Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Beruf: Elite

Verantwortung und Leistung – diese beiden Gütesiegel der Elite zeichnen die Masse in der Demokratie wirklich nicht aus. Zur Verantwortung fehlt den meisten die Macht, bei den Leistungen hapert es an Zeit und Geld. Gewöhnlich ist die breite Masse damit zugange, sich das Nötigste zu verdienen, so dass ihr schon von daher die Bereitschaft fehlt, sich Verdienste zu erwerben. Massenmenschen gründen keine Republik, schreiben keine Verfassung, verpassen die Gelegenheit, Wirtschaftswunder aufzuziehen und Filialen zu eröffnen, entdecken im Leben kein Virus und keine Gesetzeslücke – es fehlt ihnen ganz einfach das Zeug dazu. Leistung kommt bei ihnen höchstens in dem unmenschlichen, physikalischen, höherer Werte baren Sinn von Arbeit pro Zeit vor – und das ist noch nicht einmal sicher. Unselbständig, wie sie sind, brauchen sie auch dafür noch Arbeitgeber und Konjunkturpolitiker, die ihnen Arbeitsplätze beschaffen. Für die richtigen Gedanken in ihrer freien Zeit und bei der Kinderaufzucht müssen ihnen Denker zur Verfügung stehen, die sie Mores lehren. Beim Streiten müssen ihnen Anwälte helfen, damit was Rechtes daraus wird. Und ohne Fachleute wüssten sie nicht einmal, ob das, was ihnen wehtut, eine Krankheit ist.

Ist es da verwunderlich, wenn verantwortliche Hochleistungsdemokraten sich und ihresgleichen für ein Menschenrecht und Lebensmittel der Massen halten, die ohne solchen Service gar nicht zu existieren wüssten? „Wer seinem Volk Leistungseliten verweigert, der verweigert seiner Jugend und den alten Menschen einen gesicherten Lebensabend.“ – So ein Mitglied der Elite, von deren Entscheidungen noch weit mehr abhängt als die Unsicherheiten des Lebensabends. Eine kleine Theorie der Weltwirtschaft, die jeder demokratische Verantwortungsträger genauso gut aufsagen kann wie Minister Genscher, macht auf die noch viel tiefergehenden Zusammenhänge aufmerksam: „Wer wie wir kaum über Rohstoffe oder andere natürliche Ressourcen verfügt, muss am Weltmarkt konkurrenzfähig bleiben, um zu überleben und zu prosperieren.“ Mit seinem Selbstmitleid einer rohstoffarmen Republik leitet der Stellvertreter zweier Kanzler den schönen Gedanken vom Rohstoff Mensch ein, der den benachteiligten Bergbau ersetzen muss – und ersetzen kann, sofern ein Teil davon zu Elite veredelt wird: „Unsere natürliche Ressource sind die Menschen, ihre Bildung und Ausbildung, ihre Leistungsfähigkeit und ihr Leistungswille. Daher kann unsere Gesellschaft, gerade wegen ihrer außerordentlich engen Verflechtung mit der internationalen Umwelt, nicht auf eine demokratische Leistungselite verzichten.“

Einen wohlmeinenden Patrioten, der von seiner nationalen Führung ernsthaft intellektuelle Kompetenz erwartet, weil davon Wohl und Wehe des Vaterlandes abhingen, müsste bei solchen Spruchweisheiten, aus denen das gesamte Zukunftsgeschwafel der regierenden Elite zusammengesetzt ist, das kalte Grausen ankommen. Der Vizekanzler führt das Fehlen sämtlicher Voraussetzungen korrekten Denkens vor. Er dokumentiert Gedächtnisschwund, wenn er öffentlich vergisst, dass er weltweit ein zwar rohstoffarmes, aber keineswegs armes Land vertritt, und zwar gegen viele andere Nationen, die zwar an Rohstoffen, deswegen aber noch lange nicht reich sind. Ihm versagt glatt die Wahrnehmung des offenkundigen Unterschieds zwischen einer Erzgrube und dem Geld, das Geschäftsleute in den Freiheitsoasen der NATO aus dem geförderten Zeug machen. Statt dessen will er beobachtet haben, dass die anderen viel Zeug in der Landschaft, „wir“ hingegen bloß Leute zur Verfügung haben. Und daraus zieht er einen Schluss, der seinem Urteilsvermögen kein gutes Zeugnis ausstellt. Wieso müssen „daher“ ein paar extra gute Leute mit hervorragenden Eigenschaften und ganz viel gutem Willen her? Bei aller internationalen „Verflechtung“: Ersetzt denn ein Ingenieur eine Zinngrube? Ist eine fachmännische Devisenspekulation das bundesdeutsche Äquivalent eines Goldbergwerks, das es hierzulande nicht gibt? Brauchen andere Nationen mit viel Erz im Boden keine „Konkurrenzfähigkeit“? Nicht einmal auf Genschers abstraktes Vorstellungsvermögen ist Verlass: Der Lobredner der Leistungselite lässt jede Kenntnis von dem Reichtum der Nation vermissen, um dessen „Konkurrenzfähigkeit“ es ihm unübersehbar zu tun ist. Den schaffen nämlich weder Politiker noch Journalisten und noch nicht einmal die leibhaftigen Erfinder von Mikrochips, Alltemperaturwaschmitteln und Plutoniumkraftwerken: Ob deren Einfälle zu Kapital werden, ist noch allemal eine Frage von tatkräftig angewandter Arbeit. Das Personal, das dafür Sorge trägt, hat mit der großen Masse hinwiederum ganz anders zu tun als in der unschuldigen Weise, dass es dank hervorragender Begabung aus dieser ausgesucht wäre – für Elitemenschen: dies der Wortsinn von „Elite“ – und nun durch eigene Arbeit glänzen würde.

