Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Das Menschenbild der Pädagogik: Der „homo educandus“

Im Prinzip zu früh geboren, aber befähigt, daraus das Beste zu machen

1.

Zweifellos hätte ursprünglich aus dem Menschen schon etwas anderes werden sollen. Was genau, ist nach dem Stand der pädagogischen Forschung nicht unbedingt sicher. Als gesichert aber kann ihr zufolge gelten, dass die Natur unmöglich mit voller Absicht und in Kenntnis aller Folgen einen „hoch organisierten Säuger“ geschaffen hat, der seiner ganzen Gattung bloß Schande macht. Denn wo in ihr überhaupt, und gar nicht bloß bei den Säugern, alles perfekt eingerichtet ist und man nur staunen kann, wie gut und genau ein jedes „Leben“ von Anfang an in „die Welt“ hineinpasst, in die es fällt, kann man über den Menschen beim ersten Hinsehen nur den Kopf schütteln. So sind bekanntlich schon die dümmsten Kälber „Nestflüchter“, dass es eine wahre Freude ist, und machen sich, kaum stehen sie auf ihren 4 Beinen, mit „weit ausgebildeten, leistungsfähigen Sinnesorganen“ auf die Erkundung ihrer näheren Umgebung. Und der Homo? Ist total „unterentwickelt bei der Geburt“; „ohne Hilfe lebensunfähig“; hockt blind, taub und gefräßig im Nest – und scheißt sich zu. Und wo man schon an den aller-kleinsten Walfischen den großen Plan der Natur bemerkt und ihnen genau ansieht, was aus ihnen werden soll und wird – große Walfische nämlich –, ist das letztendliche Ziel eines Säuglings an dem überhaupt nicht abzusehen. Der ist gar „kein verkleinertes Abbild der Reifeform“, mit seinen „ganz anderen körperlichen Proportionen“ im Grunde zum Totlachen. „Nicht einmal aufrecht stehen“ kann er, wo doch gerade seine Gattung für ihren Gang berühmt geworden ist. Ein forschender Blick auf die nähere natürliche Verwandtschaft des Menschen macht überdeutlich, dass ihm so ziemlich alles von dem fehlt, was „echte Säuger“ schon mitbringen, wenn sie auf die Welt kommen und was dafür sorgt, dass sie immer irgendwie wie von selbst in sie hineinpassen. Beim Homo dagegen – so ein pädagogischer Grundgedanke – sind erst einmal nur Defekte auszumachen: Die Krone der Schöpfung ist eine Krücke sondergleichen.

2.

Nun darf man den Geburtsfehler dieses „Mängelwesens“ nicht so auffassen, dass ihm dann eben mit Tasthaaren, Spürnasen oder „ähnlichen körperlichen Ausstattungen einschließlich Instinktapparat“ geholfen wäre und er damit dem Stand der Säuger Ehre machen könnte. Auch Vorschläge, „den Ausbildungsgrad, den ein seiner Art entsprechendes Säugetier zur Zeit der Geburt verwirklichen müsste“ durch eine Verlängerung „unserer Schwangerschaft um ein Jahr“ heranwachsen zu lassen und so mit der Säugerkonkurrenz wenigstens gleichzuziehen, nutzen gar nichts und gehen an der Sache vorbei: So, wie der Mensch als „extrauterine Frühgeburt“ nun mal beieinander ist, wird aus ihm kein halbwegs brauchbarer Säuger mehr, damit muss er schon leben. Aber wie soll er denn dabei „leben“, d.h. sein „Verhalten in einer artspezifischen Umwelt regeln“ können? Den Uterus, der ihm die dafür im Prinzip geeigneten Hilfsmittel in Gestalt von „Trieben“ und „Instinkten“ angebrütet hätte, hat er nun ja unwiederbringlich verlassen, und in der „Umwelt“ findet sich, wie der Name ja schon sagt, für so etwas so schnell ein Ersatz nicht. Also muss er, „lebensunfähig“, wie er nun einmal so ist von Haus aus, bei sich für den Ersatz für all das sorgen, was ihm fürs Leben fehlt, und zuallererst „lernen, um zu überleben“: Es gilt, will der Homo erst einmal Mensch werden, aus sich und der eigenen „biologisch begründeten Weltoffenheit und Instinkt-Ungesichertheit“ das Beste zu machen – und, man merkt sofort, genau das kann er nicht. Wenigstens nicht von alleine, weil er ja, siehe oben, ein total lebensuntüchtiger Säuger ist. Also muss „Hilfe“ von außen kommen. Und wer anders aus dem Tierreich sollte zu der im Stande sein können als er selbst? – in Gestalt seiner schon fertigen Artgenossen freilich, die es ja irgendwie geschafft haben müssen, hätten sie doch sonst gar nicht für diese missratene Nachkommenschaft sorgen können. Deswegen „gilt prinzipiell für den Menschen als biologische Gattung“ das Naturgesetz: „Der Mensch ist das einzige Wesen, das erzogen werden muss“, woraus für „die Erziehung als Tun“ unmittelbar und zwingend folgt, dass sie „auf der naturbedingten Tatsache gründet, dass der Mensch ein erziehungsbedürftiges Wesen ist“.

