Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Beruf: Rechtsanwalt

Dass jemand aus Gewalt sein Geschäft macht, traut man in unserem gesitteten Gemeinwesen nur Verbrechern zu; in Demokratien mit etwas lockereren Sitten allenfalls auch den privaten Verbrechensbekämpfern. Dabei wäre die bürgerliche Gesellschaft ganz und gar funktionsunfähig, wenn professionell bewerkstelligte Gewalt bloß als das Metier einer Handvoll Schlägertypen vorkäme.

Eine ganze Armee studierter Ehrenmänner und -frauen sorgt für die Allgegenwart von Gewalt, der öffentlichen nämlich, in sämtlichen gesellschaftlichen Verhältnissen.

Sogar den allerprivatesten. Sobald Familien sich auseinandersortieren wollen, erläutert ein Rechtsbeistand dem „Intimpartner“, den er betreuen darf, die Zwangsmaßnahmen, die der staatliche Schutz von Ehe und Familie ihm gegen den anderen und dem andern gegen ihn an die Hand gibt, und setzt das passende Verfahren in Gang. Gewiss, sich streiten, einander ärgern, „sich auseinanderleben“ und verprügeln, das können Ehepaare allein; und für die Abhängigkeit voneinander, in die sie sich hineingeritten haben, ebenso wie für das Anspruchswesen, in das ihre Liebe nur allzu leicht und schnell ausartet, genügt die öffentliche Gewalt mit ihren entsprechenden Vorschriften und das allgemeine Bewusstsein, dass der Mensch sich auch in seinem Liebesleben danach und nicht nach seinen Gefühlen und Lagebeurteilungen zu richten hat – der andere Mensch jedenfalls. Erst der Anwalt erschließt dem beleidigten Rechtssubjekt aber das auf seinen Fall passende Repertoire von Handhaben, denen der Rechtsstaat seine Gewalt leiht; Handhaben, um auf Kosten des Verflossenen bleibende Vorteile aus der Vergangenheit herauszuholen und gleich auch noch ein bisschen Rache zu üben. Er macht den Führer durch all die zur Inanspruchnahme staatlichen Zwangs befugten Ansprüche gegeneinander, die überhaupt erst aufkommen, wenn das Interesse aneinander erloschen ist. Er bringt die Auseinandersetzung in Schwung, indem er dem Ehepartner die Rechtslage als die höhere, wirksamere Form seiner Interessen verdolmetscht, umgekehrt jedem Zerwürfnis die Chance zu einer gerichtlichen „Klärung“ entnimmt. So leistet er dem moralisch empörten Ehegatten Scharfmacherdienste und sorgt dafür, dass die unendlich überlegene Zwangsgewalt des staatlichen Justizapparats gemäß ihren Eheschutzvorschriften an die Stelle der privaten Gehässigkeit tritt, die Privatleute einander sonst allenfalls antun können.

Wo es nicht um Liebe, sondern gleich ums Geschäft geht, sind die Rechtsanwälte von vornherein mit dabei, sobald ein Geschäftspartner sich ihren Beistand leisten kann. Sie feilen an den Geschäftsbedingungen und Vertragstexten mit dem einzigen Ziel, dass sie den so gut beratenen Vertragspartner möglichst zu nichts, den Kontrahenten zu so viel wie möglich verpflichten. Das Geschäftsinteresse ihres Auftraggebers – an Miete oder Warenlieferung, Kreditbedienung oder Arbeitsleistung … – müssen sie dafür nur unter dem einen Gesichtspunkt kennen und in Betracht ziehen: Es ist dem der anderen Vertragspartei überhaupt nicht wohlgesonnen – umgekehrt ebenso wenig –; es gibt keinen Inhalt, der die Übereinstimmung der geltend gemachten Interessen mit sich bringt und so gewährleistet; selbst in ihrer Übereinkunft bleiben sie einander entgegengesetzt, schließt also der Nutzen des einen einen Nachteil des andern ein – und umgekehrt –; zu vertraglicher Einigkeit kommt es nur aufgrund wechselseitiger Abhängigkeit bei fortdauernder Gegensätzlichkeit; mit dem Vertrag unterwerfen die Partner sich also einem Zwang, den jeder gleichzeitig für sich gegen den andern auszunutzen sucht. Dieser widersprüchliche Zirkus, dem Rechtsanwälte dienen, ist kein Sonderfall, sondern die Normalform aller im bürgerlichen Gemeinwesen üblichen Geschäftsbeziehungen. Sie alle schließen Feindseligkeit der übereinkommenden Interessen ein, können deswegen ihre Übereinkunft ohne übergeordnete Gewalt überhaupt nicht verläßlich festhalten, brauchen also Betreuung durch staatlichen Zwang. Daran hat die bürgerliche Obrigkeit es nicht fehlen lassen. Unter tatkräftiger Mithilfe des Anwaltsstandes hat sie ein Vertragsrecht geschaffen, das längst jede Lebenslage erfasst und für jede Tücke und Finte Handhaben wie Abwehrmittel bereitstellt. Den Überblick darüber zu behalten, fordert einen professionellen Fachidioten; als solcher dient sich der Rechtsanwalt den Geschäftemachern an.

