenden Augenblick zuständig! Eine interessante Eigenschaft der Ökonomie, nur von kurzer Dauer zu sein! Jedenfalls verabschiedet sich Horkheimer mit dieser Idiotie gleich von jeglicher Erklärung zugunsten eines Arguments, das schon vom Schlagwort her Dauer und Festigkeit verbürgt: Es ist der typische Charakter, der die Leute so handeln lässt, wie sie es – je nach Gruppenzugehörigkeit (zu der sie wohl kommen wie die Jungfrau zum Kind!) – tun. Also: Gehört einer der Gruppe der Lohnarbeiter an, so geht er nicht etwa deswegen täglich zur Arbeit, weil er auf den Lohn angewiesen ist – das wäre wohl eine Erklärung bloß aus dem Augenblick heraus?! Sondern weil sein typischer (Lohnarbeiter-)Charakter ihn so „handeln“ lässt.

Auch Horkheimer verzichtet gleich darauf, überhaupt noch anzuführen, was die Leute sich denn eigentlich bieten lassen, und ersetzt die Ermittlung von Gründen dafür durch die Behauptung, es sei eben die Eigenart der Leute, genauso zu reagieren, wie es von ihnen verlangt ist. Er erklärt nicht den untertänigen Charakter, sondern begründet umgekehrt die Untertänigkeit der Leute aus deren Charakter. Im Klartext: Die Leute sind nun mal so, dass sie immer haargenau zu dem passen, was von ihnen verlangt ist!

Und wie kommt das? Horkheimers Antwort: Die Gesellschaft bewirkt irgendwie, dass der ‚subjektive Faktor‘ zu ihr passt. Womit er einen grandiosen inhaltsleeren Zirkel konstruiert hat: Die Gesellschaft funktioniert, weil die Individuen zu ihr passen. Und die Individuen passen, weil die Gesellschaft das bewirkt. Die Gesellschaft ist durch gar nichts anderes mehr bestimmt als durch die Funktion, zu ihr passende Individuen hervorzubringen.

Die Ironie dabei: Wiederum landet der Versuch, die subjektive Seite für den Erfolg kapitalistischer Herrschaft zu würdigen, bei der Konstruktion einer menschlichen Eigenschaft, die ausschließlich darin besteht, der Gewalt zu entsprechen, der man unterworfen ist. Der subjektive Faktor ist auch bei Horkheimer nichts als das Abziehbild der Gesellschaft – und das soll seinen autonomen Stellenwert ausmachen! Gerade die kritische Theorie verpasst den Leuten, indem sie sie als Bedingung der Möglichkeit des Funktionierens von Herrschaft bespricht, die Disposition, genau so zu sein, wie es die herrschenden Autoritäten verlangen. Und ihr Beweisverfahren für diese Disposition ist ebenso simpel wie tautologisch: Aus der praktischen Untertänigkeit der Leute wird geschlossen, dass an ihnen dann wohl ein wie auch immer entstandener Hang zur Untertänigkeit existiert. Und umgekehrt ist der Beweis für diesen Hang schon wieder, dass sie eben untertänig sind. Sie machen mit, weil sie überhaupt Mitmacher sind. Die Existenz der Untertänigkeit wird so zum Beweis ihrer unausweichlichen Notwendigkeit.

Gehorsam als Naturgesetz des Willens

Die kritische Theorie widmet sich dem Vorhaben, theoretisch den Untertanencharakter durchzukonstruieren, und das kann nicht ohne Widersprüche abgehen. Es ist nämlich ein Widerspruch, sich einerseits zu fragen, warum die Leute sich Ausbeutung, Krieg und Gewalt gefallen lassen, was ja unterstellt, dass das durchaus keine

Selbstverständlichkeit und schon gar keine Notwendigkeit ist, und andererseits diese Frage mit der inneren Determiniertheit menschlichen Verhaltens beantworten zu
wollen. Das treibt Blüten der folgenden Art:

„Das Entscheidende am Verhältnis des Ichs zum Über-Ich wie des Individuums zu den Autoritäten ist sein emotioneller Charakter. Der Mensch will sich vom Über-Ich sowohl wie von der Autorität geliebt fühlen, fürchtet ihre Feindschaft und befriedigt seine Selbstliebe, wenn er seinem Über-Ich oder seinen Autoritäten, mit denen er sich identifiziert, wohlgefällt. Mit Hilfe dieser emotionellen Kräfte gelingt es ihm, die gesellschaftlich unzulässigen, beziehungsweise gefährlichen Impulse und Wünsche zu unterdrücken.“ (I, 95)

Fromm will gleich gar nicht mehr unterscheiden zwischen der Autorität, die der Staat kraft seiner Gewalt geltend macht, und seiner eigenen Fiktion eines „über“ das „Ich“ bestimmenden „Ichs“. Das Individuum, das irgendeiner Autorität ausgeliefert ist, denkt er sich einerseits als bloßes Objekt, Spielball emotioneller Kräfte, Impulse, Triebe. Zugleich soll es das glatte Gegenteil sein: Es durchschaut die Welt und sich selbst vollkommen und berechnet cool, wie es ihm am besten gelingt, gefährliche Neigungen gegen die Autoritäten niederzuringen.

Das soll so gehen, dass das Individuum ausgerechnet von der Autorität, die es fürchtet und gegen die es „eigentlich“ losgehen will, geliebt werden will und sich deshalb mit ihr identifiziert. Und infolge dieser grandiosen Leistung liebt es sich selbst auch noch. Das geniale Rezept dieses Monsters: einfach lieben, was einem zu schaffen macht, dann braucht man es nicht zu hassen!

