Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Beruf: Student

Wer etwas werden will in unserer gleichheitlichen Gesellschaft, der muss sich bemühen und etwas lernen: studieren. Das fordert Einsatz. Wer sich darauf einlässt, dem können Studienprobleme nicht erspart bleiben. Die betreffen nicht bloß die Wohn- und Ernährungsfrage in den Semestermonaten. Sie betreffen den zu lernenden Stoff:

Was da Schwierigkeiten bereitet, ist in den geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern eines jedenfalls nicht: die vollständige Erklärung einer Sache, die systematisch nachvollzogen sein will. Die Probleme fangen mit dem Vorlesungsverzeichnis an. Das ist unübersichtlich und will gemeistert sein, ebenso wie die komplexe Hörsaalnummerierung – praktische Intelligenztests, die die nächstfolgenden Schwierigkeiten in passender Weise vorwegnehmen. Da gilt es nämlich herauszufinden und sich zu merken, Welche Einzelfächer zum gewählten Fachgebiet überhaupt dazugehören; und man muss damit klarkommen, dass schon die Systematik dieser Unterabteilungen von jedem zweiten bis dritten Dozenten anders gesehen wird. Hier hilft der Studienplan weiter, den inzwischen jede Universität für fast jedes Fach eingeführt hat; der übersetzt die Systematik des Faches in ein Nacheinander, das sich befolgen lässt. Andererseits erledigt sich damit noch lange nicht das Problem, angesichts der angebotenen Stoffülle einen Leitfaden dafür zu entdecken, was man sich merken muss und was man getrost gleich wieder vergessen darf. Was will aufgeschrieben sein? Für was ist der behandelte Stoff ein Beispiel? Oder kommt es auf die facts and figures selbst an? Eine harte Nuss für Studienanfänger!

Kommt Zeit, kommt Rat. Irgendwann kommen dem akademischen Lehrling die vorgetragenen Problemstellungen, Beispielsfälle und Grundkategorien unweigerlich bekannt vor. Er denkt schon mal „Aha!“ oder „Ach so!“. Und wenn ihm das ungefähr zehnmal passiert ist, dann – ist er kein Anfänger mehr.

Was hat er dann gelernt?

Er hat gemerkt, wie in seinem Fach wissenschaftliches Denken geht. Dass es da nämlich um eine besondere Kunst geht, Fragen zu stellen, auf die niemand so ohne weiteres gekommen wäre; tiefer schürfende Fragen jedenfalls als ein schlichtes: „Was ist los und warum?“ Er hat gemerkt, dass es nicht um die Beseitigung von Unklarheiten geht, sondern darum, ein Verhältnis der Unklarheit zu im Prinzip beliebigen Gegenständen zu eröffnen. Hierfür braucht es recht vertrackte Anweisungen, inwiefern etwas für ein Problem und für was für eins zu halten sein soll. Er lernt die Wissenschaft kennen als eine nur auf den ersten Blick ganz labyrinthartige Kunst der Verfremdung.

Diese Entdeckung wird erleichtert durch eine ganz unproblematische Vertrautheit mit den zu erlernenden Denkweisen, die sich einem durchschnittlichen Abiturienten genauso unweigerlich aufdrängt. Die zentrale ideologische Botschaft des jeweiligen Faches hat er nämlich immer irgendwie schon mal gehört; und wenn nicht, dann kommt es ihm auf alle Fälle zu Recht so vor.

Den Studenten der Ökonomie z. B. erinnern die vorgeschriebenen Grundkurse zuerst einmal ans scheinbar Allervertrauteste: Vom „Haushalt“ mit seinen Geldeinteilungsproblemen ist die Rede. Doch unversehens befindet er sich im Bereich mathematischer Funktionsgleichungen; Alltägliches wird nach Bedarf herangezogen oder zurückgewiesen, um der ersten und zweiten Ableitung der zu konstruierenden Kurven die zweckmäßige Gestalt zu geben, die die Wissenschaft für ein viel späteres Kapitel braucht, das immer noch gar nicht dran ist. Auf die Konstruktion von Modellen soll man sich einlassen, weil die Prämissen dafür da sind, und die Prämissen soll man annehmen und sich zurechtlegen, damit die Konstruktion von mathematischen Modellen sicher voranschreiten kann. – Doch mitten in diesem schwindelerregenden Geschäft streift den Studenten auf einmal die Ahnung, dass er den Zweck des Unternehmens bereits kennt. Die längsten und komplexesten Formeln geben nämlich Zeugnis von zwar fiktiven, aber sehr notwendig aussehenden zweckmäßigen Sachnotwendigkeiten in der Sphäre des materiellen gesellschaftlichen Lebensprozesses. In seiner Popularform ist der Glaube an eine solche Übersetzung von ,Interesse‘ in ,Sachzwang‘ einem jeden geläufig; z.B. als die gar nicht zur Beantwortung vorgesehene Frage: Wie soll’s denn sonst gehen?