So stellt sich dann doch heraus, dass man der Natur auch im Falle des Menschen nichts Schlechtes nachsagen kann. Wo sie dem Menschen auf der einen Seite die Geburtsgabe der „Verhaltenssicherheit“ versagt, zwingt sie ihm auf der anderen „ein Tun“ auf, sich den „Halt“ zu verschaffen, der „lebensfähig“ macht. Und das erledigt sie in einer so schlauen Arbeitsteilung, dass letztlich dann doch alle irgendwie ins „Leben“ so hineinpassen, dass sie „überleben“. Das ist der „homo educandus“, der sich durch seinesgleichen selbst dazu verhilft, so zu werden wie die, die ihm dabei helfen. So hat die Natur zwar einerseits versagt, andererseits aber durch die Bereitstellung von Erziehern für Kompensation vorgesorgt; die hat in einer Eigenschaft des Mängelwesens ihr Fundament.

3.

Von daher kommt es, dass der Mensch von Natur aus nicht nur erzogen werden muss, sondern dies auch werden kann, „erziehbar“ ist. Dies ist der tiefere Sinn seiner „Weltoffenheit“ und „Ungebundenheit“, denn dass der Mensch von Natur aus das nicht mitbringt, womit z.B. ein Kalb so vergleichsweise problemlos eine Kuh wird, heißt ja keineswegs, dass er nichts mitbingt: Wie bei unseren benachbarten Gattungen ist nämlich auch „uns eine bestimmte erbliche Ausstattung körperlicher und geistig-seelischer Art mitgegeben“, gewissermaßen die Grundlage des von der Natur erteilten Auftrags, den „homo educandus“ zu dem Erectus & Perfectus zu erziehen, wie wir ihn so kennen. Aber wie schon gesagt: Anders als bei der Antilope oder der Ringeltaube „müssen wir uns diese Erbausstattung ungeheuer breit und plastisch vorstellen“, eher als eine ungeheuer überhaupt nicht bestimmte „erbliche Ausstattung“, welche genau besehen „als solche gar nicht erkennbar ist“. Freilich besteht bloß deshalb überhaupt keine Veranlassung, an ihrem Vorhandensein zu zweifeln. Aus nichts wird schließlich nichts, so dass der „homo educandus“ die Möglichkeiten, sich zum Menschen erziehen zu lassen, jedenfalls schon „mitbringen“ muss. Umgekehrt steht deswegen auch fest, dass es immer und haargenau seine Möglichkeiten sind, wenn mit „Hilfe der Erziehung“ die „Erbmöglichkeiten zu Wirklichkeiten werden“: Aus dem ersten erzieherischen Naturgesetz, wonach aus Nichts immer nur nichts werden kann, folgt sogleich das zweite, wonach das, was wird, immer das ist, was werden konnte, weil es möglich war.

