Artikel und Vorträge zur Kritik der bürgerlichen Wissenschaften

Albert Bandura: Sozial-kognitive Lerntheorie

Banduras „kognitive“ Komplettierung des behavioristischen Fehlers

Würde man einem mit den Abgründen der psychologischen Lerntheorie nicht vertrauten Zeitgenossen die Mitteilung machen, es sei eine neue wissenschaftliche Entdeckung von nicht zu gering zu veranschlagender Bedeutung zu verzeichnen, nämlich dass „sich ohne die Hilfe des Bewusstseins und des Denkens nur schwer lernen lässt“ (Bandura, Sozial-kognitive Lerntheorie, S. 172), so würde der am Verstand des Entdeckers dieser „Einsicht“ und dem seiner begeisterten Anhängerschar zweifeln. Nicht ganz zu Unrecht. In der Tat gebührt dieser wissenschaftlichen Großtat im Bereich der psychologischen Lerntheorie, die in der Regel mit dem Namen Albert Bandura verbunden ist, dieselbe Anerkennung, wie der Feststellung, dass beim Blutkreislauf das Blut eine nicht geringe Rolle spielt und auch die Lösung einer Rechenaufgabe schwerlich ohne die Anwendung mathematischer Operationen auskommt.

Von der dumpfen Schachtel zur mündigen Büchse

In der Lernpsychologie sieht man die Sache anders, „komplexer“. Da stößt die Feststellung, dass der „Geist“ ein „Faktor“ des Lernens sei, nicht auf kopfschüttelndes Unverständnis. Wenn der „Geist“ als Faktor des Lernen bestimmt wird, das seinerseits nichts als die Betätigung des Geistes ist, dann wird glatt der Unsinn behauptet, der Geist sei Teil seiner selbst. Dergleichen stößt Bandura und Kollegen nicht als Fehler auf. Kein Wunder, denn wenn Psychologen von „kognitiven Strukturen“, „kognitiven Prozessen“ oder „kognitiven Faktoren“ reden, dann meinen sie nicht die (gegenüber der Lernpsychologie gar nicht mehr so triviale) Tatsache, dass Leute Vorstellungen von sich und der Welt haben, sich Zwecke setzen und Mittel dafür suchen und dabei um die Aneignung von Erkenntnissen über natürliche und gesellschaftliche Zusammenhänge nicht herumkommen. Diese geistigen Aktivitäten des Willens und seines theoretischen Umgangs mit ihm auferlegten Beschränkungen sind zwar Gegenstand der Lernpsycholoige, aber so, dass man den Gegenstand nicht mehr wiedererkennt:

„Die… Besonderheit der sozial-kognitiven Lerntheorie liegt darin, dass sie den Selbstregulierungsprozessen entscheidende Bedeutung einräumt. Menschen reagieren nicht einfach auf äußere Einflüsse. Sie wählen die Reize aus, die auf sie einwirken, organisieren sie und formen sie um. Durch selbsterzeugte Anreize und Konsequenzen können sie ihr Verhalten in gewissem Maße selbst beeinflussen. Unter den Determinanten einer Handlung sind folglich auch selbstgeschaffene Einflüsse zu finden.“ (Bandura, S. 10)