Die Politikwissenschaft macht ihre Anfänger mit etwa zwei bis fünf Methoden bekannt, das vom politischen Geschehen und seinen Urhebern Bekannte zu verrätseln. Meist wird es zuallererst ganz ohne Argument als ein nicht enden wollendes Chaos ungewichteter Einzelfakten hingestellt, das quasi noch vor jeder Kenntnisnahme nach einem Ordnungsschema ruft, welches überhaupt erst einen politischen Inhalt stiften soll. Die elementarsten Unterscheidungen wollen als Ausgeburten einer methodischen Notwendigkeit des Ordnens überhaupt erschaffen sein, wozu beispielsweise ein Überblick über die Geschichte der politischen Ordnungsideen ratsam erscheinen kann oder auch über die Vielfalt ideell konkurrierender politischer Systeme. Ein Spiegel spiegelt sich im anderen. – Und dabei geht es überall um eine Botschaft von erhabener Plattheit: Zwangsgewalt ist nützlich; die Menschen brauchen das – welchem Hausmeister wäre dieser tiefsinnige Befund fremd?

Die Soziologie greift überhaupt alles Vertraute auf, aber so, dass es überhaupt nicht recht wiederzuerkennen ist. Es erfährt eine eigenartige Beleuchtung als Fall einer dahinter liegenden Gesetzlichkeit, die weiter gar keinen anderen Inhalt haben soll als den eine Gesetzlichkeit zu sein; diese Abstraktion macht selbst modernen Studienanfängern schwer zu schaffen. Oberabstrakte Formbestimmungen wie „System“, „Umweltkomplexität“, „Funktionalität“ und dergl. Zeichnen in dieser fremdartigen Welt für alles Wirtschaftsgeschehen ebenso verantwortlich wie für die Höflichkeit zwischen den Menschen. – Und doch: Der Glaube an eine Hinterwelt unentrinnbarer Zweckmäßigkeit hat den Reiz eines alten Bekannten. Dass der Gang der Dinge schon seinen Sinn haben wird, auch und gerade wenn die ihm Unterworfenen ihn weder praktisch beherrschen noch überhaupt kennen, dass also Strukturen walten – das ist doch eine gar nicht so problematische Säkularisierung des lieben Gottes, wie ihn jeder kennt.

Die Psychologie versetzt ihre wissbegierigen Studenten gerne in ein kahles ideelles oder sogar wirkliches Messlabor, in welchem alles Treiben der Leute als Äußerung eines jeweils zugrundeliegenden Leistungsvermögens oder als Resultat von dessen Beeinträchtigung verständlich und/oder berechenbar gemacht wird, wobei je nach Dozent mal das Rechnen, mal das Verstehst-mich den Vorrang bekommt. An Würmern, dressierten Affen, dem Augapfel und erst im Oberseminar an Psychokisten der lebendigeren Art denkt man sich in eine Hinterwelt determinierender Seelenkräfte hinein. Wenig davon hat man jemals erlebt. – Aber andererseits: Das Prinzip des Ganzen ist Leuten nicht fremd, die längst praktisch gelernt haben, sich selbst als mehr oder weniger taugliches Mittel in verschiedenen Konkurrenzkämpfen einzusetzen, also auch so zu interpretieren.

In der Germanistik und verwandten Fächern werden in genussvoll umständlicher Manier allerlei philosophische Botschaften -mal die vom Dichter anderweitig platt genug ausgedrückten, meist aber noch viel vertracktere – ausgerechnet aus den Formen der Kunstwerke herausgezerrt, die doch – denkt man, aber zu Unrecht – „bloß“ auf Genuss abzielen und nicht gerade auf Tiefsinn. Selbst den skeptischen Studienanfänger dünkt es kühn, wenn seine Disziplin ganze Weltanschauungen einschließlich gesellschaftlicher Verhältnisse und Dichterbiographie in der Nussschale eines Gedichtleins auftut; und er muss sich fragen: Kann ich das jemals auch? – Aber andererseits: Was sollte ihn hindern? Das Prinzip des Interpretierens: der Standpunkt, dass um nichts so lustvoll und erbittert moralisch zu streiten ist wie um den Geschmack und dass Genuss erst durch den Schein von Sachkunde ehrenwert wird begleitet junge Bürger schon durch ihr vorakademisches Privatleben.

