Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Beruf: Pfarrer

Pfarrer sind Leute, die Gottes Ruf vernommen haben. Egal, wann und unter welchen Umständen sie diesen Anruf verspürt haben wollen: Es genügt, dass sie sich ihre Mission heftig genug einbilden, um im Dienste Gottes der Akademiker-Arbeitslosigkeit zu entgehen.

Messe lesen, Beichte hören, Sakramente verteilen – so schwer ist das nicht. Dazu muss man sich nur die richtigen Klamotten anziehen, die passenden Texte – wahlweise auf lateinisch oder deutsch – sowie das entsprechend würdevolle Gehabe auf Lager haben, dann geht alles seinen Gang. Witwen und Waisen trösten, Kranke besuchen, Tote beweihräuchern, mit Nonnen schäkern – ist auch nicht sonderlich kompliziert. Die gläubige Menschheit ist genügsam. Dass der Herr Pfarrer tatsächlich persönlich vorbeischaut, reicht für den beabsichtigten Eindruck. Und das Schönste ist sowieso, wenn er dann wieder geht.

Schwierig ist der Beruf eigentlich nur in einer Hinsicht: Für den höchsten Chef muss Werbung veranstaltet werden. Bei der pastoralen Agitation tut man sich mit Kindern und Omas relativ leicht. Sie sind ein dankbares Publikum für die alten Stories vom lieben Gott mit seiner grenzenlosen Güte und strafenden Gerechtigkeit, von den Menschen, die ewig Scheiße bauen, und vom Gottessohn mit seiner Krippe und seinem Kreuz. Darüber hinaus kann man auf den Teufel, die Schutzengel, ganze Heerscharen von Heiligen und jede Menge Jungfrauen zurückgreifen, um den alten und jungen Schafen der Gemeinde die Botschaft kindgemäß aufzubereiten, auf die der ganze Zirkus sowieso so sicher wie das Amen in der Kirche hinausläuft: Gottgefällige Erdenwürmer sind brav, gehorsam, demütig und haben ein frohes Herz, was immer auch in diesem „Jammertal“ mit ihnen angestellt wird.

Damit ist die Abteilung ‚Kinder und Senile‘ bestens bedient und der Großteil der wöchentlichen Predigtvorbereitung erledigt. Andere regelmäßige Gottesdienstbesucher sind nämlich sowieso nicht zu erwarten. Aber was ein echter Pfarrer ist, der legt sich noch lange nicht auf die faule Haut und lässt Gott einen guten Mann sein. Im Gegenteil, er nutzt seine Freiheit, um die göttliche Mission zu erfüllen und sich auch an die ältere Jugend und die Erwachsenenwelt mit der frohen Botschaft anzuwanzen.

Ein Pfarrer von heute ist natürlich nicht von gestern und weiß, dass es sich hierbei um eine etwas sperrige Klientel handelt. Leuten, die mit allen Wassern der kapitalistischen Konkurrenz gewaschen sind, will er aufreden, dass sie die christlichen Tugenden der Demut, Bescheidenheit und Nächstenliebe zu beherzigen haben – und zwar ganz ohne Berechnung aufs Diesseits. Christliche Seelsorger verstehen etwas von PR; sie wissen, dass sie das Bedürfnis nach ihrem ewig gleichen, penetranten Angebot „Auch Du brauchst Jesus“ bei der Kundschaft erst wecken müssen.

Die klassische Einstiegsdroge auch für Erwachsene ist ein Sündenbewusstsein. Dazu kann man auf altbewährte „Argumentationsmuster“ zurückgreifen. Die Menschheit ist per definitionem sündig (Erbsünde und so): Mensch ist Mensch, und Gott ist Gott. Deshalb muss man gnadenlos auf die Gnade Gottes vertrauen. Das sind noch allemal interessante Überlegungen für moderne Menschen, die sich ihr „Lebensschicksal“ nicht erklären, sondern zufriedenstellend rechtfertigen wollen. Die Sache hat nur einen kleinen Haken. Die „aufgeklärte Menschheit“ des 20. Jahrhunderts treibt sich nicht mehr gewohnheitsmäßig im Schoß der Kirche herum, sondern hat die Auswahl zwischen verschiedenen Angeboten zur moralischen Erbauung. Kirchenbesuch und die Sündentour treffen längst nicht mehr jedermanns Geschmack.

