Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Beruf: Professor

der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften

Das ist schon ein seltsamer Luxus: Da unterhält der moderne Staat einen ganzen Stand von Professoren und akademischen Hilfskräften mit dem einzigen Auftrag, professionell über ihn und das Tun und Lassen, Denken und Treiben seiner Gesellschaft nachzusinnen – und das alles überhaupt nicht zu dem Zweck, dass er oder sonst irgend jemand sich nach den etwa ermittelten Erkenntnissen richtet. Politiker und Lohnarbeiter, Ladenbesitzer und Unternehmer, Bauern und Bauherren wissen, was sie zu tun, nach welchen Zwecken und Mitteln sie sich zu richten haben; die Notwendigkeiten resp. Freuden des Geldverdienens belehren praktisch und unwidersprechlich darüber Sie wollen sich nicht und sie sollen sich auch gar nicht erst geistes- und gesellschaftswissenschaftlich belehren und überzeugen lassen. Von den zahllosen „Expertenkommissionen“, mit denen politische Parteien und Gewerkschaften, Unternehmerverbände und Ministerien sich gerne umgeben, weiß jeder – der Auftraggeber schon gleich –, dass sie keine Wahrheiten zutagefördern, die fortan beherzigt werden, sondern dass sie längst feststehende gesellschaftliche Interessen mit passenden Interpretationen bedienen. Quizsendungen, in denen ein leibhaftiger Professor darüber entscheidet, ob die Wahnsinnstaten eines gequälten Gedächtnisses einen Punkt verdienen oder nicht, sind vielleicht die einzigen Gelegenheiten, bei denen Gelehrsamkeit über ein Stück gesellschaftlicher Realität entscheidet – über ein paar Tausender in dem Fall.

Die praktische Bedeutungslosigkeit des Nachdenkens und Forschens von Geisteswissenschaftlern ist eine gesellschaftliche Tatsache. Die Gelehrtenwelt gesteht sich das aber als ihre Geschäftsgrundlage nur ungern ein, obwohl sie sich nach ihr wie nach einer verbindlichen Maßregel richtet. Sie ist übereingekommen, ihr Metier, nämlich „Theorie“, als eine Angelegenheit zu betrachten, die für „die Praxis“ nie und nimmer umstandslos taugen kann. Wissenschaft könne und wolle keine Vorschriften machen, heißt es; und eine ganze Spezialabteilung zeitgenössischer Geisteswissenschaft ist mit dem immer erneuten Nachweis beschäftigt, dass es von wissenschaftlichen Urteilen zu Imperativen keinen Übergang gebe.

Mit dieser dogmatischen Selbstbeschränkung verrät die Zunft zweierlei. Zum einen, wie fremd ihr die Verstandestätigkeit ist, die den Namen „Theorie“ verdient, nämlich wissenschaftliche Erkenntnisse hervorbringt. Derartiges Begreifen steht zum Willen der Leute und ihrem praktischen Tun gar nie im Verhältnis der Vorschrift, die respektvollen Gehorsam verlangt – wie die Geisteswissenschaftler zu befürchten vorgeben –, sondern – viel schlimmer! – es klärt über Grund und Zweck der Vorschriften auf, die per Gehorsam die gesellschaftliche Praxis regeln; es zersetzt damit deren Autorität und unbegriffene Gültigkeit und dadurch den gesellschaftlichen Gehorsam. Praktisch wirksam wird es nicht als Imperativ, sondern ganz von selbst in dem Maße, wie die Leute es mitvollziehen und die angebotenen Einsichten als die Wahrheit ihrer Lebenslage erkennen. Zum andern verraten die Gelehrten in Sachen Geist & Gesellschaft mit ihrer „bescheidenen“ Auffassung von Theorie und ihrem Dogma von der unpraktischen Natur des Denkens, wie geläufig ihnen eine gesellschaftliche Praxis ist, welche „Vernunft“ prinzipiell nur als Imperativ, als autoritative Vorschrift kennt. Sie wissen gar nichts anderes als eine Welt, in der die Gültigkeit einer Aussage gleichbedeutend ist mit einem Befehl; wo man daher bei jedem Geistesblitz nach der Autorität fragt, die dessen Geltung verbürgt, und dabei natürlich den ordentlichen Instanzenweg einhält – und auf dem kommt ein so antiautoritäres Ding wie wissenschaftliche Erkenntnis nirgends vor.