Ihrer ideologischen Quintessenz nach sind die fachspezifischen Fragestellungen also allesamt aus dem bürgerlichen Vorrat an unschwierigen Lebensweisheiten geschöpft; aus dem Gelulle des staatsbürgerlichen Moralismus wird der Student nicht aufgescheucht, wenn er lernt – er wird darin versichert. Auf dieser festen Basis werden Rezepturen für das Aufwerfen von Problemen geboten, die ohne solche Methoden niemand hätte. Deren Aneignung geht nur darüber, dass man sie befolgt – nie so, dass man sie durchschaut; dann ließe man’s nämlich.

Am besten wird dieses Denkmuster übrigens von einem von vornherein unwissenschaftlichen Massenfach erfüllt, das als eigene Disziplin in den Kosmos der modernen Geistes- und Gesellschaftswissenschaften geraten ist: Die Jurisprudenz sortiert messerscharf alles und jedes anhand der Gesetze und Urteilssammlungen, die dem Studienanfänger zunächst einmal viel zu Staunen geben – so geläufig ein gesundes Rechtsempfinden ihm andererseits ist. Statt einer wissenschaftlichen Methode sind es da Rechtspraxis und Kommentare, die das Tun und Lassen der Menschen insgesamt in ein eigentümliches Licht rücken, nämlich das des staatlichen Gewaltmonopols, das die juristischen Fragen aufwirft. Diese Fragen sind erstens zu lernen, und zwar so, wie es bei dieser Art „Probleme“ einzig geht, nämlich auswendig; deswegen sind sie zweitens noch eigens zur gewohnheitsmäßigen Beurteilungsweise zu „verinnerlichen“.

Ungefähr genauso müssen die Studenten in den anderen geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern zu Werke gehen. Ihr Lernen hat notwendigerweise sehr viel mit Gewöhnung zu tun und läuft nicht zufällig über die geradezu vokabelmäßige Einübung des fachspezifischen Fremdwörter- bzw. Formelschatzes. Irgendwann wagen sie es und nehmen so schwierige Worte wie „soziopsychologische Redundanz“, „psychophysischer Stereoeffekt“ oder „transzendentalparlamentarisches Konstruktivitätstheorem“ in den Mund; und wenn der Seminarleiter nickt, dann haben sie den nötigen positiven Verstärker weg. Dann werden immer mehr derartige Erkenntnisse in Referaten aufgeschrieben; auch die Kenntnis der Autoritäten des Faches sowie der Stichworte, die sie zum Problembildungsvermögen ihrer Disziplin beigetragen haben und über die sie zu Autoritäten geworden sind, schreitet unausweichlich fort. Der Student weiß endlich, wo’s lang geht in seinem Fach – und schon rücken Probleme neuer Art in den Blick.

Prüfungsängste bemächtigen sich des jungen Akademikers. Denn das lehrt jeder Seminarbesuch ja auch: Die aus Erfahrung gewonnene Unterscheidungsfähigkeit zwischen wichtigen Problemstellungen und vergessenswertem Beiwerk und ein entsprechend zweckmäßig eingerichtetes Gedächtnis sind nur Mittel zum Zweck. Es geht um Souveränität im Umgang mit den Fragestrategien des Faches sowie darum, diese mündlich, schriftlich und sowohl als auch darstellen zu können. Und zwar so, dass es die Dozenten überzeugt; davon nämlich, dass sich hier einer mit Verständnis und Anteilnahme in das Fach hineingelebt hat. Denn schließlich ist ja nicht das der Witz der Sache, sondern die Prüfung, von der jeder weiß, dass da ausgesiebt wird, ein Prozentsatz von Durchfallern also von vornherein feststeht. Dazu will keiner gehören; also wird es für alle unterschiedslos zur maßgeblichen Sorge, sich zu unterscheiden. So nimmt die Anstrengung ihren Anfang, mit Theorien und Autoritätenkenntnis, Problemstellerei wie aus eigener Werkstatt, Schlagfertigkeit und anderer Formulierungskunst – anzugeben.

