Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Beruf: Naturforscher

Im ganz Großen und im besonders Kleinen bietet die Natur dem entdeckungsfreudigen Menschengeist durchaus noch manches Unerforschte – auch wenn es sicher in die Sphäre der verlogenen Schwärmerei gehört, dass jede „Antwort“ bloß um so mehr „neue Fragen“ aufwerfen würde; die Zahl der „Welträtsel“ hat sich schon beträchtlich reduziert, und vor allem haben heutige Naturforscher ein weitgehendes Wissen von den Gegenständen, die sie unter die noch nicht erkannten zählen. Auch in den Größenordnungen zwischen den Massenberechnungen für Sternnebelhaufen und denen für Neutrinos gibt es aber für naturkundlichen Forscherehrgeiz viel zu tun. Was aus dem Klima im Großen und Besonderen wird, wenn der Kohlendioxidanteil in der Luft weiter zu- und der weltweite Baumbestand abnimmt; wie giftig die industriell produzierten Gifte sind und für wen, und wo sie letztlich bleiben; ob Salzstöcke die Lagerung größerer Mengen Plutoniumabfall einige Millionen Jahre lang verkraften und wie: Eine Fülle funkelnagelneuer Fragen kommt da auf die Naturforscher zu, die nun wirklich nicht die Natur selbst aufgeworfen hat. Für deren Beantwortung ist ihr Sachverstand am lebhaftesten gefragt.

Da dürfen sie nun ihre neuesten Erkenntnisse z.B. über die chemische Reaktionsfähigkeit neuer und alter Stoffe im Dienst der Frage gewinnen, wie eine Mülldeponie am kostengünstigsten zum Grundwasser hin abgedichtet werden kann oder wie aus zwei Arzneimitteln ein gut verkäufliches drittes wird. Der Geschäftssinn und die verheerenden „Neben“-Wirkungen einer Produktionsweise, die mit Land und Leuten lauter geschäftstüchtige Großversuche „in vivo“ veranstaltet, geben den Experten der Nation viel anzupacken.

Zu Ehren kommt ihr dienstbarer Geist aber vor allem dann, wenn sie Fragen beantworten sollen, die den Bereich naturwissenschaftlicher Kompetenz überschreiten. Politiker, die auf alles aufpassen sind nämlich immer, wenn mal wieder was Dummes passiert ist eine Zeitlang an „Risikostudien“ interessiert: Sie wollen Prognosen, und zwar nicht bloß über das Wetter von morgen und das nächste Erdbeben unter Los Angeles, sondern vor allem zu der Zukunftsfrage, wie sehr zukünftige Wirkungen von heute eingeleiteten oder zur Ausnutzung vorgesehenen Naturprozessen gewisse allgemeine gesellschaftliche Zwecke behindern, beeinträchtigen oder gefährden werden.

Naturforscher lassen sich da nicht lumpen; ihre Expertisen haben aber einen Haken. Erstens sind naturwissenschaftliche Erkenntnisse nämlich überhaupt etwas anderes als Prognosen. Man braucht sie zwar, um die Bedingungen zu berechnen, unter denen beispielsweise eine Rakete ihre Umlaufbahn erreicht oder gewisse Ausgangsstoffe die gewünschte Synthese bilden. Gerade in der technischen Praxis zeigt sich aber, dass Naturgesetze nicht zusammenfallen mit der sicheren Vorhersage eines bestimmten Ergebnisses, an dessen Zustandekommen allemal die verschiedensten Ursachen gesetzmäßig, aber nicht voraussehbar mitwirken. Unter die notwendigen Wirkungen, die Naturwissenschaftler ausrechnen können, fällt zweitens erst recht nie die Antwort auf Fragen, die in der einen oder anderen Form ein „wie schlimm?“ zum Inhalt haben. „Gefährlich“ oder „unerheblich“ sind ein für allemal keine naturkundlichen Kategorien, sondern gehören zur Logik jener Beurteilung natürlicher Gegebenheiten und Effekte, die diese zu individuellen oder gesellschaftlichen menschlichen Bedürfnissen ins Verhältnis setzt. Das Wissen etwa über Dioxin, seine Synthese und seine Reaktionsfähigkeit erlaubt sicherlich Schlussfolgerungen darüber, was es wo und wie im menschlichen Körper bewirkt; aber es gibt keine Voraussage darüber her, wieviel von diesem Zeug bei verschiedenen Produktionsprozessen freigesetzt und von der Menschheit nicht aufgenommen wird; und erst recht lässt sich durch keine noch so eingehende Prognose auf wissenschaftlicher Basis festlegen, welche Effekte man für tolerierbar und welche für ein Risiko halten will. Wo der Naturforschung solche Urteile abverlangt werden, soll sie in den Dienst von Abschätzungen treten, die genauso wenig naturwissenschaftlichen Charakter haben wie eine Statistik der Krankheitskosten oder eine betriebswirtschaftliche Ertragsrechnung.