Diese Sorte Praxis lässt die bürgerliche Gelehrtenwelt sogar ganz fraglos als das Prinzip gelten, nach dem sie selbst als Berufsstand organisiert ist. Die Figur des Privatgelehrten, der mit nichts als seinen Einfällen und Argumenten auf sich aufmerksam macht, ist aus dem professionellen Betrieb verschwunden, welcher sich direkt in Gegensatz zu solchem „Dilettantismus“ als seriös definiert.

Die Zugehörigkeit zur respektablen Wissenschaft verbürgt ein vom Staat verliehenes Amt. Sie wird erworben und vollzieht sich als Beamtenlaufbahn, über die vom Staat berufene Vorgesetzte nach den Regeln amtlicher Eignungsprüfungen entscheiden, unter denen nebenbei die Verfassungstreue obenan steht. Die Laufbahnerfolge werden auf wissenschaftlichen Werken und Lehrbüchern als Empfehlung vermerkt; denn sie sind gleichbedeutend mit der wissenschaftlichen Reputation des Autors. Diese Gleichung wird kein bisschen dadurch beeinträchtigt, dass jeder, insbesondere jedes Mitglied der wissenschaftlichen Beamtenschaft, den entscheidenden Einfluss von Beziehungen, Protektion und Intrigen auf die Laufbahn eines Gelehrten kennt: Bei einer Amtsautorität zählt letztlich nicht, wie sie einer erworben hat – höchstens für die unverbindliche Privatmeinung über den Amtsinhaber.

Dass das Nachdenken über Geist und Gesellschaft sich so problemlos als Zweig des öffentlichen Dienstes organisieren lässt, hat seine Grundlage in der Sache. Zersetzende Aufklärung über die gesellschaftliche Natur von Werten und Ideologien, Arten des Lebensunterhalts und politischer Macht, Recht und Moral wird nicht nur öffentlich als übertriebener, unzulässiger theoretischer „Anspruch“ abgelehnt; eine solche Tätigkeit ist auch aus der Berufstätigkeit selbst, der Professoren und sonstige Universitätsangehörige nachgehen, getilgt. Statt mit ein paar Erkenntnissen und deren Weitergabe ist das Gelehrtentum mit einer Verstandestätigkeit anderer und ganz eigener Art befasst: Man erstellt gedankliche Bilder des jeweiligen Gegenstandes, die gewissen Kriterien genügen und darüber Billigung finden sollen. Die Kriterien, an denen ein solches Geistesprodukt gemessen sein will, stehen in ganz allgemeiner Form fest: Tiefe, Originalität, methodische Durchdringung des Stoffs, Bezugnahme auf konkurrierende Darstellungen. Worauf sie im besonderen hinauswollen und nach welchen Maßstäben ihre Deutung selber beurteilt werden will, möchten solche Werke selbst angeben. Es ist nicht ihre wissenschaftliche Gültigkeit, die ihren Erfolg bestimmt, sondern es ist die Aufnahme, die sie und die von ihnen „gesetzten Maßstäbe“ praktisch finden, wonach ihre wissenschaftliche Gültigkeit sich richtet – so wandeln sich nebenher die Kriterien für Wissenschaftlichkeit. Inzwischen gilt es als seriöse Definition einer Wissenschaft, auf die Summe des Unsinns zu verweisen, den die entsprechend ausgewiesenen Lehrstühle produzieren, und nicht als ironische Glosse auf ihren Verfall. Das Ergattern von Lehrstühlen, die Publizität einer „Theorie“, am besten die Bildung einer „Schule“, kurzum: der Erfolg im Reich der Wissenschaftler und ihres Geschmacks ist das Kriterium für die Wissenschaftlichkeit eines vorgelegten Deutungs-„Vorschlags“ und nicht umgekehrt.

