Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Beruf: Kapitalist

Ob Arzt oder Professor, Ingenieur oder Psychologe – jeder ehrenwerte Berufsstand schmückt sich zum Ausweis seiner Ehrenhaftigkeit mit dem Anspruch, sein Metier zeichne die heutige Gesellschaft aus; und er bekommt darin öffentlich recht. Vom Zeitalter der Medizin oder Technik, vom Jahrhundert Freuds oder der Wissenschaft, von der Bildungs- oder Informationsgesellschaft ist deshalb allenthalben die Rede. Nur von kapitalistischer Gesellschaft und von Kapitalismus hört man nichts mehr. Diejenigen, die mit nichts als dem zweckmäßigen Einsatz von Kapital zu seiner Vermehrung beschäftigt sind, wollen partout nicht Kapitalisten heißen; bestenfalls in vergangenen Zeiten soll es die mal gegeben haben. Ausgerechnet der Berufsstand, der die ökonomischen Grundsätze repräsentiert, nach denen sich jedermann richtet, treibt ein Verwirrspiel mit seinem Namen und lässt seine Profession verleugnen.

Dass ausgerechnet in der kapitalistischen Gesellschaft Kapitalist und Kapitalismus als Schimpfwörter und Verleumdung auf den Index öffentlicher Sprachregelungen gesetzt sind, ist dem Respekt – dem einzigen – geschuldet, der Marx heute noch gezollt wird: Er habe diesen Berufsstand erfolgreich, wenn auch völlig zu Unrecht, schlecht gemacht. Deshalb kennt man sie heute unter anderen Namen, die kleine Abteilung von „Unternehmern“ aller Art, die sich dumm und dämlich verdienen und selbstbewusst glauben das wäre ihr Verdienst und schwer gerecht. Namen, die zum Ausdruck bringen, dass dieser wohldefinierte Personenkreis – die „Arbeitgeber“ oder kollektiv: „die Wirtschaft“ – ein zutiefst berechtigtes Ansehen genießt, wenn er seinen Geschäftsinteressen nachgeht. Die Befürwortung der Werke, Welche der „Wirtschaft“ obliegen, ist da eine ausgemachte Sache. Und zwar mit dem – explizit oder stillschweigend – geltend gemachten Argument, dass von den Entscheidungen und Erfolgen dieses Gewerbes mit seiner seltsam abstrakten Natur so gut wie alles abhängt.

Dem damit verbundenen kategorischen Imperativ, sein Dichten und Trachten darauf zu richten, dass „der Wirtschaft“ möglichst alle Probleme erspart bleiben, sollte man besser nicht folgen, wenn man wissen will, wodurch sich das gesellschaftliche Wirken besagten Personenkreises auszeichnet. Dann versteht man auch ihre Probleme besser.

Zunächst einmal schlagen alle gut gemeinten Versuche fehl, die Frage „Warum sind die eigentlich ‚die Wirtschaft‘?“ mit Hilfe der demokratischen Medien und ihrer Informationsbereitschaft zu klären. Bei aller Mitteilungsfreude über Vergnügungen und familiäre Großtaten stellt sich einfach kein Charakterzug, keine „menschliche“ Besonderheit heraus, der die Herren und Damen vor anderen Zeitgenossen dazu prädestiniert, auf die „Wirtschaft“ aufzupassen. Sie essen und trinken, gehen aus, setzen ihre Kinder auf die Schaukel oder ins Auto, oder sie geben besorgniserregende Befunde über Öl-, Automobil- und andere Krisen zu Protokoll lauter Sachen, die Professoren, Betriebsräte, Zeitungen und Stammtischbesucher auch vermelden. Manche haben Abitur, manche wieder nicht, selbst Hobbys können sie nachweisen. Noch nicht einmal Zylinder, das ihnen in gewissen Kreisen zugedachte Markenzeichen, tragen sie bei ihren Terminen; höchstens eines fällt auf bei den zahlreichen Zeugnissen davon, wie sie es mit dem Leben so halten: Geld spielt keine Rolle. Das hat allerdings nun mit der „Persönlichkeit“ herzlich wenig zu tun.

Zu bedeutenden Persönlichkeiten werden Unternehmer dadurch, dass sie von Berufs wegen ebenfalls mit Geld befasst sind, und zwar auf eine Weise, die mit ihrem Konsum nur so viel zu schaffen hat, dass sie ihren privaten Verbrauch aus den Erträgen ihres Geschäfts finanzieren. Jener berufliche Umgang mit Geld beruht darauf, dass diesen Bürgern ein Vermögen gehört, das sie zum Zwecke seiner Vermehrung einsetzen. Sie nennen es Kapital, und die Tatsache, dass sie es nicht ausgeben für ihre persönlichen Genüsse, sondern investieren, hat wohlwollende Beobachter ihres Treibens dazu angeregt, ihr Geschäft mit der Kunst der Entsagung und des Sparens gleichzusetzen. Dabei besteht ihre Tätigkeit keineswegs in lauter Akten der Unterlassung, sondern in lauter Entscheidungen zur Teilnahme am Marktgeschehen.

