Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Beruf: Journalist

Der Berufsstand der Journalisten informiert über alles oder jedenfalls über alles Mögliche; er klärt und deckt auf, was aufgeklärt werden oder auch verdeckt bleiben sollte; er gibt den demokratischen Meinungsstreit wieder und bestreitet ihn zum allergrößten Teil selber; er lässt das Publikum teilhaben am großen und kleinen Weltgeschehen.

Und was hat das Publikum davon? Wozu taugt die ideelle Teilhabe an allem und jedem, für die die Journalisten hauptberuflich einstehen?

Die Antwort auf diese Frage überlässt der Journalist, der gute zumal, dem Publikum selbst. Er ist kein Agitator. Er will die Leute nicht zu bestimmten praktischen Schritten veranlassen. Er wirbt auch nicht im Regierungsauftrag dafür, dass die angesprochenen Mitbürger sich zur praktischen Beteiligung an einem Staatsbeschluss entschließen – darum muss die Obrigkeit sich schon selber kümmern, mit teuer bezahlten Anzeigen z.B., wenn es ihr darauf ankommt. Journalisten verstehen sich als Meinungsbildner, die dem Anspruch und Recht ihres Publikums dienen, über die Zustände im Eigenen Land und anderswo Bescheid zu bekommen und sich einen eigenen Reim darauf zu machen.

Diese Zurückhaltung bedeutet nun zwar keine Enthaltsamkeit in der Frage, wie und in welchem Geist die mitgeteilten Nachrichten aufgenommen werden wollen. Manche Massenblätter statten gleich ihre Überschriften mit einem „Hurra!“, „Prima!“ oder „Mist!“ aus, damit darüber erst gar kein Zweifel aufkommt; seriöse Blätter erledigen dasselbe durch könnerhafte Wortwahl: Ist irgendwo „kaum eine“ oder „eine leichte Besserung“ irgendeiner „Lage“ eingetreten? Jenseits aller Beiträge zur Stimmung des Publikums verfolgen Journalisten jedoch allesamt das Ideal, die berichtete „Sache“ und das, was ihnen dazu einfällt, erkennbar auseinanderzuhalten, Kommentar und „Meinung“ vom „Bericht“ zu trennen, beim Informieren Unparteilichkeit walten zu lassen.

Dass dieses Ideal letztendlich – wie das Idealen eben so eigen ist – doch nicht voll zu realisieren sei, betrachten Journalisten gern als die Schwierigkeit ihres Berufs; als Not, aus der sie die Tugend der Ausgewogenheit zu machen bestrebt wären. Dabei fällt das Ideal der „bloßen“ oder jedenfalls unvoreingenommenen, rein sachlichen Information und einer sauber abgeteilten Meinungskundgabe in Wahrheit zusammen mit einer außerordentlichen intellektuellen Bequemlichkeit ihres Schreib-Berufs. Damit – und mit dem Bekenntnis zur darin vorausgesetzten unpraktischen Natur ihres Geschäfts – sprechen sie sich nämlich als Berufsstand von vornherein von jedem Bedürfnis und Anspruch frei, das Berichtete zu begreifen; zu wissen, Welche Interessen inwiefern auf dem Spiel stehen und warum sie in der Weise zu Werk gehen, die den Inhalt ihres Informationswesens ausmacht.

Mit diesem Ethos der Ignoranz stehen die berufsmäßigen Informanten der Gesellschaft natürlich dauernd vor dem „Problem“, dass „die Fakten“ sich gar nicht mitteilen lassen, ohne dass ein Subjekt benannt, das Geschehen als dessen Werk – oder auch nicht – bestimmt, also ein Urteil darüber gefällt wird; von einer Nachricht könnte gar nicht die Rede sein, wenn wirklich völlig außer Betracht bliebe, wofür das Mitgeteilte steht. Journalismus besteht aber gerade – einerseits – in der schriftstellerischen Kunst, diese eigentlich unerlässliche theoretische Bemühung nach Kräften zu unterdrücken und ein Bild von den Interessensgegensätzen in der Klassengesellschaft und zwischen den Staaten, vom Wirken der öffentlichen Gewalt und der durch sie freigesetzten privaten Gewalttätigkeit, von alltäglicher Unterordnung und gesellschaftlicher Verblödung zu entwerfen, ohne dass dieser Inhalt ausgesprochen wird und folglich ohne dass die Betroffenen sich zu einem korrigierenden Eingreifen oder gar zu einem Umsturz der täglich fortgeschriebenen Widrigkeiten herausgefordert sähen. Das Ideal der Sachlichkeit, das Journalisten verfolgen, besteht insoweit im zäh festgehaltenen Entschluss zur Begriffslosigkeit und verleiht schon damit dem gesamten Nachrichtenwesen der bürgerlichen Gesellschaft den Charakter der prinzipiellen Schönfärberei, Welche ein ebenso prinzipielles Abraten von dem Übergang zu praktischem Eingreifen einschließt.