Aber Pfarrer sind studierte Leute. Sie haben ihr Philosophikum nicht umsonst gemacht und verstehen sich bestens darauf, dieselbe Botschaft methodisch modern zu verpacken. Ihre wichtigste Werbemasche heißt: Sinnbedürfnis befriedigen. Die bescheuerte Frage nach dem Sinn des Lebens, nach einem schicksalhaften guten Grund aller Dinge jenseits der sehr realen, irdischen Zwecke, die Menschen verfolgen oder denen sie unterworfen werden, hat sich in den Köpfen der abendländischen Menschheit aus sehr schlechten irdischen Gründen festgesetzt. Pfaffen nehmen sich die Frechheit heraus, jedermann mit der Frage zu behelligen: „Wofür lebst Du überhaupt?“ Und damit wollen sie keinesfalls an die Zwecke erinnern, die die Leute üblicherweise so im Kopf haben: „Für meine Familie, für meine Arbeit, für meinen Gewinn, für meine Aktien, für meinen Urlaub, für den Genuss, fürs Arbeitsplätze schaffen, für Deutschland“. Pfarrer haben es darauf abgesehen, dass sich der Rest der Menschheit mit seinen Zwecken vor ihnen rechtfertigt; und dabei ist längst klar, dass sie keine einzige Rechtfertigung gelten lassen. Außer eben den höchsten Zweck, an dem sie das Dasein der Leute und ihren Lebenssinn blamieren wollen. Dienstbarkeit für diesen fiktiven, geheimnisvollen Oberzweck – namens Gott – ist ihr Maßstab.

Die Katechismus-Antwort auf die Frage: „Wozu sind wir auf Erden?“ – „Um Gott zu loben und zu preisen und dadurch in den Himmel zu kommen.“ – mögen moderne Pfarrer nicht mehr so ohne weiteres feilhalten. Dafür werben sie aber nur um so nachhaltiger für das Prinzip dieses metaphysischen Frage-und-Antwort-Spiels: für die Fiktion einer von keinem Menschen und keiner wirklichen Instanz gesetzten Zweckbestimmung, der die Leute in ihrem Tun und Lassen gehorchen müssten und von der man ansonsten nur eines sagen kann, nämlich dass keine wirkliche, geschweige denn eine vernünftige Absicht an sie heranreicht. Sie machen Propaganda für eine grundlose Selbstkritik, die alles, was es gibt, mit dem interessanten Argument „bloß irdisch“ in den Staub zieht. Sie agitieren für die Einbildung einer göttlichen Weisheit in allem Geschehen, an der der menschliche Verstand sich nur blamieren kann; also für eine selbstverantwortete Unmündigkeit. Als Lohn für so viel Knechtsgesinnung winken die Pfaffen mit einem Preis: Wenn man schon sonst nichts davon hat, kann man sich zumindest bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit als Parteigänger des allerhöchsten Vorschrifts- und Lenkungswesens aufführen, um ihr Angebot an Mann und Frau zu bringen, haben die Pfarrer sich auf den berechnenden Umgang mit dem enttäuschten Materialismus der Leute spezialisiert. Anlässe, an denen der Großteil der Menschen feststellen kann, dass die Eigene bescheidenen Vorhaben und Ziele, auf die man es im Leben abgesehen hat, nichts zählen, bietet eine florierende Marktwirtschaft in Hülle und Fülle. Enttäuschung über die kümmerlichen Ergebnisse der Eigene Anstrengungen im Berufsleben und Unzufriedenheit mit dem meist fragwürdigen Glücksgewinn, den die Familie bereitet, sind an der Tagesordnung. Für den Seelsorger eine hervorragende Gelegenheit einzuhaken.

Den „Erniedrigten und Beleidigten“ stehen Pfarrer großherzig mit Rat und Trost zur Seite. Das „Jammertal-Argument“ wird in Anschlag gebracht: Das Diesseits ist nun mal beschissen – das hat der liebe Gott so eingerichtet, damit’s für die Braven im Jenseits um so lustiger wird. Warum das so sein muss, weiß kein Mensch – aber das ist ja gerade der Witz am lieben Gott.