Die Industriellen kaufen sich von ihrem Vermögen einen Betrieb, erwerben also Produktionsmittel und Materialien, an denen sich gegen einen Lohn Arbeiter zu schaffen machen, so dass die Firma etwas zum Verkaufen hat. Die Differenz zwischen Erlös und eingesetztem Kapital ist der Gewinn. Er bildet den Zweck der ganzen Unternehmung, weil er das Vermögen vergrößert.

Große Geheimnisse sind damit freilich nicht ausgeplaudert. Das weiß ein jeder, dass in der freien Marktwirtschaft die Entscheidung darüber, ob und wie etwas produziert wird, aufgrund von unternehmerischen Kalkulationen fällt. Daran ist die demokratisch verwaltete Menschheit gewöhnt, dass sich Güter aller Art als Geschäftsartikel zu bewähren haben, dass ihr Preis das Bedürfnis nach Gewinn zu befriedigen hat und darin die Bedingung festgeschrieben ist dafür, dass die gewöhnlichen Bedürfnisse zum Zuge kommen. Öffentliches Ärgernis ruft bestenfalls die Behauptung hervor, dass der Staat mit der Lizenzierung des Privateigentums eine Klasse ins Leben ruft, deren Privatinteresse an der Vermehrung ihres Vermögens zur allgemeinen Existenzbedingung des Rests der Welt wird, der im Dienst am Gewinn aufgeht und dabei notwendigerweise schlecht fährt. Dieser Staat, der sich auch dazu herbeilässt, die Zuwächse an Privatvermögen zusammenzuzählen – was die Eigentümer selbst geflissentlich unterlassen – und mit dem „Wirtschaftswachstum“ seine Vorliebe fürs Privateigentum zum Prinzip zu erheben, dem niemand in die Quere kommen darf, bekennt sich zum Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit. Das Kapital trägt diesen Gegensatz aus, indem es sich auf die rechtliche Erlaubnis zur Eigentumspflege beruft und jedermann die dafür erforderlichen Maßnahmen als „Sachzwang“ aufherrscht. Die Kapitalisten verwenden ihren gesamten Einfallsreichtum darauf, aus ihrem Geld mehr Geld zu machen, betonen ein ums andere Mal, dass vom Gelingen der Bewegung G – G‘ alles abhängt – und streiten gleichzeitig ab, dass sie nichts anderes seien als personifiziertes Kapital. Unter „Verantwortung“, „Initiative“, „Leistung muss sich lohnen“ und „wir schaffen Arbeitsplätze“ geht da nichts wenn sie ihr Recht zur Vollführung von G – G‘ in lauter Pflichten und Beschränkungen der anderen übersetzen. Weil ihre Privatsache in den Rang eines allgemein geltend gemachten Anliegens erhoben ist, verfügen sie über das selten glückliche Klassenbewusstsein, bloße Diener ihrer eigenen Interessen zu sein. Bei diesem Dienst richten sie all das an, was den bürgerlichen Verstand unter dem Titel „sozial“ beschäftigt und dem Klassenstaat als zu bewältigende „Fragen“, „Übel“, „Missstände“ und „Ungerechtigkeiten“ angetragen wird.

Bei den „Beschäftigten“ wird aus dem Verhältnis von Lohn und Leistung, das so entscheidend für den Gewinn einer industriellen Unternehmung ist, eine einzige Ansammlung von Existenzproblemen. Der Standpunkt der Lohnkosten produziert den Geldmangel der anderen Seite, die Ausdehnung der Arbeitszeit beschränkt die frei verfügbare Lebenszeit. Der Preis der Konsumgüter mindert die Brauchbarkeit der Lohnsumme, weil er den Gewinn garantieren muss. Die Erhöhung der Leistung pro Zeit, die eine rentable Ausnützung der teuren Produktionsmittel gewährleistet, geht auf die Gesundheit; gleichzeitig werden Arbeitskräfte überflüssig, die sich dann auf dem „Arbeitsmarkt“ tummeln, sooft die Produktion „rationalisiert“ wird. Die so erzeugte Armut lässt die gewöhnlichen Einkommens- und Existenzsorgen der Lohnabhängigen schon wieder als Segen erscheinen, wenn man sich auf Schadensvergleiche versteht. Zudem tut die Intensivierung der Arbeit in der Unfallstatistik ihre Wirkung, die zur Quote von gewöhnlich Kranken hinzukommt. Und jedes Problem, das ein Betrieb mit seiner Bilanz aufgrund der „Marktlage“ mit Konkurrenz und Konjunktur bekommt, artet in eine erneute Zuständigkeit der Lohnabhängigen aus, die für das Gelingen von G – G‘ seltsamerweise immer geradezustehen haben. Dabei haben sie überhaupt nichts zu melden, weil es um die Bilanz ihres Vermögens ja gar nicht geht. Ihnen bleibt nur ein Weg, sich um sich zu kümmern: Sie müssen sich als Mittel des Gewinns bewähren, und das geht über billig, Leistung und Opfer. Das hebt ihren „Lebensstandard“, den ein marktwirtschaftlicher Demokrat nicht anders zu würdigen weiß als durch lauter Vergleiche mit früher und anderswo, weil da mit der Brauchbarkeit der mittellosen Menschheit auch deren Ernährung gleich ganz entfällt. Entrechtet ist die arbeitende Klasse bei alledem nicht. Sie darf sich sogar um die „Umwelt“ sorgen, wenn sie feststellt, dass der rücksichtslose Umgang mit der Natur zwar „Wachstum“ hervorgebracht hat, aber auch elementare Lebensmittel in Gesundheitsrisiken verwandelt …