Andererseits stehen selbst die oberflächlichsten „Notizen vom Tage“ nicht einfach nur so „im Raum“; diese logische Unmöglichkeit kriegen auch Journalisten nicht hin. Auch die von ihnen hergestellten Nachrichten sind Urteile; und die geben – noch vor aller Besonderheit bei ihrer Auswahl, Formulierung und Kommentierung – Zeugnis von dem Geist, in dem sie überhaupt zustande gebracht und als bemerkenswerte Neuigkeit in Umlauf gebracht werden.

Der dem Journalistenstand von Berufs wegen eigene Geist, der jedes praktische Interesse und theoretische Begreifen ersetzt, besteht in der Attitüde der Verantwortung: Ständig stellt sich die – wenn auch meist unausgesprochene – Frage, wie „man“ „es“, das Berichtete nämlich, anders, besser, gelungener hätte anstellen können und sollen. Das stillschweigend angesprochene „man“, das kein wirklich praktisches Subjekt und keinen wirklich praktischen Zusammenhang zwischen Lesern und berichtetem Geschehen namhaft machen will, nimmt statt dessen das informierte Publikum ganz prinzipiell für den Standpunkt verantwortlicher Betreuung aller Ereignisse in Anspruch – einen Standpunkt, der alles Mögliche sein mag, nur ganz sicher nicht der wirkliche Standpunkt der praktischen Lebensführung der unterrichteten Massen. Dieses stillschweigende Ansinnen brauchen gute Journalisten sich gar nicht erst extra als moralische Botschaft zurechtzulegen. Es ergibt sich ganz von selbst aus ihrer berufseigenen Manier, sich in Gedanken genau so allem Geschehen zu widmen, wie sie es den wirklichen Machthabern als deren praktische Stellung abgeschaut haben: mit dem Gestus des allüberall zuständigen Aufsehers und Managers. Diese pseudopraktische Manier, in Gedanken und ohne Ernst den Standpunkt der politischen Instanzen einzunehmen, die alles zum Material ihrer Zuständigkeit machen, prägt alle Berichterstattung bürgerlicher Journalisten – nicht bloß über politische, ökonomische und militärische Großtaten der nationalen Führungsmannschaften zu Hause und anderswo, sondern ebenso über Unfälle und Sportereignisse, Naturkatastrophen und dramatische Schicksale, den Alltag der Prominenz und die Lebenskünste der „kleinen Leute“. Und sie ist das solide Fundament des recherchierenden, kommentierenden, auf alle Fälle unterhaltsamen Umgangs der Journalisten mit ihrer selbstgeschaffenen Nachrichten„flut“.

So ist es von diesem Standpunkt aus zuerst einmal nur logisch, dass an der Spitze aller Nachrichten und Zeitungsseiten, noch vor den begutachtenden Journalisten selbst, die Politiker das Wort haben. Deren Macht schafft ja die allermeisten Neuigkeiten; und bei ihnen hat die Manier des fürsorglichen Umgangs mit dem Geschehen in all ihrer Verlogenheit praktische Bedeutung: ihre „Meinungen“ sind selbst ein Stück politische Realität. Deswegen ist es ein Gebot journalistischer Sachlichkeit, die Funktionäre der Macht erst einmal ausgiebig für sich selber sprechen zu lassen.