Genau dieser Dienst macht aus den Naturforschern erst Experten mit einer prominenten gesellschaftlichen Rolle. Als solche sind sie immer wichtiger geworden, seit der herrschende gesellschaftliche Gebrauch der Natur diese für immer mehr Zwecke außerhalb und sogar innerhalb des Bereichs geschäflicher Zwecksetzungen unbrauchbar macht und Gefahren schafft. Da gilt es z.B., MAK-Werte auszurechnen: für jedes bei lohnender Industrieproduktion anfallende Gift diejenige Menge in der Betriebsatmosphäre, bei der die staatliche Aufsichtsbehörde sich über die Volksgesundheit keine größeren Sorgen zu machen braucht, weil sie mit bestem Gewissen die „Prognose“ vertreten kann, dass „ein Guter es aushält“. Aus der Statistik der Krebsraten bei unterschiedlichen Arten und Graden ionisierender Bestrahlung der Menschheit sollen Experten ermitteln – und sie tun es ohne Wimperzucken –, bei welcher Dosis ihnen eine Korrelation nicht mehr signifikant vorkommt, so dass die allgemeine Einsicht: „Keine Dosis ist unschädlich.“ Sich mit einer akzeptablen Becquerel-Zahl pro Kubikmeter Atemluft, Quadratmeter Liegewiese und Kilo Haselnussnougat vertragen lernt. Ausgerechnet das Wissen über ein paar Gesetze des Naturgeschehens soll eine sichere Meinung darüber hergeben, wie viele „Minuten vor zwölf‘ es schon ist oder ob die Sache nicht doch noch auf absehbare Zeit „gutgehen“ kann.

Der Meinungsstreit der Experten kann gar nicht ausbleiben. Zahllose unentschiedene Debatten über die Gefährlichkeit der Atomkraft und des Autoverkehrs haben das demonstriert. Der „Wirrwarr“ um die Grenzwerte harmloser Radioaktivität nach dem Fallout von Tschernobyl hat endgültig das Volksurteil bestätigt, dass Experten sich geradezu auszeichnen durch die unterschiedlichen bis gegensätzlichen Auffassungen, die sie in ein und derselben „Sachfrage“ vertreten und „wissenschaftlich“ bestens begründen können. Expertentum gilt nicht als Beendigung, sondern als eigene Quelle einer unversöhnlichen Meinungsvielfalt. Dieser Zipfel einer Einsicht, die ja an sich gar nicht so falsch ist, hat allerdings überhaupt nicht dem Schein geschadet, da würde nur mit und um wissenschaftliche Argumente gestritten. Populär geworden ist ja bloß der sowieso populäre Unsinn, auch Naturforschung wäre ein in sich pluralistisches Geschäft. Und das ist das gerade Gegenteil der wirklich nicht schwierig zu erfassenden Wahrheit: Der ganze Experten-Pluralismus liegt ausschließlich in dem überhaupt nicht naturwissenschaftlichen Urteil darüber, wieviel an Zumutungen gegenüber dem betroffenen Volk die politische Obrigkeit sich herausnehmen sollte oder sich doch nicht leisten darf.

