Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Beruf: Arzt

Das unendliche Geschäft des „Helfens und Heilens“ ist in der BRD der Traumberuf für Schrapphälse. Inzwischen : haben zwar die ,,Selbstheilungskräfte des Marktes“, in diesem Fall des freien akademischen Arbeitsmarktes, trotz strengem Numerus Clausus gegen zuviel Nachwuchs für die ,,drohende Gefahr“ einer ,,Ärzteschwemme“ gesorgt; mancher Jung-Mediziner könnte in Zukunft leer ausgehen. Noch immer gilt aber, nicht zu Unrecht, jeder Einser-Abiturient als Tor, wenn er nicht die NC-Bestimmungen ausnutzt und die den schlechteren Kameraden von vorneherein verschlossene Medizinerlaufbahn einschlägt.

Die herzlichen Beziehungen zwischen Geld und Medizin halten viele, sogar einige aus- oder noch nicht eingestiegene Ärzte, für einen Skandal. Am physischen Elend der Leute verdienen, mit dem unbezahlbar hohen Gut Gesundheit ein Geschäft machen – pfui Teufel! Dieser Vorwurf ist ungerecht. Womit machen denn ehrenwerte Industrielle hierzulande ihr Geschäft, wenn nicht auch mit der Gesundheit ihrer Lohnarbeiter und einiger Außenstehender noch dazu, die z. B. partout kein Blei vertragen ? Woran verdienen denn Deutschlands Banken, wenn nicht direkt oder indirekt an der Verarmung der Leute und einem gar nicht gesundheitsförderlichen Leistungsdruck auf sie? Und überhaupt: Seit wann zählt denn beim Geschäftemachen die moralische Qualität des gehandelten Gebrauchswerts? Mit vollem Recht ist das Gewissen der Ärzte so rein wie ihr Steuerberater beschäftigt. Dass mit ärztlicher Kunst und Wissenschaft ein dickes Privatgeschäft zu machen ist, liegt nicht an ihnen – eher schon das jeweilige Verhältnis zwischen beiden Seiten, über das wir aber auch nicht rechten wollen; das erledigen längst berufenere Moralisten und im Ernstfall die Gerichte.

Ärzte können – im großen und ganzen – nichts dafür, dass ihnen ihre Geschäftsbedingung, der Nachschub an Krankenmaterial, ‚nicht ausgeht. Es gibt zahllose Belastungen – und keine davon hat die Ärzteschaft zu verantworten –, denen der Mensch als ziemlich weiches und zerbrechliches Lebewesen nicht so recht gewachsen ist: Bazillen und Arbeit, Verkehrs- und Sportunfälle, Gift und Lärm … Es kommt hinzu, dass der Mensch als Individuum mit eigenem Willen und falschem Bewusstsein allemal schon sein besonderes, selten gesundes Bewältigungsverhältnis zu seinen Gebrechen eingerichtet hat, bevor er zum Arzt geht bzw. wenn er zu ihm gebracht wird. Meist ist es zu spät für eine richtige Heilung, manchmal aber auch viel zu früh, wenn der Patient lamentierend daherkommt.

Das alles macht dem guten Doktor das Leben schwer. Der flickt nämlich nicht bloß zusammen oder richtet mit Kunst und Chemie wieder her, was ihm an fertigen Schäden präsentiert wird. Dieses redliche Handwerk verrichtet er zwar auch, so gut er es eben versteht. Zum ärztlichen Berufsbild gehört aber allemal einige Verachtung des ,,bloßen Knochenflickers“, den es bei allem Medizinerzynismus daher gar nicht gibt. Der Dienst, den ein Arzt leisten will und den der Patient von ihm erwartet und – so gut er kann – fordert, umfasst durchaus eine Erkundung und ein Eingehen auf die Krankheitsursachen; in Form einer Krankheitsgeschichte, mit der gleich ein gutes Stück der individuellen Lebensführung aus der Vergangenheit und damit auch gleich für die Zukunft zur Debatte steht.