Mit der Rede von emotionellen Kräften und Trieben, welche für das jeweilige Verhalten ausschlaggebend sein sollen, ist ein gewisser theoretischer Fortschritt vollzogen. Damit wird nämlich die Vorstellung erzeugt, die physische Natur („Trieb“, „Kraft“) des Individuums erzwinge, dass dieses seinen Willen fremden Autoritäten beugt. So wird die Erklärung der Untertänigkeit der Leute daraus, dass sie eben der Gesellschaft entsprechen, ergänzt um die Behauptung, es gäbe so was wie ein Naturgesetz, welches das Individuum um dessen Selbsterhaltung willen zur hingebungsvollen Unterordnung unter jedwede Autorität drängt.

Die Kritischen Theoretiker bauen diesen Widerspruch eines durch die Natur bestimmten Willens zur Unterwerfung zu einem Menschenbild aus. Sie füllen den Trieb, der das Verhalten der Massenmenschen bewirken soll, mit Inhalt, und zwar entsprechend ihrer Idee, dass der der Herrschaft ausgesetzte Mensch den Herrschaftsverhältnissen entsprechend konstruiert sein müsse, damit diese sich behaupten könnten. Die „Triebstruktur“, die beim autoritären Charakter einschlägig sein soll, heißt „sadomasochistisch“. Es erübrigt sich, den Verlängerungen nachzusteigen, wonach der Sadomasochismus wiederum bedingt sei durch die frühkindliche Sexualität usw. Alles dies sind Bebilderungen davon, dass der Mensch nicht anders könne, als das zu wollen, was er muss, wegen seiner Triebe eben.

Behauptet ist damit jedenfalls die Absurdität, dass die Leute geradezu auf das scharf sind, was ihnen zu schaffen macht. Sie sehnen sich nach den Autoritäten, und zwar wegen der Gewalt, die sie über sie haben. Die Ausübung von Gewalt pur – gegen andere (Sado) bzw. einen selbst (Maso) – soll ihnen Befriedigung und Genuss verschaffen, so dass am Ende die Gewalt, mit der die Autoritäten ausgestattet sind, ihren Sinn darin hat, den sado-masochistischen Charakter der Untertanen zu befriedigen!

So, wie die „Triebstruktur“ der Massen charakterisiert ist, ist allerdings überhaupt nicht mehr einzusehen, weshalb deren widersprüchliche „Kräfte“ sich ausgerechnet auf die von einer modernen kapitalistischen Staatsgewalt vorgeschriebenen Mittel ihrer „Befriedigung“ richten sollen. Warum sollten es sich die Sado-Masos nicht einfacher machen und eine Gesellschaft einrichten, in der bloß noch „gebuckelt“ und „getreten“ wird. Die ganze Geldwirtschaft mit allem Drum und Dran bis hin zur Börse und der Staatsapparat mit Polizei und Militär sind für das pure Gewaltausüben und -einstecken doch viel zu umständlich! Da sind die Leute doch viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt und werden von ihrem nackten Sado-Masochismus bloß unnötig abgelenkt.

Aber so ernst darf man diese Theorie offensichtlich nicht nehmen. Sie soll eben bloß ein Bild für die Behauptung liefern, dass, wenn der Gegensatz zwischen Herrschaft und Untertan klappt, dieser Gegensatz gar nicht der wirkliche Inhalt des Verhältnisses von Herrschaft und Untertanen sein kann. Dann muss, so der Fehlschluss dieser Theorie, gerade durch die Schädigungen, die der Staat der Masse seiner Bürger zumutet, irgendwie eine Befriedigung tieferliegender, verborgener Bedürfnisse (Triebe) stattfinden. Deshalb kommt die Karikatur eines Untertanen zustande, der alles nur deshalb tut, weil er in der Ausübung von Gewalt gegen sich und andere Befriedigung findet. Also: So, wie die Massen beieinander sind, haben sie genau das, was sie brauchen.

Nicht die Menschen sind pervers, sondern die Gesellschaft …

Ausgerechnet dieses rassistische Gedankenkonstrukt von einer Triebstruktur, die die Menschen zum Untertanen prädestiniert, versteht sich als kritisch. Dies deshalb, weil sich die Kritische Theorie natürlich von der Behauptung, diese Bestimmung komme dem Menschen von Natur aus zu, absetzt. Nicht die Natur, sondern die Gesellschaft soll den perversen Untertanencharakter auf dem Gewissen haben. Bloß: Erstens ändert dieser Zusatz nichts an dem einmal definierten inneren Entsprechungsverhältnis zwischen Opfer und Herrschaft: Wie und durch wen auch immer hervorgebracht – die Untertänigkeit haftet den

Leuten als ihrem Willen entzogene – eben gesellschaftliche – Natureigenschaft an. Zweitens ergibt diese materialistische Untermauerung der psychologischen Charakterkunde wiederum einen unauflöslichen Zirkel: Die Gesellschaft erzeugt immer wieder genau den Charakter, den sie als den „Kitt“ braucht, mit dem sie „sich zusammenhält“. Aus dieser „negativen Totalität“ gibt’s dann endgültig kein Entrinnen mehr: Die autoritäre Gesellschaft unterdrückt nicht nur, sondern schafft sich auch gleich noch die Individuen dazu, die das hinnehmen, ja sich darin aufgehoben fühlen.