Die Selbstdarstellung der Kognitionspsychologie läuft über eine Kritik des Behaviorismus, welche diesem 1. unrecht tut (vgl. dazu Skinners Verhaltenstheorie, Abschnitt Selbstkontrolle) und 2. deren Fehler teilt. Ihr ist es sehr geläufig, die „Umwelt“, also alles, was so um die Leute herum kreucht und fleucht, in eine Ansammlung von „äußeren Reizen“ zu verwandeln, die beim Menschen „Reaktionen“ hervorrufen. Sie löscht also wie der Behaviorismus jegliche Bestimmtheit eines Sachverhalts, dem ein Mensch in Familie, Schule, Arbeit und öffentlichem Leben so ausgesetzt ist, dadurch aus, dass alles und jedes nur als Wirkfaktor gefasst wird, der auf einen Menschen mit seiner black-box trifft. Banduras Kritik heißt allein: Dieses „Modell“ ist zu einfach, es unterschlägt die „Selbstregulierungs“-Leistung des Menschen, die zweifelsfrei stattfindet und deswegen im „Modell“ untergebracht werden muss. Und prompt mausert sich der fade „Empfänger“-Kasten Skinners, seine black-box, zur mündigen Büchse. Die unbestreitbare Tatsache, dass das Individuum bei seinem „Verhalten“ selbst geistig anwesend und an ihm beteiligt sein dürfte, führt bei Bandura zu der bahnbrechenden Komplettierung des Reiz-Reaktions-Karussells. Das hat allerdings die verrückte Konsequenz, dass das Individuum jetzt doppelt dasteht: als Objekt der „Reize“ und zugleich als deren Subjekt; einmal als Black-boxer, der nur auf „Reize reagiert“, das andere Mal als verständiger Vermittler zwischen den „Reizen“ und sich selbst als „Reaktions“-Bündel. Da kann man nur hoffen, dass diese Erfindung des Herrn Bandura, dieser homo-psychologicus, immer rechtzeitig umschalten kann von sich als Subjekt der „Umwelt“ auf sich selbst als Objekt der „Umwelt“, dass immer zum rechten Zeitpunkt die black-box (mit „kognitiven Faktoren“) erhellt und dann wieder verdunkelt wird.

„Kognitiver Faktor“ bei „Modell-Lernen“ zwischengeschaltet

Der Widersinn, das S-R-Modell um „kognitive Faktoren“ ergänzen zu wollen, die im glatten Widerspruch zu der Behauptung stehen, Verhalten sei eine Wirkung äußerer Stimuli, ist ohne weitere Fehler nicht durchzuhalten. Schön lassen sie sich an einer Bandura-Erfindung namens „Modell- oder Beobachtungslernen“ studieren. Der Psychologe behauptet, es

„werden die meisten menschlichen Verhaltensweisen durch die Beobachtung von Modellen erlernt: Bei der Beobachtung anderer macht man sich eine Vorstellung davon, wie diese Verhaltensweisen ausgeführt werden. Später dient diese kodierte Information dann als Handlungsrichtlinie…“ (S. 31)

Eine klare und jedermann bekannte Tatsache ist dieses „Beobachtungslernen“ nur auf den ersten Blick. Die Sache mit dem Vor- und Nachmachen, bei der man z.B. davon profitieren möchte, dass andere schon gut können, was man selbst erst lernen will, wird bei Bandura in das S-R-Modell gezwängt und dann mit „kognitiven“ und anderen „Faktoren“ geschmückt:

„Da Beobachtungslernen von zahlreichen Faktoren bestimmt wird, genügt es nicht, Modelle darzubieten – selbst wenn diese sehr attraktiv sind – um automatisch entsprechende Verhaltensweisen bei anderen auszulösen. … Jedesmal wenn ein Beobachter das Verhalten eines Modells nicht nachbildet, lässt sich diese Tatsache auf folgende Bedingungen zurückführen: Er hat die entsprechenden Tätigkeiten nicht beobachtet, er hat die modellierten Ereignisse in einer für die Gedächtnisrepräsentation nicht angemessenen Weise kodiert, er hat nicht behalten, was er gelernt hat, er verfügt nicht über die physischen Fähigkeiten, die Reaktionen auszuführen, oder er empfindet die Anreize nicht als ausreichend.“ (S. 38)

Man erfährt hier, dass das „Modell“, welches beobachtet und nachgeahmt werden soll, nicht allein den Grund fürs „Modell-Lernen“ abgibt, weil es eben nur ein „Faktor“ unter vielen ist. Will Bandura damit gesagt haben, dass das Vormachen einer Handlung kein Grund für niemanden und gar nichts ist, schon gar nicht fürs Nachmachen? Wie sollte auch irgendeine Handlung bei jemandem eine Nachahmung „auslösen“, wenn der daran kein Interesse hat, keine Veranlassung dazu sieht, vielleicht sogar die Handlung eher abstoßend denn nachahmenswert findet! Doch gerade das will Bandura nicht behauptet haben: Er will schon daran festhalten, dass ein vorgemachtes Verhalten das entsprechende „Beobachtungslernen“ auslöst und auslösen muss, wenn – ja, wenn eben alle anderen „Faktoren“ und „Bedingungen“ ebenfalls gegeben sind. Wenn also auf das „Modell“ kein Nachahmen folgt, dann muss man sich, nach Bandura, fragen, was denn dazwischengekommen sein kann, dass der Auslösemechanismus nicht gewirkt hat. Jede praktische Widerlegung der behaupteten Wirkung dieses Mechanismus nimmt Bandura also nur zum Anlass, um auf dessen Existenz und damit auf die Gültigkeit seiner Theorie zu verweisen: Vormachen löst Nachmachen aus; wenn nicht, dann wurde der vorhandene Auslösemechanimus durch einen anderen „Faktor“ am Wirksamwerden gehindert.

