Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Der 1. Weltkrieg

Schicksal, Unfall, menschliches Versagen

Wenn heutzutage Leute sich Naturereignisse wie Gewitter aus der Existenz Gottes erklären, hält man sie für blöd, weil man, selbst wenn man die physikalischen Zusammenhänge nicht kennt, zumindest weiß, dass ein Gewitter naturwissenschaftlich zu erklären ist. Wenn dagegen ein Historiker bei der Suche nach Gründen, die zu einem Weltkrieg geführt haben, dies als Schicksal bespricht, das zu verhindern nicht möglich war, weil die Politiker der „krisenreichen Entwicklung“ nicht mehr entgegenwirken konnten, hält dies jeder für eine Erklärung.

Ein Gewitter zieht auf

Da werden in einem Geschichtsbuch die Krisen und Bündnisse vor dem 1. Weltkrieg folgendermaßen zusammengefasst:

„Großbritannien war der Rivale Russlands in Asien. Es verbündete sich deshalb mit Japan. Wegen der englisch-russischen Spannungen betrachteten die deutschen Politiker die Engländer als ihre natürlichen Bundesgenossen. Aber unter Eduard VII. bereinigte Großbritannien seine kolonialen Gegensätze mit Frankreich und näherte sich Russland. Da Deutschland der Bündnispartner Österreichs war, musste es auch wegen des starken österreichisch-russischen Spannungsverhältnisses in Südosteuropa mit der Gegnerschaft des Zarenreiches rechnen. Italien war aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ein wenig verlässlicher Bundesgenosse im Dreibund.“
(aus: Grundzüge der Geschichte, Band 4, S.44)

Ganz nach dem Motto, weil der Emil mein Freund ist, ist der Otto mein Feind, gerade so, als gäbe es einen automatischen Zusammenhang, werden Bündnisse völlig getrennt von etwaigen gemeinsamen oder konfligierenden Interessen einfach daraus abgeleitet, dass man mit einem anderen Land (k)ein Bündnis hat.

Weil England mit Russland Spannungen hatte, liegt nichts näher, als dass England „natürlicher“ Bundesgenosse der Deutschen sei? Der Geschichtsschreiber geht offenbar davon aus, dass Staaten einfach, weil es sie gibt, Gegensätze zueinander haben. Ihm ist dies so selbstverständlich – wie ein Naturgesetz –, dass er es nicht mehr für nötig hält, zu erklären, welche staatlichen Interessen sich da in die Quere kommen. Er begnügt sich damit, Europa strategisch nach Bündnispartnern und Gegnern zu sortieren.

So wird die Gegnerschaft Deutschlands gegenüber Russland vor dem 1. Weltkrieg schlicht und einfach damit begründet, dass Deutschland „der Bündnispartner Österreichs“ war.

Damit stellt er die Welt auf den Kopf: aus Bündnissen mit einem Land entstehen Feindschaften zu einem anderen Land, als wären nicht Ansprüche gegenüber Russland erst der Grund, einen militärischen Bündnispartner zu suchen, um diese Ansprüche machtvoller durchsetzen zu können. Die strategische Beurteilung der Welt nach Freund und Feind wird von Staaten doch nur deswegen angestellt, weil sie entschlossen sind, ihren Interessen dem Gegner gegenüber auch mit militärischer Gewalt Geltung zu verschaffen (vgl. die strategische Sortierung der Welt durch die Amerikaner heute!).

Das Gewitter spitzt sich zu

Das Geschichtsbuch sieht das etwas anders: Deutschland wusste sich nicht mehr zu helfen:

„In der Marokkokrise (1911) manövrierte Deutschland bereits hart am Rand des W., erstmals unter dem starken Druck einer von den Alldeutschen aufgepeitschten öffentl. Meinung. Auf dem Höhepunkt der Krise wich Deutschland vor der brit. Warnung zurück, fühlte sich aber jetzt erst recht ‚eingekreist‘ und in seiner Expansion gehemmt.“
(aus: Meyers Taschenlexikon Geschichte, Bd. 6, S. 234)

Armes Deutschland! Von innen und von außen unter Druck gesetzt! Ausgerechnet in der Außenpolitik werden sich die Politiker von dem ihnen unterworfenen Volk zu einer Entscheidung zwingen lassen. Ausgerechnet die misslungenen Expansionsvorhaben Deutschlands in der Marokko-„krise“ (d.h. Deutschland wollte Marokko, das zum Einflussgebiet der Franzosen gehörte, zu seinem eigenen machen; Frankreich setzte sich erfolgreich dagegen zur Wehr) sollen zu einem Einkreisungsgefühl der Deutschen geführt haben. Man weiß ja, aus Einkreisungsgefühl entsteht Aggression, also: weil man eingesperrt ist, muss man ausbrechen – und siehe da, ein neuer, quasi-automatischer, hinter jedem außenpolitischen Zweck wirkender Kriegsentschuldigungsgrund ist kreiert.