Dass deren Äußerungen – je nach Amt – Machtworte sind, das kritisieren die Agenten des Nachrichtenwesens nicht, sondern das würdigen sie, indem sie die Bedeutung und das sachliche Gewicht ihrer Informationen in allererster Linie nach der Herrschaftsfunktion der Figuren bemessen, aus deren Geschäftsleben sie berichten. Sie geben nicht bloß Nachricht von den Gewaltverhältnissen, die den benachrichtigten Massen ihren Platz im Leben anweisen; sie reproduzieren mit ihrer objektiven Berichterstattung den Anspruch der Gewalthaber, dass die Werke, Vorhaben und Beschlüsse der Politik als unwidersprechliche Fakten hingenommen werden, auf die die ohnmächtig Betroffenen sich – erfreut oder verärgert, aber prinzipiell opportunistisch – einzustellen haben wie aufs gute oder schlechte Wetter, über das in derselben Manier informiert wird.

Die Steigerung dieser Sorte Sachlichkeit heißt Authentizität: Aus erster Hand die Pläne der Machthaber erfahren, aus ihrem Eigene Mund, per Interview oder von Informanten aus der nächsten Umgebung der wichtigen Persönlichkeit verbürgt, das macht eine gute Berichterstattung aus.

Dabei haben Journalisten durchaus ein Bewusstsein von dem Dienst, den sie den Machthabern mit der nachrichtlichen Weitergabe geäußerter Vorhaben und Einschätzungen als gewichtiger, prägender Fakten leisten; allerdings von Berufs wegen ein verkehrtes. Sie übersehen glatt die Hauptsache, nämlich dass sie mit ihrer Berichterstattung die betroffenen Leute auch noch theoretisch in die Position versetzen, in der diese sich praktisch sowieso befinden, nämlich in die Lage der ohnmächtigen Hinnahme des von den gewalthabenden Instanzen Beschlossenen. Sehr klar ist ihnen dafür die andere Seite dieses Verhältnisses: dass sie mit ihrer Berichterstattung den Auffassungen und Interpretationen der politischen und sonstigen Machthaber die Würde und das Gewicht eines mitteilenswerten Ereignisses verleihen, einer Tatsache, auf die „man“ sich – wie auch immer – einstellen muss. Journalisten neigen dazu, Fakten, die nicht durch sie das Licht der Öffentlichkeit erblickt haben, für nicht existent zu halten; und auf alle Fälle genießen sie die Identität von Faktum und Nachricht, an die sie glauben, als ihr besonderes Stückchen politischer Macht.

Tatsächlich gibt es eine Sphäre, in der ihr prinzipieller Handlangerdienst für die Macht eine Kehrseite aufweist: Für die Konkurrenz der Politiker um die Teilhabe an der Macht spielt das Gewicht eine Rolle, das die Journalisten deren Lagebeurteilungen und Vorschlägen beilegen. „Schlagzeilen machen“ ist ein Konkurrenzmittel – eben weil die Schlagzeile den Furz eines Machthabers zum bedeutenden, einflussnehmenden politischen Faktum macht. Dieser Dienst ist das Machtmittel, das Journalisten den wirklichen Machthabern gegenüber wirklich besitzen; weit bedeutender als die per Aufmache und Kommentar dazugestellte gute oder schlechte Meinung – nichts ist so vernichtend für einen politischen Mitkonkurrenten wie das Desinteresse der Journalisten, denn es kommt dem Verdikt der Unerheblichkeit gleich. So ist bestens gesorgt für eine gediegene Kumpanei zwischen den Journalisten, deren Berufsglück mit der Authentizität ihrer Quellen, also mit ihrer Intimität mit den Machthabern wächst, und den Politikern, deren Konkurrenzerfolg Publizität als Mittel braucht.

Natürlich will ein Journalist mehr sein als bloß Sprachrohr und Kumpan der Machthaber. Er versieht seinen Dienst für die Macht und deren Inhaber als Dienst am Publikum und dessen „Informationsbedürfnis“, als Vertretung und Vollstreckung eines Menschenrechts auf Nachrichten: der Freiheit, über alles in Kenntnis gesetzt zu werden, was die Machthaber mit ihrem Volk anstellen, und sich darüber verantwortliche Gedanken zu machen.