So richtig zum Zuge kommt dieser Dienst natürlich dann, wenn es tatsächlich zum Streitfall kommt – was selten der Fall ist, ohne dass der Anwalt den guten Rat erteilt hat, es dazu kommen zu lassen. Sein Engagement steigt mit dem Streitwert, denn danach richtet sich die Vergütung des rechtlichen Beistands. Diese Regelung ist erstens gerecht: Wenn der Anwalt sich sowieso als Agent und Nutznießer der Interessengegensätze fremder Leute durchs Leben schlägt, dann ist die Größe der strittigen Interessen auch das passende Maß seines Einkommens. Zweitens hat das den praktischen Nebeneffekt, der staatlichen Justiz die Befassung mit den finanziell geringfügigen massenhaften Streitigkeiten der „kleinen Leute weitgehend vom Hals zu halten, die denen zwar furchtbar am Herzen liegen, aber kaum je einen Anwalt bezahlt machen. Zwar gehen in einer Gesellschaft von Rechthabern kaum noch Blechschäden am Auto über die Bühne, ohne dass zwei Anwälte daran verdienen; aber da zahlt ja auch die Versicherung des unterlegenen Prozesshansl. Was die andere Seite des Geschäfts, die großen, lohnenden zivilrechtlichen Auseinandersetzungen betrifft, so muss der nationale Berufsstand neidvoll eingestehen, dass das angelsächsische Rechtssystem mehr Freiheiten bietet als das deutsche, das Vertragsrecht als Waffe bis zur Vernichtung eines Geschäftspartners und für den edlen Zweck massiver Bereicherung einzusetzen, also auch als Anwalt stinkreich zu werden. Der deutsche Rechtsvertreter muss sich da mehr mit dem moralisch erhebenden Bewusstsein trösten, in seinem Dienst an gewalttätigen Privatinteressen nicht bloß der Anwalt seines Auftraggebers, sondern zugleich der beflissene Lakai des übergeordneten Ordnungsgesichtspunkts zu sein, nach dem er dessen Interessen durchzusetzen sucht: des staatlichen Rechts, das nach gar nicht privaten Gesetzen die Segnungen seiner Zwangsgewalt verteilt.

Dabei hätten die Rechtsanwälte nur halb so viel zu tun und zu verdienen, würden sie nicht ihrer zahlungsfähigen Kundschaft vor allem auch gegen den Staat und dessen gesetzmäßige Ansprüche beistehen. Als geistige Leistung genommen, treibt der Anwalt hier sein Spiel mit der logischen Differenz zwischen der Allgemeinheit der Gesetze, in denen vom Staat Ansprüche gegen den Bürger erhoben werden, und der Besonderheit des Einzelfalls, dessen Subsumierbarkeit unter die allgemeine Regel der Anwalt bestreitet. Praktisch befasst er sich mit dem Widerspruch, dass jeder Geschäftsmann seine Verpflichtungen dem Staat gegenüber und auch seinen Gehorsam gegen die Gesetze als Aufwand betrachtet, für den er einen ihm speziell zugute kommenden Ertrag sehen will, während der Staat seine Dienste für prinzipiell und prinzipiell unbezahlbar hält und selbst mit seinen betuchtesten Untertanen keine Geschäfte tätigen will, was deren gesetzliche Pflichten betrifft. Dieser Widerspruch eröffnet ein weites Feld von Auswegen, Kompromissen und Ausnahmen, die mal den Geist, mal den Buchstaben des Gesetzes strapazieren; manchmal die Regel bestätigen, indem sie ihr nicht gehorchen – ein Paradies für Rechtsexperten. Auch bei Bestechungen größeren Zuschnitts werden als Unter- und Zwischenhändler Rechtsanwälte eingeschaltet, die sich auf die Herstellung des nötigen Scheins von Legalität verstehen. Das Gesetz ist Dogma, Metier und Geschäftsgrundlage des Rechtsanwalts; aber Parteilichkeit für bestimmte materielle Staatsinteressen wäre der Ruin seines Geschäfts.

