Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Beruf: Ingenieur

Höhere Techniker waren die Ingenieure schon immer. Seit die Zusammensetzung von „hoch“ und „Technik“ – „high tech“ – die beschränkte Phantasie der Politiker und ihrer öffentlichen Meinung erobert hat, dürfen die Angehörigen dieses Berufsstands sich endgültig als die Garanten der nationalen Zukunft vorkommen. Die sollte ja schon zu Helmut Schmidts Zeiten im Export von „Blaupausen“ liegen. Nachdem dieses etwas altertümliche Hilfsmittel des technischen Erfindungsgeistes durch Computerprogramme abgelöst worden ist, soll Deutschland vollends durch das „know how“ seiner Ingenieure satt werden.

Abzüglich solcher ideologischen Übertreibungen bleibt vom Ingenieurberuf eine begrenzte Funktion innerhalb der gesellschaftlichen Anwendung naturwissenschaftlichen Wissens übrig. Bei der Konstruktion von Gebäuden und Maschinen, elektronischem Gerät und chemischen Kunststoffen müssen diese Leute wissen, worauf es jeweils ankommt, was ohne Erkenntnisse über die Natur der benutzten Stoffe und Prozesse, Wirkungen und Ursachen nicht geht; sie müssen ihr technisches Personal mit den nötigen Berechnungen, Versuchen, Konstruktionen usw. Beauftragen können oder auch die Ergebnisse überwachen, so dass das Produkt zweckmäßig funktionieren kann. Manchmal ist sogar Phantasie vonnöten, damit etwas Zweckdienliches herauskommt. Meistens reichen Sitzfleisch und Routine, damit der Laden läuft. Sehr solide das alles und im Grunde sehr ehrenwert – fragt sich nur: Was machen Ingenieure berufsmäßig falsch, so dass ausgerechnet sie und ihre Werke in den berechnenden Ideologien nationaler Machthaber einen so hervorragenden Platz einnehmen?

Die Ingenieurskunst setzt Auftraggeber und Nutznießer voraus, von denen im modernen Lobpreis von „high tech“ und Erfindergeist nicht die Rede ist: Auftraggeber mit materiellen Mitteln, die auch die Ergebnisse materiell zu nutzen, in Reichtum zu verwandeln vermögen; denn Sachverstand alleine ist weder Reichtum noch schafft er ihn. Der Ingenieur dient Leuten und Instanzen, Behörden und Firmen, indem er sich an deren gar nicht bloß theoretischen technischen Problemen zu schaffen macht.

In diesen praktischen Problemstellungen begegnen ihm nun allerdings sehr viel andere Interessen als solche an menschenfreundlichen Gebrauchswerten. Ein Bauingenieur z. B. muss sich in den gerade gültigen Bauvorschriften genauso gut auskennen wie in Statik und Baustoffkunde; das „technische“ Problem, für dessen Lösung er bezahlt wird, besteht nämlich nicht zuletzt darin, diese Vorschriften möglichst unmerklich zu umgehen bzw. Möglichst billig zu erfüllen, weil der Bau eine Sache ist, die sich rentieren muss – eben deswegen ja die Vorschriften, die diesen „Sachzwang um gewisse Rücksichten allgemeiner Art ergänzen. Ein Ingenieur für Atomenergieanlagen, der sich auf die Rentabilitätsberechnungen seiner AKW-Betreiberfirma nicht versteht, wird sich nie ein funktionsgerechtes Abschaltsystem für Atommeiler ausdenken, weil ihm die wichtigsten Koordinaten für die Definition eines Störfalls fehlen. Der Autoingenieur hat das ungemein naturwissenschaftliche Problem zu lösen, „wieviel Auto“ man zu einem gegebenen Preis anbieten kann; unter der Prämisse geht das Konstruieren los und die Suche nach Werkstoffen, die das unerlässliche Minimum an Tauglichkeit zu den billigsten Kosten bieten. Maschinenbauingenieure haben ihre Aufgabe bestenfalls zur Hälfte gelöst, wenn sie einen Automaten hingekriegt haben, der menschliche Arbeit überflüssig macht; sie sollen nämlich nicht Arbeit, sondern Kosten verringern helfen, müssen sich also am Verhältnis zwischen dem Preis der Maschine und den gesparten Löhnen orientieren und vielleicht sogar ein bisschen an die Lohngruppen des noch benötigten Bedienungspersonals denken.

