Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Behavioristische Lerntheorie

Hunde, Tauben und andere Schüler

Wer sich als Psychologe oder Pädagoge mit den Grundlagen der Lemtheorie bekanntmacht, erfährt zunächst, dass diese Wissenschaft sehr unkonventionelle Methoden verwendet. Sie empfiehlt das Studium des Lernens nicht bloß an Kindern und Erwachsenen, sondern bevorzugt an Tieren und Säuglingen. Während der Laie bloß vernünftigen Menschenwesen zutrauen mag, etwas lernen zu können, wird in jedem Lehrbuch oder Seminar dieser Disziplin eine ausgewählte Menagerie von Kleintieren vorgeführt, die von Psychologen zu unglaublichen Lernleistungen gebracht worden sind. Ratten durchqueren zielstrebig ein Labyrinth, ohne sich zu verirren; Katzen befreien sich in Sekundenschnelle aus einem verschlossenen Käfig; Tauben spielen Ping-Pong; Papageien laufen Rollschuh, etc. …, wobei solche Dressurakte keineswegs um ihrer selbst Willen bewundert werden sollen – ihr wissenschaftlicher Wert liegt darin, dass die Methode, mit der sie zustandegekommen sind, für die Psychologie die Elementarform des Lernens bildet: Konditionierung.

Natürlich ist ein Trick dabei, und die Psychologie verheimlicht ihn gar nicht. Schon dem Altklassiker der Konditionierungs-Experimente lässt er sich entnehmen.

Als der Verhaltenswissenschaftler

PAWLOW

einem gleichnamigen Hund den historischen Lernerfolg abrang, nicht nur auf Futter, sondern auch auf ein Glockensignal mit Speichelfluss zu reagieren – da änderte er zwar nichts an der sprichwörtlichen Dummheit des Hundes; aber er änderte den Begriff des Lernens.

Denn wenn die Psychologie das Absondern von Körpersäften auf ein Zeichen hin als Lernleistung präsentiert, distanziert sie sich erstens vom sogenannten „vorwissenschaftlichen Sprachgebrauch“, wo vom zweckmäßigen Umgang mit verschiedenen Gegenständen die Rede ist, und bezieht „Lernen“ unterschiedslos auf jedes „Verhalten“, jede „Reaktion“ oder „Äußerung“. In diesem Sinne ist das Sabbern eines Köters allemal „Verhalten“, und insofern, als das Dingdong vor dem Experiment keine Wirkung hatte, nachher aber Speichel fließen lässt, hat sich „das Verhalten geändert“. Was für die Psychologie besagt: der Hund hat gelernt.

Denn sie will zweitens mit ihrer Entscheidung, Lernen in jeder „Verhaltensänderung“ zu sehen, nicht etwa den Gegenstand wechseln – sie behauptet, damit Lernen erklären zu können. Nach PAWLOW und seinen Nachfolgern kommt nämlich jede Tat oder Untat, absichtliches oder unbewusstes „Verhalten“, von tierischen Ausscheidungen bis zum Autofahren und zur Moral, nach dem gleichen Prinzip zustande, das er erstmals angewandt hat. Seiner These, dass die Übertragung von Reflexhandlungen auf unterschiedliche Reize die Grundform des Lernens sei, will sich heute kein Psychologe verschließen. Sehen wir uns das Experiment an:

Bietet ein Psychologe einem Hund Futter an, so reagiert der reflexartig mit Speichelfluss. Das ist eben seine Natur. Weil das quasi automatisch abläuft und den Lerntheoretiker keine weitere Mühe kostet, nennt er den offerierten Reiz, das Futter, einen unkonditionierten Reiz = Stimulus (UCS) und den darauf erfolgenden Reflex, Speichelfluss, eine unkonditionierte Reaktion (UCR). Wenn ein Psychologe aber nicht nur den Futternapf hinstellt, sondern vor dem Zeigen des Futters einen Glockenton erklingen lässt, dann reagiert der Hund nach einiger Zeit schon auf den Glockenton mit Speichelfluss – ja selbst, wenn nach dem Glockenton überhaupt kein Futter mehr gegeben wird, konnte er Speichelfluss beobachten. Herr PAWLOW kann eine neue Verkünpfung von S und R nachweisen, nämlich die von Glocke, dem konditionierten Reiz (CS), und Speichelfluss, jetzt konditionierter Reflex (CR), und stellt befriedigt fest: hier war Lernen am Werk!