In diesem Sinne sind Journalisten berufsmäßige Vertreter des albernen Verdachts, Politiker würden ihre wirklichen Vorhaben am liebsten verheimlichen, und was sie kundtun, wäre in Wahrheit gar nicht so gemeint. Mit Kritik an amtlichen Ideologien – geschweige denn an der Politik, deren authentische Selbstinterpretation ja ebenso eine objektive Nachricht wert ist wie ihre Wirkungen – hat dieser Verdacht nichts zu tun. Er besteht in einem Zweifel, der in der Logik des machtlosen Bürgers erst hinter der anerkannten Selbstverständlichkeit von Herrschaft und Machthabern kommt, dort aber gar nicht ausbleiben kann: Ob „die da oben“ es auch wirklich und ernstlich so gut mit ihren regierten Massen meinen, wie sie es bei jeder Gelegenheit beteuern; ob gerade sie so viel Unterwürfigkeit verdienen, wie ihre Macht an Unterwerfung durchsetzt, oder nicht eher ihre Konkurrenten. Diesen Zweifel bedienen Journalisten mit Hintergrundberichten, die die Frage nach den Zwecken, den wirklichen Gründen des Geschehens vollkommen ersetzen. Sie forschen aus, wie die regierenden Persönlichkeiten ihre Regierungs- bzw. Konkurrenzgeschäfte betreiben: wie sie Pflicht und Neigung unter einen Hut bringen, was Privatleben und Familie dazu sagen usw. Heiß und begierig werden sie, wenn ihnen Anzeichen für Ehrlosigkeit und Pflichtverletzungen in die Hände fallen; dann bedienen sie die politische Konkurrenz mit der Inszenierung eines Skandals. Dabei sind sie den „Opfern“ ihres Saubermanns-Standpunkts selbstverständlich auch die Wiedergabe sämtlicher Gesichtspunkte schuldig, unter denen diese ihr Tun und Lassen für geboten und höchst ehrbar halten, so dass auch das Skandal-Machen nicht in mangelnde „Objektivität“ und fehlende „Ausgewogenheit“ ausartet; sonst ist nämlich das der eigentliche Skandal. Auch dieser bedenkliche Zweig journalistischer Entdeckerfreude mündet so allemal wieder ein in den Hauptstrom demokratischer Hofberichterstattung, die, jenseits aller moralisierenden Einwände, vor allem die Wichtigkeit der Figuren herausstellt, um die sie sich kümmert: Bei denen ist alles eine Nachricht wert.

Genauso wichtig wie die Erkundung der Hintergründe des politischen Geschehens ist fürs journalistische Geschäft die „kritische Auseinandersetzung“ mit den guten Gründen, die die Politiker für ihr Handeln anzuführen wissen und auf Pressekonferenzen u. ä. den Journalisten zur sachlichen Berichterstattung anvertrauen. In Kommentaren und Leitartikeln wird der Gesichtspunkt, der das journalistische Nachrichtenwesen stillschweigend ohnehin immerzu leitet: die zum Standpunkt geronnene Erkundigung nach möglichen Alternativen eines verantwortlichen politischen Managements, zum wonnevoll breitgetretenen Hauptthema: Jede Redaktion eine ideelle Schattenregierung!

Der Gestus der Verantwortlichkeit – „Wie hätte man es besser machen können?“ – feiert da seine Triumphe. Unentgeltlich eingeschlossen ist in diesem Kommentarwesen, jenseits aller „sachlichen Kritik“, eine grandiose Verharmlosung der sorgenvoll begutachteten politischen Geschäfte: Die Regierung erscheint wie eine übergeordnete Redaktionskonferenz; die Praxis staatlicher Gewalt, die Interessensgegensätze einrichtet und manches Interesse souverän weg“regelt“, als Ausfluss von solchen rein theoretischen Harmlosigkeiten wie „Programmen“, „Konzepten“ und „Visionen“ – oder auch, je nachdem, von „Missverständnissen“ und „Kurzsichtigkeiten“, die die Politiker bei ihrem Tun geleitet hätten. Dabei greifen Journalisten gern jeden höheren Gesichtspunkt auf, den die Geistesfreiheit zur Rechtfertigung und Verhimmelung staatlicher Interessen und Gewalttaten hervorgebracht hat; besonders solche, die gerade in Mode sind und durch sie in Mode kommen. Hierbei leistet ihnen wieder ihr Sinn für Sachlichkeit gute Dienste: Sie wägen die albernen Abstraktionen, die das politische Geschäft der Staatsgewalt als geistige Gestaltungsaufgabe hinstellen, nach deren praktischen Erfolgen im verbindlichen gesellschaftlichen Zitatenschatz ab – also vor allem nach ihrer Beliebtheit bei den Machthabern, die zu ihrer Politik gleich auch noch die passenden Sprachregelungen auszugeben pflegen. Dass Politik so am Ende wie eine Diskussionsrunde aussieht, in der Machthaber und Journalisten einander gleichberechtigt und kongenial ins Wort fallen, und nur noch nach den ideologischen Rechtstiteln gewürdigt wird, die für und wider sie angeführt werden, ist hier die wichtigste Dienstleistung des Journalistenstandes für die Macht.