„In der autoritären Gesellschaft wird der sadomasochistische Charakter durch die ökonomische Struktur erzeugt, welche die autoritäre Hierarchie notwendig macht. Wie in der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt, so ist auch im autoritären Staat das Leben des Einzelnen umso mehr, je tiefer er in der Hierarchie steht, dem Zufall preisgegeben. Die relative Undurchschaubarkeit des gesellschaftlichen und damit des individuellen Lebens schafft eine schier hoffnungslose Abhängigkeit, an die sich das Individuum anpasst, indem es eine sadomasochistische Charakterstruktur entwickelt.“ (I, 118)

Von der „ökonomischen Struktur“ der bürgerlichen Gesellschaft, die Fromm als Ursache des „sadomasochistischen Charakters“ anführt, will er gar nichts wissen. Er gibt ja überhaupt kein ökonomisches Prinzip an, nach dem die Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft sortiert werden. Mehr noch: Er will eine Karriereleiter entdeckt haben, deren absurdes Festlegungsprinzip darin bestehen soll, die Menschen – ausgerechnet „je tiefer sie in der Hierarchie stehen – umso weniger festzulegen. Eine Unsinnsbestimmung, bei der man sich fragt, ob Fromm wirklich nicht weiß, dass gerade auf den „unteren Stufen“ die Alternativen sehr eindeutig sind, auf die bürgerliche Individuen festgelegt werden: Arbeit mit viel Leistung und einem Lohn, der zu lauter sehr eng umschriebenen Einteilungskunststücken zwingt, oder Arbeitslosigkeit mit ‚ziemlich genau definierten Existenznöten. Dies eine Auslieferung an den „Zufall“ zu nennen, ist schon sehr komisch, zumal ja auch das Kriterium, nach dem Kapitalisten ein- und ausstellen, einem Kenner der „ökonomischen Struktur“ nicht unbekannt sein dürften: dass Arbeit nur bezahlt wird, wenn sie sich für den Profit lohnt.

Der kleine Kunstgriff, den der Herr Psychoökonom hier anwendet, besteht darin, dass er (s)eine falsche psychologische Deutung der Gefährdung der Existenz, die denen „unten“ oder „ganz unten“ im Kapitalismus zugemutet wird, nämlich die Interpretation, man sei dem Wirken anonymer Mächte (= „Schicksal“) ausgeliefert und wisse in seiner Not weder aus noch ein, als objektives Urteil, ja als das Charakteristikum der kapitalistischen Hierarchie angibt: Sie zeichne sich durch Undurchschaubarkeit aus! Die prinzipielle Unmöglichkeit, eine Sache durchblicken zu können, als Eigenschaft irgendeiner Sache zu behaupten, ist allerdings ein einziger Widerspruch: Wenn dies wirklich zuträfe, dann könnte auch Herr Fromm diese Eigenschaft nicht als Resultat seines famosen Durchblicks verkünden! Und darauf legt er ja schon Wert: dass er schon weiß, was in der bürgerlichen Gesellschaft gespielt wird. Und was weiß er? Dass die Massen – wegen der „ökonomischen Struktur“ – nicht durchblicken können! Das soll ja die Erkenntnisleistung über das bürgerliche Getriebe sein, die der gute Mann eben den Massen voraus hat. Sei’s drum.

Die Massen jedenfalls, meint Fromm, „passen sich an“. Bloß: Woran denn eigentlich, wenn sie gar nicht durchblicken? „Anpassung“ unterstellt doch allemal ein Wissen um den Gegensatz zwischen dem eigenen Interesse und einem fremden, dem man sich in der Berechnung anbequemt, dass so das eigene Anliegen immer noch besser zur Geltung käme als durch die Austragung des unterstellten Gegensatzes. Sie unterstellt also auch ein Bewusstsein von der Abhängigkeit, in der man sich befindet, nämlich, dass die „Mächte“, denen man sich unterordnet, ein materielles Mittel in der Hand haben, womit sie die eigene Lebensgestaltung bestimmen. Von wegen also, es sei der mangelnde Durchblick, der eine noch dazu „schier hoffnungslose“ Abhängigkeit schaffe! Wenn dem im übrigen so wäre, dann wäre es doch auch damit getan, dass die Kritischen Theoretiker den Durchblick, über den sie ja zu verfügen vorgeben, den werten Massen zur Verfügung stellen. Dann wäre es ja vorbei mit dieser leidigen Abhängigkeit.

Fromm und seinesgleichen liegt freilich nichts ferner als das. Sie sind so scharf auf die Konstruktion eines völlig inhaltsleeren und bewusstlosen Abhängigkeitsbewusstseins, dass sie noch den absurdesten Deutungen der Zumutungen, die die bürgerliche Welt ihren Untertanen angedeihen lässt, rechtgeben und sie zur schlechthin nicht mehr kritisierbaren Objektivität der bürgerlichen Verhältnisse selbst erklären:

„Je mehr umgekehrt die Widersprüche innerhalb der Gesellschaft anwachsen und je unlösbarer sie werden, je blinder und unkontrollierter die gesellschaftlichen Kräfte sind, je mehr Katastrophen wie Krieg und Arbeitslosigkeit als unabwendbare Schicksalsmächte das Leben des Individuums überschatten, desto stärker und allgemeiner wird die sadomasochistische Triebstruktur und damit die autoritäre Charakterstruktur, desto mehr wird die Hingabe an das Schicksal zur obersten Tugend und zur Lust. Diese Lust macht es überhaupt erst möglich, dass die Menschen ein solches Leben gern und willig ertragen, und der Masochismus erweist sich als eine der wichtigsten psychischen Bedingungen für das Funktionieren der Gesellschaft, als ein Hauptelement des Kitts, der sie immer wieder zusammenhält.“ (I, 122)