Die natürliche Reaktion des Hundes – Speichelfluss bei Futter – soll also dadurch zu einer Lernleistung werden, dass sie an einer ganz unpassenden Stelle, dem Glockenton ohne nachgereichtes Futter, erfolgt? „Lernen“ wird aus dieser Manipulation eines natürlichen Reflexes nur, wenn der Psychologe die Vorstellung einer ursprünglichen Zweckmäßigkeit des hündischen Instinkts unterstellt (Speicheln angesichts von Futter), der durch die experimentellen Maßnahmen zuerst umorientiert, von seinem eigentlichen Sinn abgelenkt werde (Speicheln schon beim Glockenton, der das Futter ankündigt), um in der Krönung des Experiments sozusagen ad absurdum geführt zu werden und den alten „Sinn“ aufzugeben (Speicheln bei Glockenton ganz ohne Futter). Durchführen lässt sich diese neue Konditionierung allerdings bloß, weil der Instinkt eben nicht darauf achtet, ob das Sabbern gerade einen Sinn hat oder nicht, also weil der Hund keinen Unterschied zwischen unkonditioniertem und konditioniertem Reiz macht, kurz: weil der Hund im Experiment nichts lernt. Seine Lernleistung besteht in einer Interpretationsleistung der Psychologie: die Tatsache, dass sich dasselbe Sabbern durch verschiedene Reize auslösen lässt, nennt sie erstens „Lernen“, um zweitens diese ihre Gleichsetzung umzukehren und unter Hinweis auf die gleiche Tatsache als ihr Untersuchungsergebnis zu behaupten, dass Lernen nichts anderes als eine Änderung der Kombination von Reiz und Reaktion ist. Der Einwand, Tiere seien noch zu viel weitergehenden Lernleistungen fähig: sie könnten nicht nur auf veränderte Reize ihr stupides Verhalten einfach beibehalten wie PAWLOWs Musterhund, sondern könnten sich auch ein ganz neues zulegen, meint es zwar mit den Tieren gut, taugt aber nichts, weil er den Fehler fortsetzt. Der Beweis ist dem weniger bekannten Taubenschlag von

THORNDIKE

entnommen: Tauben sind imstande, die hohe Kunst des Ping-Pong zu erlernen. Wie? Man nehme eine Taube. Man nehme sich sehr viel Zeit. Man überlege sich ein passendes Belohnungsmittel – merkwürdigerweise fällt der Psychologenzunft bei Viechern immer wieder nur Futter ein. Man denke sich anhand der Motorik, über die das Tier verfügt, einen abgewandelten Bewegungsablauf aus, dem man (sprich: der Psychologe) einen im Nachhinein von der Belohnung abgetrennten Sinn zusprechen kann: z.B. Ping-Pong-Spielen. Die natürliche Kopfbewegung des Federviehs konditioniere man nun so mit Futterstückchen, dass der Vogel schließlich eine Kopfbewegung auf einen anfliegenden Ball hin macht. Dabei die Größe des Balls nicht falsch wählen, damit der Vogel die Übung wiederholen kann. Mit einigermaßen stumpfsinniger Bekräftigung der gewünschten Kopfbewegung der Taube hat man also eine Zirkusnummer in die Welt gesetzt – nur dass sie als Werk des Psychologen nicht einfach nur zur Belustigung dient, sondern Beweis für die These der Lerntheoretiker ist: wenn man nur genug und richtig belohnt, kann man auch ganz neue Verhaltensweisen rauskriegen! Nur zu dumm, dass die Taube nicht wegen des Spiels den Zinnober mitgemacht hat. Zwar „kann“ sie jetzt Ping-Pong spielen, aber sie käme leider nie auf den „Gedanken“, jetzt, wo sie das Spiel beherrscht, es mal aus Spaß an der Freude mit der Taube von nebenan aufzunehmen. Das Dogma der Verhaltenstheorie läuft also darauf hinaus, dass Lernen bzw. „Verhalten“ nur zum Schein auf eine bewusste Absicht zurückgeht. Irgendein Reiz „verknüpft sich“ mit irgendeiner Reaktion, irgendwelche Reaktionen werden verstärkt und treten häufiger auf, und es entsteht ein neues Verhalten. Ob dieses Verhalten dann sinnvoll oder sinnlos erscheint, ist vom Standpunkt des Psychologen gerade irrelevant, der erklärt, das alles bloße Reaktion, also eigentlich immer sinnlos ist. Das Gegenstück zu der trügerischen Vernunft der Tauben und Papageien ist daher der arme kleine Albert, dem

WATSON

mit dem gleichen System „beibrachte“, sich vor weißen Pelztieren zu fürchten.

„Albert (9 Monate) hatte schon öfters mit freudiger Zuwendung auf eine weiße Ratte reagiert. Dann wurde ihm die gleiche weiße Ratte präsentiert und eine halbe Sekunde später ein plötzliches und lautes Geräusch erzeugt, das eine Schreckreaktion auslöste. Schon nach 7-maliger Darbietung … zeigte Albert eine heftige Furchtreaktion, wenn er bloß die weiße Ratte sah, ohne dass noch das Geräusch auftreten musste. Diese Furcht generalisierte sich dann auch auf ähnliche Objekte wie weiße Kaninchen, ein Stück Pelz und schließlich sogar auf eine Nikolausmaske mit Bart.“

Analog zu PAWLOWs Hund besteht der Clou hier natürlich darin, dass Albert keinen Grund hat, sich vor dem Tier zu fürchten, und nur wegen des experimentellen Geräusches erschrickt. Nur die Willkür des Psychologen, der das Experiment arrangiert hat, ist für seine Angst verantwortlich – was dem Psychologen als der Beweis gilt, dass alles, was als „Verhalten“ klassifizierbar ist, im Grund ebenso zustandegekommen sein muss – als „Reaktion“ auf einen „Reiz“ in einem Experiment, von dem man nichts ahnt.