Und wer sind die Störenfriede bzw. „Faktoren“ bzw. „Bedingungen“? Da findet sich in vorderster Front der Lernende selbst, der z.B. die „Anreize“ des „Modells“ nicht für so hinreichend befand, dass er sie mit einer Nachahmung würdigen wollte. Auf diese Weise hat er glatt den ganzen Mechanismus versaut, obwohl das „Modell“ für sich genommen vielleicht „sehr attraktiv“ war. Ziemlich blöd dieser höhere Blödsinn: Für wen soll das „Modell“ denn „attraktiv“ sein, wenn nicht für den Lernenden, für den es nach Bandura nicht „attraktiv“ war? Oder für wen hat denn überhaupt eine Handlung den Charakter eines „Modells“, wenn nicht für den, der sich zum Nachmachen entschließt, was hier aber gerade nicht der Fall ist. So gibt es also das interessante „Modell“ ohne das Interesse zum Nachmachen und dessen Attraktivität fürs Modellieren ganz ohne diese Wertschätzung beim Nachahmer. Der „kognitive Faktor“, der hier die Leistung der Wertschätzung zu erbringen hat, kommt bei Bandura gleich doppelt vor: Einmal diagnostiziert er die Wirkung des „Modells“, und zwar ganz unabhängig vom Lernenden, bei dem er als „kognitiver Faktor“ ja wohl irgendwie angesiedelt sein muss. Damit ist das „Modell“ hübsch auslöseträchtig gemacht und der Lernende hätte eigentlich flugs nachzuahmen. Gleichzeitig aber gibt es ihn als Einflussfaktor beim Lernenden selbst, der nun das „Modell“ absolut nicht für „attraktiv“ befindet. Leistungen des Willens tauchen hier also einmal als Bestimmungen des „Modells“ und zum anderen als zwischen „Modell“-Stimulus und Nachahmungs-Response geschalteter „Faktor“ auf. Diesen Widerspruch muss man sich schon leisten, wenn man das Interesse, welches eine Handlung erst zu einer nachahmenswerten erklärt, zu einem Einflussfaktor auf den den Willen reagierenden Auslösemechanismus von „Modellen“ macht:

Nach Bandura wirken nämlich

„die meisten äußeren Einflüsse auf das Verhalten über zwischengeschaltete kognitive Prozesse ein. Kognitive Faktoren entscheiden darüber mit  (!), welche externen Ereignisse beobachtet werden, wie sie wahrgenommen werden, ob sie irgendwelche bleibenden Wirkungen besitzen, welche Valenz und Effizienz sie besitzen…“ (S. 162)

