Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Beruf: Manager

Unter den Nazis hießen sie noch „Betriebsführer“, Betonung auf Führer, und sollten das deutsche Proletariat zu einer schlagkräftigen Arbeiterarmee, Betonung auf Armee, organisieren. Da ist der amerikanische Name doch viel ziviler und wird der Sache besser gerecht. Er legt die Betonung schlicht darauf, dass gefälligst alles klappen soll: auf den Erfolg.

Ein seltsamer Beruf: Erfolg haben!

Wobei? – das versteht sich von selbst. Zwar kann sich heute jeder dahergelaufene Sportsfreund „Manager“ nennen, sobald ein Sportclub ihm die Sorge um den Erfolg des Vereins anvertraut. Aber selbst da bleibt noch ziemlich deutlich, um welche Sache es beim Managerberuf eigentlich geht. Reichtum soll sich mehren den seine Eigentümer zu diesem Zweck geschäftsmäßig anlegen. Voraussetzungen und Mittel dieses Erfolgs liegen allesamt in dem schlichten Umstand beschlossen, dass in der zivilisierten Welt von heute alles käuflich ist. Für Geld ist jeder Geschäftsartikel zu haben: Produktionsmittel und Lohnarbeiter, Rohstoffe und Absatzwege, Grund und Boden für die nötigen Räumlichkeiten, Läden, Verkäufer und Werksschützer … Umgekehrt haben Arbeiter und Grundbesitzer, Fabrikanten und Händler nur eine erlaubte Chance auf dieser Welt: dass sie das Ihre – Gebrauchsgüter, Rohstoffe, Boden, Arbeit … – als Geschäftsmittel feilbieten und an jeden verkaufen, der mit genügend Geld eine lohnende Geschäftstätigkeit in Gang setzen will. Geld ist der Ursprung und der Zweck aller ökonomischen Tätigkeit in der Freien Welt, und Geld ist das notwendige, aber auch hinreichende Mittel dafür.

Geld ist sogar selbst ein käufliches Geschäftsmittel. Als solches heißt es Kredit, sein „Kaufpreis“ ist der Zins. Kredit wird als das Geschäftsmittel, das alle materiellen Mittel des Geschäfts verfügbar macht, vergeben, wenn das Geschäft, dem er dient, Erfolg verspricht; und dieses „Versprechen“ geht um so sicherer in Erfüllung, je mehr Reichtum dafür verfügbar gemacht wird. Für den Verleiher ist das Verleihen selbst das Mittel, das hergeliehene Geld vermehrt zurückzubekommen. Eine Geschäftemacherei, die mit ihrer materiellen Grundlage – der Käuflichkeit aller Produktionsmittel und der Einrichtung eines lohnenden Produktions- und Absatzwesens – nur noch ganz indirekt zu tun hat.

Inhalte und Ziele des Managerberufs sind damit bereits aufgezählt. Er ist dazu da, dass die Funktionen praktisch vollführt werden, die dem Geld als Geschäftsmittel, also als Grund und Mittel seiner Vermehrung innewohnen. Dieser Dienst am Geld trennt sich vom Besitz des Geldes, der Produktionsstätten und Produktionsmittel, kurz: der Mühsal des Eigentum-Habens, spätestens da, wo der geschäftsmäßig fungierende Reichtum die Zusammenfassung von Teilen vieler privater Geldvermögen ist, heutzutage meist in der Form von Aktiengesellschaften.

Der Erfolg solchen Dienstes ist naturgemäß grundsätzlich so groß wie der Reichtum, der angewandt wird – übrigens auch der private Erfolg der beschäftigten Funktionäre, zumindest der besseren: Deren Gehalt ist ein nicht unwichtiger Ausweis für Umfang und Erfolg des Unternehmens, das sie managen. Dass diesem Lohn eine Leistung entspräche, ist ein ebenso absurder wie in Ehren gehaltener Schein, der seinen Grund in der einzigen Schwierigkeit hat, auf die das Geschäftemachen in einer ordentlichen kapitalistischen Gesellschaft trifft: in der Konkurrenz. Es sind ja viele Firmen, die die Vergrößerung des in ihnen angelegten Reichtums betreiben; und die machen sich mit Notwendigkeit das Leben schwer. Denn jede will Geld verdienen; nicht um es zu verjubeln, sondern um ihre „Basis“: Masse und Wucht des engagierten Geldvermögens, dauernd zu vergrößern. Das geht aber nicht ohne Kampf um Märkte und Marktanteile durch die Verbilligung der Produktion, also nicht ohne Einschränkung des Umsatzes und damit des Geschäftserfolgs anderer Firmen. Umgekehrt machen die Angriffe der Konkurrenten für jede Firma ihre Vergrößerung zur Überlebensbedingung. Ein Reichtum nämlich, der sich – „auf dem Markt“, wie man so sagt – nicht durchsetzt, bleibt bekanntlich nicht als bescheidenes stilles Vermögen erhalten, sondern geht zugrunde. Womit kein konkurrenzfähiges Geschäft zu machen ist, es mögen noch so nützliche Waren, Produktionsanlagen oder darauf lautende Schuldscheine sein, das ist eben deswegen auch kein Reichtum mehr, erweist sich vielmehr beim Konkursrichter als aufgeblasenes Nichts.