Nimmt man diese Anschauung als Erklärung von „Verhalten“ ernst, bleibt nichts als eine idiotische Tautologie übrig. Denn was ist der Grund für die Reaktion? Der Reiz selbstverständlich, der sie bewirkt hat. Woran sieht man, dass es dieser Reiz gewesen ist? Eben daran, dass er die Reaktion bewirkt hat. Weshalb aber hat dieser Reiz diese Reaktion verursacht? Weil ein entsprechender „Lernprozess“ dafür gesorgt hat. Was hat diesen Lernprozess verursacht? Ein Reiz traf auf eine Reaktion…

Der seit PAWLOW bei jedem einschlägigen Experiment unterstellte Kurzschluss, die experimentelle Manipulation für den Grund des manipulierten Verhaltens zu halten, ist die logische Grundlage des Behaviorismus: eine schlagende Demonstration von „Lernen“ ist ein solcher Versuch nur für den, der sich die Anschauung leistet, dass die beobachteten Reaktionen eben keine andere Ursache haben als die dargebotenen Reize. Jedes Verhalten erscheint dann als Reflex, jedoch nicht als natürlicher, sondern als die Erscheinungsform eines Programms, das vorsieht, ebendiese Reaktion auf genau diesen Reiz hervorzubringen.

Das Paradox besteht darin, dass die Lerntheorie jede hergestellte oder beobachtete Zuordnung von S und R (= auf welchen Anlass hin erfolgt R?) zu einem notwendigen Zusammenhang stempelt, gerade weil sie völlig willkürlich ist. Sie löst jedes beliebige Verhalten in zwei beziehungslose Größen auf – es gibt keinen anderen Grund für ihre Kombination, als dass sie halt Reiz und Reaktion füreinander sind –, um dann diese Abwesenheit eines Zusammenhangs als das Gesetz des Verhaltens zu präsentieren.

So ist sie imstande, verblüffende psychologische „Aufklärung“ zu geben: erscheint ein „Verhalten“ sinnlos und absurd, versichert sie, dass es im Gegenteil aus Gründen früherer Konditionierung genauso kommen musste (dies die Domäne der Verhaltenstherapie, die so noch jeder Form des Wahnsinns eine versteckte Rationalität anzudichten weiß); hält man „Verhalten“ aber für das Resultat bewusster Zwecksetzungen, beweist sie, dass es bloß Resultat von zufälligen Konditionierungen ist.

Ein Reiz-Reaktions-Theoretiker will und kann also kein „Verhalten“ je erklären; er stellt sich vielmehr auf den Standpunkt, dass es auf das unerklärliche Wirken eines Mechanismus zurückzuführen ist, den er in Experimenten wie den obigen simuliert haben will. „Lernen“ ist der Logik dieser Theorie zufolge selbst nur ein Schein, da die ganze Neuigkeit einer „Verhaltensänderung“ für sie nur darin besteht, dass abrufbare Reaktionen in neuen Kombinationen durch wechselnde Reize zum Vorschein gebracht werden. Kurz: eine „black box“ schaltet und waltet Konditionierungen nach ihrem Belieben. Wobei die Kunst ist, dass sich zwar allenthalben, wo etwas kreucht und fleucht, ihre Wirkungen sehen lassen, dass sie aber selbst qua Definition weder nachweisbar noch durchschaubar ist – sie ist eben „black“. Sie straft jedes Subjekt Lügen, wenn es seinen Willen und seine Aufmerksamkeit auf etwas lenkt, was es lernen oder lehren will; denn sie wirkt hinter und trotz allen bewussten Absichten. Naturgemäß hat es daher auch nur einen Sinn, diese psychologische Erfindung kennengelernt zu haben: man hat eine Allround-Interpretation zur Hand, mit der sich vom Bettnässern bis zum Abitur jedes erwünschte wie unerwünschte Verhalten (nicht) erklären lässt: als das Wirken von Mechanismen, die allem Einfluss des Willens vorausgesetzt sind.

Was Wunder, dass der Behaviorismus in der modernen Psychologie „zu mechanistisch“ genannt wird. Zwar will niemand diese Lerntheorie auf den Misthaufen abgetakelter Ideologien werfen, das Konditionieren firmiert im Lehrbuch vielmehr sehr ehrbar als „relativ einfache Lernform“. Aber daneben beanspruchen andere Theorien im Pluralismus psychologischer Deutungen Geltung, und damit es nicht „zu“ behavioristisch wird, erinnert man daran, dass zum Lernen auch „Aktivität“ gehört, nämlich der „zentrale Prozess des Aufbaues und Ausbaues kognitiver Strukturen“. Über die kognitive Lerntheorie in der nächsten Nummer.