Hält der Kritische Theoretiker die Charakterisierung von Arbeitslosigkeit und Krieg als „Katastrophen“ und „unabwendbare“ Schicksalsschläge tatsächlich für zutreffende Kennzeichnungen dieser „Ereignisse“, die im bürgerlichen Betrieb an der Tagesordnung sind? Oder will er damit bloß die untertänige Perspektive kennzeichnen, die normale Staatsbürger dazu einnehmen, wenn sie sich als Betroffene definieren und die mit Arbeitslosigkeit und Krieg verlangten Opfer als „Lebenslage“ auffassen, aus der man eben das Beste machen muss? Schwer zu entscheiden, was Fromm selber weiß und was nicht – jedenfalls will er hier gar nicht zwischen den dümmsten Ideologien und den banalen Wahrheiten über die bürgerliche Gesellschaft unterscheiden. Ihm fiele nicht einmal im Traume ein, den von ihm zitierten untertänigen Schicksalsglauben mit dem Hinweis zu kritisieren, dass Arbeitslosigkeit keinesfalls das Resultat „unkontrollierter gesellschaftlicher Kräfte“ ist, sondern sich den staatlich geschützten Berechnungen kapitalistischer Unternehmer verdankt, die mit der Beschäftigung oder Nichtbeschäftigung von Lohnarbeitern ihre Konkurrenz gegeneinander austragen; und dass Kriege ebenfalls nicht durch „blinde“ Kräfte zustandekommen, sondern aus der Konkurrenz nationaler Souveräne entstehen, die die jeweils andere höchste Gewalt als Hindernis ihrer „berechtigten“ nationalen Interessen betrachten.

Denn so viel steht fest: Die noch nicht einmal spezifisch bürgerliche Ideologie vom Walten düsterer Mächte, denen der bürgerliche Erdenwurm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sei, passt ihm für sein gesellschaftliches Naturgesetz der Subjektivität so gut in den Kram, dass er sie gleich zu der gesellschaftlichen Realität erklärt, die für den „subjektiven Faktor“ ausschlaggebend ist. Ein bisschen „Schicksal“ muss die kapitalistische Gesellschaft schon sein, damit sie ihre Rolle als unabhängige Variable für Fromms „Gesetz“ spielen kann, wonach die abhängige Variable „Charakterstruktur“ umso zuverlässiger funktioniert, je übler ihrem Träger mitgespielt wird.

Mal abgesehen davon, wie „Hingabe“ ans „Schicksal“ quantitativ zu steigern gehen soll („je … desto“); dass Tugend und Lust auch zwei ziemlich gegensätzliche subjektive Stellungen bezeichnen – Fromm hat hier natürlich mit keiner Silbe erklärt, wie die kapitalistische Gesellschaft den „Sado-Maso“ erzeugt. Wie auch, wo doch aus Arbeitslosigkeit und Krieg überhaupt keine bestimmte Stellung dazu folgt! Umgekehrt: Sein Resultat, dass mit den Zumutungen ans bürgerliche Individuum dessen Lust am Erdulden wächst – so dass am Ende jede neue „Katastrophe“, die über das Menschlein „hereinbricht“, zu einem Sonderservice an seinem Gefühlsleben wird –, unterstellt schon das Charaktermonstrum, welches sich immer haargenau das sehnlichst wünscht, was ihm angetan wird. Es ist wieder jenes Verfahren des Analogieschlusses, mit dem Individuum und Gesellschaft wechselseitig so zurechtdefiniert werden, dass sie dann lückenlos zueinander passen.

Die kritische Theorie des Subjekts – eine einzige Antikritik

Die theoretische Maxime, man müsse den subjektiven Faktor ins Visier nehmen, um zu erklären, warum die politische Gewalt des Kapitalismus sich so erfolgreich ihres Menschenmaterials bedienen kann, hält im Ausgangspunkt ganz formell einen Gegensatz fest zwischen denen, die über die ökonomische und politische Macht verfügen und denen, die sich ihr zu beugen haben. Dass dieser Gegensatz aber eben bloß ganz formell, nämlich als pures Herrschaftsverhältnis aufgefasst wird, ist zugleich der völlig verkehrte Ausgangspunkt dieser Theorie. Sie will nämlich vom Inhalt der ökonomischen Macht im Kapitalismus und den politischen Zwecken des demokratischen Gewaltmonopols nichts wissen, damit also auch nichts von den Gründen, die den Rest der Mannschaft dazu bewegen, ihren Interessen unter den ihnen vorausgesetzten Bedingungen nachzugehen und dabei allerlei Schädigungen in Kauf zu nehmen. Statt dessen konstruiert sie ein Rätsel des Inhalts, wie es vor sich gehen kann, dass jemand aus freiem Willen Verhältnisse eingeht, die seinem Interesse zuwiderlaufen. Der Schluss, dass dafür der freie Wille in der Tat auch nicht der Grund sein kann, sondern entsprechende materielle Erpressungsmittel vorliegen müssen, die dem freien Willen die Weisen seiner Betätigung diktieren, wird vermieden zugunsten des Fehlschlusses, dass, was nicht aus freiem Willen passiert, auch überhaupt nicht mit Willen und Bewusstsein geschehen könne. Mit diesem Kunstgriff wird dann eine im Inneren des Subjekts wirkende Instanz erfunden, die dessen Willen zur Unterwerfung determiniert.

Damit ist freilich nicht nur die Spezifik des bürgerlichen Verhältnis von Herrschaft und Untertan geleugnet, welches den freien Willen ausdrücklich anerkennt und in der Benutzung des Interesses der Ausgebeuteten für Dienste besteht, in deren Vollzug deren Wohlergehen auf der Strecke bleibt. Es wird auch der Wille überhaupt geleugnet, und zwar wiederum auf beiden Seiten des Herrschaftsverhältnisses: Dass die bürgerliche Herrschaft tatsächlich keine „Willkürherrschaft“ ist, die sich nach den Vorlieben der Herrscherfiguren richtet, wird gleich so verdreht, dass sie zur „anonymen“ Macht erklärt wird, ganz so, als sei die Lüge vom „Sachzwang“, dem auch die unterliegen würden, die ihn einrichten, tatsächlich wahr. Und die tatsächliche Leistung moderner staatsbürgerlicher Mitmacher, die in der selbstbewussten Anerkennung der maßgeblichen Interessen von Geschäft und Gewalt eben als „Sachzwängen“ besteht, unter denen man sein Glück zu machen hat, wird so verdreht, als seien moderne Staatsbürger willenlose Subjekte, die ohne Führung und Autorität regelrecht aufgeschmissen wären.