Aus dem Grund, den jemand hat, wenn er die eine Handlung nachmacht, bei einer anderen dies aber tunlichst unterlässt, wird bei Bandura eine Einflussgröße, neben der noch 20 andere stehen; unter anderem eben die Handlung selbst, die der Mensch gerade beurteilt. Absurd die weiteren Konsequenzen dieses Zusammenhangs: Vielleicht – so muss man in der Logik von Bandura fortfahren – hat der Mensch ja nachahmen wollen; nur hat er nicht wahrgenommen, was er zum Zwecke der Modellierung beobachten wollte. Oder: Er hat schon wahrgenommen und ist auf den Auslösemechanismus voll angesprungen, nur hat er eben dem „Modell“ nicht die nötige „Valenz“ beigemessen. Usw., usf. Diese Dummheiten leben alle von einunddemselben falschen Umkehrschluss: Bloß weil z.B. ohne Beobachten kein Nachahmen geht, soll das Beobachten für sich genommen eine Bedingung fürs, ein Faktor des Nachahmens sein, selbständig und gleichrangig neben dem „Anreizcharakter des Modells“, neben dem Interesse des Lernenden usw. Bei Bandura wird auf diese Weise alles, was irgendwie beim Lernen vorkommt, in den Rang eigenständiger und gleichrangiger Faktoren, die das Lernen zwischen „Modell“-Reiz und Nachahmungs-Reaktion jeweils (mit-)regulieren, verwandelt. So steht denn der zwecksetzende Mensch als „Faktor“ neben seinem Tun, in welchem er diese Zwecke zu verwirklichen trachtet. Da tauchen die theoretischen Mittel, mit denen der Mensch sich in der Vorstellung vom zufälligen Eintreten des bezweckten Resultats freimachen will, gleichrangig und selbständig neben den Inhalten der Vorstellung und ihrer objektiven Gestalt auf. …

Die kognitive Lernpsychologie schafft es also lässig, jeden noch so schlichten Zusammenhang zwischen Interesse, Zwecksetzung, ideeller Antizipation der Mittel zur Verwirklichung der Zwecke, der praktischen Umsetzung derselben am gegenständlichen Material, dem Resultat des zweckmäßigen Tuns und seiner Verwendung zum Wohle des Hirns oder des Bauchs vollständig zu eliminieren.

„Kognitiver Faktor“ versus „Handeln“ – ein Nachtrag

Da wird denn schließlich auch noch der „kognitive Faktor“ um sein letztes Fünkchen „Verstand“ gebracht:

„Die Menschen wären den Anforderungen des Alltags wohl kaum gewachsen, wenn sie die anfallenden Probleme nur dadurch lösen könnten, dass sie alle Möglichkeiten tatsächlich erprobten und die Konsequenzen erlebten. Glücklicherweise sind sie durch kognitive Fähigkeiten dazu befähigt, die meisten Probleme durch das Denken statt (!) das Handeln zu lösen. Beispielsweise entwerfen sie haltbare Wohnungen und Brücken, ohne sie solange versuchsweise bauen zu müssen, bis sie durch Zufall auf eine Bauweise stoßen, die das Gebäude nicht zusammenstürzen lässt.“ (S. 172)

Stimmt, sagt da der ohnehin um keine Verplausibilisierung verlegene Jünger der kognitiven Lernpsychologie, den offenbar auch wenig stört, dass bei Bandura „Verstand“ überhaupt nur für deftige theoretische Anpassungsleistungen an die „Anforderungen des Alltags“ vorgesehen ist – was immer die ihm bescheren. Mit seiner Zustimmung zu Banduras Beispiel übersieht er jedoch, dass es dessen Illustrationsabsicht voll in die Fresse schlägt. „Handeln“ ist doch kein Ersatz für die Lösungsmethode „Denken“ bei der Bewältigung von Problemen. Selbst beim Probieren nach dem Motto „trial & error“ ist das Denken allemal sehr präsent. Diese mühselige, weil noch vorwissenschaftliche Form der Aneignung der Natur durch den Menschen kommt doch nur durch das Vor- und Nachdenken des Handelns und nicht etwa durch Handeln statt Denken zustande. Wie sonst sollte sich der Mensch wohl ohne „Bewusstsein und Denken“ den Zweck ‚Überbrückung‘ setzen, sich dafür Mittel aussuchen, diese auf ihre Tauglichkeit hinsichtlich des gesetzten Zwecks beurteilen und irgendwann den Zweck als für erreicht befinden können? Dass diese über das Probieren verlaufende Benutzung des Verstandes noch nicht die Gesetze der Statik beherrscht und anwendet, ist für Bandura ein Beleg dafür, dass hier „Probleme durch das Handeln gelöst“ worden seien. Unfug! Noch gilt:

„Was von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt heraus, was beim Beginn desselben schon in der Vorstellung…, also schon ideell vorhanden war.“ (Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, S. 193)