4.

So steht vom „homo educandus“ fest, dass er mittels „Erziehung“, die seine Artgenossen erledigen, wesentlich sich selber dient, und zwar dazu, zu einem „fertigen Menschen“ zu werden. Dafür bringt er eigens ein „Entwicklungspotential“ mit und verhilft sich mit und dank seiner „Lernfähigkeit“ auf stets fortschreitender Stufenleiter dazu, der Mensch zu werden, der er werden soll. So wenigstens hat die Natur sich das gedacht.

Allerdings: Es steht ja überhaupt nichts darüber fest, was denn nun der Mensch in, mit und durch seine „Erziehung“ wird. „Er selbst“, heißt es. Das ist schon schön gesagt, aber was ist denn der Stoff von diesem „selbst”? Und wer eigentlich ist der „Er”? Was macht denn diese „Fähigkeiten“ aus, die die „Erziehung“ an diesem „selbst“ herauspräpariert und mit denen selbiges dann, wenn es sie hat, gleich alles hat, um „seine Umwelt zu gestalten und sich darin zu entfalten”? Das kann blöderweise so genau keiner nicht sagen, und von vorneherein schon gleich nicht, weil man einem das „Potential“, das er mit seiner Erbmasse mitbringt, im Wesentlichen immer nur anmerkt, wenn was aus ihm geworden ist. So unerschöpflich also der Mensch mit seinen vorab durch nichts beschränkten „Lernfähigkeiten“ daherkommt und so grenzenlos sich daher auch der erzieherische Auftrag ausnimmt, aus ihm das Beste zu machen: Bei der „Entwicklung seiner Lernfähigkeit“, also durch seine Erziehung, kommt heraus, dass sein „Lernpotential“ so unbegrenzt doch nicht war.

5.

So stößt ein ganzes „Erziehungswesen“, das ausschließlich mit dem Dienst am „Lernen“ des Educandus befasst ist und aus ihm herausholen will, was in ihm steckt, notorisch auf lauter Schranken. Wo die Erzieher mit ihrem von den Zöglingen per Geburt erteilten Mandat, aus ihnen das Beste zu machen, selber ihr Bestes tun und „das Lernen entwickeln“, was das Zeug hält, erfahren sie, dass so gut wie nichts von den Bedingungen, die sie bei ihrem Dienst vorfinden, zu der Absicht passt, mit der sie antreten: Angefangen von der „modernen Industriegesellschaft mit ihren Leistungsanforderungen“ bis zu den Vorgaben, die den „Rahmen der schulischen Erziehung“ ausmachen, entspricht überhaupt nichts dem „homo educandus“. Nicht einmal er selbst in seinen Anlagen – so ein „konkreter Zweig“ pädagogischer Forschung namens „pädagogische Psychologie“ – entspricht seinem Auftrag, mittels Ausschöpfung all seiner Möglichkeiten von der „Weltoffenheit“ zur „Aneignung der Welt“ zu schreiten. Infolgedessen kann die Erziehung, die aus dem Menschen das Beste machen will, erst einmal gar nicht umhin, dafür das Beste aus den Bedingungen zu machen, die es fürs Erziehen gibt. So folgt aus dem Umstand, dass das Hauptgeschäft des Erziehens einem Schulwesen nun einmal überantwortet ist und „die Entwicklung“ von „Lernfähigkeiten“ dem Maßstab eines Leistungsvergleichs unterworfen ist, an dessen Ende die Noten stehen, die einer dann hat, einerseits, dass „Lernen“ dann wohl nicht anders geht – „Wer nicht bestimmten Leistungsanforderungen ausgesetzt wird, kann im Grunde gar nicht wissen, was er eigentlich lernen soll.“ Andererseits ist natürlich bei jeder Note schwer die Frage, ob die „Lernfähigkeit“, die mit ihr beurteilt wird, nun wirklich die des Educandus ist und war – so dass die mit „einer ständigen Zensurgebung“ ermittelten amtlichen Endergebnisse in Sachen „Lernen“ & „Lernfähigkeit“ erzieherisch gesehen im Grunde immer nur vorläufig sein können. Nichtsdestoweniger sind es aber eben doch schon ziemlich endgültige Befunde darüber, was aus der „Entwicklung“ „des Lernens“ in den diversen Einzelfällen geworden ist. So dass zwar erzieherisch besehen die Frage schon ist, ob sie den Planvorgaben entsprechen, die „eine Entwicklung der Lernfähigkeit beim Kind“ so mit sich bringt, letztlich aber der Dienst am „homo educandus“ an ihnen doch nicht vorbeigehen kann: „Da das Leben unausweichlich nur jedem Misserfolge bereithält, muss die Erziehung auch darauf vorbereiten“, und je früher und je mehr sich mehrheitlich bei den Educandi die Vermutung erhärtet, die Grenzen ihrer „Leistungsfähigkeit“ wären in etwa erreicht, desto sorgfältiger achten ihre Erzieher darauf, sie von weiteren „Misserfolgen“ auf Dauer zu verschonen. Stattdessen konzentrieren sie ihre Bemühungen ganz auf jene Minderheit, die mit ihren guten Noten wenigstens gezeigt hat, dass in ihr schon noch einiges an „Entwicklungspotential“ steckt.