Auch der enttäuschte Glaube an einen moralischen Weltlauf wird bedient. Leuten, die ihr Lebtag brav und treu jede Pflicht erfüllen und enttäuscht feststellen, dass sie damit auf keinen grünen Zweig kommen, kann geholfen werden. Das Jenseits sorgt für den Ausgleich, den das Diesseits nicht bringt: So zahlt Tugend sich letztlich doch noch aus, und die bürgerlichen Grundwerte, Gerechtigkeitswahn und Neid, sind christlich bestätigt. Und wenn er schon vom Jenseits faselt, wird es sich kein echter Pfaffe entgehen lassen, seinen mit der Welt und dem Nächsten unzufriedenen Schäflein selber mit allem Nachdruck auf den Zahn zu fühlen. Dann kommen die Anekdoten vom „Balken im Eigene Auge“ und den „Steinen, die man nicht immer werfen soll“, zum Einsatz. Es gilt nämlich, das schlechte Gewissen, das zur Tugendhaftigkeit immer dazugehört, zu fördern und auszubauen. Die Vorstellung von einer höheren richtenden Instanz ist der ergiebigste Ansatzpunkt beim Publikum, um seine betrübten Selbstzweifel und seinen verkehrten Weltschmerz in die richtigen, göttlichen Bahnen zu lenken.

Es gibt allerdings jede Menge Leute, denen die pastoralen Angebote zu antiquiert erscheinen. Bei denen lohnt sich auf jeden Fall der Versuch, ihnen den lieben Gott mit dem labbrigsten aller Sinn-Erfolgsschlager schmackhaft zu machen: „Irgendeinen Sinn muss alles doch haben.“ Klar, ohne Sinn ist alles sinnlos. Und für diesen Sinnspruch hat die christliche Kirche immerhin ein verbindliches Argument auf ihrer Seite: Sie ist die staatlich anerkannte Instanz für „letzte Fragen“. Es wird christlich erzogen, geheiratet und gestorben; von der Wiege bis zur Bahre gibt es für jede Gelegenheit ein Angebot kirchlichen Lebens; die Gemeinschaft der Gläubigen ist eine rechtlich geschützte öffentliche Macht, die sich nicht nur auf ihren Kirchentagen zur Show stellt, sondern tagtäglich mit ihren Repräsentanten moralische Fragen aufwirft.

Mit dieser Autorität im Rücken bemüht sich der Pfarrer, der christlichen Botschaft dadurch eine letzte Autorität zu verleihen, dass er sie so glaubhaft wie möglich als die Seine, als seine höchstpersönliche innerste Überzeugung darstellt. Dafür fordert das Pfarramt den ganzen Menschen. Ein Herr Pfarrer braucht nichts so sehr wie eine persönliche Ausstrahlung, mit der er als leibhaftiger „Beweis“ für die Richtigkeit der christlichen Lehre durch die Gegend strahlen kann. Ein paar Marotten zur Persönlichkeitsgestaltung gehören dazu; je nachdem, welches „Feld des Herrn“ gerade zu beackern ist.

Die Auswahl an pfäffischen Charaktermasken ist nicht allzu groß und ihre Übergänge sind fließend. Im Laufe seiner Dienstjahre lernt ein Pfarrer sie alle darzustellen.

Der Weltoffene, politisch Verantwortungsvolle empfiehlt sich vor allem für Studentengemeinden und ähnliches. Zur Grundausstattung gehören Gitarre und Jeans. Lila Halstücher für den Frieden und gelegentliches Einreihen in eine garantiert gewaltfreie, nächstenliebende, absolut gute Menschenkette machen sich auch nicht schlecht, wenn der Zeitgeist es gerade so will. Zu allen sich bietenden Gelegenheiten wird ein 3.-Welt-Basar organisiert und mit der reiferen Jugend über die Theologie der Befreiung diskutiert. Dabei kann man dann dezent mit der Eigene Distanz zur „verstaubten Amtskirche“ kokettieren und die beeindruckte Jungmannschaft für die einzig wichtige Botschaft weichklopfen: Verantwortliches politisches Engagement für das Elend der Welt ist nur dann richtig zu leisten, wenn man die Sache im Lichte der frohen, biblischen Botschaft betreibt und im Namen, also zum Nutzen der Kirche – „Mein Reich ist nicht von dieser Welt …“

Als lockerer Seelenhirte organisiert man auch schon mal Messen, bei denen es jugendbewegt zugeht. Oder man zelebriert das Abendmahl wahrhaftig wie seinerzeit der Herr Jesus am Esstisch. So wird Ergriffenheit und ein – im wahrsten Sinne des Wortes – irres Gemeinschaftsgefühl im Herrn inszeniert. Und wo das Mysterium des Glaubens so mit Händen zu greifen ist, da kann man denselben Zirkus auch wieder mit einer so richtig feierlichen Liturgie feiern: Rein in die Soutane mit den 33 Knöpfen, die farbenprächtigen Gewänder umgehängt, die goldige Monstranz hochgehalten und mit Weihrauchfässern gewedelt. Der Organist haut in die Tasten und spielt die alten Lieblingshits der Gemeinde. Da bleibt kein Auge trocken.

