Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Beruf: Künstler

Dass Künstler etwas können müssen, was durchaus nicht jeder kann – Noten lesen; richtig Atem holen beim Singen; Meißel oder Pinsel geschickt handhaben; Gesicht und Gestalt glaubwürdig in Falten legen; beim Erzählen einen unterhaltsamen Ton treffen; usw. –, gehört zu den Voraussetzungen ihres Berufs; es macht ihn nicht aus und kann sich sogar, bei ganz echten Künstlern, als eine Einstiegsbedingung erweisen, die im Laufe der Karriere überwunden und verlassen werden muss. Die Solidität des gelernten Handwerks jedenfalls macht erst einmal nur den Orchestermusiker, Gebrauchsgraphiker, Regieassistenten und dergleichen untergeordnetes Personal. Das Künstlertum, auf das deren Ehrgeiz – zumindest in jüngeren Jahren noch – geht, fängt mit der tieferen Bedeutung an, die sie ihrer Ton- oder Farbsetzerei, ihren Drehbüchern oder ihrer Stimme beilegen; und es erfüllt sich mit dem Erfolg, dass das Publikum in Sang und Klang, verklecksten Farben und gestaltetem Metall, literarischen Fiktionen und deren schauspielerischer Vorführung eine Bedeutung sucht und sich im großen und ganzen darüber einig wird, eine bedeutende gefunden zu haben. Für die entsprechende Anleitung des Publikums zu solchem Getue stehen verhinderte Künstler zur Verfügung, die es in keinem Metier zu den nötigen handwerklichen Voraussetzungen gebracht haben und die deswegen rein theoretisch die tiefere Bedeutung ermitteln – oder auch vermissen –, die sonst im schönen Klang und unterhaltsamen Spiel womöglich verlorengehen könnte: die Kunstkritiker.

Kunstkritiker und wahre Künstler sind die Verbündeten im Kampf gegen die banale Wahrheit, dass sämtliche Metiers, die den Kunstbetrieb ausmachen, Anlässe und Gegenstände fürs freie Spiel der Einbildungskraft, also Unterhaltung und Genüsse der Phantasie herstellen und sonst nichts. Dass ihre Werke in der Sphäre des gesellschaftlichen Luxus zu Hause sind, macht sie leiden. Denn „bloße“ Handlanger des Vergnügens wollen sie nicht sein – als wäre das im Zeitalter Frank Elstners und der Eurovisions-Schlagerkonkurrenz nicht schon eine ganze Menge. Doch ausgerechnet die Verhöhnung jedes Unterhaltungsbedürfnisses durch Shows der Doofheit und nationalistisch verseuchtes Geträller, durch Krimis ohne Spannung, dafür mit meterdick aufgetragener Moral usw. gilt nach einer wahrscheinlich von Kunstkritikern erfundenen Unterscheidung als U wie Unterhaltung, während der Kunst ein E wie Ernst gebühren soll. Benannt ist damit jedenfalls das Vorurteil, auf das die Macher, Vertreter und Anwälte der Kunst Anspruch erheben. Verlangt ist der Wille, sich von den fraglichen Produkten über gewisse gar nicht alltägliche Sinnfragen belehren zu lassen und anschließend eine Haltung einzunehmen, als würde man „etwas“, nämlich mindestens so etwas wie eine ganz neue Erkenntnis, „mit nach Hause nehmen“ – wie nach einem Gottesdienst.