Dementsprechend sieht auch die Weitergabe wissenschaftlicher „Leistungen“, die akademische Lehre aus. Sie verlangt von den Studenten alles andere als die Prüfung von Theorien, die Ermittlung ihrer Wahrheit bzw. ihrer Fehler. Sie bietet im Gegenteil den Bestand an anerkannten Bildern eines Gegenstandes zur gefälligen Kenntnisnahme, welche mehr mit Auswendiglernen als mit Nach-Denken zu tun hat; auf höherer Stufe übt sie die zu breiterer Anerkennung gelangten – oder danach strebenden – Methoden der fachspezifischen theoretischen Malkunst ein, trainiert also in einer Art Denksport. Was so auf alle Fälle vermittelt wird, ist der Aberwitz eines wahrheitsfreien Theoretisierens: die Gewohnheit und Geläufigkeit, „weil“- und „so dass“-Sätze, der Form nach also Urteile und Schlussfolgerungen zu äußern, ohne sie als Urteil oder Schlussfolgerung über die verhandelte Sache zu meinen. Die Kunst, so zu „denken“, erlaubt einen erfolgreichen Studienabschluss und in Ausnahmefällen den Übergang dazu, sie produktiv, zur Erstellung eines noch nicht dagewesenen kleinen Gedankengebäudes, anzuwenden; damit beginnt die Laufbahn des wissenschaftlichen Nachwuchses – sofern ein Amtsinhaber sich ihrer annimmt.

Mit der Einrichtung des professionellen Gelehrtenwesens leistet sich der moderne Kulturstaat einen Denkbetrieb, der sein Maß und Ziel in nichts als seiner Eigene Betriebsamkeit hat. Dieser Betrieb lebt von der Unaufhörlichkeit des gedanklichen Konstruierens, des konstruktiven Vergleichens der Ergebnisse, der Konstruktion von Vergleichsgesichtspunkten usw. – ohne dass jemals eine kleine Erkenntnis eine Bibliothek verkehrter Deutungen überflüssig machen könnte. Außer ihren selbstgesetzten Aufgaben kennt diese Betriebsamkeit noch nicht einmal die dem „normalen Menschenverstand“ geläufigen Kriterien des Wichtigen und Unwichtigen. So bietet die Welt der Universitäten das lächerliche, doch hoch in Ehren gehaltene Schauspiel zahlloser erwachsener Menschen, die Jahre ihres Lebens mit der erbittert verteidigten „Analyse“ einer Handvoll Gedichte verbringen; oder mit der Streitfrage, ob die Pyramide oder die Zwiebel das passendere Modell für eine „mobile Gesellschaft“ sei; oder mit mathematischen Theorien eines ökonomischen Fließgleichgewichts, deren sämtliche „Faktoren“ sich einer Definition verdanken, die deren Tauglichkeit für die Erstellung einer mathematischen Theorie im Auge hat und sonst nichts; oder mit der Sammlung von Quellen zur mittelalterlichen Theologie des Schutzengels; oder …

Bei dieser Beschäftigung kennt die Gelehrtenwelt allerdings keinen Spaß. Sie macht damit – das ist der einzige inhaltliche Gesichtspunkt ihres Tuns – ein geistiges Verhältnis zu allen Gegenständen der gesellschaftlichen Praxis, den wirklichen, vielen vergangenen und zahllosen erfundenen, praktisch wahr, das sonst im modernen Leben nur als ideologisches Kompliment an die Tätigkeit vor allem der herrschenden Figuren in Staat und Wirtschaft vorkommt: Sie übt Verantwortung.

In sämtlichen praktischen gesellschaftlichen Verhältnissen ist es eine lügnerische Schönfärberei, wenn behauptet wird, Tun und Trachten der Agenten wäre durch hingebungsvolle Sorge um Ordnung, Werte – nicht finanzielle, sondern solche der ideellen Art –, Sinnprinzipien, moralische Grundsätze oder sonstige Abstraktionen eines verfeinerten Rechtsempfindens bestimmt oder womöglich begründet. „Arbeitgeber“ achten auf den Profit ihres Unternehmens und nicht auf die Ideologie, auf die sie getauft sind, aufs Vergeben von Arbeitsplätzen; Politiker kennen und beschwören das „Gemeinwohl“ als Rechtstitel des staatlichen Machtmonopols und ihres erfolgreichen Besitzes desselben; Militärs schätzen „Kameradschaft“ als den schönen Schein einer durch Zwang und Gehorsam hergestellten Notgemeinschaft; dasselbe gilt für sozialministerielle Erinnerungen an die „Solidarität, zwischen den Generationen z. B. oder mit den Arbeitslosen; und schon jedes Kind der bürgerlichen Gesellschaft weiß demonstrative Bravheit berechnend als Mittel für kindische Gaunereien einzusetzen. Die Prätention, letztlich durch die Erfordernisse eines sinnreich-sinnstiftenden Allgemeinen motiviert zu sein und nie „bloß“ durch eigene Interessen – die deswegen „Egoismus“ heißen –, ist die selbstverständliche, durchschaute, aber geltende Heuchelei, mit der Anliegen von ganz anderem Strickmuster – die mit dem Interesse an einem hohen Einkommen auch nicht einfach zusammenfallen – sich feiern oder um Anerkennung und Geltung streiten.