Aber warum hätte ausgerechnet das vollgelaberte Publikum auf diese Unterscheidung kommen sollen? Die zu publizistischen Ehren gekommenen Experten selbst haben ja alles daran gesetzt und tun alles, um ihr Wissen über Ursache und Wirkung mit ihrer politischen Einschätzung der mutmaßlichen Wirkungen zu vermanschen. Sie haben sich als Experten in der eigentümlichen Sorte korrupten Denkens bewährt, das die erkannten Naturgesetze als Berufungsinstanz für die Verlautbarung risikobewusster Ratschläge missbraucht. Sie beziehen ihr ganzes Renommee aus der Verfälschung der gesellschaftlich fest verankerten Exklusivität naturkundlichen Wissens – also der Unbildung kapitalistisch zivilisierter Völker – in Autorität. Inzwischen haben man/frau mitbekommen, dass jeder politische Standpunkt ganz locker seine naturwissenschaftliche Expertenmeinung vorweisen kann; und gleichzeitig ist jedermann klar, dass das kein Grund zur Kritik an den Fehlern und Absichten des politisierenden Expertentums ist, geschweige denn an den Standpunkten, die sich mit käuflichem Fachidiotentum schmücken, sondern ein Grund zur Skepsis – gegen die Naturwissenschaft: die ginge halt so!

Wie sauber nimmt sich demgegenüber die heile Welt der „reinen Forschung“ aus, wo der freie Forschergeist ohne politischen Auftrag und geschäftlichen Zweck den Quarks und den Gravitationswellen im erdfernen Raum und den letzten Geheimnissen des Lebens nachspürt!

Oder doch nicht ganz ohne materiellen Zweck und Auftrag? Als Geldgeber muss allemal ein dickes, staatlich unterstütztes Kapital oder gleich der Staat ran, wo es um die „reine Forschung“ geht; denn was sich am Labortisch Marke Otto Hahn erkennen lässt, ist irgendwie ausgeforscht. Für den kostspieligen Aufbruch des forschenden Geistes in die letzten „unbekannten Welten“ hat der moderne bürgerliche Staat aber seine Eigene guten Gründe. Die gern bemühte Analogie zum klassischen Entdeckertum ist keine bloße Metapher. Staatliche Souveränität schließt den Willen ein, schlechterdings alles im Griff und unter Kontrolle zu haben, was sich als Mittel oder Bedingung ihrer Macht erweisen könnte. Dieser Wille duldet keine weißen Flecken auf der Landkarte und auch kein unerforschtes Gelände in den kleinsten wie in den weitesten Bereichen des Raumes. Er ist so prinzipiell, dass entdeckungsfreudige Individuen seine imperialistische Qualität leicht und leichten Herzens übersehen können und nichts als eine Chance für ihren Idealismus darin wahrnehmen – auch wenn Atombombe und SDI einiges über den Fortschritt klarstellen, den die Staatsgewalt aus den Errungenschaften ihrer Forscher zu verfertigen versteht und pflegt.

Der Staat organisiert seinen Willen zu schrankenloser Zuständigkeit und Kontrolle an den vordersten Fronten als eine „zweckfreie“ Sphäre des „reinen“ Forschens. In dieser „Welt für sich“ fühlen sich Naturforscher, die nicht so vorrangig den Expertenehrgeiz in sich spüren und auch nicht unbedingt mit der Erfindung phosphatfreier Waschmittel reüssieren wollen, sauwohl. Sie bedanken sich für ihre zweckmäßige Freiheit, indem sie ihr Betätigungsfeld mit Eigene persönlichen Zwecksetzungen befrachten – naturgemäß solchen der wunderlichen Sorte.

Da gibt es das Phänomen erwachsener Menschen, die sich allen Ernstes mit dem Gegenstand ihrer wissenschaftlichen Neugier identifizieren. Das spricht zwar weder gegen die Korrektheit ihres Forschens noch gegen die Richtigkeit ihrer Ergebnisse, zu denen sie es bringen. Eine vernünftige Beurteilung der Welt ist es aber auch nicht gerade, sie in zu- und abträgliche Bedingungen für die Auskundschaftung der schwachen Wechselwirkung im Atomkern oder für das Recht anderer Naturobjekte auf Erforschung zu unterteilen.

In ihrer Fürsorge für ihr Forschungsobjekt bringen Naturwissenschaftler es auch zu erbitterten Konkurrenzen völlig ungeschäftlicher Art: Einen Stern oder ein Virus als erster entdeckt zu haben und das Menschenrecht auf seine Benennung zu besitzen, ist ein Ehrenpunkt, auf dessen Verteidigung und Menge mancher leicht doppelt so viel Mühe und Engagement verschwendet wie auf Forschungstätigkeit im engeren Sinne. Manches ehrgeizige Forscherleben soll auch schon mit einem gelungenen Selbstversuch seinen krönenden Abschluss gefunden haben. Völlig überflüssigerweise wird die Konkurrenz idealistischer Fachidioten überdies durch den jährlichen Preis angestachelt, den der große Sprengstofferfinder auch und vor allem für die Weltmeister im Naturforschern ausgesetzt hat. Wenn dann das Institut seinen Nobelpreisträger als anerkanntes Symbol der nationalen Leistungskraft feiert, darf die Öffentlichkeit miterleben, wieviel kindisches Gemüt dabei herauskommt, wenn das Leben ein einziger Dienst am Fortschritt selbstzweckhafter Gelehrsamkeit ist.

