Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Beruf: Programmierer

Software zu fabrizieren, zählt unumstritten zu den fortschrittlicheren Tätigkeiten, durch deren Ausübung sich ein moderner Geist nützlich machen kann. Mit beiden Beinen steht der Programmierer in der Zukunft namens „Computerzeitalter“, welche dem Vernehmen nach dazu angetan sein soll, „unser ganzes Leben, sogar das geistige, in grundlegender Weise zu verändern“.

Solches Gerede von einer ungeheuren Wirkung, die sein Gerät auf „Mensch und Gesellschaft“ ausüben soll, überlässt der Softwaremann in der Regel gern den notorisch um den Stand der Werte besorgten Zeitgenossen; als „Spezialist“ wird er dafür bezahlt, dass er sich ganz auf die tatsächliche Materie seines Jobs konzentriert. Diese besteht in Datenverarbeitung, d. h. ihrem Inhalt nach in Verrichtungen, für die die überbezahlte Arbeitszeit eines Sachbearbeiters, einer Schreibkraft oder anderer Verwaltungsfiguren neuerdings als zu schade gilt, als dass diese sich weiterhin damit belasten sollten: dem Ablegen, Sortieren, Aktualisieren und zweckmäßigen Bereitstellen aller möglichen Details, die seit eh und Je die Ordner und Karteikästen einer Unternehmung oder Behörde füllten, weil diese sie für die geregelte Abwicklung ihres Geschäfts benötigt – vom Firmeneintrittsdatum des Pförtners bis zur Höhe steuerfreier Zuwendungen an die FDP pro Geschäftsjahr.

Darüber, welchen rechtlichen Bestimmungen oder kalkulatorischen Absichten dadurch Genüge getan werden soll, braucht sich der EDV-Mann genausowenig den Kopf zu zerbrechen wie jeder andere Bürohengst; so wie er die „Daten“ selbst vorfindet, so wird ihm auch genau gesagt, wie er dieselben zu organisieren habe, damit sie für die jeweils eingerichteten Bestellabwicklungs-, Bestandhaltungs-, Lohnabrechnungs-, Gewinnbilanzierungs- und anderen Verfahren am effektivsten verfügbar sind. Die „Entscheidungsebene“ ist schließlich beim Management gut aufgehoben; Aufgabe des Programmierers ist hingegen zu gewährleisten, dass diejenigen untergeordneten Verrichtungen, die nur noch in der sturen Ausführung vorgegebener Bearbeitungsroutinen bestehen, nunmehr auch gänzlich ohne den letzten Rest von gedanklichem Aufwand, nämlich vollautomatisch vonstatten gehen können. Die einzig nennenswerte Wirkung, die hiervon ausgeht, ist die, dass sich die Gehaltsliste seiner Firma um diverse Positionen erleichtert. Die Büromenschen werden also nicht von der stupiden Aktenordnerei und Buchführung befreit, sondern gleich selber, soweit die Bildschirmbedienung es erlaubt, eingespart. Für die Restlichen ist die Arbeit am Terminal um so aufreibender.

Dasselbe gilt für die „aufregenden“ neueren Anwendungen von Computern in der Fabrikation. Der besteckende Vorteil rechnergesteuerter Apparate, unermüdlich gleichförmig und genau zu werkeln und das auch noch schnell, hat dem Beruf des Programmkonstrukteurs neue Aufgabenfelder erschlossen: Wo die Arbeit der „Gewerblichen“ schon in nichts anderem als dem sturen Befolgen von Bedienungsvorschriften besteht, da liegt es nahe, die Bedienungsvorschriften gleich selbst und dann gleich radikal zum steuernden elektronischen Mechanismus zu vergegenständlichen. Dass das bloß die Firma freut und die alten Bedienungsmannschaften bloß die blöde alte Einkommensquelle kostet, geht den Programmierer wirklich nichts an. So wie er auch nichts dafür kann, wenn andere Auftraggeber das scharfe Auge und die sichere Hand ihrer Panzerschützen oder Bomberpiloten durch Superchips ersetzt haben möchten, die, mit der richtigen Software versehen, Vernichtungsgerät präzise ins Ziel führen. Er dient ja bloß – so wie die Inhaber der Fähigkeiten, die die von ihm eingerichteten Apparate überflüssig zu machen gestatten.

Die Anerkennung, die dieser „junge“, vorzugsweise für arbeitslose Lehrer geeignete – oder zumindest per Arbeitsamts-Umschulung eröffnete – Berufsstand im Gegensatz zum herkömmlichen Schützengraben-, Fließband- oder Kanzleitrottel gemeinhin genießt, speist sich aber sowieso nicht aus dem Nutzen, den die durchschnittliche Menschheit aus seinem Wirken ziehen könnte. Recht hoch angerechnet wird dem „EDV-Spezialisten“ vielmehr üblicherweise die „Intelligenz“, die sein Geschäft erfordere – womit ungeachtet des Inhalts seiner gedanklichen Anstrengungen gemeint ist, dass diese dem gebräuchlichen Alltagsverstand nicht unmittelbar nachvollziehbar sind.