In manchen Anwendungsgebieten tritt der Kostengesichtspunkt auch wieder sehr zurück, weil es nur auf die Leistung ankommt, zu denen das Produkt fähig sein soll – und die es in sich haben. Da lautet etwa der Auftrag: Panzer bauen, die kein gutes Ziel bieten und die schärfsten Granaten aushalten; dazu Kanonen und Munition, die das bestgeschützte Ziel auslöschen. Noch mehr Naturerkenntnis und technologische Phantasie steckt in Ingenieurwerken wie Röntgenlasern oder „intelligenten Bomben“, die nicht bloß durch die Luft torkeln, sondern bis ins Ziel „mitdenken“. Von der „Herausforderung SDI“ ganz zu schweigen. In anderen Zusammenhängen wiederum muss die technische Optimierung gewisser Gerätschaften aus reinen Kostengesichtspunkten in die entgegengesetzte Richtung gehen: Für Elendsgebiete auf dem Globus sind wieder mehr denn je arbeitsintensive Bewässerungsanlagen, Krankenversorgungsmodelle ohne mitteleuropäische Hygienestandards, dafür unter Einbeziehung traditioneller Sterbegewohnheiten und ähnliches zu entwickeln. Auch das kann eine reizvolle Aufgabe sein.

So ist die moderne Welt angefüllt mit Errungenschaften, die ohne den massierten Einsatz von Ingenieurskunst und Sachverstand nie zustandegekommen wären: unsicheren Autos und AKWs, todsicheren Raketen und Giftgasen, potthäßlichen Stadtbildern, leicht schmierigen Weltmeeren und perfekt tiefgefrorenen Schweinebergen. Aus all dem ist dem Berufsstand der Ingenieure allerdings kein moralischer Vorwurf zu machen genausowenig wie den Autofahrern oder Stromkunden, den Soldaten oder den Bauern. Wenn sie statt dessen lieber pauschal für die sinnreichen Drehstrommotoren der neuesten Bundesbahnlokomotiven gepriesen werden wollen oder für die Entwicklung des Schwitzhemds – sei’s drum. Seltsam ist nur eine Eigentümlichkeit ihres Berufsbildes: Immerzu haben sie sich in die Bedürfnisse ihrer Auftraggeber höchst intim und solidarisch hineinzudenken, weil sie nur so das Problem richtig mitkriegen, das sie lösen sollen; die Beurteilung dieses Problems und des Zwecks, aus dem es sich ergibt, soll aber gar nicht ihre Sache sein – allenfalls ihre Privatsache, die sie als skrupulöse Christen mit ihrem Beichtvater oder ihrem Gewissen abmachen mögen, aber nie und nimmer in Form von Kritik mit ihrem Auftraggeber. Kritik dürfen sie an ihrem Auftrag üben, wenn sie sich die Absichten, die da bedient sein wollen, besser klargemacht haben als ihr Auftraggeber selbst, so dass sie dem lösungsbedürftigen Problem eine weniger bornierte Fassung geben können: Tunnel statt Brücke; elektronische Feindabwehr statt dickerer Panzerung usw. Es ist also keineswegs so, dass Ingenieure in ihrem Beruf um Eigeninitiative, selbständiges Denken und sonstige heilige Kühe des bürgerlichen Ehrgefühls betrogen würden. Gerade im Unterschied zu den Technikern, Facharbeitern oder noch niedrigeren Rängen der industriellen Berufshierarchie kommt es beim Ingenieur ganz wesentlich darauf an, dass er sich die materiellen Anliegen seines Auftraggebers voll zu eigen macht, um den dafür zweckmäßigsten Lösungsweg entdecken zu können. Genau das hat aber gefälligst ohne jede Stellungnahme zu dem theoretisch übernommenen praktischen Standpunkt zu geschehen, also unter Abstraktion von der Eigene Urteilsfähigkeit und erst recht von jedem Interesse, das sich mit dem zu bedienenden Anliegen beißen könnte – und wenn es das eigene wäre. „Dem Inscheniör ist nichts zu schwör!“, lautet das einschlägige Berufsethos – davon, dass ein Problem ihm zu abwegig, zu blöd oder zu herrschaftlich sein könnte, ist im Berufsbild nichts vermerkt.