Das fordert nicht mehr bloß Gedächtnis und Verstand, sondern den ganzen Mann resp. die gesamte Frau. Das Studium wird zur Imagepflege und zur Vorbereitung jenes guten Eindrucks, den man pünktlich machen muss. Genau in jenem alles entscheidenden Moment behält jedoch trotz aller Vorbereitung der Zufall sein Recht: die „Tagesform“ des Prüflings, der es mit dem Valium nicht übertreiben darf, vor allem aber die Laune des Prüfers, der seine Macht auszusortieren mit seiner Geneigtheit für die eine und gegen die andere Tour der Selbstdarstellung zu erfüllen pflegt. So werden Extra-Anstrengungen fällig, den Zufall zu berechnen. Informationen über die Prüfer werden wichtiger als das Lernen langer Skripte; sonst merkt man sich am Ende doch gerade das Falsche.

Vor allem aber will der seelische Eindruck bewältigt sein, den die gar nicht zu beseitigende Unsicherheit und Unberechenbarkeit der Prüfung auf den Kandidaten machen muss. Die Kritik der Prüfung und ihrer Irrationalität hilft da kaum weiter, da man sie ja bestehen will. So bleibt nur die Hinwendung zur Eigene Person, die sich durch unsichere Aussichten dauernd verunsichern lässt, und zwar ausgerechnet um so mehr, je mehr es auf sie als einziges Mittel des Prüfungserfolgs ankommt. Vielleicht muss zur Ergänzung der zusammengerafften Gelehrsamkeit ein autogenes Training her? Auf alle Fälle bedarf die Kunst der Angeberei noch einiger Ergänzungen. Der eine Kandidat wird aus lauter Berechnung weinerlich und nervt den Prüfer mit Entschuldigungen; die andere Kandidatin probiert es mit Arroganz, jedenfalls sofern sie weiß dass der Herr Professor auf forschen Weibern steht. Kurzum: Unter dem Druck der Prüfungsangst reift der Student zur Persönlichkeit mit Charakter.

Studenten der Naturwissenschaft brauchen bei dieser Bildungsveranstaltung, die den eigentlichen Unterschied zwischen die studierte und die nicht-studierte Menschheit legt, übrigens nicht abseits zu stehen, bloß weil ihr Stoff vernünftiger beschaffen ist als der der Geistesfächer. Schließlich müssen auch sie sich an Leistungsbeweisen sortieren also mit ihrem Wissen, obwohl es stimmt, den Zufall der ausgewählten Prüfungsfragen meistern und eine dadurch bestens begründete Angst bewältigen. So gewöhnen auch sie sich daran, ihr bisschen gutes Wissen als Mittel ihres Konkurrenzerfolgs und Qualitätsmerkmal ihrer akademischen Persönlichkeit zu handhaben und in die Künste der Selbstproblematisierung und -ermunterung einzuwickeln.

Der Lohn der Angst stellt sich mit bestandener Prüfung zwar erst zur Hälfte ein; aber schon die ist nicht ohne.

Die psychischen Unkosten bekommt der Prüfling gleich zurückerstattet. Er besitzt ja nun ein offizielles Zertifikat über die Tauglichkeit seiner Person zu einer akademischen Karriere; sein Selbst und dessen Darstellung haben die Anerkennung gefunden, auf die es ankam. Die Unvernünftigkeit der Prozedur, durch die dieser Erfolg zustande kam. Stellt sich im Nachhinein gar nicht mehr furchterregend, sondern eher erheiternd dass. Jeder Studienabsolvent, erst recht jeder Doktor weiß nun aus eigener Anschauung, auf wieviele Zufälle sein „Bestanden!“ tatsächlich gegründet war; wie wenig es mit solider Fachkenntnis zu tun hatte; wie vielleicht sogar der Prüfer sich blamiert hat; keine Prüfung ohne die entsprechende Prüfungsanekdote.