Es sind nämlich schon längst, im Grunde seit den ersten epochemachenden Erfolgen der modernen wissenschaftlichen Medizin, in erster Linie keine Unbilden der Natur mehr, deren Auswirkungen die Ärzte zu pflegen und nach Möglichkeit zu kurieren haben. Was sie in der Physis ihrer Patienten an Gebrechen vorfinden, sind hauptsächlich die Hinterlassenschaften höchst zivilisierter Einwirkungen und Anstrengungen, die zusammen eine ziemlich ungesunde Daseinsgestaltung ausgemacht haben. So ist ja sogar das massenhafte Bemühen um eine ,,natürliche Lebensweise“ aufgekommen, die ihrerseits I ihre Spuren hinterlässt, nicht bloß in Form von Knochenbrüchen auf der Skipiste. Regelmäßig führt die Anamnese zu der Erkenntnis, dass eine durchgreifende Verbesserung der Gesundheitslage des Patienten eigentlich weit mehr umfassen würde als alles, was sich in der Sprechstunde ausrichten und mit den chemischen Fitmachern erreichen lässt, die die pharmazeutische Kunst ausgetüftelt hat – nicht gerade ,,zum Wohle des leidenden Menschen“. Die populären Mittelchen, mit denen mancher Kunde ,,wiederhergestellt“ werden will, um gleich wieder für verlangte Dienste in Form zu sein, werden „nur ungern!“ verschrieben, nie ohne Vorladung zu einer ,,gründlicheren“ Therapie – die absehbarerweise erst stattfindet, wenn es mal wieder ganz ,,zu spät!“ ist. Ein gut betreuter Patient verlässt die ärztliche Praxis bzw. das Krankenhaus nie bloß mit Narben und Rezepten, sondern mit Kritik an seiner bisherigen und Ratschlägen für seine zukünftige Daseinsgestaltung. Allerdings auch in der stillschweigenden Übereinkunft mit seinem Doktor, dass sich so sehr viel nicht ändern wird. Denn das ist der Haken an der empfohlenen ,,gesünderen Lebensführung“, dass sie für den Durchschnittspatienten unpraktisch, hinderlich, zu teuer und mit den Notwendigkeiten des Geldverdienens kaum zu vereinbaren ist – schließlich hat der Mensch sich ja schon vorher nicht aus Jux allerlei Ungesundes angewöhnt.

Das Problem, das daraus folgt, ist eines des Patienten; es geht den Amt praktisch nichts an. Allerdings verrät e einiges über die wirkliche Zweckbestimmung seines Berufes. Nämlich dass die Gesundheit, um die das danach benannte ,,Wesen“ sich kümmert, keinen – geschweige denn selbstverständlichen – gesellschaftlichen Zweck darstellt, sondern immerzu gegen die selbstverständlichen Erfordernisse und Zwecke des gesellschaftliche Lebens zum Zweck gemacht werden muss – zum privaten Sonderzweck eben, der dann gar nicht mehr mit der herrschenden Benutzungsverhältnissen kollidiert, sondern mit den privaten Vergnügungen konkurriert. De Ärztestand, selber eine feste gesellschaftliche Einrichtung! , ändert an diesen Selbstverständlichkeiten nicht er ist ja auch nicht dafür da, die Belastungen zu kritisieren, die die betroffenen Mitmenschen unterschiedlich lange und mit unterschiedlicher Moral aushalten. Der ärztliche Dienst steigt ganz naturwissenschaftlich auf die physiologischen Ergebnisse ein und kritisiert darüber hinaus mit Ratschlägen und Pillen die individuelle Lebensgewohnheiten, zu denen sich die Patientenschar die herrschenden gesellschaftlichen Zwänge und Belastungen gemacht hat. Der Arzt ergänzt den gesellschaftlichen Verschleiß von Gesundheit, indem er den Wirkungen dort entgegensteuert, wo sie sich an den Individuen längst niedergeschlagen haben. Zu diesem Gegensteuern gehören Mahnungen und Rezepte nach dem Motto „Vorbeugen ist besser als Heilen“, die den gesellschaftlichen Verpflichtungen der Leute noch die Absurdität einer Pflicht gegen sich selbst hinzufügen.

So zählen die Ärzte von Berufs wegen zu den wichtigen gesellschaftlichen Autoritäten, obwohl sie – außer beim Krankschreiben – über gar kein Stück staatlicher Gewalt verfügen und weder Theologie noch Psychologie studiert haben. Dem Patienten gegenüber sind sie eine gewichtige moralische Instanz, und das keineswegs nur insofern, als ihre medizinische Fachkunde auf ein ziemlich ahnungsloses Publikum trifft, das an die Diagnose und Therapie glauben muss. Dem Patienten gegenüber treten sie als Anwalt seiner Gesundheit auf, die doch bloß deswegen den Rang eines verpflichtenden Lebenszwecks erhält, weil ihr Verbrauch zu den selbstverständlichen Lebensbedingungen eines werktätigen Gesellschaftsmitglieds gehört und weil die private Kompensation dieses Verschleißes einen Aufwand erfordert, der einiges an Einschränkungen fordert.

