Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Anlage oder Umwelt?

Nichts ist allen an der Erziehung beteiligten so selbstverständlich wie die Gewissheit, dass es Voraussetzungen für die Erziehung des Kindes am Kind gibt, die ganz unabhängig von der stattfindenden Erziehung für deren Resultate verantwortlich sind: Anlage oder Umwelt? Oder beides gar? Eine heiße Frage!

Das Problem, ob ein Auto eine gute oder schlechte Voraussetzung fürs Autofahren sei, stellt sich mit gutem Grund niemand; das Kind als gute oder schlechte Bedingung seiner Erziehung zu problematisieren, ist zwar das gleiche Verfahren, leuchtet aber heutzutage noch jedem „Eltern“-Leser als Notwendigkeit ein. Der ganz offensichtliche Ausgangspunkt der ganzen Debatte darüber, ob so ein kleiner Fratz schon alles im Genpaket mit dabei hat, was später aus ihm wird, oder ob sein „Milieu“ ihn zu dem macht, was er dann irgendwann einmal ist, ist das Resultat der Erziehung, die stattfindet: Der eine schafft die Schule, der andre nicht, der eine wird Tellerwäscher, der andre Millionär. Indem nun beide – der Milieu- wie der Begabungstheoretiker – sich das Kind als irgendwie verantwortlich für die vorgefundenen unterschiedlichen Ergebnisse erzieherischer Bemühungen vorknöpfen, nehmen sie explizit Abstand von einer Betrachtung der Gründe, die zu jenem Ausgangspunkt geführt haben, um sich allerlei Faktoren zu erfinden, die bewirkt haben sollen, was als Resultat dieser Wirkung behauptet wird. Und mehr als die matte Erkenntnis, das, was aus jemandem wird, sei irgendwie bewirkt, kommt bei der ganzen – inzwischen übrigens etwas antiquierten – Debatte Gen contra Umwelt nicht heraus. Weder die eine noch die andere Seite können zum „Beweis“ ihrer Position nämlich mehr ankarren als den puren Hinweis auf jenes Resultat von Erziehung, das der eine als Ausdruck unterschiedlicher menschlicher Begabtheiten, der andre eben mehr als Ausdruck irgendwelcher Umwelteinflüsse auf den bildsamen Menschenwurm verstanden wissen will. Und an dieser Stelle kommen dann Steve und Phil Mahre, Alice und Ellen Kessler ebenso zu ihrem Auftritt, wie jene eineiigen Zwillinge, die, schon am Muttermund getrennt, entweder doch beide Pianisten wurden oder eben nicht. Wo dabei die eine Seite behauptet, der Pianist habe also ganz offensichtlich ein Pianistengen schon mit auf diese schöne Welt gebracht, was man doch glasklar daran erkennen könne, dass er einer wurde (was so ein Pianistengen wohl vor der Erfindung des Pianos gemacht haben mag?), gibt sich die andre Seite aufgeschlossen: Ja, aber wenn dem Pianisten nicht beigebracht wurde, in die Tasten zu greifen, könnte er das doch gar nicht können, was er kann.

Gegen den Herrn Arthur Jensen aus dem Amerikanischen, der aus der unleugbaren Tatsache, dass aus Schwarzen mehr Hilfsschüler werden als aus Weißen, und erstere in großer Zahl die unteren Ränge der Hierarchie der Berufe bevölkern, glasklar auf eine Minderbegabung der schwarzen Rasse zurück schloss, hat die Milieutheorie nicht viel mehr auf der Pfanne als die Empörung des aufgeklärten Zeitgenossen, das sei ja Rassismus, Pfui Deibel. Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, müssen doch andere Ursachen – welche? – den Schwarzen zum dummen Lumpenproletarier gemacht haben, der er ist – schließlich gibt es ja auch schwarze Anwälte, Richter und Politiker … Anlage? Umwelt?

Man sieht: Ein „Streit“, der ewig währen muss, weil beide Seiten nichts als die Faktizität als Beweis ihrer Position zu präsentieren haben. Ein überflüssiger Streit also? Das nicht, für die Pädagogik leistet er nämlich gerade dadurch, dass er von Haus aus unentscheidbar ist, Entscheidendes: Weil der Erzieher nämlich, so das Resultat der Debatte, nie nichts genaues nicht wissen kann über die Anteiligkeit von Anlage in und Umwelteinfluss auf den kleinen Menschen, er aber – s.o. – in jedem Falle davon auszugehen hat, dass beides irgendwie was bewirkt, muss er sich auf Verdacht mal ganz doll anstrengen bei seinem Geschäft (wenn’s nur Anlage gäbe, könnte er ja auch gleich aufhören!). Und wenn dann nach getaner Tat, d.i. schulischer Wissensvermittlung und Vergleich der Schüler untereinander und nach der Zeit (die hat nämlich hierzulande was mit Wissen zu schaffen!), die sie je brauchen, das so hergestellte Resultat vor ihm liegt: Der eine schafft’s, der andere kriegt keine weitere Gelegenheit, sich Wissen anzueignen, d.h. fliegt als minder – oder „eher handwerklich begabt“ – aus der Schule raus, braucht er sich keine grauen Haare wachsen zu lassen. Offensichtlich – er hat sich ja alle Mühe gegeben – waren die lieben Kleinen halt doch unterschiedlich begabt. Als hätt’ er’s nicht vorher gewusst …