Mehr noch: Der eingangs behauptete Gegensatz, der ja die ganze Verwunderung über das „Mitmachen“ hervorgerufen hat, wird vollständig aufgelöst. Der Gegensatz von Herrschaft und Untertanen wird zum bloßen Vordergrund eines hintergründigen, aber umso wirksameren, Entsprechungsverhältnisses. Nach der Logik: Weil die Leute einen Gegensatz gegen sich nicht wollen können, kann es sich recht eigentlich auch nicht um einen Gegensatz handeln, sondern irgendwie müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse den Leuten schon entsprechen, mögen sie auch noch so sehr gebeutelt werden. Die Entsprechung wird zweckmäßiger Weise ins Menscheninnere verlegt, wo sowieso niemand nachgucken kann.

Das einzige ‚Argument‘, was diese Subjektfreunde für das Entsprechungsverhältnis ins Feld führen, und das immerzu, besteht in dem Deuten darauf, dass das Herrschaftsverhältnis gelingt, dass die Leute praktisch den Anforderungen von Ökonomie und Politik nachkommen und auch noch für den ganzen Laden sind. Nur ist das überhaupt kein Argument, sondern allenfalls ein Faktum, das im Ausgangspunkt ja noch für erklärungsbedürftig befunden wurde. Dass die Sache so ist, ist kein Beweis dafür, dass es dann auch gar nicht anders geht. Und dass die Leute bei etwas mitmachen, was ihre Interessen immer nur sehr bedingt zum Zuge kommen lässt, ist auch kein Beweis dafür, dass sie dann im Mitmachen eine tiefere Befriedigung finden.

Die Kritische Theorie des „Autoritären Charakters“ ist eine einzige Antikritik. Sie will den Beweis anstrengen für die Unmöglichkeit einer praktischen Aufkündigung der Gefolgschaft gegenüber einem Staat, der für reichlich Armut und Gewalt hier und anderswo verantwortlich zeichnet. ‚Schaut her, dem Volk passt’s doch!‘ heißt ihr ganzer Beweis.

Und das Ganze aus geheuchelter Parteinahme für den Herrn Untertanen, der aber nun mal so ist, wie er ist, und von dem man sich als Elite natürlich unterscheidet. z. B. dadurch, dass man die „Mechanismen“ kennt, die die „Massen“ zur Gefügigkeit disponieren.

Die Anhänger dieser Theorie denken selber natürlich nicht im Traum an praktische Opposition gegen irgendeine Zwecksetzung von Staat und Kapital. Ihre ganze Theorie besteht ja in der Suche nach unausweichlichen Gründen für Unterwerfung. Sie selber bilden sich natürlich was drauf ein, lauter gute und bessere Notwendigkeiten für den kapitalistischen Laden zu kennen: für die Marktwirtschaft, das Gewaltmonopol und nicht zuletzt für die Verteidigung der Nation. Bloß: Welcher Mitmacher ist nicht der Auffassung, dass seine Gründe dafür allemal besser sind als die der anderen Mitmacher?


Zusatz 1

Autoritärer Charakter braucht Antisemitismus

Die unter dem Titel „Der autoritäre Charakter“ von Adorno und anderen durchgeführten Untersuchungen über „Autorität und Vorurteil“ sind durch und durch von einem theoretischen Vorurteil geleitet:

„Hier (gemeint sind antisemitische Äußerungen) ist der Widerspruch zwischen Urteil und Erfahrung derart schlagend, dass die Existenz des Vorurteils nur aus starken psychischen Impulsen zu erklären ist.“ (II, Bd. 2, 240)

Um ein Vorurteil auf der Seite von Adorno handelt es sich hier insofern, als mit dem Hinweis auf einen Widerspruch zwischen Urteil und Erfahrung jede weitere Befassung mit den antisemitischen Urteilen, und erst recht eine Kritik derselben für überflüssig befunden wird. Bloß weil er sich nicht erklären will, welcher Stellung zu Ökonomie und Politik der Nation sich Verurteilungen von Juden als undeutsch, unpatriotisch, Schmarotzer usw. verdanken, bestreitet Adorno mit dem ‚Schluss‘ auf ‚psychische Impulse‘ auch gleich, dass es sich dabei überhaupt um Urteile handelt, mit denen man sich auseinandersetzen könnte: Was durch einen ‚Impuls‘ verursacht ist, ist schließlich eine unweigerliche, quasi natürliche Reaktion! Es stimmt ja, dass der Antisemitismus nicht aus der Erfahrung mit den tatsächlichen Juden gewonnen ist. Aber daraus folgt nur, dass die einschlägigen Be- und Verurteilungen einem anderen Standpunkt entspringen als dem, sich seine Erfahrungen zu erklären. Was das für einer ist, ergibt sich nur aus der Befassung mit den dabei gefällten Urteilen. Das aber lehnt Adorno ab. So verpasst die Kritische Theorie zielstrebig die .Eigenart nationalen Denkens. Wer ganz ungeachtet dessen, was Arbeiter, Studenten,

kleine Geschäftsleute, Politiker oder Finanzmagnaten zu tun und zu lassen haben, behauptet, deren Identität bestehe darin, dass sie deutsch oder un-deutsch seien, der bringt schließlich eine Interpretation von deren Treiben zur Anwendung, welche die sehr gegensätzlichen Charaktere hinsichtlich ihrer Volkszugehörigkeit unterscheidet. Wer solche Urteile fällt, lässt sich nicht und will sich auch nicht daran messen lassen, ob sie mit irgendeiner ‚Erfahrung‘ übereinstimmen. Umgekehrt: So jemand hat ja gerade im Jude-sein das Kriterium festgelegt, unter dem ihm alle Deutschen jüdischer Abstammung als prinzipiell verdächtig, weil volksfremd, erscheinen, und legt sich von daher willkürlich „Belege“ für diesen Befund zurecht, die er als seiner „Erfahrung“ entspringend behauptet.