Anders im Reich der Wissenschaft. Was der Gelehrtenstand den Gegenständen seines Bemühens als deren „Theorie“ hinzufügt, sind gar keine verleugneten materiellen Interessen, sondern gleich deren Ehrentitel: lauter Ordnungs-, Wert-, Sinnstiftungs und Rechtsgesichtspunkte, die mit dem jeweiligen Objekt seiner Neugier zur Debatte stehen sollen. Der Ernst, mit dem Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler solche Gesichtspunkte aufstellen und ihrem Gegenstand zuschreiben, mag geheuchelt sein und ein innerwissenschaftliches Karriereinteresse verraten. Der Job selbst jedoch, den sie mit ihren Vorträgen, Büchern, Aufsätzen usw. Verrichten, hat keinen anderen Inhalt als eben den, rein fiktiv diejenige Haltung zur Welt und ihren wirklichen oder angeblichen Einzelteilen einzunehmen und in Gedanken durchzuspielen, die die heuchlerische Manier bürgerlicher Interessensvertretung ausmacht – rein fiktiv und dabei so, als läge darin die Wahrheit aller wirklichen Verhältnisse. Sie denken den Kapitalismus als Problem der Versorgung der Leute mit Arbeitsplätzen modellmäßig durch; sie leiten die politische Gewalt als Erfordernis des größten Glücks der größten Zahl ab; sie konstruieren Krieg als Gemeinschaftserlebnis durch; sie erörtern die Rentenkasse als Lösung des interkulturellen Problems altersspezifischer Arbeitsteilung; sie fingieren Kindheit als die Mühsal des Gesellschaftlich-Werdens schlechthin usw. So „verantworten“ sie jeden Gegenstand in dem buchstäblichen Sinn, dass sie mit all ihren theoretischen Bildern von ihm diejenige Frage nach seinem höheren Sinn, seiner tieferen Bedeutung und gründlichen Rechtfertigung beantworten, die sonst nur zum Zwecke moralischer Selbstdarstellung eines verlogenen Materialismus aufgeworfen wird – selbstverständlich nie so umständlich, raffiniert und methodisch reflektiert aufgeworfen wird, wie der Gelehrtenstand sie beantwortet.

Kurzum: Im modernen Kulturstaat erklärt ein ganzer Berufsstand in weiträumigen Bibliotheken und den zahllosen Veranstaltungen eines regen Geisteslebens jede Heuchelei in Bezug auf gesellschaftliche Interessen, Zwecke und Einrichtungen zu deren eigentlichem Wesen und erfindet nach diesem Strickmuster beständig neue „Wesenszüge“, ohne sich daraus groß ein Gewissen zu machen. Dabei strengen sich die Professoren und ihre Assistenten sehr an. Diese Anstrengung gibt ihnen das offenbar ungemein beruhigende Bewusstsein, kein luxuriöser Schnörkel an der bürgerlichen Klassengesellschaft zu sein, sondern allen Ernstes das, als was sie organisiert sind: öffentlicher Dienst.

Ob irgendwer in der Gesellschaft oder ein Staatsorgan von den Interpretationsangeboten aus der Werkstatt der Wissenschaftler Gebrauch macht, steht dahin, spielt für den Nutzen dieser luxuriösen Albernheit aber gar keine Rolle. Dieser ist prinzipiellerer Natur. Das professionelle Gelehrtentum verbürgt allein durch seine umfängliche, kostspielige, unübersehbare und ehrwürdige Existenz die Geltung der Lüge, alles in der Gesellschaft wäre wohldurchdacht und Nachdenken ginge gar nicht anders als so, dass alles und jedes verantwortet wird. So ist der Gelehrtenstand die vom Staat gekaufte und organisierte leibhaftige Widerlegung zersetzender Wahrheiten. Mit seiner Ausbildungstätigkeit legt er auch jeden nachwachsenden Verstand auf konstruktive Gesinnung statt Erkenntnis fest.

Diese Leistung ist in so totaler Weise nicht zu haben ohne Bibliotheken voller Unsinn, der den Bereich innerwissenschaftlicher Selbstbespiegelung nie verlässt. Eben deswegen sind sogar diese Unkosten äußerst nutzbringend angelegt.