Einem Ingenieur ist die Abstraktion von dem Zweck, um dessen technische Realisierung er sich kümmert, so selbstverständlich dass er – ebenso wie seine Mitmenschen – darin gar keine besondere Leistung erkennt; eher schon hält er es – wenn er sensibel oder links genug ist – für ein Versäumnis, dass so viele Mitglieder seines Berufsstandes sich „keinen“, und das heißt allemal: nicht seinen moralischen Vers auf ihren beruflichen Dienst machen. Als Höhepunkt der Kritik gilt der Fehler, die Technik mit den Zwecken, denen sie dient, oder gleich das Wissen selbst mit den Folgen seiner oft genug gefahrenträchtigen oder mörderischen Anwendung zusammenzuwerfen und die Naturwissenschaftler und Ingenieure für Leistungen der Politik, die ohne perfekte Technik so nicht zustandegekommen wären, moralisch haftbar zu machen. Damit ist nun allerdings an den gesellschaftlich herrschenden Zwecken nichts kritisiert – und an der wirklichen Dienstbarkeit der Technikmacher ebensowenig. Es stimmt eben nicht einmal, dass die Atomphysiker an Hiroshima schuld wären, und auch nicht, dass der Zugriff demokratischer Herrschaften auf beliebig viel Sachverstand und Ingenieurskunst durch private Gewissensbisse der angestellten Mannschaft und womöglich etliche Kündigungen zu unterbinden wäre. Es ist allenfalls ein elitärer Traum von Naturwissenschaftlern und Technikern, sie hätten die Politik dadurch von sich abhängig zu machen und unter Kontrolle zu halten, dass sie ihr nur unter Vorbehalt dienen; mit der Realität des Arbeitsmarkts für Ingenieure hat das nichts zu tun.

Statt zu einem Angriff auf den eigenartigen gesellschaftlichen Nutzen der Ingenieurskunst – einschließlich ihrer Vermarktung – taugt ein so moralisch übertriebenes Selbstbewusstsein denn auch viel eher umgekehrt dazu, den Dienst durch philosophische Grübeleien zu ergänzen, die ein schlechtes Gewissen dokumentieren – und schon damit eine schöne Entlastung des Gewisses leisten. Die meisten Ingenieure machen es sich mit ihrem guten Gewissen allerdings gleich leichter. Und auf gar keinen Fall ändert der Gewissenswurm auch nur das geringste an der eigentümlichen gedanklichen Operation, die zum Ingenieursberuf so notwendig dazugehört wie Naturwissenschaft und technologische Sachkunde: sich ein Problembewusstsein zuzulegen, das weder dem unmittelbar Eigene Interesse entspringt noch einem begriffenen und gebilligten allgemeinen Zweck, sondern sich vollständig und ausschließlich aus dem Standpunkt des zahlenden Auftraggebers herleitet.