Dieser Dienst hört nicht auf, sondern fängt erst so richtig an, wenn’s ans Kritisieren geht. Wenn Journalisten geistige Inkonsequenzen, falsche Konzeptionen, fehlende oder zu utopische Zielvorstellungen und dergl. Bei den Machthabern geißeln, dann bekräftigen sie bloß diesen lächerlichen Schein, Politik wäre „letztlich“ nichts als ein großer „gesellschaftlicher Diskussionsprozess“. Dieser Schwindel bleibt nicht bloß praktisch als allgemeines Endergebnis aller Kommentare übrig; er ist beabsichtigt. Je kritischer“ sie werden, um so verantwortungsbewusster haben Journalisten das höchste methodische Ideal aller demokratischen Schönfärberei im Auge: die Glaubwürdigkeit der Politik – d.h. der Lüge, in ihr wäre, „eigentlich“, die gesammelte Vernunft der Gesellschaft praktisch am Werk. Dieses Kriterium gibt ihnen die einzige Kritik ein, die sie je ernst meinen – dass nämlich gewisse Politiker es ihnen schwer machen, dem Volk ihre Heldentaten als Einsatz für edle Zwecke, und sei es ein tragisch verfehlter Einsatz, eingängig zu machen. Dann „müssen“ sie mit kunstvollen Sprachregelungen und abgewogenen Äußerungen des Abscheus das vermeintlich Angerichtete wiedergutmachen und dafür sorgen, dass die Unglaubwürdigkeit gewisser Politiker keine „Glaubwürdigkeitslücke“ bei der Feier der Politik aufreißt und dass keine „Staatsverdrossenheit“ einreißt.

Gegen die Gefahr politischen „Vertrauensverlustes“, die sie allenthalben entdecken, kämpfen die Journalisten an, indem sie – auch das jenseits aller politischen Differenzen und unterschiedlichen Vorlieben für den einen oder anderen Konkurrenten um die Macht – den Standpunkt der politischen Führungskunst und die höheren nationalen Gesichtspunkte pflegen, vor denen die Politiker sich zu bewähren und an denen aufgeklärte Bürger sich zu orientieren hätten. Sie leben der Einbildung, sie müssten sich die ideellen „Richtlinien der Politik“ ausdenken, an denen Kanzler und Präsident es mehr oder weniger fehlen lassen und an denen es der ungebildeten Bürgermeinung nur zu leicht mangelt, und dadurch das „Vertrauen bilden“, das sie die Politiker fortwährend leichtfertig verspielen sehen. Es liegt in der Natur dieses Anliegens, dass ihnen im Zweifelsfall allemal nur ein und dasselbe auffällt: Die Nation könnte durchaus noch machtvoller dastehen; und zwar vor allem dann, wenn die politische Führung machtvoller führen würde. In Abwandlungen des reinsten Herrschaftsgedankens erschöpft sich der Pluralismus eines unzensierten Journalismus.
Dabei vergisst ein demokratischer Journalist nie, bei allem Engagement für Führungskultur und mündigen Gehorsam, dass es ihm von Berufs wegen durchaus nicht zukommt, den berufenen Führern wirklich ins Handwerk zu pfuschen. Er kennt und respektiert die Voraussetzung, unter der seine wohlmeinenden Beiträge überhaupt bloß ihr Publikum finden: Er unterstellt und bezieht sich auf ein Problematisierungsbedürfnis, das weder mit dem Drang zu praktischer Einmischung noch mit einem Interesse an praktisch hilfreicher Erkenntnis irgend etwas zu tun hat. Schreibende Journalisten wissen, dass es von ihrer „Schreibe“ abhängt, ob ihr Schmarrn gelesen wird; Rundfunkjournalisten verwenden die meiste Mühe auf eine ansprechende Präsentation ihrer Einfälle; Auflockerung, durch Bildlein z.B., ist unerlässlich, ein gefälliges Arrangement ebenso; Abwechslung und Farbigkeit sind ebenso gewichtige journalistische Werte wie Sachlichkeit und demokratische Prinzipientreue. Der Journalist ist erst fertig, wenn es ihm gelungen ist, seinen Stoff unterhaltsam zu machen.