So bekommt letztlich dann doch jeder educandus genau die und genau so viel an „Erziehung“, wie es ihm und den Fähigkeiten entspricht, von denen er Gebrauch gemacht hat. Ob das aber nun wirklich „seine Fähigkeiten“ waren und ob der Educandus nun wirklich mit der „Bildungsstufe“, auf der er sich bei Abschluss der erzieherischen Bemühungen versammelt, das Beste aus sich gemacht hat – das steht nun überhaupt nicht fest und ist der Grund, weswegen Erzieher auch dem Erziehenden „immer unzufrieden“ gegenüber treten, mit dem sie fertig sind.

6.

Dennoch: Obwohl „die Erziehung“ ihrem Auftrag immer nur unvollkommen entspricht, hat doch letztlich jeder, der erzogen ist, alles Nötige, um „sowohl sich selbst als auch seine Beziehungen zur Welt in Ordnung zu bringen“. Denn – und hier zeigt sich erneut der weise Plan der Natur, die ja kein Leben in eine Welt entläßt, in die es nicht passt – ganz ohne dass beim Erziehen jemand darauf besonders geachtet hätte, entspricht das, was der fertig erzogene Mensch ist, ziemlich genau den „Anforderungen“, die von „seiner artspezifischen Umwelt“ an ihn ergehen: Ein Volksschulabgänger zum Beispiel wird in der „modernen Industriegesellschaft“ gar nicht mit Ansprüchen konfrontiert, die ihn zweifellos überfordern würden, sondern findet in eigens für ihn eingerichteten Arbeitsplätzen das für seine „Fähigkeiten“ maßgeschneiderte Betätigungsfeld. Umgekehrt haben zum Beispiel die mit höheren Bildungsabschlüssen gezeigt, dass in ihnen das steckt, was es für ein erfolgversprechendes Tragen von mehr beruflicher Verantwortung braucht – und gerechterweise sind für sie die entsprechenden Tätigkeiten reserviert. So zeigt sich nicht nur am Anfang, sondern auch am Ende seiner „Erziehung“ die „Ausnahmestellung, die der Mensch gegenüber dem Tierreich“ besitzt: Erst zu früh geboren, und dann nahtlos die „Selbstwerdung“ zum Lebenskünstler der Klassengesellschaft hingelegt – das schafft wirklich nur der „homo educandus“.

(Zitate: A. Gehlen; H. Giesecke; W. Humboldt; I. Kant; Th. Litt; J. Piaget; A. Portmann)