Dass es sich beim Antisemitismus um einen politischen Standpunkt handelt, um ein Staatsprogramm, das eine innere Sortierung des Volkskörpers für nötig hielt, um die deutsche Nation wieder zu der ihr angeblich zustehenden Größe zu führen, wird Adorno wohl bekannt gewesen sein. Mit dem Beschluss, dieses Programm als Wirkung psychischer Impulse zu deuten, erklärt er den Antisemitismus aber rundheraus zu einem quasi unverzichtbaren Mittel der Leute, die für dieses anspruchsvolle Staatsprogramm selber geradezustehen hatten, mit sich selbst zurechtzukommen. Dank dieses Beschlusses, einzig die menschliche Psyche als Ursache des Antisemitismus in Betracht zu ziehen, braucht vom Antisemitismus selbst weiter gar nicht mehr die Rede zu sein. Was immer es mit ihm auch auf sich haben mag, laut Adorno ist – irgendwie funktional für den Seelenhaushalt. Diesen legt er sich entsprechend zurecht.

„…die – zum großen Teil unbewusste – Feindschaft, im Individuum verursacht durch Triebverzicht und Repression, und sozial von seinem eigentlichen Objekt abgelenkt, braucht ein Ersatzobjekt; dadurch gewinnt sie für das Subjekt einen realistischen Aspekt, das, wie die Dinge liegen, radikaleren Äußerungen des mangelnden Kontaktes mit der Realität, d. h. einer Psychose ausweichen muss… Alle diese Bedingungen werden in hohem Maße von dem Phänomen ‚Jude‘ erfüllt. Das heißt nicht, dass Juden sich unbedingt Hasszuziehen müssen, oder dass eine unabwendbare historische Notwendigkeit sie eher als andere das ideale Angriffsziel sozialer Aggressivität sein lässt. Es genügt, dass sie diese Funktion im psychischen Haushalt vieler Individuen erfüllen können. … Antisemitismus als ein Mittel, sich in einer kalten, entfremdeten und weithin unverständlichen Welt zu ‚orientieren‘.“ (II, Bd. 2, 211 f )

Eine „unbewusste Feindschaft“, die ihr „Objekt“ erst noch finden muss, gibt es nicht. Was soll das denn sein, eine Feindschaft, von der man nichts weiß, und die überhaupt kein ‚Wogegen‘ kennt?! Einen inhaltsleeren Trieb, als welchen Adorno sich diese „Feindschaft“ offenbar vorstellt, kann man auch von keinem „eigentlichen Objekt“ ablenken auf ein „Ersatzobjekt“. Wenn es schon ein Trieb sein soll, dann vermag der solche Unterscheidungen gar nicht zu treffen. Entweder ist der Trieb auf ein bestimmtes „Objekt“ gerichtet, dann lässt er sich nicht ablenken – wie der Name ‚Trieb‘ schon sagt. Oder er ist völlig unbestimmt, auf nichts gerichtet, dann gibt es keinen Unterschied zwischen „eigentlichem“ und uneigentlichem „Ersatzobjekt“. Dann passt eben jedes Objekt auf den Trieb. Und wie sollte gar ein so ‚getriebenes‘ „Subjekt“, dem es noch dazu an Kontakt mit der Realität gänzlich mangeln soll, ausgerechnet auf die Juden als seine Feinde verfallen? Für jemanden, der irgendetwas braucht, damit sein imaginärer Feindschaftstrieb ein Objekt hat, tut es doch jeder Professor, Polizist, Hund oder Katze.

Dieser logische Unsinn verdankt sich dem Beschluss, den vorgefundenen Antisemitismus in die Psyche hineinzuverlegen, um ihn dann – hineinschauen kann da ja bekanntlich sowieso niemand – als ihr Verlangen wieder herauszuzaubern. Dafür, dass die Juden genau in den „psychischen Haushalt“ gepasst haben, hat Adorno denn auch kein einziges Argument. Wie auch! Das Faktum, dass die Juden verfolgt wurden, reicht ihm als Beweis für seinen Schluss, dass dieses „Objekt“ zu den Leuten gepasst haben muss. So verleiht er dem Faktum den Schein der Notwendigkeit: Die Leute haben den Antisemitismus gebraucht. Zwar dementiert er selbst noch, dass die Juden notwendigerweise das „Angriffsziel“ sein mussten. Aber auch hier „genügt“ ihm die Tatsache, dass sie es waren, für den ‚Schluss‘, dass ja wohl etwas an ihnen dran gewesen sein muss, was sie dafür geeignet gemacht hat.