Glaubwürdig wie sonst keine moralische Instanz kann die Ärzteschaft für sich in Anspruch nehmen, sie wolle mit den von ihr vertretenen zusätzlichen Pflichten doch nur das Beste derer, die sich danach richten sollen. Dafür, den hierin enthaltenen Widerspruch zu bemerken, geschweige denn ihn aufzulösen, wird sie nicht bezahlt. Übrigens auch nicht aufgesucht. Patienten bleiben bei dem Arzt, dessen moralische Autorität sie schätzen; deswegen hat ja bekanntlich jeder Patient überhaupt den besten Arzt weit und breit.

Manche Ärzte, und vor allem die Funktionäre ihrer Standesorganisationen, die sonst ohnehin nichts zu tun haben, erstrecken diese berufsspezifische Autorität gerne über ihre Patientenschar und deren private Rauch-, Trink- und Essgewohnheiten hinaus auf ,,die gesellschaftlichen Verhältnisse“, die ja ohne große Schwierigkeiten als die wesentlichen „Krankmacher“ zu identifizieren sind. Das wird insoweit gern gesehen, wie die Mediziner in solchen allgemeiner gehaltenen Warnungen und Ratschlägen die Arbeit und die alltäglich konsumierten Gifte usw. als feste Lebensbedingungen voraussetzen, mit denen ein besserer Umgang, mit Diät und ohne Hetze und Schlafmittel, zu lernen sei. Praktisch einbezogen wird der Ärztestand darüber hinaus von Gesetzes wegen in die Gestaltung und das Management der Sphäre, in der die Gesundheit produktiv verschlissen wird – wo sie also in gehörigem Maß da sein und erhalten werden muss, um zweckdienlich verbraucht werden zu können. Die Arbeitsmedizin kümmert sich in diesem Sinne keineswegs bloß um Unfallopfer und fertige Krüppel, sondern um bandscheibengerechte Schreibschemel und MAK-Werte für Schadstoffe aller Art. Das schadet weder der 8-Stunden-Schicht am Schreibautomaten noch dem ökonomischen Umgang mit nützlichen Giften, sondern macht solche Eigenschaften menschenwürdig.

Problematisch wird es dagegen, wenn Mediziner sich für die völlige Beseitigung einer gesellschaftlichen Krankheits- und Todesursache wie etwa des Krieges einsetzen. Falls sie es nicht selber merken, werden sie von den regierenden Herren der Gesellschaft und deren Ideologen im Öffentlichkeitswesen darauf hingewiesen, dass ihre Autorität sich nur auf die Bewältigung der Schäden erstreckt, die die ,,Lebensrisiken der modernen Welt“ anderen Bewohnern hinterlassen, und dass alles andere eine Grenzüberschreitung aus politischer Voreingenommenheit und Kritiksucht darstellt. Standesbewusste Mediziner sehen das auch gleich ein, bleiben bei ihrem Leisten und gründen allenfalls ein „Rotes Kreuz“, das auch im Frieden alle Hände voll zu tun hat. Dieselbe Moral, die borniertes Helfen bis zum geht-nicht-mehr gebietet, gestattet Ärzten mit einem fortschrittlichen Selbstbewusstsein allerdings auch den interessanten Zweifel, ob das atomare Kriegsgeschehen überhaupt noch Raum und Gelegenheit lässt für eine hingebungsvolle Opferversorgung; diesen Zweifel machen die Aktiven unter ihnen als ihr standesspezifisches ,,Argument“ gegen den Atomkrieg geltend. Damit täuschen sie sich allerdings nicht bloß über den Krieg, der – genausowenig wie alle übrigen Einrichtungen der Klassengesellschaft – an der Bewältigung der Opfer, die er produziert, sein Maß findet. Sie täuschen sich auch über ihre eigentümliche Berufsautorität.