„Einkreisung“ und „Hemmung der Expansion“ ist also genau dasselbe: Deutschland war unzufrieden mit dem Resultat der Aufteilung Afrikas unter die übrigen imperialistischen Mächte Europas und wollte deshalb seine Einflusssphären dort erweitern. Da der deutsche Kaiser Wilhelm II keinen Staat fand, der diese Großmachtinteressen mit unterstützte, hatte er nur noch Gegner. Mitfühlend und voller Verständnis für das Bedürfnis nach einem machtvollen Deutschland heißt das dann: er fühlte sich eingekreist.

Es kracht: Was können die Politiker dafür?

Ist man erst einmal so weit, die Resultate deutscher Außenpolitik, die Bündnisse, die der Kaiser schließt, um deutschen Ansprüchen nach außen Geltung zu verschaffen, die Gegner, die er schafft, weil er Anspruch auf Gebiete und Einflusssphären anderer Staaten erhebt, in eine „Lage“, eine „Krise“, der er sich hilflos gegenüber sieht, zu verfabeln, dann werden Staatsführer zu Opfern ihrer Politik:

Sie müssen auf Krisen reagieren, versuchen das Beste aus der „Lage“ zu machen. Was ihnen „leider“ nicht immer gelingt: Haben sie falsch unbedacht auf die „Lage“ reagiert, oder hätten sie die „Katastrophe“ nicht verhindern können?! Ein einziges Hin und Her von Be- und Entschuldigungen.

Dabei haben sie die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz-Ferdinand sehr selbstbewusst erst zum Krisenfall erklärt: Österreich nimmt diesen Mord zum Anlass, nicht ohne sich vorher der Bündnistreue Deutschlands versichert zu haben, ein Ultimatum zu setzen, das die Forderung enthält: Österreichische Beamte sollten in Serbien die Fahndung nach den Mördern übernehmen. Mit der Schutzmacht Russland im Rücken lehnt Serbien diesen Eingriff in seine staatliche Souveränität ab, allerdings mit der Betonung, dass es selbst alles tun würde, um die Mörder zu finden. Daraufhin erklärt Deutschland Russland (1.8.) und Frankreich (3.8.) den Krieg. Was vermeldet ein Historiker dazu?

„Der Kriegsausbruch war der Abschluss einer langjährigen krisenreichen Entwicklung, die die Beilegung der diplomatischen Krise verhinderte, die der Mord von Sarajevo ausgelöst hatte. Infolge des nationalen Prestigedenkens und der langjährig gesteigerten Rüstungsanstrengungen spielte man in den Hauptstädten mit dem Risiko des Krieges, den kaum ein leitender Staatsmann gewollt hatte, für dessen Vermeidung man aber auch keine größeren diplomatischen Opfer bringen wollte.“
(aus: Zeiten und Menschen‚ S. 303f)

Da verhindert die „krisenreiche Entwicklung“ (eine seltsames politisches Subjekt) die Bemühungen der Politiker, die Krise beizulegen. Der Anspruch Österreichs, in die Innenpolitik Serbiens einzugreifen, eine bewusste Verletzung der Souveränität dieses Staates, und die Zusage des deutschen Kaisers, diesen Anspruch auch gewaltsam durchzusetzen, stellen ja erst die „Krise“ her. Also: Weder Beilegung einer Krise noch Vermeidung von Krieg waren der Zweck deutscher Politik, sondern der erklärte Wille, Russland eine Einflusssphäre – Serbien – abspenstig zu machen. Wer sich solche außenpolitischen Ziele setzt, kalkuliert den Krieg ein. Von wegen zu wenig Kriegsvermeidung wäre der Grund für den Krieg gewesen!

Dass der deutsche und der österreichische Kaiser den Krieg nicht gewollt hätten, stimmt höchstens insoweit, als es ihnen lieber gewesen wäre, Serbien ohne Gegenwehr Russlands einzunehmen. Die Schuldzuweisungen an die Staatsmänner sind also eine einzige Inschutznahme deutscher Großmachtinteressen. Deren schlechte Vertretung wird ihnen vorgeworfen. Der Vorwurf „übersteigerter Nationalismus“ kennt offenbar ein richtiges Maß für die Durchsetzung nationaler Interessen. Worin das wohl liegt? Es drängt sie der Verdacht auf, dass es das Maß eines Historikers ist, der nach einem verlorenen Krieg neunmalklug zum Besten gibt, dass man sich wohl zuviel vorgenommen hat. Wenn in schrecklichen Farben das Ausmaß der Zerstörung und der Menschenopfer ausgemalt wird, stellt dies nie einen Einwand gegen die Kriegsziele dar:

„Kriegsverluste. 8,7 Millionen Tote, Soldaten und Zivilisten, hatte dieser Krieg gekostet, davon allein 7,5 Millionen Europäer. Weite Landstriche waren zu Sturzäckern geworden, Wälder verkohlt, Städte und Dörfer verschwunden. Belgien und Frankreich konnten noch gar nicht absehen, wie teuer der Wiederaufbau kommen würde. Die innere Verschuldung der Länder war sehr hoch. Die Sieger beabsichtigten, sich den Krieg von den Besiegten bezahlen zu lassen.“
(aus: Grundzüge der Geschichte, Band 4, S. 74)

Man muss eben in Zukunft auf der Siegerseite stehen, dann lohnen sich die hohen Kosten. Fragt sich bloß, für wen.