Was die „Orientierung“ betrifft, die die Juden als Angriffsobjekte den Menschen in ihrer kalten, entfremdeten und unverständlichen Welt geboten haben sollen, so gibt dieser Gedanke einzig Aufschluss darüber, was einem Adorno als Volksbeglückung einleuchtet. Nichts scheint ihm offenbar selbstverständlicher, als dass der Mensch „Orientierung‘ braucht, geistige Führung, etwas, wonach er sich richten müssen darf. Er denkt sich den Menschen eben gar nicht anders als einen Untertan, dessen entscheidendes Lebensmittel darin besteht, dass ihm jemand sagt, wo es langgeht. Und dass den Menschen ihr Bedürfnis nach Wärme, menschlicher Nähe und Durchblick ausgerechnet durch die Herstellung einer kampfbereiten Volksgemeinschaft und die damit verbundene Definition eines zum Abschuss freigegebenen Feindes befriedigt worden sei, leuchtet nur jemandem ein, der von vorneherein davon überzeugt ist, dass all das, was staatliche Machthaber mit ihrem Volk anstellen, den innersten Bedürfnissen der „Masse“ entsprechen muss, wenn es funktionieren soll. Dass die Mitmacher bei einem Staatsprogramm, das für sie selbst und andere Opfer für das Wiedererstarken der Nation bedeutet, sich einen für sie sehr schädlichen Widerspruch leisten und deshalb vielleicht zu kritisieren wären, liegt Adorno & Co völlig fern. Deren Theorie leistet eine einzige Entschuldigung der Mitmacher, die, ganz Spielball ihrer Triebe, ihr verständliches Bedürfnis nach „Orientierung“ zwar am falschen „Objekt“, aber doch immerhin befriedigt bekommen hätten; so dass man ihnen das nicht weiter ankreiden darf, weil ihnen ja eine andere – dem demokratischen Geschmack .entsprechende – „Orientierung“ vorenthalten worden ist. Zugleich äußert diese Theorie ihre herzlichste Verachtung und Beschuldigung der Mitmacher. Wer, welche Naturen lassen sich denn schon mit „Ersatzobjekten“ abspeisen und durch Triebe determinieren?! Adorno doch wohl nicht!

Es müssen also ziemlich verkorkste Subjekte sein, autoritäre Charaktere eben, schwache Ichs und dergleichen, denen so etwas passiert. Die können nicht anders. Ob Be- oder Entschuldigung – in jedem Fall ist eine gewisse Verwandtschaft zum Deutungsmuster rassistischer Theorie nicht zu übersehen. Denn immerhin wird so ein ganzes Herrschaftsprogramm, für das das verfügbare Menschenmaterial nicht zu knapp verheizt wurde, aus dem angeblich innersten Seelenbedürfnis eben dieses Menschenmaterials abgeleitet. Woran man sieht, dass ein theoretischer Rassismus auch ohne einen Rückgriff auf Gene zu haben ist.


Zusatz 2

Der Jude als Sündenbock

„Darum schreit man: haltet den Dieb! und zeigt auf den Juden. Er ist in der Tat der Sündenbock, nicht bloß für einzelne Manöver und Machinationen, sondern in dem umfassenden Sinn, dass ihm das ökonomische Unrecht einer ganzen Klasse aufgebürdet wird.“ (III, 154 bzw. 205)

Diese Vorstellung, dass zur Vermeidung eines möglichen Aufstands der deutschen Arbeiterklasse gegen ihre Herrschaft und Ausbeuter trickreich die Juden als Sündenböcke aus der Tasche gezogen worden seien, denen man einfach das „ökonomische Unrecht“ aufbürden konnte, ist zwar beliebt, aber nicht besonders logisch.

Sicher hat Hitler die Juden zu Feinden des deutschen Volkes erklärt und entsprechend behandeln lassen. Nur – dass die Judenvernichtung in Wahrheit ein Manöver gewesen wäre, mit dem er „eine ganze Klasse“ eingeseift und von ihrem „eigentlichen“ Anliegen abgebracht hat, das kann nicht stimmen.

Die Sündenbock-Theorie beruht nämlich einerseits auf der Unterstellung, dass die Arbeiterklasse sich auf ihre ökonomische Lage besonnen hätte, sich über die Verursacher ihres immerzu kümmerlichen Lebensunterhalts im Klaren und darüber hinaus auch bereit gewesen wäre, daraus eine praktische Konsequenz zu ziehen, die den Staat gefährdet hätte. Zugleich soll sie sich aber von diesem Vorhaben einfach dadurch „ablenken“ gelassen haben, dass man ihr (irgend)einen Sündenbock gezeigt hat. Damit wiederum wird derselben Arbeiterklasse unterstellt, sie hätte genau derselben Herrschaft, die sie zuvor für ihre miese Lage verantwortlich gemacht hat, gutgläubig abgenommen, dass die am „ökonomischen Unrecht“ völlig unschuldig sei und vollstes Vertrauen verdiene.

Diese Sorte nationalistischer Vertrauensseligkeit verträgt sich schlecht mit der Unterstellung der ganzen Konstruktion, die Klasse sei zum Kampf gegen ihre Ausbeuter bereit gewesen.

Darüber hinaus soll die Arbeiterklasse aus heiterem Himmel geglaubt haben, dass Leute, die ja im ökonomischen Leben Deutschlands genauso auf die gesellschaftliche Hierarchie verteilt waren wie die Deutschen ‚arischer Rasse‘ auch, ausgerechnet aufgrund eines ihnen zugeschriebenen rassischen Merkmals an der eigenen ökonomischen Lage Schuld gewesen seien. Da soll sich also das Wissen um die Gründe der eigenen ökonomischen Misere bestens vertragen mit der Bereitschaft, auf jede nationalistische Deutung des Elends einzusteigen.

Und schließlich sollen Leute, die an der Besserung ihrer materiellen Lage interessiert waren, plötzlich damit zufrieden gestellt worden sein, dass ihnen irgendein Schuldiger präsentiert wurde, dessen Verfolgung bekanntlich um keinen Deut reicher macht.

Fazit: Die Sündenbock-Theorie taugt überhaupt nichts. Arbeiter, denen es tatsächlich um ihren materiellen Nutzen geht, lassen sich ein nationales Programm nicht bieten, das ihnen Arbeits- und Kriegsdienst einbringt. Da hilft dann auch kein Sündenbock. Von solchen Arbeitern gab es offensichtlich 1933 viel zu wenige.