Es wäre ungerecht, den kapitalistischen Industriellen vorzuwerfen, nur auf Kosten einer anderen Klasse, die über kein investierbares Vermögen verfügt, ihr Geschäft abzuwickeln. Sie eröffnen auch Gelegenheiten des Dienstes, die sich auszahlen.

Um den Handel mit ihren Produkten schwungvoll zu gestalten, treten sie die Aufgabe des flächendeckenden Verkaufs an andere ab, die sich an ihrer Stelle mit der Erforschung und Ausnützung des Marktes befassen. An der Geschwindigkeit seines Umsatzes interessiert, lässt sich der Unternehmer in seiner Eigenschaft als Anbieter von Waren gerne vertreten. Aus dem Kauf seiner Produkte und ihrem Verkauf wird ein selbständiges Geschäft, in das es sich zu investieren lohnt. Deshalb gibt es ein Handelskapital, das von der Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis „lebt“, d.h. Gewinn macht, weil es den Industriellen Kosten erspart. Nebenbei bringt der Konkurrenzkampf um Marktanteile also eine ganze Zunft von investitionsfreudigen Kollegen hervor, stiftet ein paar interessante Berufe wie die des Vertreters und Werbefritzen, die Gott und die Welt von der preiswerten Ware überzeugen, die sie losschlagen wollen. Ganz zu schweigen von den Kleinhändlern, die ihr weniges Kapital durch ihre und ihrer Familie Arbeit vermehren. Neben ihrer ökonomischen Funktion kommt letzteren wie den Handwerksbetrieben eine nicht zu unterschätzende ideologische Bedeutung zu: An ihnen wollen problembewusste Zeitgenossen und sie selbst erkannt haben, dass Geschäft und Arbeit ungefähr ein und dasselbe sind. Dabei beweisen sie nur, dass Kapital unterhalb einer bestimmten Größe nichts Gescheites ist, weil es die Trennung von Funktion und Eigentum nicht erlaubt.

Diese Trennung ist für einen „Industriellen“ selbstverständlich – der trifft Investitionsentscheidungen und unterschreibt Verträge, die ihm seine „Abteilungen“ nahelegen und präparieren. Unter seinem Personal finden sich technische Fachleute und „Vorgesetzte“, die die Produktion organisieren und kostengünstig auslasten So sorgen Kapitalisten für die Anreicherung der Berufshierarchie, in der Lohnabhängige ihre Konkurrenz austragen und für den Beweis gut sind, dass es auf den Gegensatz von Kapital und Arbeit nicht (mehr) ankommt, weil es ja so viel dazwischen gibt. Als ob Funktionen des Kapitals, als besserbezahlte Lohnarbeit verrichtet, das Klassenverhältnis außer Kraft setzen würden!