Da Naturforscher den Gegenstand, dem sie ihr Leben weihen, für an und für sich höchst wichtig halten, fühlen sie sich auch immer wieder gedrängt, das breite Publikum in seine Erforschung einzuweihen. Logischerweise kommt dabei regelmäßig etwas ganz anderes heraus als die der Sache einzig angemessene trockene Erklärung. Das ist ihnen zu wenig; sie wollen nichts Geringeres als die „Faszination“ rüberbringen, die sie ihrem Objekt mindestens abgefühlt haben wollen. Das trifft sich gut mit den Bedürfnissen eines Publikums, das von der Naturwissenschaft genug Ahnung hat, um sonst nichts, aber auf alle Fälle das Eine zu wissen: dass der gebildete Mensch davon eine Ahnung haben muss. Dieser Wissensdurst ist auf eine Unterrichtung aus, die nicht die Gesetze des Naturgeschehens, sondern deren Wichtigkeit für alles Mögliche und vor allem für das Funktionieren der großen weiten Welt zur wesentlichen Botschaft macht und damit mehr die Vorstellungskraft unterhält als den Verstand belehrt. Naturforscher, die durchaus Kenner ihrer Materie sein mögen, geben sich allemal dafür her, dieses Bedürfnis anzuleiten und ausgerechnet ihr Wissen zum Mittel des Staunens zu machen – statt umgekehrt der Verwunderung die frühere Philosophen für den zu überwindenden Ausgangspunkt des Nachdenkens gehalten haben) und der daraus genährten Schicksals- und Schöpfungsgläubigkeit ihr wohlverdientes Ende zu bereiten. Das fängt in der Volkssternwarte an, die mit der Größe der fürs Weltall zuständigen Entfernungsmaße und Massen Eindruck machen will. Das kommt so richtig zum Zug im Fernsehen, wo gestandene Naturkundler demonstrieren dürfen, dass sie ihren Gegenstand und dessen in blöde Bilder verpackte Bewunderung – „Auf sooo einem kleinen Chromosom so viele Informationen wie im Telefonbuch von Chicago!“… – selber schon gar nicht mehr auseinanderhalten können.

Naturwissenschaftler mit Distanz zur Forschung und gehobenen weltanschaulichen Ansprüchen beschäftigen sich gerne damit, diesen Standpunkt der begriffslosen Ver- und Bewunderung zu einer Weltsicht auszuarbeiten. Da pflegt dann „der Mensch“ als Stäubchen im All, aber andererseits auch maß-setzende Mitte des Kosmos und verantwortungsbeladener Hüter der Schöpfung und ihrer Wunder zu Ehren zu kommen – zu scheinbar wissenschaftlicher Ehre; denn das ist das Perfide daran, wenn die hauptberuflichen Kenner der Naturgesetze skrupellos den Königsweg von der Atom- oder Weltall-Physik zur Metaphysik beschreiten: Die Predigt soll da wie ein Naturgesetz gelten. Fürs gehobene Unterhaltungsbedürfnis wird die Straße von der Science zurück zur Fiction mit den „Geheimnissen der 4. Dimension“, den „Rätseln der Schwarzen Löcher“, dem „Urknall“ und ähnlichem gelehrten Unfug gepflastert.

Das Opfer an wissenschaftlichem Verstand, das Naturforscher bringen, tut ihnen nicht weh. Sie gewinnen dafür ja an weltanschaulicher Autorität. So ziehen sie im demokratischen Wertekanon mit ihren Kollegen gleich, die als Experten ihr Wissen für die Pseudorechtfertigung politischer Standpunkte abliefern. Selbst mit anerkannten Spinnern von der geisteswissenschaftlichen Front dürfen sich die Naturkundler messen. Und darauf scheint es schwer anzukommen, wenn in der bürgerlichen Gesellschaft aus Wissen ein ehrbarer Beruf wird.