Umgekehrt fällt die Hetze gegen Juden, Ausländer und Kommunisten nur bei anständigen Deutschen auf fruchtbaren Boden. Bei Leuten also, die ihren Erfolg mit dem Erfolg der Nation gleichsetzen, bei anderen die eigene Opferbereitschaft für das Große und Ganze vermissen und deswegen staatlichem Terror gegen alle, die als Störer eines gelungenen Verhältnisses zwischen Staat und Volk dingfest gemacht werden, beipflichten. Ein Trick mit einem ‚Sündenbock‘ erübrigt sich da. Und wenn ein solcher Trick nötig wäre, würde er gar nicht funktionieren.


Zusatz 3

Die Gesellschaft, einfach undurchschaubar fürs gemeine Volk

„Der tiefste Grund für diese Unwissenheit liegt wahrscheinlich in der Undurchsichtigkeit der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Situation für alle diejenigen, die nicht über den gesamten Vorrat an theoretischem Wissen und Denken verfügen.“ (II, Bd. 2, 280)

Das ist doch mal ein Gedanke, der die Welt ungeheuer um Wissen bereichert! Die Kritische Theorie will die „Unwissenheit“ der Massen als Grund für die gegenwärtige „gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Situation“ entdeckt haben. Und was wissen „alle diejenigen“

nicht? Das verraten uns die wissenden Herren nicht. Dafür warten sie aber mit einem Grund für deren Unwissenheit auf: die „Situation“ – Gesellschaft, Politik, Wirtschaft hin oder her – besteht im wesentlichen darin, dass sie sich „undurchsichtig“ macht, so dass die „alle diejenigen“ gar nichts wissen können, weswegen die „Situation“ auch gar nicht anders sein kann… Und warum „Undurchsichtigkeit“ speziell für die „alle diejenigen“? Weil die eben nicht über den „gesamten Vorrat an Wissen“ verfügen. Aber unsere grandiosen Theoretiker haben den schönen Vorrat doch wohl gelagert, oder? Könnten sie da nicht ihr Lager öffnen und …

Doch halt! Dann wäre es ja womöglich aus mit diesem tragisch-schönen Zirkel, und unsere kritischen Theoretiker würden sich ja gemein machen – mit den „all diejenigen“ …


Zusatz 4

„Revolution überflüssig!“

Die in linken Kreisen so beliebte Frage, „Warum die Arbeiter keine Revolution machen?“, sondern den Kapitalismus am Laufen halten, ist eine falsche Frage.

  1. lebt sie von der Unterstellung, dass die ‚kleinen Leute‘ eigentlich etwas anderes tun müssten als sie tun. Müssen sie aber gar nicht. Da wird glatt so getan, als ob es eine wie auch immer geartete höhere Notwendigkeit gäbe, der das Proletariat zu gehorchen hätte, ob es will oder nicht. Eine solche Gesetzmäßigkeit stiftet aber weder die Natur noch „die Geschichte“, sondern einzig und allein der Idealismus vulgärmaterialistischer Weltanschauungen.
  2. Dass der Kapitalismus mit seinem Regime von Geschäft und Gewalt den Lohnabhängigen genug Gründe für eine Revolution beschert, heißt keineswegs – wie suggeriert wird –, dass diese deshalb „unvermeidlich“ ist. Die Ausbeutung ist kein Reiz, auf den die Arbeiter mit bedingtem Reflex durch ihre Abschaffung reagieren (müssten). Ob jene zur Bekämpfung des Systems der Lohnarbeit schreiten, ist eine Frage der Einsicht in die Natur des kapitalistischen Klassengegensatzes und des Willens, damit Schluss zu machen. Sonst läuft eben nichts, d. h. die alte Scheiße geht weiter!
  3. Die Frage, warum machen „die Massen“ die Revolution nicht, tut ferner so, als ob diese sich ständig mit dem einen Problem herumschlagen würden, ob sie jetzt mitmachen oder den ganzen Laden kippen sollen. Das Problem hat aber keiner, der mitmacht. Jedenfalls fragt sich kein Arbeiter, bevor er morgens in die Fabrik einrückt, ob er nicht lieber oder eigentlich das „historische Subjekt der Revolution“ sein will. Sondern er geht, weil er Geld braucht, hinein und hinterher nach Hause, wo er zusieht, wieweit seine schmalen Mittel reichen. Nichts alberner als die Vorstellung, damit habe er sich gegen seine „eigentliche Mission“ entschieden.
  4. Die ganze Fragestellung ist heutzutage – gestellt zur Befruchtung philosophischer Seminardebatten – ohnehin bloß rhetorischer Natur. Sie ist gleich als Antwort gemeint, nämlich so: Die schiere Tatsache, dass der Aufstand bis heute ausgeblieben ist, ist doch wohl Argument genug. Und zwar dafür, die Gründe für eine Revolution für hinfällig zu erklären. So wird die metaphysische Determinationslehre nicht etwa kritisiert, sondern schöpferisch angewandt. Indem man sie rückwärts buchstabiert; nach dem Motto: Wo kein Aufstand passiert, ist er offenbar nicht (mehr) nötig! „Notwendig“ und angemessen ist demnach immer genau der „Widerstand“ und die „soziale Bewegung“, die es gerade gibt _ weil: sonst gäb’s ja nicht die, sondern eine andere. So kommen öko-Grün und Frauenehre aus demselben Grund zu akademischer Würdigung, aus welchem der selbsterstellte Popanz einer proletarischen Mission stets aufs Neue geschichtsphilosophisch und soziologisch beerdigt wird.

Literatur:

I.
Fromm, Horkheimer, Markuse u.a.: Autorität und Familie

II.
Adorno u.a.: Der autoritäre Charakter

III.
Adorno: Dialektik der Aufklärung