Selbstverständlich sind die Männer Gottes jederzeit bereit, den ganz persönlichen intimen Ratgeber abzugeben. Diese Tour ist eigentlich immer und überall einsetzbar. Moderne Menschen sind daran gewöhnt, alles und jedes auf der Welt in ein Problem zu übersetzen, das sie mit sich, ihrem Selbstbewusstsein und dem Sinn ihres Lebens hätten. Sobald man ihn nur lässt, kann sich der Herr Pfarrer da als Seelsorger in seinem Element fühlen. Er ist der Mann, der das Leben mit all seinen Abgründen kennt. Und dabei ist er doch ein guter Kamerad, dem man jeden Weltschmerz und Fehltritt erzählen kann. Der Trick verfehlt seine Wirkung selten, immerhin macht hier kein Geringerer als der Herr Pfarrer auf Kumpel, väterlichen Freund oder warmherzigen Bruder. Das Gesprächsmuster steht von vornherein fest. Die vertraulich ermunternde Eingangsfrage: „Hast Du ein Problem, mein Sohn, meine Tochter?“ führt zielstrebig zur „Lösung“: Jedes Problem ist in letzter Instanz eines mit dem Herrgott und löst sich im frommen Gang in die Kirche und zu den Sakramenten.

Man kann auch einen auf Hochwürden machen. Die eigene Strenggläubigkeit und Konzentration auf das Wesentliche lässt sich leicht dadurch sinnfällig machen, dass man prinzipiell nur in schwarzer Tracht durch die Gegend läuft. Dazu wird ständig gegen die Verwässerung und Verweltlichung von Glaubensfragen gewettert. Wenn man das alles noch mit dem gewissen MärtyrerFlair garniert, dass man ausgerechnet mit der göttlichen Sinnhuberei in der Wende-Republik 1987 schon auf verlorenem Posten für „den Weg, die Wahrheit und das Leben“ kämpft, kann es gar nicht ausbleiben, dass man am Ende von sich selber echt ergriffen ist.

Die Katholen haben als Oberknüller in puncto Glaubwürdigkeit den Zölibat anzubieten. Der tiefe Glaube des Herrn Pfarrer soll der unwiderlegbare Beweis für die Richtigkeit seiner Botschaft sein. Also muss der Glaube in Szene gesetzt werden. Der Verzicht auf Ehe und Familie wird als großes, aber frohen Herzens gebrachtes Opfer vorstellig gemacht. Und jeder soll sich dabei insgeheim denken, wer nicht vögelt, bloß um dem lieben Gott eine Freude zu machen – der muss von dem alten Herrn wirklich sehr angetan sein. Diese Sorte „Gottesbeweis“ funktioniert natürlich nur, wenn der Herr Pfarrer ein Typ ist, dem man abnimmt, dass er tatsächlich auf etwas verzichtet. Ein bisschen demonstrative Männlichkeit mit (mehr oder weniger) leisen Andeutungen, dass man selbstverständlich jede Menge Frauen hätte haben können, wenn man nur gewollt hätte – auch das gehört zum Berufsbild. Was dem katholischen Priester sein Zölibat, das ist dem evangelischen Pastor seine Familie. Pastoren beherrschen es genauso wie demokratische Politiker, ihr Privatleben samt lebendem Inventar zum Aushängeschild ihrer hervorragenden Persönlichkeit zu machen. Die vorbildliche Pfarrerfamilie weiß ein Lied davon zu singen, dass das Familienoberhaupt – obwohl ein ganz normaler Gatte und Vater – immer wieder den Stellvertreter Gottes auf Erden raushängen lassen muss. Das lässt sich nur mit der christlichen Dialektik von Sünde und Vergebung verkraften.