Die gedanklichen Leistungen des Ministers erfüllen den Tatbestand des Schwachsinns – aber wer achtet schon bei einem renommierten, über Jahre erfolgreichen Außenminister auf die Stichhaltigkeit seiner „weil“s und „daher“s. Elite bedeutet doch gerade nicht, dass das Publikum die Worte derer, die anerkanntermaßen das Sagen haben, auf die Goldwaage legt. Menschen, die in der Demokratie zu Hause sind, kennen und verfügen über den selbstbewussten Respekt, den ihre Auserwählten verdienen. Deswegen wissen sie bei den Verlautbarungen wichtiger Leute das Gemeinte zu würdigen, das ihnen ohnehin geläufig ist und das wirklich keine Argumente nötig hat, um zu gelten und seine Wirkung zu tun. Gemeint und mit Anspruch auf Beifall vorgetragen ist hier der an manchem gar nicht elitären Stammtisch der Nation als anerkannte Münze zirkulierende Gedanke, dass Elite sein muss, und zwar eine aus „Persönlichkeiten“ und mit „Führungsqualitäten“. Ernstlich „Wozu?“ zu fragen, verbietet sich hier von selbst, weil es bei dem „muss“ gar nicht um die tatsächlichen Leistungen der Besten und deren Notwendigkeit geht und auch nicht um die tatsächlichen Verfahren und Ergebnisse der Auslese, durch die die Ausgelesenen ermittelt werden. Wenn Führer und Geführte eine Elite fordern, damit in Fußball, Politik und Kunst die Persönlichkeiten nicht aussterben, die Erfolg verbürgen, dann bekennen sie sich zu einer ideologischen Deutung aller Gegensätze und Unterschiede, die sie kennen oder jemals kennenlernen in ihrer demokratischen Marktwirtschaft. Sie bekräftigen ein Verständnis für die demokratische Sortierung der Nationalmannschaft in Herr und Knecht – wie sie ohnehin täglich abläuft –, das ein bleibendes Einverständnis mit sämtlichen Klassengegensätzen, der beruflichen Hierarchie, der politischen Macht und den Härten des Konkurrierens sichert.

Der demokratische Elitegedanke wirft ausschließlich das eine, enorm konstruktive Problem auf: Ob das Personal für oben und unten, fürs Tragen von Verantwortung und den freien Gebrauch des großen Eigentums, auch richtig ausgesucht ist. Und diese Überlegung, ob es in der heutigen Gesellschaft auch jedermann an den richtigen Platz verschlägt und jeder Posten die richtige Besetzung findet, ist unabhängig von der Antwort, die einem einfällt – „ja“, „nicht immer“, „selten“, „nie“ –, eine Parteinahme für eine gesellschaftliche „Ordnung“, in der es „nun einmal“ oben und unten gibt und geben muss.