Dasselbe gilt in der Sphäre, die zwar nicht die gesellschaftliche Nützlichkeit, aber – ausgerechnet – die Berühmtheit des Berufsstandes begründet: der Strafjustiz. Als Verteidiger hat der Anwalt sowohl die belastenden Fakten als auch deren Subsumtion unter strafrechtliche Paragraphen anzuzweifeln und mit Gegenkonstruktionen aufzuwarten. Sein Image schwankt dementsprechend zwischen dem eines Parteigängers von Verbrechern und dem des Retters der verfolgten Unschuld. Während er letzteres genießt, verwahrt er sich gegen Vorwürfe der ersten Art mit dem Verweis auf seine Unentbehrlichkeit als Organ der Rechtspflege: als Anwalt der Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person. Dieses Ethos, für dessen Glaubwürdigkeit ein ganzer Apparat zur freiwilligen Selbstkontrolle des Berufsstandes, die Anwaltskammer, eintritt, kann man zwar unbesehen als Heuchelei abbuchen; objektiv ist an dieser Zweckbestimmung aber mehr dran, als Rechtsanwälte selber wissen und meinen. In der gesamten Veranstaltung namens Strafjustiz geht es nämlich von vorn bis hinten um gar nichts anderes als darum, dass das Gesetz seine unversehrte Hoheit beweist: seine souveräne Gültigkeit, auch wenn es noch so oft gebrochen wird. Wäre es zum Verhindern der verbotenen Untaten da, so hätte es längst seinen totalen Bankrott anmelden können. Es ist aber ein Verbot, und als solches rechnet es fest damit, dass das Kriminelle dauernd passiert: Es definiert ja eine gesellschaftliche Praxis als Verbrechen. Die Gültigkeit des Gesetzes hängt folglich an der Glaubwürdigkeit seiner Strafandrohung. Es kommt alles darauf an, dass das Gesetz als die „eigentliche“ Ordnungskraft gegen den Verbrecher recht behält. Zu diesem Zweck bestätigt es sich mit einer souveränen Gewalttat gegen den Delinquenten als fraglos überlegener, hoheitlicher, unbedingt verpflichtender Wille. Zu diesem Akt, mit dem das Gesetz sich per Bestrafung das Seine holt, gehört aber auch der Schein, dass dem Straftäter wirklich nichts als Recht geschieht. Dieser Schein existiert leibhaftig im Verteidiger, den im Notfall das Gericht selbst bestellt. Und auf diese Leibhaftigkeit, ordentlich eingekleidet, kommt es an – ob die Verteidigung dem Angeklagten nützt, ob der Anwalt überhaupt durchblickt, ist für diesen Erfolg ganz unwesentlich.

Den berufsmäßigen Durchblick besitzt der Rechtsanwalt ohnehin als unveräußerliches Merkmal in Form einer ständig aktualisierten Sammlung von Gesetzen und Fallentscheidungen sowie eines Gedächtnisses, das es ihm erlaubt, dieselben bei jedem neuen Fall an der passenden Stelle aufzuschlagen. Die Verstandesleistung, die dafür erforderlich ist, hat mit wissenschaftlicher Erkenntnis insofern zu tun, als sie das Gegenteil davon ist. Eine Tat oder Absicht wird da mit allgemeinen Bestimmungen verglichen, die nicht theoretischer Natur, also nicht aus der Analyse der jeweils verfolgten Zwecke gewonnen sind, sondern die das staatliche Interesse an dem Geschehen, die Intervention der Staatsgewalt ins Wollen und Handeln ihrer Untertanen, zum Ausdruck bringen. Das Ergebnis solcher Vergleiche sind allemal, logisch gesehen, Verfremdungen der Fakten, eben durch das eigentümliche „Licht“ rechtlicher Vorschriften. Dass die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften heute ähnlich verfahren – mit selbstgeschaffenen Sinnprinzipien statt Gesetzestexten als theoretischen Erleuchtungskörpern –, ist nicht Schuld oder Verdienst der Juristerei, sichert ihr aber die ehrenvolle Aufnahme im Reich des Theorietreibens. Kein Akademiker findet etwas dabei, das Nachblättern und Subsumieren unter staatliche Machtworte „Rechtswissenschaft“ zu nennen.

Das Studium vermittelt denn auch, neben der Kenntnis der dicken roten Kladden und ihrer Inhaltsverzeichnisse, die Gewohnheit, alles Nachdenken über den Lauf der Welt und ihrer großen und kleinen Affären auf die juristische Subsumtionskunst zu dressieren und diese für eine ehrenwerte Art des Nachdenkens zu halten. Für Gesinnungsfestigkeit möchte der Staat anschließend durch ein bisschen schlechtbezahlten Staatsdienst sorgen, ohne den die Karriere nicht losgehen darf.

Was dann ein Rechtsanwalt aus seinem guten Gedächtnis, seiner noch besseren Moral und seinen schlechten Denkgewohnheiten macht – an Geld und Laufbahn mit oder ohne eigene Kanzlei –, das ist im Wesentlichen eine Frage von Charakter und Beziehungen. Davon hängt es nämlich ab, wieviele potente Auftraggeber und lohnende Kunden einer davon überzeugt, ihre Rechtsangelegenheiten wären ausgerechnet bei ihm in den besten Händen. Demonstrative Selbstsicherheit; die Angeberei, durch nichts zu erschüttern und mit allen Wassern gewaschen zu sein; die glaubwürdige Vorführung einer Gerissenheit, die eine erfolgreiche Karriere als Trickbetrüger garantiert hätte, wenn ihre gesetzestreue Anwendung nicht lohnender erschienen wäre: Das gehört auf alle Fälle als menschliche Mindestausstattung zum guten Anwalt. In Vorlesungen lässt sich das nicht lernen; eher schon in Studentenverbindungen, „schlagenden“ am besten – und so richtig dann in der Praxis. Hat einer da Erfolg, kann die Qualität gar nicht ausbleiben. Umgekehrt umgekehrt – das ist das Berufsrisiko.