Mit diesem Repertoire an Überzeugungskünsten für den Allerhöchsten fristen die Gottesmänner der verschiedenen Konfessionen ihr ehrenwertes, sinnerfülltes Berufsleben bis zum seligen Ende. Auch wenn sie sich allesamt heftig einbilden, dass ihre Leistung nicht mit schnödem Mammon aufzuwiegen ist – die Gehaltsüberweisungen laufen regelmäßig ein. Deutsche Pfarrer können ihrem Herrgott dankbar sein, dass ihr Lebensunterhalt nicht vom zählbaren Erfolg ihrer Agitationsleistungen abhängt. Dank der Fürsorge des bundesdeutschen Staats genießen sie die Bequemlichkeiten eines Quasi-Beamten. Offenbar weiß ein Staat wie die BRD, was er an diesen Burschen hat: eine dauernde Agitationsinstanz für einen durch und durch staatsnützlichen Irrationalismus; eine Betreuungsinstanz für die Opfer des kapitalistischen Alltags, für Kranke, Alte, Obdachlose; eine garantiert staatsdienliche Organisation internationaler Pflege von Hunger und Elend – und eine moralische Institution, die auch sonst jeder Waffe ihren göttlichen Segen erteilt. Die Bundesregierung zieht ihren Bürgern, die so blöd sind, nicht aus der Kirche auszutreten, gerne die Kirchensteuer aus der Tasche für eine Gottes-Mannschaft, die gegen den allgemein üblichen bürgerlich berechnenden Umgang mit der Moral laufend für wirklich echte, von Herzen kommende Moralität wirbt, die noch die intimste Privatsphäre zu durchdringen hat.

Sie ist sogar so großzügig – in ihren Berechnungen –, dass sie den Kirchen aus ihrem eigenen Steuersack bzw. Dem der Bundesländer ganze theologische Fakultäten an den meisten staatlichen Universitäten spendiert. Dort studiert der Pfarrernachwuchs Gott, die beiden Testamente des alten Herrn, dazu Hebräisch, Moral, Kirchengeschichte usw., so wie andere Nachwuchskräfte unmittelbar daneben Physik, Betriebswirtschaftslehre oder Literaturwissenschaft erlernen; und keiner der Beteiligten denkt sich etwas dabei, geschweige denn etwas Böses. Nun ist der Theologie sicher kein Vorwurf daraus zu machen, wenn sämtliche anderen akademischen Disziplinen sich selbst so weitgehend als letztlich auf Glaubensannahmen begründete Weltanschauungen verstehen, dass die Nachbarschaft mit einem oder sogar zwei verschiedenen religiösen Bekenntnisfächern sie nicht geniert. Von bemerkenswerter Unehrlichkeit ist aber der Ehrgeiz der Kirchen, der Weitergabe und Fortschreibung ihrer frommen Verkündigung unbedingt die Form eines normalen akademischen Studiums und einer regulären Wissenschaft zu verleihen. Auf die Autorität des Scheins von Wissenschaft mögen sie nicht verzichten, um der Autorität ihres Gottes aufzuhelfen; und im Herrn Pfarrer soll die Gemeinde nicht zuletzt den studierten, nicht bloß durch den Heiligen Geist ausgewiesenen Geistlichen respektieren, obwohl – oder vielmehr weil – es doch bloß um den Entschluss zur Verabsolutierung des kindischen Traums von einer eigentlichen besseren Welt geht. Auf der Inkommensurabilität von Erkenntnis und Bekenntnis beharren Gottes Funktionäre auch wieder ganz selbstbewusst, wenn es etwa um die Besetzung der staatlich finanzierten Lehrstühle geht Da rangiert die bischöflich überprüfte Kirchentreue natürlich vor der Gelehrsamkeit. Ab dann soll aber eben doch der freie, quasitheoretische Einsatz des Verstandes das Seine zur Sicherheit des Bekenntnisses beitragen. Einige dutzend Generationen von bürgerlich denkenden Theologen haben es dabei zu bemerkenswerten Ergebnissen gebracht. Sie haben keinen Widerspruch ausgelassen, der dazu dienen kann, die paradoxe Einbildung einer absoluten Autorität, der die eigene Einbildungskraft angeblich nur gehorcht, durch alle Anfechtungen einer rationellen Selbstbesinnung des Denkens hindurchzusteuern. Mit welchem Einwand auch immer theologisch geschulte Kirchendiener/innen zu tun bekommen: Nie sind sie um eine Antwort verlegen, die den Schein, und zwar den staatlich beglaubigten, einer wissenschaftlichen Argumentation erweckt (bevor sie ihn dementiert) und damit – statt mit dem „Heiligen Geist“ – den Zweifel abtöten soll. Diese Gewissheit ist das Mindeste und meist das Einzige, was der Pfarrer aus seinen akademischen Semestern behält. Im Zeitalter der Wissenschaftsgläubigkeit ist sie unerlässlich; wenn nicht für den frommen Volksbetrug selbst, dann doch für ein gutes elitäres Gewissen dabei.