Dieses berufsmäßige Problembewusstsein hat seinen Grund in der hierzulande durchgesetzten gesellschaftlichen Benützungsart naturkundlicher und technologischer Erkenntnisse; es garantiert deren Nutzen für die besonderen Zwecke und die herrschenden Interessen in dieser Gesellschaft – viel wirksamer sogar als jede Erziehung zu „staatsbürgerlicher Verantwortung“ oder ähnlichen ideologischen Voreingenommenheiten. Gerade so und nur so nämlich ist das produktiv anwendbare Wissen – das sich vom denkenden Individuum einerseits ja gar nicht ablösen lässt, andererseits voll und ganz – erstens ein käufliches Produktionsmittel, zweitens ein per Salär bzw. Honorar zu verstaatlichendes Macht- und Herrschaftsmittel.

Die Ingenieurskunst kann auf diese Weise tatsächlich so zum Firmeneigentum werden, dass sie von vornherein gar keinen arbeitsteilig ausgegliederten Teil der produktiven Fähigkeiten der Arbeiterschaft darstellt, sondern den Arbeitern – als in Apparaten vergegenständlichter Zwang oder als hierarchisch übermittelte Anweisung, also auf alle Fälle – als Domäne derBetriebsleitung und als wichtiges Mittel ihrer Herrschaft über den von ihr organisierten Arbeitsprozess entgegentritt. So fügt sie sich eindeutig ein in das betriebliche Ausbeutungsverhältnis, von dem Ingenieure genausowenig je etwas mitbekommen haben wollen wie alle anderen wohlerzogenen Demokraten. Grundsätzlich dienstbares Denken ist die Ingenieurskunst auch nach der Seite hin, dass sie sich vom Auftraggeberinteresse auf jeden Zweck festlegen lässt, ohne dass dieser Zweck sich vor dem Verstand des Fachmanns auch nur im geringsten irgendwie zu rechtfertigen bräuchte. Das gilt im Verhältnis zur privaten Geschäftswelt ebenso wie zur Staatsgewalt, die mit ihren Ingenieuren auch nicht diskutieren müssen, sondern mitdenkende Fachidioten ans Werk schicken können will. Mit diesem Fehler verdient der Berufsstand sich seine politischen Komplimente und mancher ein Bundesverdienstkreuz.

Den Zwang zur Dienstbarkeit üben Staatsgewalt und kapitalistischer Reichtum mit noch immer relativ guten Gehältern aus – auch wenn die Arbeitslosigkeit und der Ersatz von Ingenieursfähigkeiten durch Rechenprogramme inzwischen einige Freiheiten zur Herabstufung von Ingenieuren auf Techniker- oder Facharbeiterentgelte eröffnet hat. Guten Ingenieuren wird honoriert, dass sie nicht mit ihrem Wissen als solchem, um so mehr aber mit ihrem einfühlsamen Problembewusstsein und ihrer hemmungslosen Empfänglichkeit für Aufträge aller Art auf die Seite der gesellschaftlichen Herrschaft gehören.

Deswegen ist für Dipl.-Ings auch eine Karriere als „Selbständiger“, mit einem Eigenen Ingenieurbüro, kein bloßes Ideal. Wer sich mit Beziehungen und besonderen Angeboten an den Geschäftssinn, technologische Rechtsbeugung eingeschlossen, einen guten Ruf erwirbt, kann sogar „aus eigener Kraft“ reich werden. Andererseits dürfen auch Ingenieure das Politikergefasel von „high tech“ und Zukunft nicht als Einkommensgarantie für ihren kostbaren Kopf missverstehen. Der nationale Erfolg besteht nämlich nicht in Ingenieuren, sondern in dem kapitalistischen Reichtum und in der wirklichen Macht der Staatsgewalt, die genauso viele Ingenieure bezahlen, wie sie brauchen.

Das Konkurrieren bleibt also auch den technologischen Könnern und ihrem studierten Nachwuchs nicht erspart. Aber so merken sie gleich, wie bedingt es bloß auf Lastarm und Kraftarm ankommt, wenn man als Ingenieur im demokratischen Kapitalismus vorankommen will.