Denn Dienst will die Kunst schon sein: an etwas höchst Erhabenem nämlich, in das sie dem Publikum Einblick gewährt – und zwar tiefen und durch kein ‚bloß rationales‘ Denken und Argumentieren zu ersetzenden Einblick. Die Frage: In was denn, um Gottes willen? Würde tiefsten Kunstunverstand offenbaren. Falsche Abstraktionen wie ‚das Leben‘, ‚das Schicksal‘, ‚das Tragische‘ usw. sind allemal im Spiel; vor allem aber darf man den „ernsten“ Gehalt nie so aussprechen, dass die dürren philosophischen Tiefsinnigkeiten peinlich offenbar werden, die sich dazu allenfalls denken lassen. Der Kunstkritiker muss schon sehr demonstrativ um Worte ringen, um deutlich zu machen, dass eben die Kunst und sie allein die Sprache des Unsäglichen ist; und das Publikum muss seinen „Sinn für Kunst“ schärfen, nicht um seinen Genuss zu steigern, der mit einer Kenntnis und Wiederentdeckung des Kontrapunkts oder des goldenen Schnitts allenfalls verbunden sein mag, sondern um der Botschaft des „Unaussprechlichen“ teilhaftig zu werden, das der gar nicht herausgehörte Kontrapunkt usw. Ihm zu „sagen haben“ soll. Kunst ist eben gelungen, wenn das Publikum sich, unter kritisch-kundiger Anleitung oder auch ohne, die Disziplin auferlegt, sich von dem Dargebotenen an seine krude sonntägliche Lebensphilosophie erinnern zu lassen.

Fragt sich nur, was der Künstler eigentlich tun kann für diesen Effekt. Denn für ihn ist es – im Unterschied zum Publikum – zu wenig, den Gestus tieferer Bedeutsamkeit methodisch vor sich her zu tragen; so unbesehen nehmen die kritischen Sachverständigen und die Gemeinde nun auch wieder nicht die Absicht für die Tat. Ein bisschen Überzeugungsarbeit muss schon geleistet sein, bis am Ende auch noch eine schmutzige Badewanne als Kunstwerk durchgeht. An Endergebnissen dieser Art wird andererseits nur noch einmal besonders deutlich, dass der Weg zu anerkanntem Künstlertum jedenfalls nicht über eine immer weitergetriebene Perfektionierung des Handwerklichen geht – da hat sich sogar ein Thomas Mann eine Zeitlang die urdeutsche Einordnung als „bloßer“ Schriftsteller im Unterschied zum wahren und eigentlichen Dichter gefallen lassen müssen.

Um den Rang eines anerkannten Künstlers zu erreichen, muss der Unterhalter seinen höchstpersönlichen Trick finden, um den hohlen Gestus der tieferen Bedeutung, die man sich nicht selber ausgedacht, sondern als Botschaft und Auftrag empfangen hätte, dem Unterhaltungswerk einzuprägen. Dabei lässt sich der Umstand ausnutzen, dass weltanschauliche Botschaften sich mit Genuss und Unterhaltung logisch wie wirklich nicht vertragen. Umgekehrt wird so etwas wie ein Rezept daraus: Das dargebotene unterhaltsame Spiel der Einbildungskraft zu (zer-)stören, kann den Anschein rüberbringen, dass der Künstler es irgendwie fürchterlich ernst meint mit seinem Opus. Was Brecht als Beendigung des schöngefärbten künstlerischen Luxus und Übergang in den Ernst des wirklichen Lebens, d. h. einer praktisch wirkenden Erkenntnis gemeint hat, die „Verfremdung“, erfüllt nicht bloß in seinen Werken den Tatbestand eines dramaturgischen Kniffs; so etwas ist überhaupt der Kunstgriff der Kunst.

Der fällt natürlich je nach Metier anders aus und auch unterschiedlich schwer. Bei der Reproduktion von Kunstwerken fällt das Künstlertum, das schöpferische, das die handwerkliche Könnerschaft überschreitet, so ziemlich mit den Allüren zusammen, die eine Souveränität der aufführenden Mannschaft resp. Ihres Regisseurs oder Dirigenten gegenüber den vorliegenden Noten oder Texten demonstrieren; und man kann froh sein, wenn diese Kunst das Werk nicht vollends ungenießbar macht. Bei der Anfertigung neuer Beiträge zur Kunstgeschichte bietet der amorphe Stoff – Wörter, Töne, Farben, Striche usw. – einerseits mehr Freiheiten, für Ungenießbarkeit zu sorgen; da liegt die Schwierigkeit eher darin, dass immerhin noch so etwas wie eine Erzählung, ein als solches identifizierbares Stück Musik, ein zur Betrachtung geeignetes und womöglich reizendes Werk usw. Herauskommen muss, mit dem die Kunstgemeinde sich befasst. Denn deren Kunstverstand ist im Normalfall ja doch noch mehr die Heuchelei, die ein gebildetes Unterhaltungsbedürfnis überhöht, und nur ausnahmsweise ein Wahn, der dieses ersetzt. So bleibt dem Künstler, der sich im Interesse seiner unsäglichen Botschaft von allem Überkommenen befreit, immer noch das zu seinem Metier gehörige Leid erhalten, ein ihm gar nicht adäquates, mit schlechtem Geschmack ausgestattetes Publikum unterhalten zu müssen, damit er es zu den angepeilten Erbaulichkeiten verführen kann.