Das beeinträchtigt aber überhaupt nicht die Hochachtung vor dem errungenen „Leistungsnachweis“. Im Gegenteil: Der Spott über die bestandene Prüfung, die vorher das Leben des Studenten verdüstert hat, zeugt von einem um so gediegeneren Stolz auf die eigene Person, die ja, das Zeugnis beweist es, die entscheidende Klippe, an der viele scheitern, bewältigt hat, und das sogar locker. Da macht es erst recht nichts, dass das mühselig genug angeeignete Prüfungswissen von Stund an zu vergessen ist: Auf wissenschaftliche Einsichten, die den Absolventen durch sein weiteres Leben begleiten würden, bezieht dessen Selbstzufriedenheit sich gar nicht. Dass er mit seiner Geistestätigkeit nach den Maßstäben des wissenschaftlichen Anerkennungsverfahrens richtig liegt und sich darin vom größeren Rest der Menschheit unterschieden wissen darf, das verleiht der angewöhnten Problematisierungskunst und der Angeberei damit fürs weitere Leben eine sichere Grundlage.

Der materielle Lohn bleibt hinter dieser seelischen Vergütung freilich zunächst einmal zurück; und damit ist auch wieder für Bescheidenheit gesorgt. Schließlich muss der fertige Akademiker in eine wirkliche lebenstüchtige Karriere erst noch hinein; auf die gibt die bestandene Prüfung nicht das kleinste Anrecht. Für die fällige Ernüchterung sorgt der Arbeitsmarkt, inzwischen ja sogar ein wenig unter fertigen Medizinern. Die gebildete Persönlichkeit ist gleich wieder als Konkurrenzmittel gefordert; Arbeitgeber bzw. Einstellungsbehörden wollen mit einem guten Eindruck betört sein. Der fertiggewordene Akademiker ist sonst eben noch nichts; er ist bloß abhängig von fremdem Interesse, und das demütigt ihn fast so wie jeden Lohnarbeiter oder Angestellten.

Aber eben nur fast. Denn immerhin liegen die Jobs, in die ein erfolgreicher Prüfling sich erst noch hineinschleimen muss, von vornherein auf der anderen Seite. Die Karriere, wenn sie denn losgeht, ist eine innerhalb der gesellschaftlichen Elite. Und was der studierte und geprüfte Mensch mitbringt, ist neben der festgesetzten Einstiegsbedingung die höchstpersönliche Eignung zur Charaktermaske dieses ausgezeichneten Standes.

Mit seiner Person steht er nämlich für die beiden Lebenslügen des demokratischen Rassismus ein:

  • Erstens wären die besseren Leute, die sich an höheren Bedürfnissen messen als die gewöhnlichen und damit auch noch als deren Vorbild Anerkennung beanspruchen dürfen, nur deshalb Welche weil sie über das gesammelte Wissen der Gesellschaft verfügen und damit an die Spitze einer zweckrational durchorganisierten Gesellschaft gehören würden. Zwar sind die Akademiker eine einzige Widerlegung des Glaubens an eine rein funktionale Arbeitsteilung als herrschendes gesellschaftliches Unterscheidungs- und Ordnungsprinzip: Nach ihrem Wissen richten sich die maßgeblichen Interessen nicht, sondern umgekehrt; und wo es sich nicht zufällig um Naturerkenntnis handelt? Besteht es in einer Verstandestätigkeit der höchst seltsamen Art, die nur in einem sehr fatalen Sinn zweckmäßig ist: Sie ersetzt und zensiert das Interesse an richtigem Wissen in Sachen Gesellschaft und Politik. Eben deswegen lässt die Wissenschaft aber auch keine Kritik an ihr selbst und dem Akademikerstand zu, sondern tut alles für die Verwechslung von Amtsautorität und Sachkunde, Herrschaft und Arbeitsteilung, Wissen und Macht. Ihr Reich ist die contradictio in adjecto „geistige Führung“.
  • Zweitens legen die studierten Leute mit der „zweiten Natur“, die sie sich beim Studieren zugelegt haben, Zeugnis ab für die Lüge, sie waren die besseren Leute, weil nur solche wie sie sich überhaupt dafür eignen würden, durchzublicken und was Besseres zu sein. Auch das ist nur in einem ziemlich vernichtenden Sinne wahr: Akademische Prüfungen hinter sich zu bringen, in eine Karriere einzusteigen und darauf auch noch als eine Leistung stolz zu sein, de einen als Gesellschaftsmitglied der besseren Sorte auszeichnet, das verlangt einen gegen jedes bessere Wissen festgehaltenen Dünkel, der mit der Zeit jede Kenntnis der Eigene Person ersetzt. So gehören am Ende Posten und Charakter durchaus untrennbar zusammen – was gegen beide spricht. Nur zuallerletzt für die, die beides haben.