Wegen der Kontinuität ihrer Geschäfte, wegen ihrer Sorge um „Liquidität“ zu jedem Zeitpunkt, an dem wieder gekauft, also bezahlt werden muss, lassen sich Industrielle auch den nötigen Kredit etwas kosten. Daher lohnt sich auch das Geschäft der Geldkapitalisten, die sich mit dem zinsträchtigen Handel mit Schulden befassen. Ihr Geschäftsartikel ist Geld, das einen Preis hat – einen, den sie zahlen, weil es ihnen überlassen wird, und einen, den sie verlangen für gegebenen Kredit. Mit der arbeitenden Klasse haben diese Kollegen nur insofern etwas zu tun, als sie deren Spargroschen kapitalisieren. Ansonsten beschränken sie sich auf die Beschäftigung von Angestellten, die garantiert nichts produzieren und doch ein Gehalt beziehen, was einen Beitrag zur Widerlegung der „Arbeitswertlehre“ abgibt – wenn man es so sehen will. Einmal in Aktion, betreuen Bankiers schlicht den Kapitalmarkt. Sie sorgen dafür, dass jeder Pfennig Geld, der nicht per Versilberung von Waren aus G ein G‘ machen hilft, als Kapital fungiert, als „Geld arbeitet“. Banken sind Einrichtungen, die Ernst machen mit dem Recht des Eigentums auf seinen Zuwachs. Und wenn die Gewährung dieses Rechts in Gegensatz gerät zu den tatsächlichen Erträgen, findet Wechsel und/oder Entwertung von Eigentum statt, nie aber dessen Infragestellung. Dass die Investition von Kapital nichts mit der Besonderheit der Produktion, mit der Eigenart des Produkts zu tun hat – diesen Beweis bleiben die Banken jedenfalls nicht schuldig. Im Handel mit „Papieren“ aller Art emanzipiert sich die besitzende Klasse sehr offenkundig von der Festlegung ihres Kapitals auf irgendeine Branche des Geschäfts. Sie vergleicht Zinsen mit den Erträgen einer Fabrik, den Kurs von Aktien miteinander und mit Staatsanleihen und anderes mehr – und am Ende ist nicht nur das Vermögen der Bank „gestreut“.

Die guten Werke der Kapitalisten sind keineswegs damit erschöpft, dass sie sich in den Kollegen von der Handels- und Kreditfront eine Konkurrenz leisten, die schließlich dahin führt, dass ein halbwegs potenter Geschäftsmann in sämtlichen Abteilungen zu Hause ist bzw. Banken überall beteiligt sind. Kapitalisten brauchen auch nicht nur Arbeiter, sondern auch jede Menge staatlichen Engagements für ihr Geschäft.

Auch das schafft Arbeitsplätze, nämlich die ganze Berufswelt der Staatsdiener: Politiker aller Parteien machen sich für die Sachnotwendigkeiten des Wachstums der nationalen Wirtschaft stark, die mit aller Macht nach innen und außen gefördert und zur freien Betätigung befähigt wird; Lehrer stehen für die Auslese in der Ausbildung ein, die dem Arbeitsmarkt genügend arbeitswilliges und zu sonst nichts berechtigtes Material zuführt; Naturwissenschaft und Technologie gedeihen unter universitärer Obhut und dienen so den Konkurrenzinteressen des Kapitals, das erst in der Phase der Machbarkeit ein Geschäft aus der Wissenschaft zu machen weiß; ideologische Betreuung der gebeutelten Menschheit tut immer not – die staatliche Pflege des entsprechenden Geistes in Forschung und Lehre findet statt. Kurz: Die Skala der Berufe in Universität und Schule steht in einem eindeutigen Verhältnis zu den Erfordernissen des Kapitals. Dasselbe gilt für den Ärztestand, Versicherungsvertreter und andere Volksbetreuer.

Die Kapitalisten sorgen also für eine Unmenge Arbeitsplätze, von denen dann niemand mehr so recht weiß, ob ihre Besitzer nun zum Kapital oder Proletariat gehören. Während freiheitlich denkende Menschen mit der Wahrnehmung, dass einige Charaktere der bürgerlichen Gesellschaft weder-noch sind, gleich den Gedanken verbinden, dass die Geschichte mit den Klassen allemal zu undifferenziert sei, sind Linke eine Zeitlang mit zwei Fehlern hervorgetreten. Der erste bestand darin, eine Zuordnung zu versuchen, wo nichts zuzuordnen ist. Der zweite leistete sich eine Verwechslung – die von ökonomischer Rolle bzw. Lage mit dem politischen Willen von sozialen Charakteren. Auf diese Weise kamen so absurde Debatten zustande wie die über die produktive und unproduktive Arbeit in der bisweilen streng moralisch über die Revolutionstüchtigkeit von Berufszweigen und Kleinbürgern gerechtet wurde. Inzwischen sind die Teilnehmer dieser Debatten in Amt und Würden, auch bei den Grünen und Frauen, und sie haben ihr Desinteresse an einer Revolution längst gestanden. Immerhin auch ein handfester Beweis, dass Studenten mit ihren Karrieren zur Elite gehören und nicht zu einer schwankenden Zwischenschicht. Die Vorstellung, aus den Berufen, die sie im Staats- und Wirtschaftsauftrag ausüben, könnten mit einigem guten Willen volksfreundliche Einrichtungen werden, ist nur eine verquere und besonders idealistische Weise, Intellektuellen- und Berufsstolz zu pflegen, und hat sich deshalb auch wieder normalisiert.