Nach einem Numerus clausus, den keine staatliche Instanz verhängt – sogar mit öffentlichen Beförderungen durch Staatsaufträge und -preise schließen sich demokratische Obrigkeiten meist dem Urteil des kunstverständigen Publikums an –, kommt es dann doch in jeder Branche zu dem notwendigen Quantum kunstschaffender Elite, die für die heimische Kulturnation Ehre einlegt. An ehrgeizigem Nachwuchs fehlt es ohnehin nicht für die unendliche Fortführung des lächerlichen Schauspiels, dass die Produzenten der freiesten und luxuriösesten Unterhaltung sich dabei allen Ernstes an der Verfertigung der Botschaft abarbeiten, sie würden sich gerade – mit den Mitteln der Phantasie und ihrer Genüsse – an den wichtigsten weltanschaulichen Sinnfragen abarbeiten. So kommt immerhin jeder Beteiligte auf seine Kosten: die Sinnfrage die im Getue der Kulturaffen tatsächlich am besten und angemessensten aufgehoben ist; das Publikum, das nicht einmal seiner Phantasie einen Spaß gönnen will, auf den es sich nicht durch moralische Grübeleien ein Recht erworben hat; die Kunstkritiker, die jeder Regung ihrer Deutungsanreger einfühlsam nachspüren und dem Publikum von Theaterereignissen vorschwärmen und entzauberte Tonwunder zu Gemüte führen, 80 dass sich die große Mehrheit glatt jeden Kunstgenuß sparen kann – sie hat ja durch den Kulturteil der Zeitungen lebendigen Anteil am Kulturbetrieb; der Staat, der sich durch diesen Betrieb mit der Lüge schmückt seine Gewalt gründe auf Geist, Sinn, Moral und anderen erhabenen Dingen – und nicht umgekehrt; und natürlich die Künstler. Die konkurrieren mit ihrem Leiden am Zwiespalt zwischen Scherz und Ernst; kokettieren damit und dementieren natürlich, dass sie auf den Beifall scharf sind, von dem sie abhängen, obwohl doch allemal eine Berufung höherer Art sie ereilt hat. Und in den reichlich fließenden Fördermitteln, die eine nationalkultur-beflissene Herrschaft ihnen zukommen lässt, entdecken sie manchen Anschlag auf die Freiheit, die wahre, künstlerische nämlich, weil die ministeriellen Auftraggeber bei manchem gewollt originellen und gewagten Phantasieprodukt glatt die rechte Botschaft vermissen und den Geldhahn zudrehen. Dann ist für die allerfreiesten Staatsdiener regelmäßig die Demokratie und das Abendland in Gefahr, die schließlich dazu da sind, Künstler der schnöden Alltagssorgen und des plumpen Massengeschmacks zu entheben, so sie nicht gerade für den karajanen, derricken oder siegeln.

Wenn andererseits die Selbstmordquote bei den Kulturbeuteln sich im Rahmen hält, dann lässt sich daraus die beruhigende Gewissheit schöpfen, dass das gesunde bürgerliche Verhältnis Zwischen Sinn-Heuchelei und materieller Berechnung auch bei den professionellen Exzentrikern der bürgerlichen Gesellschaft im großen und ganzen in Ordnung ist.