Letzteres ist kein Wunder. Schließlich ist es seine Aufgabe, die der Maschine anzuvertrauenden Routineverrichtungen in einer Weise zu fassen, wie sie auch der dümmste Zeitgenosse nicht zu denken pflegt; in einer Weise, wie sie vielmehr der reinen Unintelligenz des elektrischen Automaten gerecht wird. Diesem geht ja ganz grundsätzlich ab, was noch jeder Verwaltungsgehilfe oder Mechaniker, mag ihm seine Tätigkeit auch als noch so „hirnlos“ vorkommen, ganz selbstverständlich betätigt: eine Vorstellung sowohl vom Inhalt, also der Verschiedenheit der ihm übergebenen „Daten“ und Aufgaben als auch von der Absicht seines Umgangs mit ihnen. Der Computer hingegen hat weder von der Bedeutung seines „Inputs“ den geringsten Dunst noch davon, worauf die von ihm zu leistende „Verarbeitung“ desselben hinauslaufen soll. Ihm würde es überhaupt nichts ausmachen, beispielsweise „Schweinfurt“ als einen Vornamen anzuerkennen oder auch zum Rechnungsbetrag zu addieren usw. – allemal handelt es sich bei seinem Material ja um Konfigurationen binärer Werte.

Dass der professionelle Idiotismus der Maschine ein zweckmäßiges Resultat hervorbringt, ist durch ein „Programm“ sicherzustellen. Der geistige Aufwand, den der Programmierer hier zu treiben hat, zeichnet sich zuallererst dadurch aus, dass er in umgekehrtem Verhältnis steht zu jeglicher Erkenntnis, die für dieses Geschäft benötigt oder aus ihm zu gewinnen wäre. Die zu automatisierende Verrichtung ist für die maschinelle Verarbeitung in Gestalt einer „Logik“ abzubilden, die ganz prinzipiell ohne jegliche Kenntnis von Zweck und Gegenstand dieser Tätigkeit auszukommen hat. Während man von den Anweisungen, die man dem lebendigen „Mitarbeiter“ gibt, so gerne sagt, man „erkläre“ diesem seine Aufgabe, ist ein Computerprogramm seiner Natur nach das Gegenteil jeglicher Erklärung. Die Vorstellung vom Zweck der Verarbeitungsleistung ist durch eine Abfolge primitiver Einzeloperationen ersetzt – auf die Daten zugreifen, sie mit anderen vergleichen, mit ihnen rechnen, sie irgendwo abspeichern usw. –; diesen sind die Daten in Form ganz äußerlicher Kennzeichnungen zugewiesen, insbesondere der Ort, wo sie vom Datenträger abzuholen sind. Schließlich ist auch noch umfängliche Sorge dafür zu leisten, dass der Computer auch zu verarbeiten aufhört, wenn dafür gar keine Daten mehr vorhanden sind – wann hat man ein solches Problem mit einer herkömmlichen Arbeitskraft schon gehabt?

Recht banale Vorgänge wie das Erstellen einer Bestandsliste erhalten da eine ziemlich komplizierte Gestalt, so dass man schon sagen kann, Programmieren sei ein geistiger Beruf. Will man angesichts der begriffslosen Sturheit des Geräts einen Überblick über den Effekt der selbstdefinierten Befehlsfolgen bewahren, muss man schließlich eine gehörige Portion geistiger Disziplin“ aufbringen, um dessen begriffslose Sturheit nachzuvollziehen. Zusätzlich ist bei der Abfassung der beabsichtigten Operationen genauestens auf die Einhaltung der mitunter recht vertrackten Konventionen zu achten, nach denen sich das Gerät dirigieren lässt, insbesondere der jeweiligen „Programmiersprache“. Der reine Formalismus, als der sich das Produkt solcher gedanklicher Anstrengungen schließlich nach außen hin darstellt, erweckt bei Außenstehenden sogar bisweilen den Eindruck, es handle sich hier um eine Kunst.

Solche Mystifizierung mag der Fachmann vielleicht für etwas naiv halten; unrecht ist sie ihm nicht. Auf jeden Fall zeigt sie ihm, dass die spezifische Borniertheit seines Berufs derzeit schwer gefragt ist, er sich auf sie also mit Fug und Recht etwas einbilden kann, ganz ohne dazu noch ein Ideal höherer Nützlichkeit namens „Berufsethos“ bemühen zu müssen. Nach langem Herumgebastel schließlich ein „ablauffähiges“ Produkt abliefern zu können – wozu auch immer dieses gut sein mag –, reicht ihm zu seiner Zufriedenheit, denn dann ist sein Auftrag- bzw. Arbeitgeber mit ihm zufrieden und er mit sich. Dass man ihn solche Programme machen lässt, betrachtet er nämlich als „Herausforderung an sein gedankliches Geschick. Und nicht selten ist ihm diese Umdeutung seines Dienstes in seine höchstpersönliche Fähigkeit und Neigung auch noch den praktischen Beweis wert, sich seinen eigenen PC ins Schlafzimmer zu stellen. Schließlich ist man ja nicht einfach ein nützlicher Fachidiot.