Alle Manager treiben dasselbe: Sie bedienen das Geld. Der Witz dieses simplen Funktionärstums liegt jedoch darin, dass sie es gegeneinander betreiben. Das ist der Stachel ihres Erfolgs: Das macht ihn erstens notwendig und zweitens unsicher. Konkurrenzkampf eben, mit Betonung auf Kampf. Damit wird aus dem bloßen Funktionärstum eine Charakterfrage. Billiger einkaufen; beim Verkaufen Marktanteile erobern; dafür die Stückkosten senken, also die Arbeit produktiver machen – was einen kompletten Klassengegensatz bedeutet, ohne dass Manager das zu wissen brauchen –; günstige Kredite an Land ziehen und die Kreditwürdigkeit der Konkurrenten in Verruf bringen; durch Schmiergeldeinsatz Aufträge ergattern; Absprachen treffen und brechen; alle Chancen zur Spekulation ausnutzen und die Konkurrenz beim Spekulieren reinreiten; und als Universalmittel dafür: die nötigen Leute, die bei alldem mitzuspielen haben, kennen, einseifen und erpressen: Darin muss ein Manager Könner sein.

Bloß: Was kann man da schon können? Der Einblick in die verschiedenen Geschäftsabteilungen, Sachkenntnis im Dienst am Geld, ist für den Konkurrenzerfolg eines Managers eine bloße, längst nicht hinreichende Voraussetzung. Skrupellosigkeit, gepaart mit dem Schein von Ehrlichkeit und Solidität, ist gleichfalls notwendig, aber für nichts eine Gewähr. Wer mit dem Geld, das er hat, und dem Geschäft, das er vorhat, nicht prächtig angeben kann, der braucht das Managen gar nicht erst anzufangen; Erfolg beim Angeben ist aber noch kein Erfolg am Markt. Und immer wieder stellt sich heraus, dass die Anwendung haargenau der gleichen Methoden, Charakterstärken und Geldsummen mal Erfolg bringt, mal an den Gegenzügen der Konkurrenten scheitert. Man, und vor allem der Betroffene selbst, weiß allemal erst hinterher, ob einer ein guter oder ein „Miss“-Manager ist. Hat er Misserfolg, so darf ihm jeder – von den Wirtschaftsjournalisten des „Spiegel“ angefangen – haltlose Spekulation, verfehlte Unternehmenspolitik, Einstellungen und Entlassungen der falschen Leute und am falschen Ort, unsolide Kreditaufnahme bzw. -Vergabe, verkehrte Geschäftsfreunde, übertriebenen Aufwand, kurz: alles und genau das als Missgriff ankreiden, was bis dahin den Ruf als geschickter, wagemutiger, kenntnisreicher usw. Geschäftsmann ausgemacht hat. Erfolgreicher Manager wird man eben bloß dadurch, dass man Konkurrenten ausbootet und es wird. Diese Dummheit liegt in der Natur des Jobs. Aus ihr speisen sich die Ideologien des Berufs ebenso wie seine Ausbildungsvorschriften.

Die Berufsideologie adelt den Erfolg bei der Ausnutzung einer Firmenbelegschaft zur „Führungsstärke“; den unberechenbaren Erfolg geschäftlicher Berechnungen deutet sie als „Spürnase“ oder ähnliche Symptome unerforschlicher Weisheit; Erfolge beim Intrigieren ehren den Manager als „eindrucksvolle“ und „durchsetzungsfähige Persönlichkeit“. Die Tatsache einer Karriere gilt als Beweis dafür? Dass es sich um einen „Erfolgsmenschen“ handelt, also umstandslos als ein einziges und als größtes Kompliment. Danach richten sich dann auch die Bezüge; so wird eine Ideologie zum Gehaltskonto.

Eine vorbereitende Ausbildung ist der Natur der Sache nach im Grunde gar nicht möglich. Die paar Kenntnisse in Buchführung und Produktionsplanung, die ein Jung-Manager mitbringen muss, gelten zu Recht als nebensächliche Voraussetzung, die jede Sekretärin im Grunde genauso gut beherrscht; zu lernen sind sie, bei gemütlicher Zeiteinteilung, in drei Wochen. Die acht oder mehr Semester BWL-Studium sind dennoch nicht für die Katz. Die Ideologie vom Managen als Könnerschaft verlangt einfach nach der Bürde und Würde akademischer Prüfungen; wo bliebe sonst der Schein der beruflichen Leistung in unserer „rationalen“ bis „verkopften“ Gesellschaft. Außerdem kann der Nachwuchs in der Zeit beweisen, dass er seine Zeit zu nutzen versteht. Die Techniken, sich als Erfolgsmensch zu präsentieren, lassen sich unter gleichgesinnten Kommilitonen und -innen auch ohne Firma ganz gut einüben. Und sie sind nicht einmal eine ganz brotlose Kunst, weil man so schon Leute kennenlernen und Leuten auffallen kann, auf die es später mal ankommt bei der Karriere. Schließlich kann nicht jeder BWL-Student später auch wirklich Manager werden, so dass es wo der richtige Vater fehlt – auf das Geschick ankommt, den eigenen Aufstieg zu mänädschen. Studieren, um in die richtige Verbindung einzutreten – das ist zwar bescheuert genug, aber auch ein Studienzweck. Und geistloser als ein Philosophiestudium ist diese Karrierephilosophie auch nicht.