Die affirmativen Zweifel und Bedenklichkeiten in Sachen Elite, die den demokratischen Geist beschäftigen, besitzen eine Berufungsinstanz und haben einen Grund. In die Welt gekommen sind sie durch den Materialismus des Kapitals, das überhaupt nichts von überkommenen gottgewollten und anderen Ordnungen hält. Ihm geht es um die Mobilisierung jeder greifbaren natürlichen und menschlichen „Ressource“; also findet ein fortwährender Test auf die Brauchbarkeit der Menschenkinder statt, deren Inhalt und Kriterien dauernder Veränderung unterliegen. Das Verfahren heißt Konkurrenz. Der diktiert die Staatsgewalt die „Spielregeln“, welche bei der Begutachtung der großen und kleinen Persönlichkeiten und ihrer nützlichen Eigenschaften kein „Ansehen der Person“ zulassen. Dieser zweckmäßigen Einrichtung entnehmen die Betroffenen wie die Aufsichtsbefugten, und vor allem die berufenen Sinndeuter, die Gewissheit, dass „eigentlich“ niemand von einem gesellschaftlichen Los betroffen sein darf, das ihm nicht gerecht wird. Und folglich wälzen sie immerfort das Rätsel, ob das jeweils stattfindende Schicksal auch wirklich verdient sei. Das engagierte Problematisieren zahlloser „Einzelfälle“, in Welche sich die kapitalistischen Lebensverhältnisse da ideologisch auflösen, lebt heute wie in den ersten Tagen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit von dem Schwindel, die Stellung des Menschen in der bürgerlichen Stufenleiter von Lohn und Leistung, Befugnis und Vermögen, und mithin diese Hierarchie selbst hätte ihren wahren, eigentlichen und letzten guten Grund in dem, was einer so an sich hat und an „Substanz“ beischleppt. Die freiheitlichen Ideale der Konkurrenz begründen so den selbstverständlichsten, von jeder Juden- und Negerfrage gereinigten demokratischen Rassismus – übrigens kommen Neger, Juden, Kommunisten und andere Versager durchaus auch in diesem „System“ wieder zu ihrem natürlichen Recht auf eine gewisse Sonderbehandlung, ebenso wie der nur einerseits entthronte liebe Gott, der andererseits nach Auffassung einer kopfstarken Elite für die BRD ausgerechnet diese Marktwirtschaft vorgesehen hat.

Derlei Akzentsetzungen fallen aber bereits in den Bereich jener konjunkturellen Abwandlungen, die der Glaube an die Menschennatürlichkeit der kapitalistisch funktionalen, demokratisch betreuten Menschensortierung gerade wegen seiner unbezweifelbaren Brauchbarkeit immer wieder erfährt. Die Weisheit „Jeder Arsch an seinem Ort; suchst du ihn, so ist er dort!“ ist wohlmeinenden Menschen auch schon einmal geeignet erschienen, unter dem Titel „Chancengleichheit“ in eine erst noch zu verwirklichende Forderung umgemünzt zu werden. Die Bedingungen der Chancenverwertung zu ändern, galt da als hohes Ziel. Und die Sortierung, die daraus wie durch ein Wunder nach wie vor hervorging, wurde für gerechter befunden. Wohl deshalb, weil sich anschließend – wie schon vorher – ein paar Minister damit brüsten konnten, garantiert einem Arbeiterhaushalt zu entstammen, womit sie fraglos ihre Berechtigung nachgewiesen hatten, andere zu deckeln. Zur Abwechslung entdecken ein paar Mitglieder der Elite dann auch wieder einmal die Gefahr, dass der Nachschub an so besonderen Erfolgstypen wie ihnen vor lauter „Gleichmacherei“ vollends zum Erliegen kommen könnte, und kämpfen mutig gegen ein „Tabu“, das es nur gibt, weil sie sich dagegen gewendet haben wollen: „Das Wort ‚Elite‘ darf dabei kein Tabu sein.“ Und um den Leistungsträger Genscher noch einmal mit seinem Vermögen zu logischen Schlussfolgerungen zu Wort kommen zu lassen: „Aber gleiche Chancen schaffen nicht gleiche Ergebnisse; deshalb gehört zu dieser Chancengleichheit dass die bessere Leistung ermöglicht, dass Begabung nicht vernachlässigt, sondern nach Kräften gefordert wird.“ Mit seinem verkehrten „deshalb“ tritt der Mann für eine Sache ein, die ohnehin dauernd geschieht: für die Ungleichbehandlung des Menschenmaterials der Nation, sobald die Konkurrenz den ersten ausnutzbaren Unterschied an den freien und gleichen Persönchen hervorgetrieben hat. Betont will er haben, dass das auch so sein muss, weil nämlich„die beste Staatsverfassung und Staatsform“ überhaupt „diejenige (ist), die mit natürlichster Sicherheit die besten Köpfe der Volksgemeinschaft zu führender Bedeutung und zu leitendem Einfluss bringt.“

Diese Formulierung stammt zwar nicht von Genscher. Aber dass sie zum gedanklichen Rüstzeug des letzten gesamtdeutschen Reichskanzlers gehört hat, belegt überhaupt nicht, dass in dieser staatsmännischen Sorge um gerechte Karrieren für Auserlesene ein Verstoß gegen die Demokratie vorläge. Hitler hat in schlichten Worten die skeptische Weltsicht ausgedrückt, die zum Selbstbewusstsein jeder modernen Elite gehört.

Und leider auch zum Selbstverständnis der weniger Ausgesuchten, die von ihrer Elite gedeckelt, an die Arbeit gestellt oder auch heimgeschickt, belehrt und bevormundet, regiert und unterhalten werden. Dass das Volk arbeitet, gehorcht und den Glauben teilt, seine Herren seien zum Führen irgendwie berufen – das, sonst nichts, sichert der Elite ihren Erfolg, der sie zu was Besserem macht und ihr ein gewisses Recht auf Prominenz verschafft.