An diesem Kriterium aus der Welt des Genusses und Geschmacks unterscheiden sich journalistische Machwerke gerechterweise sehr viel gründlicher voneinander als in ihrer politischen Tendenz. Das eine Publikum will eben mehr durch blutrünstige Illustrationen, das andere mehr durch furchtbar hintergründige Hintergründe unterhalten sein; das eine findet die große Welt des Völkerrechts, das andere die kleine Welt des Kriminalrechts interessanter – mit praktischen Interessen der informierten und belehrten Leute hat das eine wie das andere ohnehin nichts zu tun. Der eine Geschmack findet sich durch dicke Schlagzeilen, der andere durch betulichen Satzbau besser angesprochen; und die Analphabeten dürfen auch nicht leer ausgehen, haben vielmehr ihr Recht auf einfältige Schaubilder – Studienräte können ja dasselbe kompliziert ausgedrückt nachlesen.

Jenseits aller Geschmacksdifferenzen folgt die journalistische Zubereitung der Nachrichtenwelt zum Genuss der härtesten Sorte dann doch wieder einem recht einheitlichen Rezept, dessen Beherrschung es dem tüchtigen Journalisten leicht macht, nach oder nebeneinander den verschiedensten Herren zu dienen. Die angestrebte Vergnügung des Publikums liegt darin, es in den disparatesten Ereignissen immer dieselben leicht fasslichen und geläufigen, moralisch erbaulichen und problemlos zustimmungsfähigen Prinzipien wieder entdecken zu lassen, so dass es in Gedanken Beifall spenden oder Missfallen empfinden kann. Journalistisch aufbereitet, zeugen Fußballspiele und Kriegsvorbereitungen, Steuergesetzänderungen und Naturkatastrophen, Unfallstatistiken und Wahlkampfskandale allesamt in sehr durchsichtiger Weise vom bedingungslosen Recht der nationalen Sache, der hohen Verantwortung ihrer Sachwalter, der Notwendigkeit ihrer ordentlichen Durchsetzung – das wären sie schon so ziemlich, die sinnstiftenden Prinzipien, deren Wiedererkennung die eine Hälfte des Unterhaltungswerts von Nachrichten, Kommentaren und Reportagen ausmacht. Die andere Hälfte liegt in der bunten Vielfalt tatsächlicher Geschehnisse, die täglich neu diese paar Grundsätze „bestätigen“. Dauernde Abwechslung ist unerlässlich, um über die störende Wahrheit hinwegzutrösten, dass die von den Journalisten gepflegte und bediente gesellschaftliche Neugier nur einen „Stoff verlangt und zu verdauen vermag, nämlich das ödeste und langweiligste Einerlei.

Genossen wird daran die Einbildung, mit den Maßstäben des Eigene Urteilsvermögens ideell an all dem verantwortlich beteiligt und all dem geistig gewachsen zu sein, was ohnehin, und zwar von ganz anderen Machern als den neugierigen Betroffenen, ins Werk gesetzt wird. In dieser Illusion liegt schließlich die Freiheit demokratischer Bürger – von Leuten, die sich gar nicht in der Lage befinden und auch gar nicht darauf erpicht sind, dass sie ihre Existenzbedingungen nach dem Eigene Interesse beurteilen, beratschlagen und ins Werk setzen; die sich vielmehr als das machtlose Publikum ihrer Eigene Lebensumstände aufführen und denen alles zum Aktiv-Werden fehlt. Außer in der einen, ganz unpraktischen Hinsicht: mit Beifall oder Ärger zu reagieren und zufrieden zu sein, wenn sie diese Reaktion öffentlich verkündet finden.

Genau das ist das Metier der Journalisten; dieses Bedürfnis befriedigen sie. So sorgen sie dafür, dass das demokratische Volk nicht bloß täglich durch Staatsgewalt und Wirtschaftskraft der Nation zweckdienlich benutzt wird, sondern auch noch als Gemeinschaft freier Geister gewürdigt – nämlich nach Strich und Faden für dumm verkauft.