Diese beruht nämlich darauf, dass die Anwälte der Gesundheit sich nicht in die übrigen ehrenwerten Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und das Treiben der anderen ehrbaren Stände einmischen, sondern stur dem leidenden Individuum treu bleiben. Ihre physiologischen Kenntnisse haben dann moralisches Gewicht, wenn sie dazu dienen, die dicksten Hämmer unter den bornierten Gesichtspunkt zu subsumieren, dass da die Krankheitsgeschichte des einzelnen den einen oder anderen Fortschritt gemacht hat. Darauf haben die Ärzte mit ihren therapeutischen Bemühungen zu antworten. Deren Maßstab liegt nicht im nachzählbaren Erfolg – da müssten die Mediziner ja vor ihrer Sisyphos-Arbeit verzweifeln, und umgekehrt würde die tatsächliche Beseitigung zivilisierter Krankheitsgründe ihnen glatt ihre Kundschaft dezimieren. Ihre Antwort auf die gesundheitsschädlichen Wirkungen des ,,modernen Lebens“ orientiert sich ganz immanent an den Errungenschaften und Forderungen der ärztlichen Kunst und Wissenschaft bei der Reparatur geschädigter Individuen. Die Warnung vor dem Zigarettenrauchen ist durch die moralische Autorität des Ärztestandes voll gedeckt, weil er sich damit in die Lebensführung potentieller Patienten einmischt, die ihre Pflicht gegen die eigene Gesundheit vergessen; die Warnung vor dem Atomkrieg überschreitet ärztliche Kompetenz, weil sie die Arbeitsteilung zwischen Heilkunst und Staatskunst verletzt. Für die Aufforderung, privat und öffentlich Vorratslager an Jodtabletten und Brandschutzsalbe anzulegen, sind die Doktors dann wieder uneingeschränkt zuständig.

So geht die gesellschaftliche Arbeitsteilung für den Medizinerstand bestens auf und in Ordnung: Die Klassengesellschaft sorgt mit ihren verschiedenartigen, friedlichen wie unfriedlichen Ansprüchen ans Menschenmaterial nicht bloß für massenhaftes Krankengut, sondern auch dafür, dass Bazillen und Bandscheiben sich für jeden Betroffenen als sein privates Lebensführungsproblem darstellen; auf dieses und unter diesem Gesichtspunkt zeigt die ärztliche Kunst mit Skalpell, Chemie und moralischen Dummheiten sachgerecht ein, so dass das Ganze klappt und der gesellschaftliche Bedarf an verbrauchbarer Gesundheit ebenso auf seine Kosten kommt wie der „leidende Mensch“ in seinem „Unglück“.

Bleibt noch die Umständlichkeit, dem Ärztestand dazu zu verhelfen, dass auch er auf seine Kosten kommt und aus seinen Arbeitsbedingungen eine Geschäftsbedingung wird. Denn auch das gehört ja zu den Errungenschaften der .modernen Leistungsgesellschaft“, dass den gesundheitsschädlichen Belastungen, die sie als Privatproblem der Betroffenen organisiert, in der Masse der ,,Fälle“ gerade keine privaten Finanzmittel entsprechen, mit denen diese sich ärztlichen Beistand kaufen könnten. Ohne die Zwangskollektivierung einer der beiden Seiten, entweder der Ärzteschaft oder von ansehnlichen Lohnteilen, geht es da kaum ab. Als marktwirtschaftlicher Freiheitsstall hat die bundesdeutsche Demokratie sich für die letztere Variante entschieden und mit Geldern, die von der großen Masse ohne überschüssiges Geld – bis zur ,,Beitragsbemessungsgrenze“ hinauf – zwangsweise eingesammelt werden, ein Versorgungsnetz aufgezogen, das – zusammen mit der privat versicherten besseren Kundschaft – der Mehrheit der Ärzte den Status selbständiger Klein- bis Mittelunternehmer sichert. Deren Geschäft wird zwar erst durch die hemmungslosen Rechnungen für Privatpatienten so richtig fett; seine solide Grundlage hat es aber in der Zahl der Krankenscheine, die, relativ unabhängig von den tatsächlich dafür erbrachten Leistungen, einen Zugriff auf den vergesellschafteten Lohnteil gewähren, den die gesetzlichen Krankenkassen verwalten.

Diese Organisation der Gesundheitsversorgung als Unmasse privater Pfründen – die passenderweise durch eigene Makler weitervermittelt werden – bringt interessante Konflikte und Fronten mit sich, weil sie das Verhältnis zwischen medizinischem Aufwand und finanziellem Ertrag auf zwei getrennte Verhältnisse verteilt: Im Umgang des Arztes mit dem Patienten entscheidet sich sein Aufwand an Arbeit und Kosten, im Abrechnungsverkehr mit den Kassen sein Einkommen. Dem Patienten bringt das den fragwürdigen Vorteil, dass seine medizinischen Bedürfnisse ihr Maß nicht direkt an den Sparbeschlüssen des Sozialstaats finden, sondern an der Geschäftstüchtigkeit, was in diesem Fall heißt: am Patientendurchsatz ,,seines“ Arztes – mit dem man sich, schon im Interesse einer gelegentlichen Krankschreibung, nach Möglichkeit gut stellt. Der Sozialstaat brockt sich den zweideutigen Nachteil ein, dass er es nicht direkt bloß mit dem Gesundheitsbedarf seiner Massen zu tun bekommt, wenn er sparen will, sondern mit den Einkommensinteressen eines ehrenwerten Standes, gegen den er sich vor mancher Trickbetrügerei vorsehen muss.

Die Hauptlast tragen natürlich die Ärzte. Die müssen dem Staat gegenüber den Anwalt der Patienten markieren, ohne dass die ihnen ihren dauernden Kleinkrieg mit der Kasse danken. Dem Patienten müssen die übertriebene Ansprüche abgewöhnen, ohne dass die Kasse das extra honoriert. Und dann soll bei Diagnose und Therapie auch noch nichts schiefgehen …

Der Zahnarzt

Zahnärzte haben es auch nicht leicht. Da haben sie ihre Eignung zur kassenärztlichen Abrechnung nach allen Regeln des NC und der Studienordnung unter Beweis gestellt und verdienen sich mit Bohren und Brückenbasteln dumm und dämlich – und dann müssen sie sich von jedem dahergelaufenen Kostendämpfer oder sonst einem ‚Durchblicker‘ erstens vorwerfen lassen, dass sie den Hals nicht voll genug kriegen können. Zweitens werden sie schon zu Studienzeiten laufend mit der Unterstellung konfrontiert, dass sie – Hochschulstudium hin, Hochschulstudium her – eigentlich ‚bloß‘ Handwerker sind. Das stimmt zwar, ist aber trotzdem nervtötend. Besonders ärgerlich ist das Ganze, wenn die Kollegen Humanmediziner, bloß weil sie am menschlichen Körper ein paar Etagen tiefer oder höher handwerkeln, ewig mit ihrer Verantwortung für ,,Leben und Tod“ angeben können und man selber nur die ,,Sanierung kariöser Gebisse“ dagegensetzen kann. Gegen diese ehrenrührigen Anwürfe hilft nur: weiter Geld scheffeln, vielleicht nebenher ein bisschen Geige spielen und Interesse für Literatur zeigen oder gleich zum Surfen gehen.

P. S.: Der Apotheker

Zum Apotheker wird man gewöhnlich geboren. Die Berufung zum Pillenverkaufen ergibt sich meist wie von selbst aus der Tatsache, dass die Eltern eine Apotheke besitzen. Das staatlich garantierte Verkaufsmonopol für die vielfältigen und ordentliche Gewinnspannen einschließenden Produkte der Pharmaindustrie, deren Bezahlung durch die Zwangsbeiträge zu den Krankenkassen gesichert ist, und der durch die kapitalistische Benutzung des Volkskörpers ständig garantierte Bedarf der Leute an Arzneimitteln macht aus jeder Apotheke im Prinzip eine Goldgrube. Um ins blühende PharmaVerkaufs-Geschäft einsteigen zu können, muss allerdings eine kleine Hürde überwunden werden: das Pharmazie-Studium. Ein paar Jahre lang muss man schon so tun – die Prüfungsordnung schreibt es vor –, als müsste man später tatsächlich Acetylsalicylsäure zu Hause selber brauen, damit man per Staatsexamen legitimiert wird, Aspirin von der Firma Bayer zu beziehen, um es anschließend über den Ladentisch zu reichen und das Geld nachzuzählen. Unnötig ist das Auswendiglernen der chemischen Formeln nicht. So wird eben streng demokratisch und gerecht der Zugang zu einem hochdotierten Job in dieser Gesellschaft geregelt. Das unterscheidet ein Pharmazie-Studium nicht von jeder anderen akademischen Ausbildung. Auf den Schein, das Einkommen wäre auch in diesem Fall nur gerade so hoch wie die Qualifikation, haben freie Bürger ein unveräußerlichesRecht.